Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 14 (1897)
- Issue
- 34 (20.8.1897)
- Date
- 1897-08-20
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 688 Vr. BLvch's Wochenschrift. Nr. 34 Als er die Psalmen commentiren wollte, gab er sich Mühe, von einem Rabbi das Verständniß derselben vermittelst der Traditionen sich eröffnen zu lassen. Origines, epist. ad Africanum 7, Contra Celsum I 45. 55. 56. II. 31. In Origines lebte noch das Bewußtsein, daß Christenthum und Judenthum zusammengehören und von einander nicht zu lösen sind. Auch über die „Schlechtigkeit der jüdischen Race" findet man bei dem heiligen Origines ein interessantes Capitel. „Wir haben schon früher", so sagt er in der Schrift Contra Cels., „nachgewiesen, wie vorzüglich und bewunderungswürdig der jüdidische Staat, so lange noch die Stadt und der Tempel Gottes stand, eingerichtet gewesen. Wer über die Absichten des jüdischen Gesetzgebers gründlich Nachdenken und seine Gesetzgebung mit denen der übrigen Welt vergleichen will, wird finden, daß kein Volk der Welt mehr als das jüdische bewundert zu werden verdient... Hier kannte man keine Kampfspiele_duldete man keine Weiber,, die sich jedem Wüstling preisgeben. Und welch' ein Glück war es, daß dieses Volk von frühester Kindheit erzogen wurde, seinen Geist über alles Sinnliche zu erheben, zu glauben, daß Gott in seiner Unkörperlichkeit nur rein geistig gefaßt werden könne! Wie nützlich, daß dieses Volk die Lehren von der Unsterblichkeit der Seele, von den Strafen und Belohnungen im Jenseits, wie man zu sagen pflegt, mit der Muttermilch einsog und es fast noch früher begriff, als es recht sprechen lernte ... Ein Volk, welches Erbe und Eigenthum Gottes genannt wird, müßte dies thun... nicht aus demselben Grunde bei ihren alten Gesetzen festhalten, aus welchen die anderen Völker bei den Ihrigen verharren; sie vielmehr, die Juden, müssen demwch nicht... wären höchst strafwürdig, wenn sie die Vorzüglichkeit und Vortrcfflichkeit ihrer Gesetze nicht anerkennen." „E e l s u s sage was er will, die Juden sind doch weiser und verständiger, nicht nur als der gemeine Mann, sondern selbst als Jene, welche sich „Weltweise" heißen." Origines Oe Principiis, lib. II. c. 4. Die heutigen katholischen Cooperatoren und Capläne reden im Geiste und im Style des alten Heiden Celsus, welcher der ärgste Feind des Christenthums war. Interessant ist ein weiterer Ausspruch des heiligen Origines: „Unsere Gegner dürfen sich nicht darauf stützen, daß dem Gotte des A. T. Zorn, Reue und allerlei Affecte zugeschrieben werden; denn auch im N. T. kommen derlei Dinge von Gott vor (wie Luc. 19). Solche Ausdrücke wollen auf eine der Gottheit entsprechende Weise aufgesaßt werden." Auch die Commentarien des syrischen Kirchenvaters E p h r a e m, Diaconus von Edessa, gest. 378, sind mit Elementen der Rabbinischen Agada gefüllt*), die er von einem jüdischen Lehrer „Ebroi" empfangen habe. Ebenso wird die Rabbinische Agada von dem Kirchenvater Justin Martyr, der wider das Judenthum polemisirt, gekannt, und hätte er nur den einzigen Satz ans dem Talmud citirt (Oiai. eonti-. Tr. c. 8, p. 32 ff.), daß die Tugendhaften der Heiden der ewigen Seligkeit theilhafüg werden. Sanh. 405 a, so könnte sein Charakter gewürdigt werden. Der heil. Hieronymus hatte das Hebräische mit großer Anstrengung erlernt, mit einem Aufwand von Fleiß und Zeit, über welche.er oft Klage führt. (Ep. ad Eustachium XXII 7, ad Rustic. IV.) Nachdem er 385 sich nach Palästina eingeschifft, suchte er mit Beihilfe sachkundiger Juden aus der rabbinischen Hochschule zu Tiberias sich genaue Kenntniß des Landes anzueignen. 390 verfaßte er die Schrift: „Lösungen einzelner schwieriger exegetischer Fragen in der Genesis, nach hebräisch en Traditionen", die, von bleibendem Werthe, allgemeine Anerkennung gefunden. Der Kirchenvater ließ sich von vielen Rabbinern unterrichten, sehr oft nennt er in den Comment. einen »Hebräus, qui me in sacris scripturis erudivit« (Am. III. 11; Nah. I, G; II, 18 Zach. XIV, 10 Mal. II, 13). Auch (praef II in Paralip.) spricht er von sehr gelehrten Hebräern, Talmudisten, in deren Gesellschaft er ganz Palästina bereiste. Einen seiner Lehrer nennt er mit Namen: „Baranina", d. h. Bar Chanina oder Bar Rabbanum, aus Tiberias, welche Namen im Talmud häufig zu lesen sind. — Ein anderes Mal nennt er einen Lydenser seinen Lehrer, der bei Hebräern als bedeutender Gelehrter galt. Mit Beihilfe dieser Rabbiner hat Hieronymus die in der katholischen Kirche canonisch gewordene Vulgata geschaffen; sie allein haben ihm die Uebersetzungsthätigkeit möglich gemacht. Beim Buche Tobias hatte er sich die Sache so einge¬ *) Vergl. Dr. G e r s 0 n - die Commentarien des Ephr. Syr. Lengerke, Oe Ephraemi §iri arte Nermeneutica über. richtet, daß der Rabbi den Text vorab aus dem CHaldäischen ins Hebräische übersetzte, und der Kirchenvater ihn dann ins Lateinische übertrug. In Ep. 139 gedenkt er dankbar des chaldäischen Lehrers, von dem er viel gelernt hat; er nennt die Talmudjuden Sophoi h. e. sapientes und weiß von der Art ihrer Borträge zn referiren. Quest. Algas X. Wie hoch der Kirchenvater die rabbinischen Traditionen gestellt hat, zeigt die Stelle: (Ad Marcellum epist.) „Dies haben wir aus der innersten Quelle der Hebräer geschöpft und folgten nicht dem Fluße der Meinungen und Jrrthümer, von denen die ganze Welt erfüllt ist. Abgeschreckt von dieser Verschiedenheit (der Meinungen und Ansichten bei Auslegung der Schrift), streben wir nur dasjenige zu wissen und zn lernen, waswahri st." An einer anderen Stelle erinnert er: „Selbst Origen es, Clemens, Eusebius und andere mehr, wenn sie irgend über Schriften disputiren, und das, was sie sagen, beweisen wollen, pflegen folgendermaßen zu schreiben: Ein Hebräer erzählte mir es; ich habe es von einem Hebräer gehört; dies ist eine Meinung der H e b r ä e r." Auch der berühmte katholische Schriftsteller M 0 l i t 0 r (Philosophie der Geschichte Bd. I., S. 447. Münster 1857) zeigt, daß nicht blos die obengenannten Kirchenväter, sondern auch T e r t u l l i a n bei den Talmudisten gelernt und talmudische Traditionen in seine Schriften ausgenommen hat. „Aus diesem Allem geht hervor, daß die alten Väter der Kirche die jüdische Tradition für echt gehalten haben", sagt M 0 l i t 0 r. „Franz Molitor war eine der vollgiltigsten Autoritäten über Judenthum und Christenthum", sagte die „Wiener Kirchenzeitung" vom 11. April 1860. Zwischen Rabbinen und Kirchenvätern bestand ein reger Verkehr, die großen Lehrer des Christenthums wurden nicht müde, den Zusammenhang zwischen Christenthum und Judenthum zu betonen, und die Vornehmsten derselben nehmen Belehrung entgegen im rabbinischen Lehrhaus! Heute wächst in der katholischen Kirche ein junges Theologengeschlecht heran, welches protzenhaft mit seiner Unwissenheit prahlt. Diese jüngere Generation der Capläne, welche hochmüthig feiner Ignoranz sich rühmt, kann wohl des Umganges mit Rabbinern entbehren. Die jüdischen Theologen verzichten gerne auf den Vortheil dieses gesellschaftlichen Verkehrs. Belehrung und Anregung ist von „derlei Leuten" nicht viel zu erhoffen. Wie aber wirklich hochstehende christliche Theologen, welche in der europäischen Gelehrtenwelt einen unbestrittenen Ruf genießen, von ihren jüdischen Collegen und Berufsgenoffen denken, zeigt nachstehender Brief, den der berühmte französische Kanzelredner Pater Hyacinthe Loyson während seines jüngsten Aufenthaltes in Rom an den dortigen Großrabbiner gerichtet hat: „An den Großrabbiner in Rom A. M. Angela Fornari. Rom, den 24. April 1897. Herr Großrabbiner! Es ist mir ein Bedürfnis, Ihnen im Namen meiner Frau sowie in den weinigen für die Aufnahme zu danken, die Sie uns gestern Abend in der Synagoge bereitet haben, dem ältesten Tempel der fünf Synagogen Roms, wohin trotz der ohnmächtigen Verfolgungen der Kaiser und später unter dem Schutz aufgeklärter Päpste, die Israeliten der ganzen Welt gekommen sind, um Jahrhunderte lang Zuflucht zu finden. Dort hat vielleicht St. Paulus gebetet und gestritten, der, indem er das Evangelium predigte, es mit lauter Stimme aussprach, daß er in Fesseln läge des Heiles Israels wegen, das; er nichts gethan hätte gegen die Gebräuche seiner Väter, und daß, wenn er sich an Cäsar gewandt hatte, es nicht in dem Sinne geschah, seine Nation anzuklagen. (Buch der Apostel. Capitel XXVIII, Vers 17 und 19.) An ihrer Seite, Herr Großrabbiner, haben wir an einem erhabenen Gottesdienst uns betheiligt, an dem Christen theilnehmen konnten, ohne buch nur im Geringsten in ihren heiligen Gefühle» verletzt zu werden. Am letzten Tage des Osterfestes war es, als wir durch einen gewaltigen Chor Jehovah für die seinem Volke wiedergegebene Freiheit haben rühmen und den Untergang des alten Pharao und seiner Nacheiferer, der Antisemiten aller Zeiten, haben preisen hören. Israel ist immer das Volk Gottes. Für Diejenigen, welche unsere heilige Schrift, das Juden und Christen gemeinsame Alte Testament, sowie das Neue mit Auftnerksamkeit lesen, gibt es nichts Räthselhafteres als das Schicksal dieses Volkes. Heute sowohl wie in den Tagen des großen Apostels, den zu citiren Sie mir nochmals gestatten müssen, ist es das auserwählte Volk, dem die Offenbarungen Gottes anvertrant wurden, es ist der fruchtbare Oelbaum, auf welchen wir Kinder civilisirter oder wilder Heiden gesetzt sind, um den Saft zu schöpfen und die Früchte davon zu tragen. (Epistel an die Römer, Capitel IV und VI.) Deshalb kann ein Christ