Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 14 (1897)
- Issue
- 36 (3.9.1897)
- Date
- 1897-09-03
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
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Nr. 36 Seite 734 Dr. Vlorh's Wochenlchrifi Wanderung fand er sich in einem kleinen Großherzogthnm mit dtichts von Werth bei sich außer dem größeren Theile seines Zwiebelvorraths, den er gespart hatte wie Schiffbrüchige frisches Wasser sparen. Der Schlemiel zog durch den schläfrigen, kleinen Ort und fand sich außerhalb der Küchenwände des Palais des Großherzogs. Er schaute neugierig hinein, und da man ihn hieß einzutreten, fand er die Köche fleißig vorbereitend das Mittagmahl Seiner Hoheit. „Was kocht Ihr da"? sagte der Schlemiel. das ist nicht die Art Fleischscheibchen zu kochen; wo sind die Zwiebel?" „Zwiebel"! war die Antwort, „wir gebrauchen sie niemals, sie wachsen nicht in diesem Theile des Landes". „Wohl", sagte der Schlemiel, „wenn Ihr ein Mahl wünscht recht für einen Fürsten, solltet Ihr Fleischscheibchen mit Zwiebeln versuchen". Nachdem er sich über den Hoheit Werth seiner Lieblingsnahrung verbreitet hatte, überredete der Schlemiel den Koch, einige Zwiebel als Probe anzunehmen. Der Koch gestattet dem Schlemiel, ihn anzuleiten mit dem in Wahrheit glücklichsten der Erfolge. So erfreut war der Fürst von seinem Mittagsmahle, daß er seinen Küchenchef mit Beifall überhäufte und bat, dasselbe Gericht beim großen Festschmaus, der gerade den Abend gegeben werden sollte, als Gang vorzubereiten. In die Küche zurückkehrend gab der Koch dem erfreuten Schemiel eine große Geldsumme für seine übrigen Zwiebel und bat ihn um seinen Beistand in der Bereitung des Abendgastmahls. Erfolg kam auf Erfolg und unser Held fühlte sich einen Schlemiel nicht länger. (Fortsetzung folgt.) Vaters Geige. Erzählung von Jda O p P e n h e i m. (Schluß.) Als der Knabe geendet, sprang der Meister auf, umarmte Jacob und sagte: „Mein Kind, Dich hat Gott gesegnet. Du bist mit einem großen Talent begabt, das auszubilden ich mir alle Mühe geben will. Sei fleißig und melde Dich in zwei Jahren bei mir in der Hauptstadt, dann sollst Du mein Schüler sein. Oder besser, Du gehst bald mit mir, als mein lieber Sohn." „Herr", sagte Jacob und küßte dem Künstler die Hand. „Ich danke für die Ehre und das Glück, aber ich kann von meinem Mütterchen nicht fort. Und der Herr weiß wohl rücht, daß ich Jude bin." Der Künstler lachte laut auf. „Ob Jud', ob Christ, die Kunst steht über allen Religionen; sie ist göttlich!" Jacob sah ihn an, redete der Mann eine fremde Sprache. Das Höchste war doch die Religion und das Studium derselben das Allerheiligste, wonach ein Mensch verlangen konnte. Er verstand den Musiker und eine Angst vor etwas Unbekanntem beunruhigte ihn. Der Meister bemerkte sein scheues ängstliches Wesen. Er zog das Kind an sich und sagte: „Du bist heut' noch zu jung, um das eben Gehörte zu verstehen, doch glaube mir, in der Kunst kann man seinem Gotte auch ehrlich dienen und fern sei es mir, Dich Deinem Glauben zu entfremden. Ich bin Dein Freund; wenn Du zu mir kommst, sollst Du willkommen sein. Hüte Deine Geige; sie ist ein Schatz. Vielleicht gehst Du mit ihr einem schönen Ziele entgegen! Und nun Gott befohlen, junger Mann." Jacob verneigte sich tief und dantte mit stummen, innigen, thränenfeuchten Blick. Dann verabschiedete er sich von Fritzens Eltern. Flitz begleitete den Knaben bis zur Thür. Sie drückten sich die Hände. Keiner konnte etwas sagen. Als Jacob heimkehrte und der Mutter Alles berichtete, schüttelte Hanna das sorgenschwere Haupt. „Kind," sagte sie, „laß Dich nicht blenden und in Versuchung führen. Bleibe an dem bescheidenen Platz, den Gott für Dich hat ausersehen und ttachte darnach, Deine Pflicht zu erfüllen, alles Andere ist von Uebel. Bete zu Gott, daß er Dir den bescheidenen Sinn erhalte und Dich nicht irreführe, damit die Eitelkeit Dein Herz nicht gefangen nehme, noch die Ehrsucht! Wir wollen beten, daß Gott Dich den rechten Weg führe!" Beide legten die Hände ineinander und beteten. Dann gingen sie zur Ruhe. O. es mußte schön sein, so zu spielen und