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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1897-08-20 · 34 (20.8.1897) · page 13

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
14 (1897)
Issue
34 (20.8.1897)
Date
1897-08-20
Page
– (sequence 13)
Language
German
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Nr. 34 Vr. VlorVs Wochrnfchrif! Seite 697 Stein's Methode und die Geschichte der Ehe?) Jedes Problem bietet nach Stein der philosophischen Beleuchtung drei verschiedene Seiten dar, sofern man sich in die letzten Tiefen versenken will: seinen Ursprung, seinen geschichtlichen Werdegang und seinen augenblicklichen Stand „Machen wir uns nun klar", sagt Stein, „welches eigentlich jenes sociologische Problem ist, das sich hinter dem irreführenden Stichwort „Sociale Frage" verbirgt, so unterliegt es kaum einem Zweifel, daß letzten Endes die Formen und Bedingungen des menschlichen Zusammenlebens und Z usam menwirke ns das Wesendesselben ausmachen; auf das sociale Zusammenleben der Menscheu angewendet, lauten jene drei Momente 1)er sich von selbst einstellenden philosophischen Betrachtungsweise: 1. Ursprung alles menschlichen Gemeinschaftslebens; 2. geschichtlicher Werdegang der socialen Organismen — einmal in ihrem unbewußten Wachsthum, ein andermal in jenem reflectirtem Zustande, in welchem der in der anfkeimenden Philosophie zum Selbstbewußtsein erwachende Geist das menschliche Gemeinschaftsleben dem unbewußten Wachsthum entrücken will, um es bewußt umzuformen; 3. der augenblickliche Stand der socialen Probleme. Dabei sollen zunächst (in einer socialen Statik) die gegenwärtig herrschenden Formen des menschlichen Zusammenlebens in Familie, Gesellschaft, wirtschaftlicher Production, Staat und Kirche in scharf markirten, möglichst knappen Zügen festgehalten werden. Ein Querschnitt durch diese Formen wird uns alsdann die Möglichkeit eröffnen (mittelst behutsamer Anläufe zu einer socialen Dynamik), der voraussichtlichen Gestaltung dieser F o r m e n i n einer a b s e tzbar e n Z u k u n f t das Horoskop zu stellen." Unser Forscher will also die socialen Probleme in ihrem primitiven Werden und ihrem geschichtlichen Wachsthum belauschen, bevor er sich ein sachkundiges Urtheil über ihre voraussichtliche Entwicklung zutraut. Er faßt sein Vorhaben in die kurze Formel zusammen, er wolle die sociale Frage von der sociologischen Seite packen, anderseits ruft er die Formel Auguste Comte's ins Gedächtniß: Voir poiu* prevoir. Demgemäß hat das Buch drei Abschnitte. In dem ersten werden die Urformen des Gemeinschafts- und Gesellschaftslebens mit jener philosophischen und psychologischen Feinheit behandelt, die den oft plump und roh znfahrenden Materialisten der Ethnographie und des Racendarwinismns nur zu sehr abgeht; es folgt als zweiter Abschnitt ein Umriß einer Geschichte der Socialphilosophie von den Griechen bis zur Gegenwart (ein Umriß auf mehr als 300 Seiten!) endlich ein System der Socialphilosophie in ebenfalls gesund entwickelten „Grundzügen" (über 260 Seiten!). Hier wird die sociale Frage als Eigenthumsproblem wie auch als eine Frage der Religion, Kunst, Wissenschaft und Erziehung besprochen; diese Abtheilung gipfelt in einer Abhandlung über den „ewigen Frieden" und einer anderen über den „socialen Optimismus" mit der These: Nicht der Optimismus ist eine „wahrhaft ruchlose Denkungsart", wie Schopenhauer behauptet hat, sondern gerade die „Willensverneinung" dieses Philosophen ist es. Der Kenner wird schon aus diesen Andeutungen sowohl die erhabenen Ziele und das hohe. Niveau als auch die echt jüdischen Ideale unseres Philosophen erkennen. Und nun wollen wir zeigen, wie sich die so oft zur Erschütterung aller sittlichen Grundbegriffe mißbrauchte *) In einer Reihe von Artikeln, die auch unabhängig von einander gelesen werden können, bieten wir unseren Lesern Gelegenheit, die wichtigsten Gedankenzüge^ des hochstrebenden Werkes von Ludwig Stein: „Die sociale