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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1897-08-27 · 35 (27.8.1897) · page 15

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
14 (1897)
Issue
35 (27.8.1897)
Date
1897-08-27
Page
– (sequence 15)
Language
German
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Nr. 35 Dr. Vlvch's »ochenschrM. Seite 719 Vaters Geige. Erzählung von Jda O p p c it b c t m. (Fortsetzung.) Am Nachnrittag des folgenden Tages kam Johann in die kleine Gasse, nm Jacob abzuholen. Widerwillig hatte der Diener diesen Befehl ausgeführt. Schweigend ging Jacob an feiner Seite. „Nun kannst Geld schinden, Schwalche", lachte der Diener. Das Kind sah ihn groß an, doch antwortete es nicht; es verstand offenbar nicht,' was zu ihm gesprochen ward. Fritz empfing feinen neuen Freund freundlich und bald hatte Jacob feine Schüchternheit abgelegt iutf> freute sich über die schönen Bücher des Knaben. Für die schönen Spielsachen hatte er kein Berständniß. Er hatte eigentlich nie gespielt. Fritz plauderte nach Kinderart und über tausend Dinge und erzählte geheimnißvoll, daß fein Vater beschlossen hat, dem kleinen Jacob eine Freude zil machen. „Hast Du gar keine Wünsche?" fragte Fritz und sah Jacob ganz erstaunt an. „O, ich könnte mir jeden Tag etwas anderes wünschen! Zu Weihnachten, zum Geburtstag darf ich einen Wunschzettel schreiben und der wird ellenlang. Jacob sagte: „O, ich habe auch Wünsche, ich möchte viel lernen, so viel wie unser Herr Rabbiner. Dann möchte ich auch predigen vor einer großen Ger.leinde und Recht sprechen und Streit schlichten wie er. Dann möchte ich gern Papier haben, nm mir die Noten abzuschreiben, die nnser neuer Cantor jetzt singt. Die möcht' ich dann auf Vaters Geige spielen lernen. Ach. ich habe die Geige so lieb und Vater spielte so schön, so schön." Bei dem Gedanken an die Vergangenheit traten dem Knaben wieder neue Thränen in die Augen. Immer von Neuem wurde der Verlust ihm fühlbar. ' „Wein' nicht, Kobele", rief Fritz, der ein gutes Herz und Mitleid mit dem Knaben hatte. „ Komm', _ iß und trink', dann zeige ich Dir Noten und Du lernst bei mir." „Ach, das wäre schön, wenn Du mich nach Noten spielen lehrtest!" antwortete der Knabe. „Aber sei nicht böse, essen darf ich bei Euch nichts, das verbietet ja unsere Religion." „Aber ich setze Dir ja kein Schweinefleisch vor, kleiner Herr", lachte nun Fritz, „es ist guter Kuchen und Thee." „Nein", sagte das Kind, „dränge mich nicht, ich will Dir erklären, wie unsere Speisegesetze sind, damit Du verstehen sollst, daß wir uns rein halten müssen." Jacob erklärte nun denk Knaben, was das Gesetz erlaubt und was es verbietet und Fritz hörte aufmerksam zu. Er fing an zu fragen und zu fragen, so lange, bis Jacob keine Antwort mehr wußte und ihm sagte: „Ich werde unseren Herrn Rabbiner fragen, der wird mir schon genau sagen, warum dies so eingerichtet ist." Die Knaben wurden in ihrem lebhaften Gespräch unterbrochen durch den Eintritt vonFritz's Eltern. Kobele stand auf und verneigte sich recht tief und ungeschickt. Der Herr Rechtsanwalt ließ ihn erzählen von seinem Heim, vom Vater und von der Mutter und dann sagte er zu ihm: „Nun wünsche Dir etwas, Jacob, Du bist brav gewesen, ich möchte Dir gerne eine Freude machen. „Herr Rechtsanwalt", sagte das Kind, „ich brauche ja nichts, ich habe Fritz gerne geholfen und freue mich, daß er nun nicht mehr spotten wird, weil ich ein Jude bin. Ich möchte viel lernen, um einmal meinem Mütterchen die Sorgen zu erleichtern, die es jetzt hat." Frau Melanie sah ihren Gatten an. Beide waren erstaunt, sie hatten solche Antwort nicht erwartet. „Nun, wenn Du lernen willst, dann komme nur immer her, wir werden Dir schon Gelegenheit geben." Jacob bedankte sich herzlich. „Er spielt auch Geige", sagte Fritz, „aber nicht nach Noten, so aus dem Kopf. Ach, spiele doch einmal", fuhr der Bube eifrig fort. „Nimm einmal die Geige aus dem Kasten und beginne!" Jacob gehorchte. Erst ging es recht zaghaft. Dann vergaß er ganz, daß Jemand ihm zuhvrte, und vertiefte sich immer mehr in sein Spiel. Es waren einfache Melodien, die das Kind wiedergab, aber die Töne klangen rein und klar und eine gewisse Gewandtheit zeigte, daß der Knabe auch ohne Kenntniß der Noten durch fein Gehör sich zu helfen wußte. Die Zuhörenden