Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 14 (1897)
- Issue
- 36 (3.9.1897)
- Date
- 1897-09-03
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
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Nr: 36 Vr. Vloch's Wochenschrift. Sette 737 Der ZwmstewCongrrtz. (Von unserem. Special-Correspondenten.) Basel, 29. August. Heute wurde hier der Congreß derjenigeu Zionisten eröffnet, welche die Schaffung eines völkerrechtlich gesicherten Gemeinwesens für die Juden anstreben. Die Eröffnung des Congresses fand unter dem Vorsitze des Alterspräsidenten Dr. Lippe aus Jassy statt, der vor Allem einmal eine E r g e b e n h e i t s a d r e s s e a n den Sultan beantragte. Sodann begrüßte er Dr. Theodor Herzl aus Wien. Bei den hierauf vorgenommenen Wahlen des Bureaus wurde Dr. Herzl zum Präsidenten, Max Nord au (Paris) zum Vicepräsidenten, Dr. Salz (Tarnow) und Pineles (Jassy) zu Schriftführern gewählt. Der Congreß ist von ungefähr 200 Theiluehmern besucht, von welchen etwa die Halste aus Wien, Galizien und Rußland, der Rest aus Rumänien, Bulgarien, einzelne auch aus Amerika, Algier und Palästina gekommen sind. Von markanten Persönlichkeiten bemerkt mau unter den Anwesenden : Reverend Hechler von der englischen Botschaft in Wien, Architekt Marmorek, Baron Manteufsel (Tirol), die Professoren Schapira (Heidelberg), Belkovsky (Sofia) und M a n d e l st a m m (Chiew), ferner den Obersten Grafen B u n t i n e k und. Schriftsteller Zangwill (London), welch Letzterer bekanntlich ein heftiger Gegner des sogenannten politischen Zionismus in der von Dr. Herzl propagirteu Form ist. Im Ganzen sind sechzig Delegirte anwesend und es liegen Petitionen mit 150.000 Unterschriften vor. Sodann nahm der Verfasser des „Judenstaat", Dr. Th. Herzl aus Wien, die eigentliche Seele des „Congresses", das Wort zu Punkt I der Tagesordnung. Minutenlang umtoste ihn der Beifall, bevor er beginnen konnte, und seine Rede wurde wiederholt vom Beifallssturm der Versammlung unterbrochen. Rede des Dr. Th. Herzl. Als einem der Einberufer dieses Congresses ist mir di^ Ehre zugefallen, Sie zu begrüßen. Ich will es mit wenigen Worten thun, denn Jeder von uns dient der Sache gut, wenn er mit den kostbaren Minuten des Congresses spart. In 3 Tagen haben wir viel Wichtiges zu besorgen. Wir wollen den Grundstein legen zu dem Hanse, das dereinst die jüdische Nation beherbergen wird. Die Sache ist so groß, daß wir nur in den einfachsten Worten von ihr sprechen sollen. So weit es sich schon jetzt beurtheilen läßt, wird in diesen 3 Tagen eine Uebersicht über den gegenwärtigen Stand der Judenfrage geliefert werden. Der gewaltige Stoff gliedert sich unter der Hand unserer Referenten. Wir werden Berichte hören über die Lage der Juden in den einzelnen Ländern. Sie alle wissen, wenn auch vielleicht nur in einer unbestimmten Weise, daß die Lage mit wenigen Ausnahmen eine nicht erfreuliche ist. Wir fänden uns wohl kaum zusammen, wenn es anders wäre. Die Gemeinsamkeit unserer Geschichte hat eine Unterbrechung erlitten, obwohl die versprengten Theile des jüdischen Volkes allenthalben Aehnliches erdulden mußten. Erst in unserer Zeit ist durch die neuen Wunder des Verkehrs die Möglichkeit einer Verständigung und Verbindung der Getrennten gegeben. Und in dieser Zeit, die sonst so hoch ist, sehen und fühlen wir uns überall vom alten Haß umgeben. Antisemitismus ist der Ihnen nur zu wohlbekannte moderne Name der Bewegung. Der erste Eindruck, den die Juden von heute davon haben, war Ueberraschung, die in Schmerz und Zorn überging. Unsere Gegner wissen vielleicht gar nicht, wie tief im Innersten sie gerade Diejenigen unter uns verletzt haben, die sie möglicher Weise nicht in erster Linie treffen wollten. Das moderne, gebildete, dem Ghetto entwachsene, des Schacherns entwöhnte Jndenthum bekam einen Stich mitten ins Herz. Wir können das heute ruhig sagen, ohne uns verdächtig zu machen, daß wir an die Thränendrüsen unserer Gegner appelliren wollen. Wir sind mit uns im Reinen. Man war in der Welt von jeher schlecht über uns unterrichtet. Das Gefühl der Zusammengehörigkeit, welches man uns so häufig vorwarf, es war in voller Auflösung begriffen, als uns der Antisemitismus anfiel. Dieser hat es wieder gestärkt. Wir sind sozusagen nach Hause gegangen. Der Zionismus ist die Heimkehr zum Judenthum noch vor der Rückkehr ins Judenland. Wir heimgekehrten Söhne finden im väterlichen Hause Manches, was der Besserung bedarf. Wir haben namentlich Brüder auf tiefen Stufen des Elends. Man heißt uns aber im alten Hanse willkommen, weil es wohlbekannt ist, daß wir