Frage''im Lichte der Philosophie" kennen zu lernen. Der vorstehende Artikel ist der zweite in der Serie. Geschichte der Ehe im Lichte von Stein's Philosophie darstellt. Man kann sagen, daß die Abnahme der Scheit vor der Heiligkeit der Ehe einen der bedenktichsten Punkte in der modernen Entwicklung bildet, einen jener Punkte, durch welche sie an den Sittenverfall zur Zeit des sinkenden Römerreiches — beinahe hätten wir geschrieben: des stinkenden Römerreiches — leider einigermaßen erinnert. Es hangt dies offenbar mit der zu geringen Bestrafung des Ehebruches durch Gesetz und Sitte zusammen. Wenn mir Jemand meine Brieftasche mit ein paar lumpigen Zehnern stiehlt, so kann er unter Umständen mit fünf Jahren schweren Kerkers bestraft werden: wenn er mir aber das Weib verführt und beschmutzt, das der kostbarste Preis meiner Lebensarbeit gewesen ist, so kommt er mit ein paar Wochen davon. In der „feinen" Gesellschaft vollends ist nicht der Verführer, sondern der Ehemann ein Opfer der Lächerlichkeit; kann der Verführer die Waffen besser handhaben, so muß der Ehemann, wenn er sein Leben lieb hat, beide Augen zudrücken. Ist das ein überhaupt erträglicher Zustand? Das haben die Engländer ganz anders ringe richtet. Von einem Duell ist keine Rede, ebensowenig von Verhöhnung des Ehemannes. Es wird ein Proceß öffentlich und rücksichtslos durchgeführt, in welchem jedes eynische Detail des ungesetzlichen Verkehrs durch die erbarmungslosen Kreuzverhöre der Advocaten der Schadenfreude und Klatschsucht von ganz England preisgegeben wird; Verführer und Verführte werden durch tagelange Berichte der Presse dem Hohn und der Entrüstung aller Tngeudhasten preisgegeben: es ist eine moralische Steinigung und endet erst mit einer Geldstrafe, welche für den Verführer ihrer enormen Höhe wegen eine Vermögensconfiscation bedeutet. So tragen sich die Dinge in Altengland zu; und in der Dhat ist dort ein Respeet vor der Ehe verbreitender nur in der altjüdischen Scheu vor der „ejsches isclG Seinesgleichen findet. Was bedeuten dagegen die 50, sage fünfzig Vernrtheilnngen wegen Ehebruch, die im Vorjahre in ganz Deutschland zusammen vorgekommen sind, und diese 50 meist nur behufs Begründung einer Scheidungsklage und bequemer Wiederverheiratung! Diese Lockerung des heilsamen Respeetes vor der Ehe hat auch darin ihren Ausdruck gefunden, daß ein so einflußreicher Volksführer wie Bebel gewagt hat, die Reinheit der Ehe als Privatangelegenheit hinzuftellen, die den Staat eigentlich nichts angehe. „Wie ich esse, wie ich trinke, wie ich schlafe und mich kleide, ist meine persönliche Angelegenheit, ebenso mein Verkehr mit der Person eines andern Geschlechts!" sagt er in seinem frivolen Buche über „die Frau" (25. Auflage 1895, Seite 418). Nichts Hai den Socialisten bei dem letzten Wiener Wahlkampf so sehr geschadet. wie diese freien Ansichten über die Ehe, die von ihren scrupellosen „christlich-socialen" Gegnern noch übertrieben dargestellt wurden. Es sind die extravaganten Folgerungen aus jenen Forschungen über die Urgeschichte der Ehe. welche Stein so besonnen ans ihr richtiges Blaß zurückzuführen weiß. Bekanntlich wogt auf diesem Gebiete der Streit zwischen Morgan („Aneient Society“, übersetzt: „Tie Urgeschichte", Verlag von Dietz in Stuttgart» und Westermarck („Geschichte der Ehe", 1893) noch immer unentschieden hin und her. Morgan hält die Hypothese von der ursprünglichen Promiscuität für erwiesen, Westermarck glaubt an einen ursprünglichen monogamischen Trieb des Menschen. Beide haben zahlreiche Anhänger hinter sich. Man findet das ganze prähistorische Material in Johann Ranke's bekanntem Werke „Ter Mensch", 2. Auflage, Wien und Leipzig, 1894. Uns interessirt hier vor Allem die Methode und Stellungnahme Stein's. Vor Allem verlangt er als gefchulter Philosoph die genaue Begriffsbestimmung der Ehe. Er unterscheidet nach Hellwald die Ehe vom bloßen Beweibtseiu des Mannes,

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