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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1897-09-03 · 36 (3.9.1897) · page 4

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
14 (1897)
Issue
36 (3.9.1897)
Date
1897-09-03
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 724 Vr. VLvch» Wochrnfchrifl. Rr. 36 „Eine Conststorial-Verfaffung für die Israeliten in Oesterreich." Unter vorstehender Ueberschrift wird uns geschrieben: Es gibt schon solche glückliche Naturen, die, mag die Erde unter ihnen wanken und der Himmel über sie einstürzen, keinen Augenblick ihren Gleichmuth verlieren und dabei nur \ut ihre gewohnte Beschäftigung denken, als hinge die Welt daran. Der Typus eines solchen Glücklichen ist jener Schmock von Lehrer, während dessen Unterrichtsstunde in der Nähe der Schule ein Brand ausbrach und der die Kinder, die vom Feuerlärm erschreckt hinausliefen, zurückries und sie belehrte: „Kinderchen, Ihr dürft nicht Feier, sondern Feuer sagen!" Und zur Gattung dieser Glücklichen zählt auch der Correspondent der „Oesterreichischen Wochenschrift", welcher bei den gegen* wärtigen schweren Kämpfen des Judenthums nach Außen ruhigen Blutes, als hätten wir keine anderen Schmerzen, den Consistorialverfassungs-Entwurf des mährischen Landesrabbillers aus einem Fascikel im Archiv des Cultusministeriums (??) herauszieht und ihn der Realisirung entgegengeführt wissen will. Völlig, wenn eine Consistorial-Verfassung das Arcanum für Alles wäre, woran das Judenthum krankt, ist jetzt nicht die Zeit zu einer Neugestaltung. Inter arma silent leges. Ehe wir au innere Reformen gehen, die unausbleiblich Kämpfe kosten würden, muß das Judenthum frei und in seiner materiellen Existenz sicher sein, um nicht seine besten Kräfte im Kampfe nach Außen aufreiben zu müssen. Aber es ist gar nicht wahr, daß in der Consistorial-Berfassung alles Heil liegt; ihr Begehren ist wieder nichts weiter als die unselige Nachahmungssuchtj der Formen anderer Religionsgebiete, die schon das Judenthum mit der Reform seines Cultus beglückte. Gegen eine Consistorial-Verfassung ist neben vielen anderen Bedenken der Einwand nicht zu entkräften, daß die Gemeinden in Gefahr kommen, die Selbstbestimmung zu verlieren, die das dogmenlofe Judenthum immer hochgehalten hat und in .welchem von ewig her der Grundsatz gilt: Minhag oker Halacha. Denn die Consistorieu werden sich bureaukratisch streng an den Buchstaben irgend eines halachischen Compendiums halten, wenn sie darin nur lesen können, und die Paragraphe desselben petrisiciren, wie es nicht die orthodoxesten alten Rabbiner gethan haben. Noch größer ist die Gefahr des Verlustes der Selbstbestimmung der Gemeinden durch Consistorieu in Bezug auf die Aufnahme von Rabbinern, Religionslehrern und Schächtern, wenn bei Berufung dieser Cultusbeamten nicht das jüdische Bewußtsein der Gemeindemajorität, sondern die Theologie (!) des Consistoriums, welches je nach den verschiedenen Personen, aus denen es zusammengesetzt ist, zu verschiedenen Zeiten selber verschiedenen Anschauungen unterworfen ist, weil die Herren Consistorialräthe ja auch nur Menschen und nicht unfehlbar sind, wenn sie sich auch als kleine Päpste dünken würden. Die Consistorial-Verfassung will eine Modernisirung des Judenthums sein und sie steht der modernen Anschauung von dem Geiste der Religion schroffer als das Clausenwesen des Chassidismus gegenüber. Nach der modernen Auffassung ist die Religion etwas Innerliches, das Innerste und Heiligste in jedes Menschen Brust, und durch die Consistorial-Berfassung wird sie blos etwas Aenßerliches, abhängig von staatsförmiger Einrichtung, von bureaukratischer Gleichmäßigkeit, die unerträglich sind für alle Diejenigen, welche nicht Freiheit von der Religion, sondern i n der Religion verlangen; für Alle, welche für ihr religiöses Bedürfniß Befriedigung suchen und diese Befriedigung auch in ihrem Sinne zu finden wünschen, nicht in dem Sinne, wie die Consistorien sie ihnen zuzumessen belieben. Wir anerkennen, daß das Judenthum eine Organisation braucht, und es nicht mehr angeht, daß jeder Einzelne nur die Gemeinde loci kennt, über deren enge Grenze hinaus nichts für ihn existirt. Organisiren muß sich die Judenheit eines Landes, die Judenheit des ganzen Staates, und wir gehen noch weiter, selbst die Judenheit der Welt; aber nicht um einen gleichmäßigen Cultus zu erzielen, um die Form der Kutte und des Käppchens ' der Prediger aller Tempel festzustellen, um eine Hierarchie