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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1897-08-20 · 34 (20.8.1897) · page 3

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
14 (1897)
Issue
34 (20.8.1897)
Date
1897-08-20
Page
– (sequence 3)
Language
German
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'Kr. 34 Vr. SpoürrnlrtzrM. Seite 687 eiltziehen und dieselbe der christlich-socialen Parteileitung zu übertragen. Es gibt aber Leute, die daran nicht recht glauben wollen. Sie sagen: Vergani ist keine Obligation, er wird nicht so spurlos ans der Gesellschaft der Schneider und der Mittermayer verschwinden, und in Ermanglung der Mühldorfer Gemeindeumlagen bilden auch die Abgeordneteu-Diäten ein sicheres, nicht zu verschmähendes Einkommen. Darum hat das denkwürdige Schreiben, mit dem die Conferenz der christlich-socialen Parteileitung die Mandatsniederlegnngen des VergarE quittirt hat, einigermaßen überrascht. Mag sich Vergani immerhin die tröstliche Versicherung, daß er in der Lueger'schen Hochachtung nicht gesunken ist, hinter den Spiegel stecken, Thatsache ist es, daß die Erklärung der Parteihäupter für die Vergani'sche Resignation nur ein kühles „Bedauern" enthält, und daß diese Herren sich keineswegs beeilen, nach den nothwendigen Vorsichtsmaßregeln, d. h. nachdem sie sich die Taschen zugeknöpft, Uhren und Brieftaschen in Sicherheit gebracht haben, Herrn Vergani wieder auf den Schild zu heben. Ernst V e r g a n e w wird von der christlich-socialen Eohorte nicht mehr in den Reichsrath candidirt werden. Nicht etwa, daß die Ehrenmänner der Parteileitung an übertriebenem Reinlichkeitsgefühl leiden würden und an Jemandem nicht anstreifen wollten, der selbst mit dem Aermel an das Zuchthaus gestreift hat. Gott behüte! „Uns von der antisemitischen Eavallerie, Genirt so was nie!" Im Gegentheile, der Mann hat unter Seinesgleichen sicherlich an Achtung gewonnen. Kein Schneider wagt es, ihn von oben herab zu behandeln, und der Mittermayer, der sich zeitlebens mit Risconti- Lappalien abgegeben hat, dürfte den verdienstvolleren Obligationenschätzer zuerst grüßen. Wenn die Herren am Franzensring nur unter sich wären! Aber das ist das Unglück. Im Sitzungssaal des Abgeordnetenhauses befindet sich eine überaus gemischte Gesellschaft. Nicht alle Kronländer haben den Gipfelpunkt der niederösterreichischen Vornrtheilsfreiheit erklommen. Es gibt Kronländer. deren provinziale Beschränktheit so weit geht, lauter unbescholtene Leute in die gesetzgebende Körperschaft zu entsenden. Dieses Fußvolk, diese unscheinscheinbaren, unbedeutenden Infanteristen, auf welche die antisemitische Eavallerie, prächtig angethan mit der Uniform vielfarbiger-Gesinnung, stolz hinunterschaut von der unnahbaren Höhe ihrer nngenirten Moral¬ und Eigenthumsbegriffe, könnte unmöglich das Verständniß dafür haben, wie vollkommen Ernst Verganew dem Idealbild eines Volksvertreters entspricht. Das sind Leute, welche zufälliger Weise nichts gestohlen, nichts veruntreut, nichts unterschlagen haben, und die könnten sich mit jenen Männern, die zufälliger Weise Geschworne geworden sind und Herrn Verganew so deutlich und vernehmlich die Worte „Dieb!" und „Defraudant!" entgegengerufen haben, begegnen. Diese inferioren Abgeordneten würde es gar »ehr geniren, mit dem Verjährungs- Verganew in einer Körperschaft zu sitzen, die würden die schöne Unbefangenheit der antisemitischen Eavallerie vermissen lassen, welche ein Schneider, ein Mittermayer, ein Verganew nie genirt hat. Und das scheint der wackere Ehren—bürger von Mühldorf bei — Stein selbst einzusehen. D'rum macht er einen feinen Unterschied und in seinem Schreiben an den Landmarschall von Niederösterreich spricht er die Hoffnung aus, daß sein Bezirk bald wieder einen Vertreter bekommen würde, eine Erwartung, die er bezüglich des Reichsrathsmandates nicht ausdrücklich zu äußern für nothwendig hält. Denn im niederösten'eichischen Landtage sind die Herren von der antisemitischen Eavallerie ungestört, die paar liberalen Waschlappen, die im Compromißwinde hin- und herwehen, zählen nicht. Dort sitzen keine Deutschböhmen, und dort fehlen die berserkerhasten persönlichen Gegner Verganew's, die Schönerer und die Wolf, die immer auf's Neue in den Mistkübeln von Mühldorf herumstieren würden. Im Landtag gibt» ein Wiedersehen, dort wird sich der Wackere von den Strapazen des Gerichtsaales ausruhen. Dort winkt ihm die süße Erholung und Labsal. Herr Lueger behält das „Deutsche Volksblatt" als