Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1897-08-20 · 34 (20.8.1897) · page 12

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
14 (1897)
Issue
34 (20.8.1897)
Date
1897-08-20
Page
– (sequence 12)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3020846-3021169-3021203--07037-3031346
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seile 696 Dr. Vlvch's Mochenlrtzrist Nr. 34 Scheiterhaufen. Da kehrt Christus nochmals auf Erden zurück; er erscheint in Sevilla, in der allerschrecklichsten Zeit der Inquisition, als Gott zu Ruhm und Ehre täglich Scheiterhaufen im Lande loderten, und: In mächtigen Autodafes Versenget wurden die bösen Kcver. Mir unwiderstehlicher Gewalt drängt sich das Volk zu Ihm, es umringr Ilm, es sammelt sich um Ihn, folgt Ihm nach. Schweigend schreitet er durch die Menge mit dem stillen Lächeln unendlichen Mitleids. Eine Sonne der Liebe brennt in Seinem .Herzen, aus Seinen Augen brechen Strahlen des Lichtes, der Erleuchtung und der Kraft, und auf die Menschen sich ergießend, machen sie ihre Herzen von (9 cgcnlicbe erbeben. Cr streckt ihnen die Hände entgegen, Cr segnet sie, und von Seiner Berührung, ja jclbft von der Berührung Seiner Gewänder geht heilende Kraft aus .... Siche, .... da gehr aus dem Platze an der Kathedrale der Cardinal-Großinquifitor vorüber. Cs in ein fast ncunzigsähriger Greis, hoch und aufrecht, mit verdorrtem Antlitz, mit eingefallenen Augen, aus denen aber ein Glanz wie I-cnersunken leuchtet." . . . Wie der sicht, das; das Volk Christo zusrrömt, „da streckt er den Finger aus, und befiehlt den Wachen Ihn zu ergreifen." In den Kerker bringt man Christum und dort sucht Ihn in der Nacht der Großinquisitor aus. „Mau hat Dich gewarnt," sagt er Ihm, „Tu littest nicht Mangel an Warnungen und Ratl,schlagen, aber Tu Haft nicht aus die Warnungen gehört; den einzigen Weg, aus welchem cs möglich war, die Menschen glücklich zu machen, hast Tu verworfen, aber zum Glück bist Tu gefangen und hast das Werk uns überlassen. Tu Haft cs verheiften, Tu Haft es bestätigt, Tu hast uns das Recht verliehen, zu binden und zu lösen, und Du selbst kannst, versteht sich, nicht daran denken, uns dieses Rechtes wieder zu cntklcidcu. Warum bist Tu gekommen, uns zu stören -?.... Morgen wirst Tu die gehorsame Heerde scheu, welche beim ersten Winke meiner Hand hinstürzen wird, heiße Kohlen unter Teinem Scheiterhaufen zu schüren, aus welchen ich Tich dafür verbrennen werde, das; Tu gekommen bist, uns zu stören. Tenn wenn Jemand unseren Scheiterhaufen verdient hat, so bist Tu cs. Morgen verbrenne ich Tich. Dixi!" .... Im Alterthum waren Glaubeusverfolgungen eine Seltenheit. Die „lebenden Fackeln" des Nero waren eine Ausnahme: diese brennenden Christen waren nichts als eine bestialische Künstlercaprice; sie sollten kein den antiken Göttern gefälliges Werk sein, und die Christenverfolgungen und der Ruf im Circus: „Nieder mit den Atheisten, mit den Christen vor den Löwen", so schrecklich er war, schwerlich hat er in drei Jahrhunderten mehr Opfer gefordert, wie das Lebenswerk selbst nur einiger weniger Großinquisitoren. Den Charakter Philipps II. zu schildern, ist hier nicht der Platz; aber eines Ausspruches mag Erwähnung geschehen, den er mit brechendem Auge auf feinem Todtenbette am 13. September 1598 gethan hat. Philipp behauptete, daß er in der festen Ueberzeugung die Augen schließe, nie wissentlich etwas Böses gethan zu hüben. In diesem Augenblick kann Philipp II. nicht mit Bewußtsein gelogen haben; was er im Leben vollbracht hatte, stellte sich ihm in großen Zügen als ein Gott wohlgefälliges Werk hin, als ein Werk zu Ehren der katholischen Kirche. Welche Bilder zogen wohl an dem Auge des Sterbenden vorüber, der sich keiner wissentlich bösen That bewußt war? - Die jüdischen Flüchtlinge aus Spanien fanden Zuflucht in den Niederlanden, wo bald Handel und Verkehr, Kunst und Wissenschaft zur hohen Blüthe gelangten. (Cariesius und Spinoza.) Die Niederlande und Flandern, die Spanien unterworfen waren, bildeten den schroffsten Gegensatz zu dem gebietenden Lande. Hier herrschten die volkswirthschaftlichen Anschauungen des Mittelalters, dort die der Neuzeit. In Spanien ward der, welcher arbeitete, verachtet, ausgebeutet und ausgeplündert von den bevorrechteten Ständen; der Adelige führte das Sprichwort im Munde: „Wer Mauren hat, hat Gold", bis auch mit der Vertreibung der Mauren und Juden diese Einnahmequelle versiegte. Dort ein ganzes Volk an der Arbeit und jeder zu seinem eigenen Nutzen schaffend. Von den fünf Millionen in Gold, die Karl V. aus allen seinen Reichen zog, kamen zwei Millionen aus den niederländischen Provinzen und nur eine halbe Million aus Spanien. Anversa e stimata la roaggiore piazza del mondo sagt ein italienischer Beobachter; „im Ackerbau, Handel, Manusactur waren die Niederländer die erste Nation der Welt." Die Provinz Holland allein brachte für