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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1897-09-03 · 36 (3.9.1897) · page 6

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
14 (1897)
Issue
36 (3.9.1897)
Date
1897-09-03
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 726 Vr. Bloch'» WochrnkchrM Nr. 36 Daran recht sich für die Theologen eine Handschrift des Evangeliums Matthäi, älter als alle bis jetzt bekannten Handschriften des Neuen Testaments, auch als der bisher so berühmte Codex Vaticanus und Sinaiticus. Auch von den nach Cambridge gekommenen Schätzen ist schon die Rede gewesen, daß nämlich S. Schlechter, der Lector des Talmudischen in Cambridge, vom hebräischen Original des Sirach, der bisher nur in griechischer, lateinischer und syrischer Uebersetzung bekannt war, neue Stücke gefunden habe. In der „Times" vom 3. August gibt er nun die erste genauere Schilderung seiner Sendung nach Kairo. Die Zahl der von ihm nach Cam-' bridge gebrachten Stücke schätzt er auf 40.000, aus einem Zeitraum von 8 bis 9 Jahrhunderten. Wie kam er zu solchen Reichthümern? Es ist schon früher erwähnt worden, daß die Juden die religiöse Vorschrift haben, defect werdende heilige Schriften in einer Art von Kammer, Grab oder Keller beiseite zu schaffen. Nun findet sich in Kairo eine Synagoge, die eine mehr als 1000jährige Geschichte hinter sich hat. Sie war ursprünglich eine Kirche der koptischen (d. h. egyptischen) Christen, dem heiligen Michael gewecht und wurde bald nach der Eroberung Egyptens durch die Muhammedaner zur Synagoge umgewandelt. Ans deren Bücherkeller oder Büchergrab stammten, wie sich jetzt herausstellt, die vereinzelten Stücke, die seit einigen Jahren nach England kamen, z. B. das eine von Mrs. Lewis erworbene Blatt, das Schlechter am 13. Mai 1896 als Stück des hebräischen Sirach erkannte, die weiteren Stücke derselben Handschrift, die um die gleiche Zeit nach Oxford gekommen und dort ihrem Inhalt nach noch nicht erkannt worden waren. Schlechter hat nun, finanziell unterstützt namentlich durch Professor Taylor, den „Meister" von Johns College in Cambridge, dieses ganze Büchergrab ausgehoben. Welche Aufgabe das war, muß man in seiner eigenen Schilderung Nachlesen; nicht blos 1000jährigen Staub gab es da zu schlucken; weil der Raum in diesem Keller nicht mehr reichen wollte, wurden immer neue Massen, zuletzt auch von gedruckten Büchern, nachgepreßt, so daß zuunterst die allerverschiedensten Handschriften (Bibeltheile, Liturgien, Talmudstücke, Scheidebriefe, Heiratscontracte, Liebeslieder, Amulette, philosophische Abhandlungen u. s. w.) eine compacte Masse bildeten. Vieles davon wird für den, der nicht jedes alte Stück Papier oder gar Pergament für werthvoll hält, wenig Bedeutung haben, aber zwei Funde zeigen schon, was zu hoffen ist. Die Juden schrieben bekanntlich in alter Zeit wie alle Semiten nur die Consonanten, nicht die Vocale. Noch streiteil unsere Gelehrten, wann die Sitte aufkam, die Vocale durch ein den Consonanten untersetztes System von Punkten zu bezeichnen. Irr diesem System lvird kurz o und lang a mit einem und demselben Zeichen dargestellt, lveil die Juden, als das System erfunden wurde, auch das langea wie etwa die Schwaben als o oder oa (in ja) ausgesprochen haben. Zur Ueberraschung unserer Gelehrten wurde nun vor bald 40 Jahren in einer Reihe von Handschriften ein zweites Bocalisationssystem entdeckt, das die Zeichen für die Vocale nicht unter, sondern über die Consonanten setzte und jene Zweideutigkeit nicht enthielt. Unter den in Kairo ausgehobeneu Handschriften ist nun ein drittes, von jenen beiden Systemen vollständig abweichendes gefunden worden. Wir lernen also ein ganz neues Capitel aus der Geschichte der semitischen Schrift kennen. Der andere, wohl noch wichtigere Fund wird in derselben Nummer der „Times" von Professor Burkitt mitgetheilt, dem S. Schlechter den Einblick in eine neu geöffnete Kiste gestattete. Er fand nämlich unter hebräischen liturgischen Texten eine griechische Palimpsest-Handschrift, und zwar stellte es sich heraus, daß das Griechische aus der Bibelübersetzung des Aquila stammte. Aquila war nach der Ueberlieferung ein Jude aus Sinope in Pontus, ein Verwandter des Kaisers Hadrian, der eine buchstäblich wörtliche Uebersetzung der hebräischen Bibel ins Griechische übernahm. Bis jetzt war uns jene nur in kleinen Bruchstücken aus der Polyglottenbibel des Kirchenvaters Origenes (um 250). der sogenannten Hexapla, bekannt. Wenn Christen zur Zeit des Origines mit Inden disputirten, kam es häufig vor, daß die Juden sagten, eine von den Christen aus ihrer griechischen Bibel, der sogenannten