im Judenthum zu schaffen und den hierarchischen Hochmuth, der in anderen Religionen schon verlacht wird, im Judenthum erst einzubürgern, sondern organisiren zu dem Zwecke, um die Selbstständigkeit unseres Glaubens zu wahren gegen jeden Glaubenszwang von Außen wie von Innen, um menschengeschlechtliche Bildung aller unserer Glaubensgenossen herbeizuführen und die vollste Gleichberechtigung für uns und unsere Briider zu erkämpfen. Auf diesen drei Momenten beruht die Erhaltung und die Erfüllung unserer Religion in unserer Zeit; ohne sie bloßes Vegetiren, für sie daher alle Anstrengung, alle Aufopferung. Die „Israelitische Allianz" ist als Ahnung einer solchen Organisation entstanden, aber sie hat sie nicht erfüllt. In dieser Organisation ist für die Rabbiner als solche kein Platz; aber wenn sie es ernst mit der Erhaltung des Judenthums meinen, müssen sie unablässig in ihrem Wirkungskreise für diese Organisation arbeiten, die Mitglieder ihrer Gemeinden dafür anseuern,'die Indifferenten für's Judenthum erwärmen, die Reichen zu Opfern bewegen. Dann werden in allen Gemeinden Comites dieser Organisation entstehen und es wird wieder jüdisches Leben in denselben pulsiren, wie in den ftömmsten Zeiten der jüdischen Geschichte, was doch Se. Hochwürden Herr Dr. Placzek, der Landesrabbiner von Mähren, mit seinem Streben nach einer Consistorial-Verfassung gewiß auch nur zu erzielen wünscht. K. Vom Jahrmarkt de« Lebens. Tarnopoler oder Mühldorfer Moral. Das „Deutsche Volksblatt" veröffentlicht einen von der Polizei gegen den flüchtigen Defraudanten Alexander Brauner erlassenen Steckbrief, wobei die Redaction es sich nicht versagew konnte, dem Namen Brauner das übliche Ausrufungszeichen beizusetzen. Dadurch soll der Mann als Jude und typischer Vertreter der „Tarnopoler Moral" stigmatisirt werden, und das „christliche" Volk von Wien ist sich dann klar, was es von ihm und über ihn zu denken hat. Die Methode ist sehr einfach, aber sie versagt in diesem Falle, denn der Alexander Brauner ist ein zu bekannter „Christa, als daß sich der aufmerksame Leser durch das Ausrufungszeichen bethören lassen sollte. Alexander Brauner, der jetzt wegen Defraudation verfolgt wird, ist nicht ein Vertreter der Tarnopoler, sondern einer anderen polnischen, nämlich der Mühldorfer Moral. Er ist ein persönlicher Freund einiger christlich-socialer Parteigrößen, steht mit dem P a t e r D i t t r i ch auf dem D u-F u ß und hat am 9. März die Wahlen im II. Bezirk geleitet, für welche Thätigkeit seine Schätzer und Gönner einige sehr postenreiche Spesenrechnungen nachträglich begleichen mußten. Die Herren konnten sich, wie es scheint, die Freundschaft dieses tüchtigen Mannes nicht bewahren, denn der christlich-sociale Ehrenmann bot einige Wochen später der S o c i a l d e m ok r a t i e — natürlich gegen Entlohnung — E n t h ü l l n ng e n über die Wahlen an. Dem Haderlumpen wurde natürlich die Thür gewiesen, aber er wiederholte trotzdem sein Anerbieten schriftlich, wahrscheinlich, weil er nicht begreifen kann, daß es eine Partei gibt, die solcher Ehrenmänner entrathen kann. Er wird auch wahrscheinlich wieder heimfinden zu den Seinen und das Ausrufungszeichen wird wohl auf die Dauer seinen Credit nicht erschüttern. Ein Brief Heinrich Heiners an seinen Bruder Maximilian wird von Professor E r w st E l st e r iit der „Deutschen Ruudscha u" zum ersten Mal veröffentlicht. Heinrich Heine schreibt an seinen zehn Jahre jüngeren Bruder unter Anderem: „Jetzt geht es mir etwas besser, und obgleich ich noch immer ganz entkräftet zu Bette liege und Tag und Nacht von den fatalsten Contractionen gepeinigt werde, so glimmt doch wieder manchmal etwas Lebenshoffnung in mir auf. Ich wünsche mir freilich den Tod und er wäre für mich gewiß eine Wohlthat, da ich nur momentane Schmerzenslinderung erwarten darf, im Uebrigen aber als ein unglücklicher Krüppel vegetiren müßte. Daß es einen Himmel gibt, lieber Max, das ist ganz gewiß, seit ich dessen so sehr nöthig habe bei meinen Erdenschmerzen. Leb' wohl, mein theurer Bruder, der Gott unserer Väter erhalte Dich. Unsere Väter waren wackere Leute; sie demüthigten sich vor Gott und waren deshalb so störrig und trotzig den Menschen gegenüber; ich bot dem Himmel frech die Stirne und war demüthig und kriechend vor den M e n s ch e n und deswegen liege ich jetzt am Boden wie ein zertretener Wurm! Ruhm nnd Ehre dem Gott in der Höhe! Dein armer Bruder H. Hein e."

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