Parteiorgan, er b e d a n e r t, daß Vergani sein Mandat so rasch zurückgelegt hat, kann aber jetzt nichts mehr thun, wenigstens was den Reichsrath betrifft. Mit dem Landtage ist es eine andere Sache. Und der Landtag wäbll den ^andesansnhuß lind der hat ia — Gemeindegelder zu verwalten. Dort ist Herr V e r g a n i seiner Partei willkommen. Dort befindet er sich unter Seinesgleichen. „Uns von der Eavallerie Genirt so was nie!" Cooperator und Rabbiner. Aus Groß-Enzersdorf wird urls geschrieben: Bei der vor Kurzem stattgefundeneu Grundsteinlegung 51t dem Bane des hiesigen jüdischen Bethauses, der auch in Vertretung des Pfarrers Cooperator Max O t t anwohnte, hielt Statthaltereirath Baron Hock eine Ansprache, in der er unter Anderem wörtlich sagte: „Mit herzlicher Freude constatire ich, daß hier auch der h 0 ch w ü r d i g e Vertreter der katholischen Pfarrgemeinde erschienen ist, den ich auch auf das Wärmste begrüße. Es gereicht mir dies zu besonderer Befriedigung, weil ich darin ein Anzeichen erblicke, daß die Vertreter der katholischen Kirche mit den geistlichen Functionären Ihrer Glaubensgemeinde das Bestreben bekunden, freundschaftlich und ich möchte sagen kameradschaftlich nach dem gleichen Ziele hinwirken. Das bietet die Gewähr, daß auch in Zukunft der Geist der Duldung, der Toleranz in dieser Stadt walten werde." Die Worte gaben Anlaß zn einer mit großer Intensität betriebenen Hetze in christlich-socialen Kreisen gegen den Bezirkshauptmaun Baron H 0 cf. In den antisemitischen Blättchen wurde das Auftreten des Statthaltereirathes als „Tactlosigkeit", „Provocation" bezeichnet, und das „christliche Volk" aufgefordert, Protest gegen die Worte des Floridsdorfer Bezirkshauptmannes einzulegen, denn „es sieht in seinen geweihten Priestern doch noch etwas Anderes als Kameraden von Rabbinern und Schächtern". Der Cooperator Max Ott, der, wie erwähnt, der Feier angewohnt hat, sah sich veranlaßt, folgendes Schreiben der Oeffentlichkeit zu übergeben: „Auf die wiederholte Einladung der Vertreter der jüdischen Gemeinde war ich als Vertreter des hochwürdigen Herrn Pfarrers bei der Feier erschienen, obwohl ich im vergangenen Jahre vom hiesigen jüdischen Schächter wegen Aufreizung gegen die jüdische Religion bei den Behörden verdächtigt wurde. Mail hat mir auch wegen dieser meiner Anwesenheit den Vorwurf gemacht, als wäre ich dadurch m einen a n t i s e m i tis ch en P r i n c i p i e» u „ t r en geworden. Das ist jedoch meiner Ansicht nach nicht der Fall, da ich nur beweisen wollte, daß man die Juden nicht wegen ihrer Religion, sondern nur wegen der in der Rare liegenden Fehler und der dadurch erzeugten 'Auswüchse bekämpfe, ttzegen , eine st a 111 e r a d schaft aber mit R a b b i n e r n oder S ch ä ch t e r n v e rwahre ich mich auf das E n t s ch i e d e n st e als katholischer P r i e st e r. Ich habe noch nie das Bedürfnis; gefühlt, mit derlei Leuten in ein freundschaftliches oder gar kämeradfchaftliches Verhältniß zu treten. Mir waren die Worte des Herrn Baron H 0 ck höchst peinlich, und hätte ich voransgetvnßt, daß sie fallen würden, so wäre ich lieber fern geblieben, und hätte ruhig den Vorwurf der I n t 0 l e r a »;, den man so gerne der katholischen Kirche speciell macht, ii b e r m ich er g e h e n l a s s e n. Max Ott, Cooperator. Das offene Schreiben des Cooperators lvurde im ganzen Bezirke massenhaft verbreitet. Man darf nicht befürchten, daß der Rabbinerstand ob dieser frechen Jnsultirung sich besorlders gedemüthigt erachten würde. Daß junge Cooperatoren. heutzutage amüsanteren Umgang und kurzweiligere Gesellschaft zu finden wissen, als Unter Haltungen mit Rabbinen, war Jedernrann seit Langem bekannt, und wer es nicht weiß, hat ja häufig Gelegenheit ans der Rubrik „Gerichtssaal" in den Tagesblättern es zu erfahren. Ueberrascht hat lediglich, daß der Herr Cooperator nicht zu wissen scheint, daß Jesus von Nazareth sich stets „Rabbi" nennen ließ! Der Herr Cooperator verwahrt sich gegen den Umgang „mit derlei Leuten", dagegen verschmähte es der heilige Origines nicht, bei einem Rabbi in die Schule zu gehen, über schwierige Stellen der Bibel bei ihm Rath zu holen. Seinen talmudischen Lehrer nennt Origines den Patriarchen Jellos oder Huillus (Selecta in Psalmos I., Seite 414) und er gesteht oft, daß der Jude sein Lehrmeister war in der Kenntniß der richtigen Schriftausleguug; daß er während feines abwechselnden längeren Aufenthaltes in Judäa viel erfahren habe

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