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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1897-08-27 · 35 (27.8.1897) · page 2

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
14 (1897)
Issue
35 (27.8.1897)
Date
1897-08-27
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seile 706 Vr. Vloch's Wochrnschrtfl Nr 35 einbüßen sollte? Ja manche Gemeinden, vielleicht sind solche darunter, die jetzt Unterstützung von dem Gelde der Juden erwarten, haben in ihrem Bereiche bereits den Hausirhandel ganz oder iheilweise verboten. Dabei sind übrigens nicht blos Juden geschädigt worden. Aber da es kein Elementarereigniß war, verdienen sie kein Mitleid. Und das Alles geschieht zu einer Zeit, in der nach dem schönen Ausdruck des Baron Gudenus die heimische christliche Gesinnung wieder zum Durchbruch gekommen ist. Einstweilen äußert sich diese vorzüglich darin, daß auf allgemeine Kosten neue Kirchen gebaut werden sollen, wozu natürlich auch die jüdischen Steuerzahler werden beitragen müssen. Ueberhaupt äußert sich die neumodische Frömmigkeit am häufigsten dort, wo es aus fremde Kosten geschehen kann, und wie Viele, die sich fromm und gläubig stellen, sind es wirklich im Herzen? Aber Kirchlichkeit und Frömmigkeit sind jetzt Mode, beinahe hätten wir gesagt, ch i c. „Wir sind stets sehr eifrig, wenn Religion ihre goldenen Schuhe trägt, wir gehen sehr gern in ihrer Gesellschaft, wenn die Sonne auf sie scheint und die Leute Beifall klatschen. Und überhaupt folgen wir stets der herrschenden Strömung" sagt Herr Nebenzweck in dem schon über zweihundert Jahre alten, aber in mancher Beziehung auch jetzt noch sehr zeitgemäßen und wirklich religiösen allegorischen Roman „Des Pilgers Wanderung" von dem Engländer Johann Bunyan. Der Herr Nebenzweck, mit dem er auf dem Wege zusammentrifft, hat in seinem Wohnort „S ch ö n r e d e" viele vornehme Verwandte: Den Grafen Wetterfahne, den Baron Mantelhänger, den Herrn von Wasihrwollt u. s. w. Der Pfarrer, Seine Hochwürden Z w e i z ü n g i g, ist sein leiblicher Enkel. Hört man Herrn Nebenzweck, so ist er ein frommer, ehrlicher und gerader Mann, ein guter Christ; nur hat er das merkwürdige Glück gehabt, stets mit der herrschenden Meinung übereinzustimmen, und das hat ihm zu seinem Fortkommen sehr geholfen. Den Namen Nebenzweck, behauptet er, haben ihm nur seine Feinde gegeben. Das Geschlecht der Nebenzweck ist also, wie man sieht ein recht altes und recht weit verbreitetes. In Frankreich heißen sie Tartuffe und in Oesterreich .... Die Religion, oder, wie sie jetzt gern sagen, das echte Christenthum ist ihnen nicht etwas Erhebendes, Reinigendes und Veredelndes, nicht etwas, wofür man Opfer bringt und wenn es nothweudig ist, Verfolgungen erträgt, sondern ein Mittel, hohe Protection zu erlangen, Carriere zu machen, ein Vorwand, Gegner und Concurrenten zu verdrängen und zu verfolgen. Manche von chnen gleichen jener englischen frommen Dame, von der neulich in den Zeitungen zu lesen war. Sie trug stets ein wunderschönes, mit seinen Perlen besetztes Kreuz, das sie gar oft an die Lippen drückte und mit dem Ausdruck größter Erbauung und inniger Frömmigkeit küßte, beinahe so oft, als der Führer des christlichen Volkes von Wien seine Frömmigkeit und Menschenliebe betheuert. Aber wie Niemand ein Held vor seinem Kammerdiener ist, so kann auch keine Heilige vor ihrem Kammermädchen bestehen. Die geschwätzige Zofe der frommen Engländerin verrieth, daß das goldene Kreuz wohl gefüllt war und daß die Dame bei jedem frommen Kuß aus einer feinen Oeffnung mehr als einen Tropfen Cognac sog. Es muß aber nicht immer Cognac sein, manchmal ist es eine Stadtrathstelle oder irgend ein anderes wohlbesoldetes Amt, von Nebeneinkünften aus in Verstoß gerathenen Obligationen und vergessenen Steuergeldern abgesehen. Solche kleine Vergeßlichkeiten könnten wohl dem guten Rufe eines Liberalen oder gar eines Juden sehr schaden, aber die Christlich-Socialen „genirt so was nicht" und sie versichern ihren Gesinnungsgenossen ihrer