Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 14 (1897)
- Issue
- 35 (27.8.1897)
- Date
- 1897-08-27
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 35 Dr. VUnVs MortzrnschrM Seite 707 Unter solchen Umständen ist freilich es eine Herzlosigkeit von V e rg a n i, das; er den Drognisten und Balsainhändler L n e g e r auf eine Weise vor der Oeffentlichkeit bloßstellt, als wäre derselbe ein Sicherheitswachmann, ein Doctor oder sonst Jemand, den V c r g a n i mit Recht zn seinen erbittertsten, zu seinen geborenen Feinden, rechnet. In seinem Dankschreiben an L u e g e r duzt er denselben. Das braucht sich nicht einmal ein Lueger gefallen zu lassen. Im Style des „Deutschen Volksblatt" müßte man Derartiges „jüdische Rachsucht" nennen. Herr V e r g a n i aber sitzt zu Hanse und schmiert sich seine Tesrandationsbenleu mit dem Luegerbalsam. Allmälig wird die (beschichte schon verbeilen. Aber das gebrannte Kind fürchtet da» Jener. Nochmals wird er sich keine Wunden znziehen. Das graue.Haus wird er nicht mehr betreten, wenigstens, um keiner Uebertreibnng geziehen zu tverdcil, nicht aus freiem Antrieh. (5v hat alle die Anklagen zurückgezogen, die er gegen seine „Verleumder" erhoben hat. 15t ist absolut nicht »lehr neugierig. (5r hat gar kein Verlangen mehr, sich im (tzerichtssaal als das bezeichnen zu hören, was er wirklich ist, und dem Unfall der (tzeschivornenauslosnug will er in Hinkunft vorsichtig ans dem Wege gehen. T'rum hat er seine ursprüngliche Absicht mit dem Ehrenschild, den er reinigen muß, aufgegeben. (5r hat den Ehrenschild in den Winkel geworfen und den Balsamtiegel hervorgeholt. Besonders vom Kremsersenf ist er kein Freund. Die Klagen, die er beim Kremser Schwurgericht erhoben hat, sind bedingungslos zurückgezogen worden. (5r braucht keine weitere Ehrenrettung. Gerade jener Befähigungsnachweis, den die christlich-sociale Partei von ihrem Hauptpnblicisten verlangte, ist im Wiener Schwurgerichtssaal erbracht worden. Jetzt ist Herr V e r g a n i sicher. Jetzt weiß er, daß seine Stellung als Partei- Häuptling beinahe unantastbar ist, es sei denn, daß (5iner käme, der noch größere Erfolge anfzuweisen hat, größere (5rfolge, als sie bei d^r (tzemeindecasse von Mühldorf der Natur der Dinge nach überhaupt möglich waren. Vom Jahrmarkt des Lebens. Das „gute Herz" Dr. Luegers. Mau weiß' aus alter Erfahrung, tvelch' fühlendes Herz Herr Dr. Lueger für die Leiden seiner Mitmenschen hat. Es ist unnöthig, die Erinnerung an jene interessante Zeit aufzufrischen, in welcher der heutige Bürgermeister Wiens die Vertretung stadtbekannter Wucherer führte und als Anwalt des Fünfhauser Spar- und Vorschußvereines an dessen Schuldnern anatomische Studien vornahm, die sich nicht nur auf die Prüfung von Herz und Nieren beschränkten, sondern sich bis auf's Beuschel ersteckten. Bei einem Manne von solch' glorreicher Vergangenheit konnte es daher auch nicht Wunder nehmen, wenn er der von ihm eingeleiteten Hilfsaction für die Ueberschwemmten durch einen Appell an edle Frauenherzen einen mächtigen Anstoß zn geben suchte. Am 18. August erschien Dr. Lueger in der Versammlung des „Christlichen Frauenbundes", um seinen weiblichen Anhang für das Werk der Barmherzigkeit zn entflammen. Aber Herr Lueger ist das Gegenbild Bileam's; in seinem Munde verwandelt sich der Segen zum Fluche. Statt die Nächstenliebe zn predigen, benützte er mich das über Tausende hereingebrochene Unglück, um eine von Parteigeist und Racenhaß triefende und von Lügen strotzende Rede zu halten. „Wenn Sie", sagte er, „in den Zeitungen von Spenden lesen, werden Sie die Bemerkung machen, daß jene Kreise, die zn den capitalistischen zählen, sich ostentativ fernhalten . . . Ihre Aufgabe ist es nun, zu beweisen, daß wir die gewissen protzigen Leute nicht brauchen, daß wir selbst helfen können und daß sich das christliche Volk nicht kaufen läßt." Wir gestehen offen, daß uns selbst die oben berührte Vergangenheit des derzeitigen Wiener Bürgermeisters keinen größeren Ekel verursachte, als diese im Namen der christlichen Barmherzigkeit gehaltene Rede. Herrn Lueger ist auch die schreckliche Wafferkatastrophe der letzten Wochen nichts Anderes, als eine willkommene Gelegenheit, für sich und seine Partei politisch Capital zu schlagen. Statt die Mildtbätigkeit anzurufen, die nicht nach Stamm, Glauben und socialer Stellung fragt, polemisirt er gegen die „capitalistischen