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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1897-08-20 · 34 (20.8.1897) · page 19

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
14 (1897)
Issue
34 (20.8.1897)
Date
1897-08-20
Page
– (sequence 19)
Language
German
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Nr. 34 Vr. Bwch's Mochrnschri^r. Seite 703 das Wort ausgerufen, da war er auf dem glattgefrorenen Boden ausgeglitten. Die anderen Knaben, die ihm nachgesehen, lachten. „O weh, Rechtsanwalts Fritz muß immer was extra haben, nun liegen die Hefte fiir den Dr. Heyne im Schmutz. Das wird was setzen, kommt fort, wir wollen nichts gesehen haben". — Fritz wollte sich erheben, seinen Kameraden Nacheilen, aber mit einem Schmerzensschrei fiel er wieder zurück. — „So helft mir doch!" rief er, aber die wilde Schaar war längst verschwunden. Jacob hatte sich umgedreht. Der Hilferuf war an sein Ohr gedrungen, er sah den Knaben liegen und die zerstreuten Hefte. Er begriff, daß dem wilden Fritz, der allgekannt und gefürchtet war, ein Unglück zugestoßen sei, und sich zögernd nähernd, sagte er: „Darf ich Dir helfen?" „Du Jude, Du Singercken!" sagte Fritz verächtlich. „So hilf Dir allein, wenn Du kannst", sagte Jacob. „Ich sehe aber, Du hast Schmerzen, richte Dich auf, ich will Dich stützen, damit Du heimkehren kannst. Es ist bitterkalt und Du kannst krank werden". Fritz wollte antworten, doch das ernste blasse Gesicht des Knaben ließ ihn verstummen. Er reichte widerwillig seine Hand. Jacob umfaßte ihn und nur mit Mühe gelang es dem schwachen Knaben, seinen jetzt hilflosen Feind aufzurichten. Fritz jammerte beim ersten Schritt: „Ach, mein Fuß und nun M ich zu Dr. Heyne — und meine Hefte im Schmutz." „Setze Dich hier auf die Thürschwelle, ich hole die Hefte und führe Dich heim." Jacob beeilte sich, die zerstteuten Papiere zu ordnen, dann nahm er den Knaben beim Arm und schritt langsam die Gaffe hinab. Fritz stöhnte, er wurde blaß, war einer Ohnmacht nahe. Jacob bemerkte es, und ihn fast tragend, schritt er mit Fritz auf das Häuschen zu, in dem seine Mutter wohnte. Hanua hatte ihn von weitem mit seiner Last kommen sehen und war ihm entgegengeeilt. Als sie den blassen Knaben sah, den Jacob in dem Arme hielt, griff sie kräftig mit zu und Beide betteten Fritz auf das ärmliche harte Sopha des Stübchens. Frau Hanna wusch des Knaben Stirn und Wangen. Endlich schlug er die Augen auf und sah verwundert um sich. Er wollte sich erheben, doch mit einem Wehruf fiel er wieder in die Kissen zurück. „Singerchen," sagte er leise, „wo bin ich?" „Du bist bei uns, bei meiner Mutter. Sei nur ruhig, ich hole den Arzt." „Ach ja", sagte Fritz, „nur nicht meine Eltern, denn die werden tüchtig schelten und ich versäume nun schon eine Violinstunde." „Violinstunde," wiederholte Jacob. Ach, wie war doch der Fritz glücklich! Wie durfte er lernen! Und er, ach, er hatte stundenlang auf des Vaters Geige gekratzt und versuchte zu spielen und alles, was der Vater gekonnt, das hatte der Sohn gelernt. Doch nun war ja der liebe Vater nicht mehr, wann würde er je die Geige zur Hand nehmen?! Von wem je lernen? Und er liebte die kleine braune Geige so sehr. Wie schön konnte der Vater spielen und wie heitere Stunden hatte ihnen die Geige bereitet, und nun war Alles hin. Er sagte nochmals leise: „Violinstunde", — seine Augen füllten sich mit Thränen. Aber er trocknete sie rasch, nahm sein Mützchen und lief zum Arzt. Er erzählte dem alten Herrn, was sich zugetragen und der Arzt erwiderte: „Du bist ein braves Kind, Kobele, ich will sehen, was sich mit dem Herrn Uebermuth anfangen läßt. Inzwischen war die Dunkelheit hereingebrochen und Hanna nahm den kleinen Wachsstock zur Hand, ein Gläschen mit Branntwein und das Riechbüchschen. Wenn Jacob heimkehrte, sollte er Awdole machen, damit man Licht anzünden konnte. Bald kam der Doctor in Begleitung des Knaben herein, — sah den Patienten auf dem Sopha liegen, recht blaß und angegriffen. Während er sich mit demselben beschäftigte, sprach Kobele leise den Segen und wünschte der Mutter eine gute Woche. Dann brachte Hanna das Licht, der Fuß wurde entblößt, er war arg