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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1897-09-03 · 36 (3.9.1897) · page 12

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
14 (1897)
Issue
36 (3.9.1897)
Date
1897-09-03
Page
– (sequence 12)
Language
German
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Seite 732 Vr. VLortz's Wochrnschrifl Nr 36 haben ein Sprichwort „Schlemiel bleibt Schlemiel", und der Schlemiel ist wirklich so durchaus „schlemieldig", daß nicht einmal die Bedeutung und der Ursprung seines Namens mit einer Definition abgethan werden können. Die volksthümliche Erklärung findet im Namen „Schlemiel" eine Ableitung von Schlumiel, dem Sohn Zurischaddai's, der Ln numeri erwähnt wird als der Fürst aus dem Hause Simeons. Er wird vom Midrasch identificirt mit dem gleich stämmigen Zimri, der von dem Priester Phineas, dem Sohn Eleasars, erschlagen wurde, als die Israeliten von Midian zum Abfall verführt wurden. Das an sich ist kaum hinreichend, da Simri ein wegen klaren Gesetzesverraths bestrafter Verbrecher und also kein Typus des wohlbekannten Schlemiels der jüdischen Anekdote war. Aber es trifft sich auch gerade, daß jetzt in der Chanukafeier als Tagesabschnitt aus der Thora die Aufzählung des Opfertributs verlesen wird, den Jeder der Fürsten, wie ihn die Reihe traf, zur Einweihung der Stiftshütte darbrachte. Das Opfer Schlumiels, des Fürsten von Simeon, ward dargebracht am fünften Tage; der fünfte aber ist der einzige Tag Chanuka's der niemals auf einen Sabbath fallen kann, Schlumiel daher so unglücklich, daß seine Spende niemals an einem Sabbath verkündet wird. Dieses Mißgeschick, das mir, ich muß es bekennen, gar nicht als ein so außerordentliches auffällt, genügte den Philologen, darauf ihre Annahme zu stützen, daß sein von dem Ehrgeiz brennendes Wesen, am Sabbath genannt zu werden, ihn zum Prototyp eines Menschen mache, dem alle Mittel fehlschlagen. Man hat sür das Wort „Schlemiel" auch die Erklärung beigebracht, daß es eine Verballhornung des jüdisch-deutschen Ausdruckes „schlimmuiazzel“, welches „schlimm Glück" bedeutet, darstelle. Doch ist dies umso weniger wahrscheinlich, als das Wort „schlimm-mazzel" in seiner unverdorbenen Gestalt noch immer als jüdische Bezeichfür Mißgeschick geltend ist und eine Vorstellung gibt von einem weit ernsteren Jammer als die Miseren, die fortwährend dem Schlemielbegegnen und dessen Leiden obendrein durch einen Stich in's Humoristische abgeschwächt werden. Ein Jeder, der jüdische Ausdrücke versteht, wird sofort erkennen, daß während über den Schlemiel man herzlich lachen kann, man über ein echtes „schliimnmazzel - man nicht einmal zu lächeln vermag. Von einem historischen Träger dieses Namens abgesehen, wurde jedoch der Schlemiel trotzdem als ein Schelmniel zu erklären versucht, was so viel wie „Gott ist mein Friede" bedeuten soll. Der arme Schlemiel ist so unglücklich, so bar von Erfolg und so unfähig, .ein ruhiges Gemüth zu erlangen, durch Sicherheit in dem. was er thun und lassen soll, daß er das ewige Wogen seines Herzenskummers durch keine andere Philosophie zu besänftigen vermag als durch sein gläubiges Vertrauen in die Vorsehung, die allein sein letztes Beruhiguugsmittel bildet. Da der Schlemiel niemals ein Lastermensch und stets von harmloser Art ist, so mag sein Name wohl ursprünglich auf Jene angewendet worden sein, die keine weltliche Sicherheit hatten, als das resignirte Gefühl, das den Unglücklichen sagen ließ: „Ich habe kein Glück unter den Menschen, mein Friede ist bei Gott". Der Schlemiel in der jüdischen Anekdote beginnt ein garfrühes Dasein, er ist Schlemiel beinahe von der Wiege au bis zum Grabe. Wir finden die ersten Spuren von ihm in der Schule. Da wird er zum Sündenbock gemacht für Alles, was Andere verbrochen haben und wird mit Stimmeneinheit von Eltern und Lehrern als ein Trottelknabe ausgerufen. So der junge Schlemiel, von dem die folgende Geschichte erzählt wird; der war so blöde, daß sein Rabbi nichts mit ihm anfangen, ja nicht einmal das Lesen ihm beibringen konnte. Der ehrwürdige Pädagoge that sein Bestes, ihn etwas auffassen zu lassen, aber da Alles umsonst war, begann er ihm endlich den Kadisch zu lehren. Das Studium des Kadisch war mühselig eine Zeit lang vom Fleck gekommen, als endlich der Vater in der Schule vorsprach, um zu sehen, wie sein Schlemiel fortgeschritten wäre. Zu feinem großen Entsetzen fand er ihn die fchwere Arbeit des Kadisch verrichten und war nichts weniger als erfreut, seinen hoffnungsvollen Jungen so zeitlich auf die Befähigung sich vorbereiten zu finden, die nach dem Ableben des Vaters er haben sollte. „Was meint Ihr damit?" schrie der zornige Vater den Lehrer an, „indem Ihr meinen Knaben lehret, Kadisch sagen, da ich noch nicht gestorben bin?" „Macht