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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1897-09-03 · 36 (3.9.1897) · page 15

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
14 (1897)
Issue
36 (3.9.1897)
Date
1897-09-03
Page
– (sequence 15)
Language
German
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Nr. 36 Vr Vioitz's Woltzrnkchrifl Aber Kobele konnte von seiner trenesten Freundin und Trösterin nicht lassen. Er mußte spielen und oft, wenn Hunger und Durst ihn quälten, dann vergaß er bei seiner Geige Alles, Alles. An einem bitterkalten Winterabend ging der arme, junge Mann nach den Lehrstunden beim Rabbi nach Hans. Er suhlte sich so matt itub elend und hatte kein Brot in seiner Kammer und zu den guten Leuten der Gemeinde, die ihn in der Woche zur Mittagsmahlzeit speisten, konnte er nicht gehen, da er sich seines dürftigen Anzuges schämte. Der Rabbi hatte ihn ermahnt, von dem Geigenspiel zu lassen, und da die Roth so groß war, beschloß er, seine geliebte Geige, des Vaters Erbstück zu verkaufen. Dann sollten miinoch kurze Wochen vergehen und der Jüngling sollte in der kleinen Gemeinde als Seelsorger ausgenvmmeil werden. — Diese Aussicht ließ ihn alles Schwere und Bittere vergessen und seine letzte Kraft zusammenrassend, schritt er schnell durch die langen, glänzend erhellten Straßen mit seinem Schatz in den zitternden Händen. Bor einem großen, elegantem Hause blieb er stehen. Ans den hohen breiten Schaufenstern leuchteten ihm allerlei Musikinstrumente entgegen. Er verlor fast den Mnth, mit seiner kleinen braunen Freundin der Geige, dort einzutreten. Ach, und wie gern hätte er sie behalten. Er dachte an die Worte des Künstlers und noch einmal seinen Schatz fest und zärtlich zum Abschied an sich drückend, ging er in den Laden. Man empfing ihn unfreundlich und ließ ihn an der Thür stehen, als er seinen Wunsch stockend hervorbrachte. Lange mußte er warten, endlich kam ein junger Mann, nahm die Geige aus dem Arm und sagte, daß der Herr sie prüfen wolle. Zum ersten Mal mußte Kobele seinen Schatz aus den Händen geben. Thräneuden Auges sah er der kleinen Geige nach, die nie so lieblos und hart angefaßt wurde, als heute. Plötzlich war's ihm, als flimmerten bunte Lichter vor seinen Augen, ein seltsames Rauschen und Rannen vernahm sein Ohr, eine unendliche Müdigkeit überkam ihn. Er sank nieder, seine Sinne schwanden. Als er erwachte, befand er sich auf einem weichen Sopha in einem schönen, matt erleuchteten Zimmer. Eine freundliche alte Frau beugte sich über ihu.. „Seid Ihr nun wieder wohl, armer junger Mann?" Kobele glaubte zu träumen. Er streckte die Hände ans und rief leise, zärtlich, wie einst daheim, wenn er noch halb im Schlafe gewesen: „Mutterte! — Wo bin ich?'' Die Alte legte ihre welke Hand auf seinen Kopf und sagte freundlich: „Ihr seid bei guten Freunden." Kobele richtete sich auf. Die alte Frau reichte ihm ein Glas Wein und er fühlte sich durch den Trunk gekräftigt. Erschaute um sich, dann nahm er die Hände der treuen Pflegerin und küßte sie. „Ach, bitte, sagt mir, wo ich bin, wer sich meiner angenommen und wo meine Geige ist. Ach, meine arme Geige, ich habe sie ganz vergessen." Er weinte leise vor sich hin. Die Alte streichelte sein dichtes Lockenhaar und sagte: „Laßt Euch in Kürze erzählen, was vorgefallen: Ihr seid im Geschäfte des Herrn X. ohnmächtig geworden und mein guter lieber Herr, Signor Blandini, kam gerade hinzu, als die Leute Euch fortschaffen wollten; an Eurer Geige hat er Euch erkannt als den armen Judenknaben, den er einmal spielen hörte in dem kleinen Nestchen, in dem er eine Nacht und einen Tag unfreiwilligen Aufenthalt nehmen mußte. Eure Geige hat er mitgenommen und Euch in einem Wagen hiehergebracht. Jetzt spielt er in einem großen Concert und hat mich beauftragt, bei Euch zu wachen, Euch zu pflegen. Ich bin seine Dienerin, die ihn von Kindheit an nicht verlassen. Morgen will er mit Euch reden und Euren Freund Fritz werdet Ihr hier finden. Er ist Schüler des Meisters. Nun aber schlaft nur weiter, Ihr seid müde." „Ach, Fritz", seufzte Kobele, „wie ich mich freuen werde, ihn zu sehen! Und der gute edle Herr!" Die liebevolle Greisin breitete nock eine warme Decke über den Knaben und wünschte ihm gute Nacht. Dann ging sie still hinaus. Am anderen Morgen war Kobele wieder kräftiger, und als er sich gestärkt hatte, wurde er zu dem alten Meister geführt, der sein Retter in der Noth geworden. Wie dankte der Knabe dem freundlichen Herrn für seine Güte; mit welcher Freude