geschwollen. Der Arzt meinte, es wäre eine ordentliche Verstauchung, man müsse die Eltern benachrichtigen. Jacob schickte sich an, den schweren Gang zu machen, während Hanna dem Arzt behilflich war. Vor einem stattlichen Hause auf dem Marktplatz machte er Halt. Er stieg zitternd die teppichbelegten Stufen hinan und klingelte. Nach langer Zeit erschien ein Diener. „Ist Herr Rechtsanwalt zu Hause?" fragte der Kleine. „Gewiß, aber nicht für Juden und Bettelvolk", war die grobe Antwort. Jacob wurde blaß. „Ich muß den Herrn Rechtsanwalt sprechen, denn sein Sohn —" Weiter konnte er nicht sprechen: eine schlanke, schöne Frau erschien in der Thür, sie war zum Ausgehen angekleidet. „Was ist's, Johann?" „Ach, gnädige Frau, ein kleiner Jude ist hier, er behauptet, etwas von unserem jungen Herrn zu wissen, ich kann sein Reden nicht verstehen." „Tritt näher", sagte die Dame. Und schüchtern trat Jacob in das hellerleuchtete Vorzimmer. Geblendet waren seine Augen von dem Glanz der hellen Gasflammen und die behagliche Wärme that ihm wohl. „Gnädige Frau Rechtsanwalt", stotterte er, „Ihr Sohn Fritz fiel und hat sich den Fuß verletzt. Ich war gerade dabei und nahm ihn mit nach Hause. Er kann aber allein nicht heimkehren, da —" „Die verlogene Judenbrut!" rief Johann zornig. „Du hast ihn gewiß mißhandelt, nun willst Du wohl noch für die schöne Nachricht Geld! — Ihr schachert ja um Alles, selbst um Menschenleben." „Schweig', Johann!" sagte die Dame. „Ich gehe mit Dir, oder nein, ich rufe meinen Mann." „Heraus", rief Johann, als die Frau sich entfernt hatte, „Du verpestest noch die Luft, Gesindel!" Er stieß Jacob auf den Flur hinaus und schlug die Thür zu." Nach langem Warten erschien dann der Herr Rechtsanwalt mit seiner Frau. Der Knabe grüßte achtungsvoll. „Nun, Kleiner, sage, was ist mit meinem Sohn?" „Ach, verzeihen, Herr Rechtsanwalt", schluchzte der Kleine, den die Aufregung, Kälte und endlich die herben Kränkungen muthlos und matt gemacht, „kommen Sie schnell zu uns. Fritz wird Alles sagen." Er eilte schnell voraus. Die Beiden folgten. „Eberhard", sagte die Frau, „geh' Du in's Haus. Ich kann keines Juden Schwelle betteten. Dieser Schmutz, dieser Geruch, der dort herrschen soll, würde mich krank und elend machen. Sobald Fritz heimkehrt, muß er ein Bad nehmen; ich kann's nicht erttagen, ihn so lange in einer solchen Umgebung zu wissen." „Sei kein Kind, Melanie, ich denke, kein Opfer durfte Dir zu groß erscheinen, um Deinen Einzigen aus irgend welcher Gefahr zu retten. Ich hoffe, daß Alles nicht so schlimm sein wird. Es handelt sich gewiß um einen übermüthigen Streich des Wildfangs. Sei stark, komm' mit." Bor der Hausthür empfing sie der Arzt. Als sie in das kleine, kalte, von ttübem Licht erhellte Stübchen traten, rief ihnen Fritz entgegen: „Mama, Papa, verzeiht mir noch dieses eine Mal, ich werde gewiß es nicht wieder thun!" Lang zurückgehaltene Thränen traten ihm in die Augen. „Was hat's denn gegeben", fragte der Vater stteng, der nun schon ahnte, daß es sich um einen schlechten Stteich handle. Fritz erzählte wahrheitsgetteu den Hergang. Frau Rechtsanwalt hatte inzwischen auf vieles Bitten von Frau Hanna, sich zögernd auf den sauber gescheuerten Holzschemel gesetzt und mittelst ihrer Lorgnette Musterung im Zimmer gehalten. Sie hielt ihr stark duftendes Taschentuch an die Nase und wagte kaum zu athmen. So aufmerksam sie auch um sich blickte, sie entdeckte keine Unsauberkeit in dem einfachen ärmlichen Stübchen und auch der so arg gefürchtete Knoblauchgeruch war nicht vorhanden. Als Fritz seinen Bericht geendet, ttat der Rechtsanwalt auf den kleinen Jacob zu und reichte ihm seine Hand. „Habe Dank, Du kleiner Held. Du hast Böses mit Gutem vergolten." Auch Frau Melanie reichte dem Kleinen die Hand. Fritz aber rief: „Singerchen, Du bist mein Freund, ich werde Dich lieb haben!" Der Vater verabschiedete sich schnell, um einen bequemen Wagen zu suchen, damit der Knabe nach Hause geschafft werden konnte. Fritz war inzwischen wieder froh geworden. Die Eltern zürnten nicht mehr und Singerchen saß neben ihm nnd sah ihn freundlich an und hörte seine Plaudereien.

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