Kreise", gegen die „gewissen protzigen Leute". Und er thut dies auf Grund einer frechen Lüge. Denn es ist gar nicht wahr, daß Diejenigen, die Herr Lueger unter dieser Bezeichnung meint, sich von den Sammlungen fern gehalten haben. Sie haben allerdings ihre Beiträge nicht zur Erhöhung der Gloriole des christlich-socialen Parteihäuptlings an das Gemeinderathspräsidium, fondsrn an die Statthalterei geschickt, aber sie haben immerhin mehr geleistet, als der Prinz Liechtenstein, von dem Herr Lueger dieser Tage in hündischer Demuth sagte, daß er die „Commune Wien mit Gnaden bedacht" habe, weil er ganze 500 st. spendete. Die gehässigen Anwürfe L u e g e r's gegen die Inden sind umso niederträchtiger, als der Wiener Bürgermeister wissen muß, daß auch Inden von der Katastrophe betroffen wurden, und als in den Spendenlisten noch immer jene vielfach verstockten Hausherren und jene protzigen Fleischhauer vermißt werden, in deren Interesse das christlich-sociale Parteiregime arbeitet. Diese „gewissen Leute", deren Protzigkeit zum Himinee stinkt, sind am Zins- und Fteischwucher reich geworden, abel selbst die officiös constatirte „Blamage" des verehrten Partei- Hauptes hat sie nicht bewegen können, auch nur einen Kreuzer zur Linderung des Nothstandes herzugeben. Das ist die Garde des Retters und Erlösers von Wien! Der Sprachenstreit und die Inden. Der nationale Chauvinismus wächst in Böhmen auf beiden Seiten ins Ungeheuerliche. Die Deutschen haben die Einladung der Regierung zur Beschickung der Ansgleichsconferenz abgelehnt und sowohl in den czechischen wie in den deutschen Bezirken gibt es fast täglich blutige Exceffe, die eines antisemitischen Beigeschmacks nicht entbehren. Das ist sehr begreiflich, denn der nakionale Chauvinismus ist ja der Vater des Racenhasses, und da es noch iinmer unkluge Inden gibt, die sich für das Deutschthum auf der einen und für das Czechenthum auf der anderen Seite begeistern, so geschieht ihnen nur nach Gebühr, wenn beidn Streittheile lustig auf sie losschlagen. Die Exceffe Zn Pilsee tvurden direct auf eine Rauferei zwischen dem für Herrn Schönerer enthusiasmirten jüdischen Studenten Hartman» und einem czechischen Commilitouen zurückgeführt. In der diesbezüglichen officiellen Depesche wurde die Religion Hartmann's ausdrücklich angeführt. Die hiesigen Antisemitenblätter, christlichsocialer und deutschnationaler Färbung, brachten die Meldung unverändert, die liberalen Blätter strichen die Religionsbezeichnung und die „Arbeiter-Zeitung" machte aus dem „Israeliten" einen „Juden". Die Commentare folgten erst hinterher. V e r g a n i schnitzte sich aus der Rauferei des Juden Hartmann eine Waffe gegen die „Ostdeutsche Rundschau". „Deutschmauschelnde Jude n", schrieb er, „sind bei den Scribifaxen des Spatzenblattes bereits deutsche Studenten. Die deutsche Studentenschaft dürfte sich wegen dieser Zumuthung zweifellos nicht sehr geschmeichelt fühlen". In dem Kampfe zwischen czechischen Fanatikern und deutschen Schönerianern ist also der Jude immer wieder der Sündenbock. Ob das im Interesse der Deutschen oder Czechen liegt, haben wir nicht zu untersuchen — im Interesse unserer Glaubensgenossen liegt es nicht! Wie immer der Streit in Böhmen ausfallen mag, der jetzt in Hellen Flammen ausbrechende Racenhaß wird zuletzt doch immer an den Juden gekühlt werden, denen ja nach dem claffischen Ausspruch eines Führers der Deutschen nur eine — Schonzeit bewilligt wurde. Es ist höchste Zeit, daß unsere Glaubensgenossen sich die bisherigen Erfahrungen ernstlich zu Gemüthe führen. Cooperator und Rabbiner. In Bezug auf Ihren jüngsten Artikel, betreffend den famosen Cooperator Herrn Max O t t aus Enzersdorf meldet man uns aus Deutschland ein Beispiel schöner Eintracht, ja eines freundschaftlichen Verhältnisses zwischen den Vertretern der verschiedensten Confessionen. Der christliche Pfarrer war zum Superintendenten ernannt worden und der Rabbiner sandte ihm dazu einen Glückwunsch in hebräischer Sprache, worauf der Pfarrer in einem Gedichte antwortete, das die „Freien Glocken" (Leipzig, 4. Juli) mit Weglassung einer unwesentlichen Stelle hier mittheilen. Das Gedicht lautet: Lieber, verehrter Herr Rabbiner! So gut fließt der Hebräer Sprache Aus meiner Feder nicht mehr, wie Aus Eurer sich ergießet sie. Trum wär' es halt so eine Sache, Wenn ich, mein Herr Rabbiner, Euch Erwidern wollte gleich mit gleich.