Septuaginta, angeführte Stelle laute im Grundtext ganz anders. Um hier Klarheit zu schaffen, veranstaltete Origines, von einem reichen Senator Ambrosins unterstützt, die erste Polyglottenbibel. In die erste Spalte setzte er den hebräischen Urtext in hebräischer Schrift, in die zweite denselben mit griechischer Umschreibung, in die dritte aber die Uebersetzung des Aquila, weil diese ganz wörtlich ist und auch bei den Juden in hohem Ansehen stand, in die vierte die Uebersetzung eines Samaritaners Symmachns, erst in die fünfte die bei den Cristen gebrauchte Uebersetzung u. s. w. Aus diesem Werk des Origenes haben einzelne christliche Gelehrte zu einzelnen Stellen solche Uebersetzungen des Aquila, die ihnen wichtig waren, auf den Rand geschrieben, und so ist uns Einzelnes aus ihr erhalten geblieben, leider aber nur sehr Weniges. Aber hier liegt uns nun offenbar ein jüdisches Synagogenexemplar vor und bestätigt uns, was wir aus dem Corpus Juris Justinians (Novelle 146) wissen, daß diese Uebersetzung auch noch in späterer Zeit in den Synagogen gebraucht wurde. Ganz besonders interessant ist, daß der heilige vierbuchstabige Gottesname, den die Christen erst seit dem 16. Jahrhundert Jehovah zu lesen anfingen, in dieser griechischen Handschrift, die aus dem 6. Jahrhundert zu stammen scheint, nicht mit der damals schon und jetzt noch gebräuchlichen sogenannten hebräischer: Quadratschrift, sondern noch mit der älteren gemeinsemitischen Schrift geschrieben ist, wie das Hyronimus-uns überliefert hatte. Ihn zu übersetzen, hatte Aquila nicht gewagt, und so steht er mitten im griechischen Text mit seinen althebräischen Buchstaben. Auch in einem bisher noch wenig bekannten syrischer: Dialect, dem sogenannten palästinisch-syrischen, sind Stücke unter den von Schlechter ansgehobenen. - Schon 1896 sind in Oxford ähnliche Stücke christlicher: Ursprungs veröffentlicht worden; damals wunderte man sich, wie Juden dazu kamen, christliche Handschriften zu Palimpsesten zu machen. Jetzt ist es klar; diese stammen auch aus der alten, zur Synagoge umgewandelten koptischen Kirche des heiligen Michael in Alt-Kairo. Fürwahr, es gibt kann: eilt wahres Wort, als das zum geflügelten gewordene des Terentiauus Maurus: habest sua fata libeili. S. M. Correspond enzen. Wien. Immer schamloser gehen die städtischen Machthaber in offener Schädigung der materiellen Interessen der jüdischen Einwohner vor. Man ist zwar nicht prüde, mit dem jüdischen Großcapital in Geschäftsverhältnisse zu treten, aber gegenüber dem jüdischen 'Gewerbsmann und dem jüdischen Fabrikanten huldigt :nan consequent dem Grundsatz, keinen: Juden etwas zu verdienen zu geben. Wieder sind wir in der traurigen Lage, eine solche eclatante Rechtsverletzung zu constatiren. Bor einigen Wochen fand die Offertausschreibnng für einen Artikel statt. Der einzige Offerent war ein Jude. Vielleicht weil die Concurrenten die Ausschreibung übersehen hatten. Nun erhielt dieser jüdische Offerent dieser Tage eine Zuschrift des Inhaltes, daß der Stadtrath beschlossen habe, eine neuerliche Offertverhaudlnng für diesen Artikel auszuschreiben, und der jüdische Offerent seine Cantion abholen möge, und wirklich stand gleich darauf in: Amtsblatte, daß zwei andere Fir:nen bereits aufgefordert wurden, ihr Offert zu überreichen. Wird man bei der nächsten Steuerzahlung das Geld von diesem Inden nehmen? Bettina-Stiftnngspavillon. In Folge seiner Ernennung zum Vorstand der Abtheilung für kranke Frauen im Bettina-Siftuugspavillon ist der bisherige erste Assistent der Frauenklinik des Professors S ch a u t a, Privatdocent Dr. Ernst W e r t h e i m, ans dem Verbände des Allgemeinen Krankenhauses geschieden. Zu seinem Assistenten am Bettina-Pavillon,' der in der ersten Septemberhälfte seiner Bestimnlung übergeben werden dürfte, ist von der Statthalterei der bisherige Operateur an der Klinik Schau t a, Dr. Berthvld Basseches, ernannt worden. Wien. Der Kaiser hat den Privatdocenten und Adjuncten au: ersten chemischen Laboratorium der Universität in Wie n Dr. Josef Herzig zum a u ß e r o r d e n t l i ch e n P rose s s o r d e r C h e m i e an der bezeichneten Universität e rn a ii i: t. Dr. Josef Herzig, ist ein geborener Pole und steht im 43. Lebensjahre. Herzig bezog nach Absolvirung des Gymnasiums (1874) die Universitäten in L e i pzig, Heidelberg und Wien, wo er sich besonders der Chemie zuwendete. In Wien arbeitete er im Laboratorium des seither verstorbenen Professors v. Barth und wurde im Jahre 1879 znm Doctor der Philosophie vromovirt. Bon: Jahre 1879 bis 1881 bezog er ein Stipendium, war

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