den Krieg gegen Spanien jährlich zwei Millionen Gulden auf. Die eine Nation in materieller Blüthe, die andere, die für die erste der Welt galt, sank von der Thronbesteigung Philipps II. bis zum Jahre 1594 von ungefähr 10 Millionen auf 8,206.791 Einwohner herab. In der Schätzung der Zeit stellte man Spanien am höchsten, dann folgte Frankreich; aber an dritter Stelle die Provinzen, jenes winzige Gebiet. Das war die Wirkung der Anfänge moderner Volkswirthschaft, die auf kleinstem Raum die Kräfte in ungeheuerster Weise steigerte, in solchem Maße, daß beim Zusammenstoß zwischen den aufständischen Niederlanden und Spanien das mittelalterliche Weltreich eine tödtliche Wunde erhielt. Die Intoleranz ist das Verhängniß der Völker, das Grab ihres Wohlstandes. Es ist eine charakteristische Thatsache, daß der Einfluß der Juden in direktem Verhältniß zur geistigen Cultur und dem materiellen Wohlbefinden der Völker, unter denen sie wohnen, steht. Der jüdische Einfluß steigt mit der entwickelteren Cultur der Völker und erreicht seine Höhe in Deutschland, Frankreich, England und Italien. In Deutschland macht er sich in hervorragender Weise in Berlin, am wenigsten im Königreich Sachsen geltend. Im antisemitischen Sachsen ist die jüdische Bevölkerung verschwindend klein (auf 3'/, Millionen Einwohner kaum circa 8000 Juden). Unter diesen Umständen sollte doch wenigstens Sachsen mit seiner beinahe arischen und christlichen Bevölkerung das Eldorado Europas sein! Aber Sachsen zeichnet sich ans durch die hohe Ziffer der Selbstmorde, und kein Theil des Deutschen Reiches, kein Land in Europa zeigt eine solche Macht und ein so auffallendes Wachsen der socialdemokratischen Partei — diesen besten Barometer für die Unzufriedenheit der breiten Schichten der Bevölkerung — wie gerade Sachsen. Man hat nicht umsonst das Gift des Antisemitismus in diesen Boden gepflanzt, er trägt die Früchte, die man gesäet. In Berlin ist die Wiege des Antisemitismus, aber gerade hier findet derselbe auch den kräftigsten und erfolgreichsten Widerstand. Der außerordentliche Aufschwung Berlins erregt die Bewunderung der Welt. Die musterhafte Verwaltung, die hygienischen Anstalten und Einrichtungen, die die Sterblichkeit in den letzten 30 Jahren um 30 Percent vermindert und Deutschlands Hauptstadt zu einer der gesündesten Städte der Welt gemacht haben; die umfassendsten Maßregeln zur Linderung und Hebung offener und verschämter Armuth; die unvergleichliche Sorge um die Erziehung der Jugend machen Berlin zum Vorbild der Städte und Staaten. Nirgends pulsirt das intellektuelle Leben kräftiger; das ganze Volk nimmt lebhaftesten Antheil an allen Errungenschaften und Aufgaben des menschlichen Geistes. Und wie in der hellenischen Blüthezeit, dem perikleischen Zeitalter, die Vermehrung des materiellen Wohlstandes gleichen Schritt hielt mit der geistigen Entwicklung, so ist auch der Reichthum Berlins in den letzten Jahrzehnten in auffallender Weife gestiegen. Durch die liberale und tolerante Bürgerschaft vielfach in die Communal-Verwaltung gewählt, nehmen die Juden in erfolgreicher Weise Antheil an der Verwaltung der Stadt. Zahllose große Unternehmungen sind durch sie ins Leben gerufen, ein großer Theil der prächtigen Neustadt Berlins ist auf ihre Initiative gebaut. Sie haben mächtig dazu beigetragen, Berlin zu einem der ersten Industrie- und Handelsplätze der Welt zu machen. Das entjudete und judenrein gebliebene Spanien ist der Hauptherd der anarchistischen Propaganda geworden. „Wo Aas ist, sammeln sich die Geier." Wo die wirthschaftlichen Verhältnisse des Staates zerrüttet, die Erwerbsverhältnisse der großen Massen der Bevölkerung elend, unter aller Beschreibung sind, wo Hunderttausende jahraus jahrein langsam, aber sicher verhungern, wo in Folge des Regierungssystems, des Darniederliegens des Unternehmungsgeistes Industrie und Gewerbe stagnireu, während gleichzeitig Grund und Boden das Eigenthum einiger wenigen Latifundien-Besitzer bildet und in Folge dessen dem Besitzlosen keine Hoffnung winkt, aus dem tiefsten Sumpfe des wirthschaftlichen Jammers sich jemals eniporzuarbeiten, da steigert sich die Empfindung des Elends zur Verzweiflung, da schlägt die Ergebung in wilden Haß gegen alles Bestehende um und der Anarchismus wird zur politischen Formel des hoffnungslosen Proletariats. Die Hoffnungslosigkeit beginnt in Verzweiflung umzuschlagen. Was Wunder, daß Spanien zu seinen zahlreichen Umsturzparteien, den Carlisten und Communisten, den Republikanern und Pronunciamentisten, auch die Anarchisten in immer sich steigernde Bewegung gesetzt sieht? Die Lage in dem unglücklichen Königreiche ist eine solche, daß reden Augenblick eine Katastrophe für das Königthum hereinbrechen kann. Nur ein rascher Systemwechsel vermag vielleicht noch zu helfen, wenn es für einen solchen nicht bereits zu spät ist.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.