Euch keinen Kummer daraus, mein Freund", erwiderte der Schulmeister, „wenn Ihr nicht sterbt, bis Euer Knabe kann Kadisch sagen, werdet Ihr ein Alter erleben, daß Ihr Euch selber wünschen werdet, gestorben zu sein." Von dem Schulknaben Schlemiel gibt es nicht allzu viele Geschichten, und das mit gutem Grnnde, da Alle, die ihn einmal zu unterrichten versucht haben, wohl wissen, daß, wenn der Schüler ein Schlemiel ist, er es nicht in dem Grade ist, als sein Lehrer, so daß er nach ihm die zweite Stelle einnimmt. Sehr häufig sind die Fälle, wo fähige Männer die Bürde eines Sohnes zu tragen haben, der ein Schlemiel ist. In diese Kategorie fällt die Erzählung von einem Rav, der ein' großer Mann war, aber einen Sohn hatte, der ein Schlemiel war. Das Haus des Rav war der Sammelpunkt vieler gelehrter Männer, und so kam er regelmäßig in Verlegenheit durch die ungeschickten Bemerkungen seines Sohnes, der eben schon zu alt war. um noch länger vor den Gästen entfernt zu werden, da sich der Vater immer wegen dessen Unwissenheit und der Tölpelhaftigkeit seiner Aeußerungen zu fchämen hatte. Bei einer Gelegenheit, da gewisse ausgezeichnete Rabbis die Stadt besuchten und der Rav sie bewirthen mußte, rief er seinen Sohn und sagte ihm recht wohlmeinend : „Schau, mein Kind, diese Leute bin ich gezwungen als Gäste zu empfangen, und Du hast schon so oft mich blamirt, daß ich die Schande nicht ertragen würde, wenn es wieder dazu käme. Gehe an dem Tage, wann sie kommen werden, außer Haus und verbringe den Tag anderswo." „Vater", sagte der Schlemiel, „sei nicht hart gegen mich. Diese Fremden müssen's ja merken, wenn Dein Sohn nicht da ist, und dann wird's schlimmer sein, für mich wie für Dich. Wenn Du mich bleiben lassest, will ich Dir heilig versprechen, kein Wort zu äußern". Damit war der Rav zufrieden und traf gläubig seine Anstalten, als der ereignißvolle Tag ankam. Während die Gäste sich versammelten, richteten Einzelne der Fremden an den Sohn des Hauses einige freundliche Bemerkungen, aber der Schlemiel war eilt Mann von Ehre und wendete sich ab von ihnen. Da es der Zufall wollte, wurde er bei Tisch zwischen zwei ausgezeichnete Rabbis gesetzt, die ihrerseits gleichfalls versuchten, ihn ins Gespräch zu ziehen. Vergebens bemühten sie sich, der Schlemiel aß ruhig weiter und wollte nicht sich bloßstellen. Erfreut von seiner Geistesstärke und Vorsatzfestigkeit, begann er vor Entzücken zu strahlen, was die Besucher noch mehr verduzte. Endlich bemerkte Einer im Flüsterton zu dem Anderen, „der junge Bursche scheint ein bischen Schlemiel zu sein." „Vater", rief der Schlemiel vom Tafelgrunde, „nicht mein Vergehen ist es. sie haben mich herausgefunden".; Doch ist nicht immer der Vater der Leidbetroffene; die Mutter des Schlemiels ist ebenso ein Opfer, wie die Erklärung bezeugt, die ein witziger Maggid von dem Verse in den „Sprüchen" gab: „Ein weiser Sohn erfreut den Vater und ein thörichter Sohn ist der Kummer seiner Mutter (Proverb. X, 1). „Dies zeigt", sagte der Maggid, „welch' einen klaren Einblick König Salomon in das Familienleben hatte." „Ein weiser Sohn erfreut den Vater", denn wenn der Sohn weise ist, nimmt der Vater ihn überall mit und weist mit Stolz auf seine Klugheit, ist der Sohn aber ein Schlemiel, geht der Vater allein aus und läßt ben Sohn zu Hause, daher sagt der Text, „aber ein thörichter Sohn ist der Kummer seiner Mutter". Hat der Schlemiel die Schule verlassen, ist das Problem, welchen Handel soll er anfangen? Kann man sein mangelhaftes Talent verbergen und er wartet ab, bis ein reicher Mann ihm die Tochter zur Frau gibt, dann kommt seine Bezeichnung als Schlemiel zu einem Ende, mit dem eine neue Geschichte anhebt vom Schlemiel als Verheirateter. Ist jedoch seine Verheiratung unmöglich zu bewerkstelligen, dann sind die Prüfungen des Schlemiels und all seiner Freunde im Anfang. Da wird eine Geschichte erzählt von einem Schlemiel, der sich ein Geschäft als Leichenbesorger aufmachte in einem kleinen, gesunden Oertchen. Keiner starb und der Schlemiel verhungerte. Er wäre Mangels gestorben, wäre es nicht sein Vater gewesen, der sich selber einschränkte, um den Sohn zu erhalten Viele Monate waren vergangen und Keiner war noch gestorben, als des Schlemiels Vater von einem Unfall betroffen und tobt nach Hause getragen wurde. Mitleid für den Schlemiel, dessen Stütze eben hinweggenommen wurde, bewog einige Freunde dem beraubten Sohne die Neuigkeit schonend zu eröffnen. „Recht", sagte der Schlemiel, als er hörte, daß sein Vater gestorben wäre, nbi]?1?, das Eis ist gebrochen." II. In einem anderen Falle stellte der Vater des Schlemiels seinen Sohn auf dein Markt eines Nachbarortes als Besitzer einer Krambude mit Metallwaaren auf. Der Schlemiel machte

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