Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 14 (1897)
- Issue
- 35 (27.8.1897)
- Date
- 1897-08-27
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Lr. 36. Dr. Bloch’s Jahrgang XIV. Centrslorgsm für die gefammten Interessen des -. —^- Wien. 27. August 1897. -^- Erscheint jeden Freitag. -'H- - Bries-Adreffe: Wien, I., Hauptpostaurl — Fach. Telegramm-Adresse: Bloch's Wochenschrift Wien. N. k. Postsparkastrn-Amt Clearingverkehr Nr. 810.976. Srdsrllon und Ndmintstration: Vien l >-, Untere NugaLlenstrahe 1» Tela phon - Nr. 6533. * —* Jndenthums -- - * Bejugaortta für Veflrrrrtrtz ■ Halbjährig 4 fl. 8 jjr. j Einzelexemplare 25 kr. lür'a Ausland: halbjährig 5 fl. — 10 Kr. ganstährig 10 „ — 20 Anzeigen: Die 4mal gespaltene Petitzeile 12 tr. *-M Inhalt. Leitartikel: Elementarschäden und Menschenschäden. -- Balsamtiegel und Elirenschild. - Vom Jahrmarkt de-? Lebens: Das „gute Herz" Dr. Lueger's. Der Sprachenstrcit und die Hilden. Kooperator und Rabbiner. Der föiiuilidJ englische Gondernenr eröffnet die Rabbiner-Konferenz. Wider Verdentschnngsincht, Jalmenltns und Tnrnerei. Hans von Bülwv und Meyerbeer. Der.Handel in der fremde. Arische Race. Gesaiimitzahl der Juden. Die Grabstätten der jüdischen .Könige. — Eine Konsistorialverfassung sür die Israeliten in Defterreich. — Zionismus und Staalsbürgerthmn. — Die 2lener auf Werthpapiere rc. — Korrespondenzen: Wien, Prag, Wnsowa, Franzensbad, Brody, Gleichenberg, (Yörz, Driest, Zelineezbanya, Berlin, Bremen, Rietz, Paris, Anders, Kiew, Ddessa, Monaftir, London, Kapstadt, New-Port, Pyiladelpbia, ')iew - Jersen, Baltimore. — Vermischtes: Wien, 2t. Pölten, .Hirschwang, Proffnitz, Marienbad, .Holleschan, 2tratzniy, Dnkla, Nord- Hansen, Andrychan, Gnrahnmora, Brüssel, Johannesburg. — Feuilleton: Vaters Geige. — Briefkasten. — Inserate. Elementar schaden und Mrnschenschäden. Die griechische Mythe erzählt, daß Kadmus, der Sohn des Königs Agenor, einen Drachen tödtete und dann dessen Zähne säete. Sogleich wuchsen aus der Erde gewasfnete Männer, die einander anfielen und sich bis auf fünf tödteten. Nach einem Bericht, der von dem halbmythischen Philosophen oder Historiker Pherecydes stammen soll, hat Kadmus selbst Steine unter die gewaffneten Männer geworfen, und da sie glaubten, daß die Steine von einigen unter ihnen selbst geworfen worden wären, geriethen sie in Streit und tödteten einander. Wie dem auch gewesen sein mag, ob Kadmus nach dem Princip divide et inipera regieren wollte und absichtlich die Steine unter die Krieger warf, um sie zu entzweien, oder ob er nur in so ungeschickter Weise die „Steine des Anstoßes" aus dem Wege räumte, daß sie den Leuten an die Köpfe flogen — jedenfalls war er über die Folgen seines Thuns nicht erstaunt und ließ von seinen officiösen Journalisten keine herzbewegenden Klagen über die Herzlosigkeit oder Herzensversteinerung der Menschen anstimmen. Die „Oesterreichische Wochenschrift" hat bereits in ihrer Nummer vom 20. August den Jammerartikel des officiösen Blattes gehörig beleuchtet und dem Vogel Strauß, der wohl die bösen Folgen der allgemeinen Hetzerei sieht, aber vor dieser selbst die Augen in den Sand steckt, oder wenn er sie zufällig erblickt, für sie nur ein verschämtes oder freundliches Lächeln hat, etwas Verständniß für die Lage der Dinge beizubringen gesucht. Wenn es bei ihm nicht helfen wird, könnte es vielleicht bei seinen Brotherren helfen. Wir glauben, das, was jetzt in Böhmen vorgeht, müßte jeden Oesterreicher, der nur ein Fünkchen von Patriotismus hat, erschrecken und betrüben. Und wer etwas mehr Verstand hat und aufrichtiger ist als ein ofsiciöser Journalist, muß doch einsehen und zugeben, daß die gegenseitige Verhetzung von Deutschen und Czechen, die Beschimpfungen, Ueberfälle und Boycottirungen zum großen Theil Nachahmungen der Judeuhetze sind. Was in der Schule des Antisemitismus gelernt wurde, was von den Kanzeln gepredigt wurde, ohne daß die Hetzprediger von ihren Vorgesetzten gestraft oder auch nur getadelt worden wären, das Alles findet jetzt im deutsch-czechischen Kampfe Anwendung. Und was noch fehlt, wird wohl bald Nachkommen. Haben doch die Antisemiten selbst Kinder und Kranke nicht geschont. Selbst der Barbar respectirt die Heiligkeit des Todes, aber Antisemiten haben jüdische Gräber geschändet! Wer weiß, wie lange noch in Böhmen Grabsteine mit deutscher oder czechischer Aufschrift vor dem Schicksal solcher mit hebräischer sicher sein werden. „Wir sind fühllos geworden gegen das Elend" klagt die „Reichswehr", weil die Spenden für die durch Elementarereignisse Beschädigten nicht reichlich genug fließen. Ist diese Fühllosigkeit zu tadeln und zu bedauern, wenn sie sich in Nichtsthun äußert, wie tadelnswerther und unmenschlicher ist sie, wenn sie selbst Elend schafft, wenn es nicht die blinden Naturgewalten, sondern die Menschen selbst sind, welche ihren Nebenmenschen das Brot aus dem Munde reißen, ihnen nicht wie Ueberschwemmung und Erdbeben vorübergehenden Schaden zufügen, sondern sie für immer ihres Erwerbs berauben. Wo war denn die Menschenliebe der „Reichswehr" und ihrer Protectoren, als die polnischen Herren in Galizien die Juden vom Salzhandel ausschlossen, als den jüdischen Krämern eine künstliche Concurrenz geschaffen wurde?, als die frommen Juden durch die Gesetze wegen der Sonntagsheiligung zwei Feiertage in der Woche zu halten gezwungen wurden, zwei Tage in der Woche am Erwerb gehindert wurden?*) Wo war diese Menschenliebe, als der Bürgermeister Wiens ziemlich unverblümt auf die Confiscation des Vermögens der Juden hindeutete? Wo war das „goldene Herz", als um Ueberlassung der Hausirer an den Hungertod petitionirt wurde, damit der „seßhafte Kaufmann" nur nicht etwas von seinem reichlichen Erwerb *) 'Nur für Galizien wurden einige nicht ganz genügende Erleichterungen gewährt.