drückte er die alte Geige an's Herz, die der Herr für ihn wieder nach Hanse genommen. Er erzählte Seite 735 ihm dann unter heißen Thränen, welch' schwere Jahre er durchs lebt, iuie er gedarbt, gehungert hatte, um endlich fein Ziel zu erreichen, und jetzt so nah demselben, fühle er sich so elend und aller Hilfsmittel bar. Er sprach auch von dem Verbote des Rabbi, sich seiner Geige zu widmen, mtb weil er der Versuchung nicht widerstehen konnte, habe er sie verkaufen wollen. Für das Geld wollle er nützliche Sachen anschaffen und zu seinem Mütterchen fahren, die so lange nichts von ihm gehört und dann sollten sie in ein kleines Städtchen nach Polen gehen, dort sollte er auf die Empfehlung seines Lehrers der Seelsorger der kleinen Ge meinde werden. Es galt, nur noch wenige Monate zu arbeiten und zu lernen, dann war er am Ziel. „Mein Kind", sagte der Meister, „Du hast gewiß den rechten Weg erwählt, denn die Kunst braucht auch ein Leben allein und damit genügt ihr noch nicht. Sie verlangt auch Deine Kräfte vollkommen. Sv gehe denn hin und nimm auch Deine treue Cameradin mit. Vorher aber spiele mir noch zum Abschied eine Kleinigkeit vor, damit ich sehe, ob Du seit jener Zeit Fortschritte gemacht hast." Der Knabe nahm die Geige aus dem Tuche und begann. Er spielte aus der Erinnerung jene Weisen, die der Meister damals gespielt, als er ihn in dem kleinen Städtchen zuerst gehört. Dem alten Manne flössen die Thränen ans den Augen. Als der Knabe geendet, uinarmte ihn sein Retter und rief: „Mein Kind, Dich hat Gott begnadet; Du darfst Dein Talent, dieses Geschenk des Ewigen, nicht verdorren und verkümmern lassen. Werde mein Schüler. Ich will Dich zu den Höhen führen, zu denen Wenige, ach, so Wenige berufen sind, emporzusteigen. Du sollst auch Deine Pflicht gegen Deine Muttertreu üben." Kobele sah beit alten Mann, der so beredt und so begeistert gesprochen, thränenfeuchten, verklärten Blickes an. Alle Wünsche und Hoffnungen, die er laugst begraben geglaubt, erwachten noch einmal und ein heißes Verlangen nach etwas Hohem, Fernem, Unbekanntem und Schönem erfüllte sein Herz. Doch nur Momente dauerte die Regung. Er ging auf den Meister zu und sagte: „Habt Dank, edler Herr, für Eure Güte und Treue, doch ich darf mein Versprechen, mein Wort nicht brechen. Ich habe gelobt meinen! Mütterchen, einst als Rabbi wieder heimzukehren, dem Berufe treu zu bleiben, den sie für mich erwählt; ich muß scheiden! Nehmt meine Geige zum Andenken. Nie werde ich Euch vergessen und diese, die schönste Stunde meines Lebens". „Kind", sagte der Meister, der ganz betroffen schien, „Du weißt ja nicht, was Du aufgibst. Du kannst Dein Wort trotzdem halten. Du kannst auch Gottes Wort in den Tönen verkünden, und so die Menschen zur Andacht, zum Glauben an etwas Hohes und Schönes zwingen." „Nein", sagte Kobele, „ich bin ein armer Jude; ich muß bei meinen Brüdern ausharren, mit ihnen Noth und Elend dulden, mit ihnen für unsere heilige Lehre, wenn es sein muß, sterben. Ich darf bei Euch nicht sein, Meister, ich darf keine Wohlthaten empfangen. Euer Brod nicht essen. Ich muß streng dem Gesetze leben, also befiehlt es die heilige Schrift." „Befiehlt sie es denn auch, daß Ihr nicht lernen dürft von Anderen? Seid Ihr doch zerstreut auf der Erde, nirgends ist Eure rechte Heimat. Ihr müßt mit den Menschen leben, ihre Sitten annehmen, sonst werdet Ihr nie vorwärts kommen und das verachtete, elende, armselige Volk bleiben." „Unsere Heimat ist bei Gott, unsere Zuflucht die heilige Thora. Aus ihr schöpfen wir Muth und Vertrauen; sie führt uns durch alle Irrwege, durch alle Prüfungen zu dem Einen zurück, der uns prüft, um uns einst zu beft-eien. Er hat uns schon aus schmachvoller Knechtschaft errettet, er wird auch unser Helfer sein, wenn wir seiner nicht vergessen." „Lebe wohl, mein Kind", sagte der Meister; „gehe denn den harten, mühevollen Pfad, den Du für den rechten hältst, verharre in der Dürftigkeit, in dem starren Glauben am Buchstaben, doch ich sage, das will Gott nicht, nicht Euer Gott, der ja auch der unserige ist. Aber fern sei es von mir, Dich zu versuchen. Nimm Deine Geige wieder und da Du nicht mein Schüler sein willst, den ich zu Ruhm und Ehren bringen will, so sei mein Freund, der Freund eines einsamen alten Mannes, den Dein Talent noch in seine Jugend zurückführt, in jene goldene Zeit, in der er vor der Pforte des Allerheiligsten stehen durfte, und mit inniger Begeisterung und eisernem Fleiß lernte, bis

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