waren ganz erstaunt. Fritz sagte: „Nun mußt Du uns noch etwas singen." „Ach", sagte das Kind, „ich singe nur im Tempel, die fröhlichen Lieder kann ich nicht mehr, seit Vater tobt ist." Man drang auch nicht in ihn, sondern forderte ihn aus. nur zu kommen und mit Fritz zusammen zu lernen. Mit Feuereifer nahm der Knabe die ihm gebotene Gelegenwahr und Fritz war nicht wenig stolz auf seinen gelehrigen, fleißigen Schüler, dem keine Mühe zu groß schien, um vorwärts zu kommen. Am liebsten aber spielten Beide Geige und Frau Melanie war ganz erfreut, wenn sie den Kindern zuhören konnte. Das ernste Wesen Jacobs hatte viel Einflllß ans beu wilden, verwöhnten Fritz und sein Eifer inr Lernen übertrug sich auch ans seinen kleinen Lehrer. Fritz machte es Vergnügen, seinen Schüler Alles zu lehren, was er selbst gelernt, und wenn Jacob schnell ausfaßte, dann nahm ihn sein junger Lehrer voller Begeisterung in seine Arme und rief: „Du bist ein Teufelskerl, Kobele, Du kannst Alles! Der Vater hat's auch schon oft gesagt: Ihr Juden seid pfiffige Köpfe. Warum müßt Ihr denn Alle schachern und betrügen?" Kobele sah ihn traurig an. „Wir betrügen nicht, wir müssen schwer mtfer Brod verdienen, denn Niemand läßt uns zu einem Handwerk, noch dürfen unsere Brüder sich nm eine Stellung bemühen! Die Juden sind verachtet! Uns bleibt nichts, als das Handeln übrig. Aber glaube, Fritz, wir betrügen nicht!" „Sei nicht böse. Singerchen", antwortete reumüthig der lustige Kamerad. „Ich will Dich am wenigsten kränken. Wir bleiben Frenude." Jacob war schnell versöhnt. Sein vereinsamtes Kinderherz hatte sich so ganz an den jungen frohen Genossen angeschlossen und das Beisammensein mit demselben war Sonnenschein in feinen stillen Tagen. Jeden Sonnabend Nachmittag war Kobele beim Rabbi. Der alte Mann ermahnte den jungen Schüler, ja treu an seinem Glauben zu halten und der Versuchung zu widerstehen, die der Umgang mit Andersgläubigen mit sich bringe. Auch Mutter Hanna ängstigte sich oft, wenn der Knabe so froh und glücklich heimkehrte und lebhaft von Allem erzählte, was er gehört lind in sich ausgenommen. Wenn sie ihn dann fragte: „Kobele, bist Du noch gern bei Deiner Mutter?" da schlang er die Arme fest um ihren Hals und küßte sie zärtlich: „Mutterle, bei Dir ist's ja am allerschönsten. Ich lerne und arbeite fiir Dich, ich werde Dir Ehre machen und unserem seligen Vater. Ich liebe Dich so, ach dreifach, für die Brüder auch, die der liebe Gott uns genommen!" Hanna vertraute aus Gott, sie ließ ihr Kind gewähren. Sie selbst hatte den freundlichen, lebhaften Knaben recht gern. Wenn er in die kleine Stube trat, war's, als brächte er Sonnenschein und Frohsinn mit. Er wußte so vertraulich zu plaudern, er fragte nach Allem, ließ sich Alles zeigen und erklären, wenn die Festtage kamen und Jacob mußte ihm die Gebete übersetzen, die er sagte beim Essen, beim Schlafengehen, beim Erwachen. Als Jacob seine Barmizwah gefeiert, sollte er in eine große Stadt nach Polen wandern. Dort hatte ein äußerst gelehrter Rabbi seine große Schule und es war der Mutter heißer Wunsch, Jacob zu dessen Schülern zählen zu dürfen. Jacob war auch begeistert von dem Gedanken, bald zu lernen und endlich dem Ziel entgegenzugehen, daß er für seine Zukunft ersehnte. Allein der Mutter Mittel waren so gering und die Trennung von dem einzigen Kinde, das ohnehin recht schwach war, machte ihr große Sorge. Als Fritz von den Plänen Jacobs hörte, war er recht traurig. „Du darfst noch nicht weg, Kobele, wir wollen zusammen arbeiten, bis wir groß sind; und weißt Du, unser Musiklehrer hat gesagt, Du könntest Großes werden und berühmt. Da würdest Du reich und Deine Mutter litte niemals mehr Noth!" Jakob hörte ihm erstaunt zu. Ach, er liebte die Musik und seine Geige, doch solche Träume hatte er noch nie gehabt. Was wußte der arme Judenknabe von der Kunst und Künstlern. Er hatte ja nie von dergleichen gehört. Das Studium des Talmud war ihm das höchste Ideal, er wollte ja nur gelehrt werden und dann wollte er Andere lehren. Daher schüttelte er den Kopf und meinte: „So schwer es mir wird, fortzugehen, doch ich muß beginnen. Da ereignete es sich, daß ein berühmter Geigenkönig durch einen großen Schneesturm veranlaßt wurde, in dem Städtchen Aufenthalt zu nehmen.

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