nicht den vermessenen Gedanken hegen, an Ehrwürdigem zn rütteln. Das wird sich bei der Entwicklung des zionistischen Programmes zeigen. Schon hat der Zionismus etwas Merkwürdiges, ehedem für unmöglich Gehaltenes zu Wege gebracht: Die enge Verbindung der modernsten Elemente des Judenthums mit den conservativsten. Daß sich dies ereignet hat, ohne daß von der einen oder oer anderen Seite unnöthig Concessionen gemacht worden wären, ist ein Beweis mehr, wenn es noch eines Beweises bedürfe, für das Bolksthum der Inden. Ein solcher Zusammenschluß ist nur möglich auf Grundlage der Nation. Es werden nun auch Debatten stattfinden über eine Organisation, deren Nothwendigkeit Jeder einsieht. Die Organisation ist der Beweis des Vernünftigen in einer Bewegung. Hier ist aber ein Punkt, der nicht deutlich und energisch genug herausgearbeitet werden kann. Wir Zionisten wünschen zur Lösung der Judenfrage nicht etwa einen internationalen Verein, sondern nur die internationale Diseuffiou. Der Unterschied ist für uns von der höchsten Wichtigkeit, wie ich Ihnen nicht erst auseinanderzusetzen brauche. Dieser Unterschied legitimirt auch die Einberufung dieses Congresses. Es kauu sich bei uns nicht um Bündeleien, geheime Interventionen und Schleichwege handeln, sondern nur um eine freiwillige Erörterung unter der beständigen und vollständigen Controls der öffentlichen Meinung. Es wird einer der nächsten schon jetzt iil großen Umrisseil wahrnehmbaren Erfolge unserer Bewegung sein, daß wir die I u d e n f r a g e in die Z i o n ss r a g e nnuvandeln werden. Eine so große Volksbewegung muß von vielen Seiten angepackt werden. Der Congreß wird sich daher auch mit den geistigen Mitteln zur Wiederbelebung und Pflege des jüdischen Nationalbewußtfeins beschäftigen. Auch aus diesem Punkte haben wir mit Unverständigen zu kämpfen. Wir denken nicht daran, auch nur eines Fußes Breite von erworbener Cnltur aufzugeben, sondern denken an ein weiteres Vertiefen der Cultnr, wie es jedes Wissen bedeutet. Uebrigens ließ das geistige Leben der Inden von jeher bekanntlich weniger zu wünschen übrig, als das ihrer körperlichen Bethätigung. Dies haben die praktischen Vorläufer des jetzigen Zionismus eingesehen, als sie anfingen, einen jüdischen Ackerbau hervorzurufen. Von diesen Colouisationsversuchen in Palästina und Argentinien können und werden wir nie anders als mit aufrichtiger Dankbarkeit sprechen. Aber sie waren nur das erste, sie sind nicht das letzte Wort in der zionistischen Bewegung. Diese muß größer sein, wenn sie überhaupt sein soll. Ein Volk kann sich nur selbst Helsen; kann es das nicht, dann ist ihm eben n i ch t z u helfe n. Wir Zionisten wollen aber das Volk zur Selbsthilfe anregen. Dabei sollen keine verfrühten ungesunden Hoffnungen erweckt werden. Auch aus diesem Grunde ist eine öffentliche Behandlung, wie sie unser Congreß bezlveckt, von hohem Werth. Wer die Sache ruhig bedenkt, wird sich doch sagen müssen, daß der Zionismus auf andere Weise, als durch eine rückhaltlose Auseinandersetzung mit den betheiligten politischen Factoren,' fein Ziel nicht erreichen kann. Die Schwierigkeiten der Colonisationsbefugniß wurden bekanntlich nicht erst durch den Zionismus in seiner gegenwärtigen Gestalt geschaffen. Man muß sich fragen, welches Interesse die Erzähler solcher Märchen denn eigentlich haben. Das Vertrauen der Regierung, mit der' man über Ansiedlnng jüdischer Volksmassen im großen Maßstabe verhandeln will, läßt sich nur durch eine offene Sprache, durch ein loyales Vorgehen erreichen. Die Vortheile, die ein ganzes Volk als Gegenleistung zu bieten vermag, sind so bedeutend, daß die Unterhandlungen von vorneherein mit genügendem Ernst ausgestattet find. In welcher rechtlichen Form die Einigung schließlich stattfinden soll, darüber heute viel zu reden, wäre ein müsfiges Beginnen. Nur das eine ist fest zu halten. Die Basis kann nur eiu Zustand des Rechtes und nicht der Duldung feitr. Mit der Toleranz und dem Schutzjndenthilm auf Widerruf haben wir nachgerade genug Erfahrungen gemacht. Unsere Bewegung hat folglich nur dann einen vernünftigen Zug, wenn sie öffentlich rechtliche Bürgschaften anstrebt. Die bisherige Colonifation hat das erreicht, was sie nach ihrer Anlage erreichen konnte. Sie hat die vielbestritteue Tauglichkeit der Juden zur Landarbeit erhärtet. Sie hat diesen Beweis, wie es in der Rechtssprache heißt, zum ewigen Gedüchtniß erbracht. Aber die Lösung der Judenfrage ist sie nicht und kann sie in der bisherigen Form nicht sein. Sie hat auch, gestehen wir uns offen, einen bedeutenden Anklang nicht gefunden. Warum?