dann Geld zu verdienen und sein Mütterchen zu hegen und zu pflegen, damit die lieben Hände ausruhen konnten nach der langen, schweren Arbeit. In goldene Zuknnftsträume gewiegt, schlief er endlich ein. Frau Hanna fand keine Ruhe; sie sah ihr Kind nicht den Weg gehen, den seine Vorfahren gegangen, sie fürchtete, daß er straucheln würde, daß Versuchung und Verführung ihn gefangen nehmen würden. Er durfte nicht abtrünnig werden, er sollte seinem Gott treu bleiben, sein Wort einst verkünden zum Segen aller derer, die darnach verlangten. Sie wollte zum alten Rabbi gehen und dann so schnell als möglich den Knaben in die Fremde schicken, damit er standhaft bleiben möge und seinem Ziele entgegenginge. Was sollte so ein armer Judenknabe mit der Kunst beginnen? Hanna selbst wußte nicht, was das bedeute. Bei dem treuen Seelsorger, dem sie ihr Herz ausgefchüttet, fand sie Rath und Trost. In kurzer Zeit war Jacob zur Wanderschaft gerüstet und der Abschied von dem Sonnenstrahl, dem einzigen Lichtblick ihres Lebens stand der gebeugten Mutter bevor. Jacob selbst war bestürzt durch die rasche Wendung der Dinge, aber er wollte sein Mütterchen nicht betrüben, er war ihr stets gehorsam gewesen deshalb fügte er sich still in das Unabänderliche, wie schwer auch sein Herz war. Von seinem Freund Fritz war der Abschied recht herzlich. Der Knabe wollte seinen treuen Kameraden nicht von sich lassen. „Kobele, mein guter Bruder," sagte er innig. „Ich bleibe Dir treu und all' Deinen Glaubensbrüdern. Bald komme ich auch nach der Hauptstadt, dann treffen wir uns. Vergiß' auch nicht zu unserem Meister Blandini zu gehen und nimm Deine Geige in Acht." Sie herzten und küßten einander und unter heißen Thränen und Schwüren ewiger Freundschaft trennten sie sich. Hanna hatte nicht geweint, als sie den geliebten Sohn zum letzten Mal umarmt und ihm nach alter jüdischer Sitte den Segen gegeben. So oft sich der Knabe umsah, sah er in ihr lächelndes Gesicht, das ihm ermuthigend entgegenlachte. Erst als er fort war. ihren Augen entrückt, da sank die arme Frau gebrochen nieder. Es war Nacht um sie. Sie mußte ihn lassen, ihn, den Einzigen, der ihr noch geblieben von allen, die ihr Gott geschenkt. Wie öde, wie kalt und dunkel war nun ihr Leben. Die Sehnsucht nach dem Kinde, sie mußte sie ja verzehren. Sie konnte ja nichts für ihn thun, als nur Gott bitten, daß er ihn ihr erhalte, rein und gut, so wie sie ihn nun aus den Händen gegeben. Langsam und freudlos schlichen die Tage der armen Einsamen dabin, die nur einen Gedanken, eine Sorge hatte — ihren Sohn. Sie betete in heißer Inbrunst für sein Wohl. Dann und wann kam Fritz zu ihr und sie freute sich mit dem aufblühenden schönen Knaben, der so treu zu ihrem Liebling hielt. Sie erzählten dann beide von Kobele und die bleiche Frau vergaß bei dem fröhlichen Geplauder ihr Leid, ihre Sehnsucht für kurze Zeit. Selten bekam sie einen Brief von dem Fernen und an einem solchen Ereigniß nahm die ganze Gasse theil. Diese Briefe bewahrte sie wie Heiligthümer und sie las sie immer wieder und wieder. Jahre vergingen und noch immer harrte Hanna vergeblich aus ihren Sohn. Seine Briefe kamen seltener und endlich hörten sie ganz auf. Die arme Frau litt unendliche Qualen, sie beweinte ihren Letzten und glaubte nicht mehr an ein Wiedersehen auf Erden. Fritz hatte längst die Universität bezogen und so entbehrte die arme Frau auch diese, ihre letzte und einzige Freude.- Für Jacob waren schwere Zeiten herber Arbeit und Entbehrung gefolgt. Sie drohten den armen Knaben zu vernichten. Wochenlang lag er elend auf seinem einsamen Lager, ohne Hilfe ohne Trost. Aber der Gedanke an sein einsames Mütterchen, das von ihm Alles, Alles erwartet, das ohne ihn vor Sorge und Noth und Sehnsucht untergehen.würde, ließ ihn nimmer ruh'n noch rasten. Der Rabbi war erfreut über seinen begabten Schüler und hoffte, daß er einst die Zierde, der Stolz einer Gemeinde werden würde, doch hielt er ihn unerbittlich streng und erst, als er erfuhr, daß Jacob Geige spielte und sich mit weltlichen Wissenschaften befaßte, da war der fromme Mann zornig und wollte seine Hand ganz von dem Knaben abziehen.