unveränderten Hochachtung und Freundschaft. Sie werden wohl wissen, warum. Und vielleicht verleihen sie ihm noch die Pfisterm e d a i l l e. Fragt man aber, wie es komme, daß das Volk solchen Leuten vertraut, ihnen Aemter und Würden verschafft, so findet man die Antwort schon bei Goethe: „Man verdient wenig Dank von den Menschen, wenn man ihr inneres Bedürfniß erhöhen, ihnen eine große Idee von ihnen selbst geben, ihnen das herrliche eines wahren edlen Daseins zum Gefühl bringen will. Aber wenn man die Vögel belügt, Märchen erzählt, von Tag zu Tag ihnen forthelfend, sie. verschlechtert, da ist man ihr Mann und darum gefällt sich die neuere Zeit in so viel Abgeschmacktem." Leider handelt es sich aber bei uns uni etwas mehr als um Abgeschmacktheiten. Wenn die Wasser abgelaufen, die überschwemmten Felder längst trocken geworden, die Beschädigten ihren Verlust längst verschmerzt haben werden, dann werden die bösen Folgen der Corruptions-Ueberschwemmung und der schrankenlosen Hetzerei noch lange zu spüren sein. Gefährlicher und schwerer zu heilen als von Elementen ist von Menschen verursachter Schaden, denn .... Der schrecklichste der Schrecken, Das ist der Mensch in seinem Wahn. Nt Balssmtirgrl und Ehrenfchild. Nicht lange wird es dauern, und die Geschichte des Herrn Vergani wird ebenso verjährt sein, wie die Diebstähle in der Mühldorfe r Gemeindecassä. Schon beginnt das Gras über diese Affaire zu wachsen, schon ruft man »Vivat sequens!« und ist auf den nächsten Antisemiten - Häuptling neugierig, welcher mit Vergani und Mittermaye r der Zeit nach ein Triumvirat bilden wird. Die Geschwornen, die von Ernst V e r g a n i geschimpft, gelästert und an den Pranger gestellt wurden, haben wahrscheinlich schon ihr Unrecht eingesehen, sie wissen nunmehr, daß der Herausgeber des „Deutschen Volksblatt" nicht nur commun, sondern auch immun ist, sie sind von ihrer weltfremden Naivetät, zu glauben, daß das Strafgesetz auch für antisemitische Diebe gelte, abgekommen und sie werden augenblicklich vielleicht selbst darüber lachen, daß sie einen Moment lang dachten, ihre von einen: getreuen Anhänger und Preßknappen der Badeni'schen Regierung angegriffene Ehre werde von Amtswegen geschützt werden. Diese gretchenhaften Geschwornen sollten dem Herausgeber des „Deutschen Volksblatt" dafür dankbar sein, daß er gegen sie mit wahrhaft christlicher Nächstenliebe vorgeht, daß er die Sache auf sich beruhen läßt, daß er, der edle Veronese, seinen Kampf gegen die zwölf Männer, welche zufälligerweise Geschworne geworden sind, nicht usque ad finem fortsetzt. Freilich hat das Geschwornen-Verdict die entsprechende Reprimente erfahren. Die christlich-sociale Partei hat sich als Casfationshof constitnirt und die im Gerichtssaal arg beschädigte „Ehre" des Herrn V e r g a n i wurde geflickt, gestopft und geleimt. Die christlichsocialen Parteiführer haben Herrn V e r g a n i gegenüber bewiesen' daß so eine Diebstahls-Bagatelle, eine Defraudations-Lumperei einen Mann in ihrer Achtung nicht herabsetzen kann. Herr V e r g a n i hatte vollkommen Recht, wenn er den Parteibeschluß in feiner Antwort an Doctor Lueger mit edler Schmockerei einen „wunderheilsamen Balsam" nannte, der die Wunden, die er im fünftägigen Kampfe im Gerichtssaal davongetragen habe, heilen müsse. Herr V e r g a n i hatte in dem Procesfe von einem Zahnelixir erzählt, mit dem seine Ahnen unbeschadet des Hausirerhasfes des Enkels gehandelt hätten. Herr V e r g a n i thäte gut daran, sich den Anti-Geschwornen- Balsam des Doctor Lueger patentiren zu lassen. Auch mit diesem Artikel wären glänzende Geschäfte zu niachen, der Export in die Strafanstalten wäre ein riesiger, denn außer Herrn V e r g a n i gibt es, wie die Gerichtssaalrubrik der Tagesblätter ausweist, Tausende und . Abertausende edler Mitbürger, denen in Folge des Diebstahls-, des Betrugs-, des Veruntreuungsparagrapheu Männer, die zufälliger Weise Geschworne geworden sind, alltäglich tiefe Wunden schlagen.

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