Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 14 (1897)
- Issue
- 33 (13.8.1897)
- Date
- 1897-08-13
- Page
- – (sequence 16)
- Language
- German
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Seite 680 Dr. Vloch's Wochenschrtst Nr 33 sich diese biederen Arier während der Wassernoth benommen haben. Kaum war es ortsbekannt, daß der Bahnverkehr unterbrochen, inscenirten die arischen Lebensmittelverkäufer eine unerhörte Preissteigerung und beuteten das consumirende Publicum in niederträchti g st e r, schamloseste r Weise ans. Für ein Ei forderte man 20—30 Kreuzer, für ein Deka Schinken, das tagsvorher 3 Kreuzer kostete, mußte man 40-50 Kreuzer bezahlen u. s. w. S e. Majestät der Kaiser, der von diesem unerhörten Bewuchernerfuhr, sprach hierüber seineunverhohlene Mißbilligung aus, und diesem Eingreifen von allerhöchster Stelle aus ist es zu danken, daß den allergrößten Excessen Einhalt geschah. Welcher Lärm wäre antisemitischerseits geschlagen worden, wenn sich Juden eine derartige Frnctificirung eines elementaren Ereignisses zu schulden hätten kommen lassen! Viele Curgäste haben, empört über diese arische Unverschämtheit, Ischl bereits verlassen. Das antisemitische „Deutsche Volksblatt" bringt in der letzten Sountagsnnminer einen „Leitenden" — „fort mit den Lebensmittelwucher", nun weiß dieses biedere Blatt die Adresse an welche es sich diesbezüglich zu wenden hat. Eine charakteristische und symptomatische Episode aus den Tagen der Wasserkatastrophe verdient besonders fest gehalten zu werden. Seine Majestät der Kaiser hatte die Gnade, die Gattin des Großindustriellen Adolf Pollak aus Proßnitz, welche mit ihrem in Uhlanen-Uniform gekleideten Söhnchen in der kaiserlichen Villa anwesend war, anzusprechen und die Frage an sie zu richten, ob sie die Mutter dieses kleinen Uhlanen sei. Frau Pollak bejahte dies und erwähnte, daß der Kleine die Uhlanen-Uniform mit Vorliebe trage und sprach den Wunsch aus, es möge ihr gegönnt sein, zu erleben, daß ihr Sohn dem allgeliebten Kaiserhause dienen könne. Seine Majestät erkundigte sich nach dem Alter des Kleinen und dem Domicile der Eltern und verließ die überglückliche Frau Pollak mit einer Salutirung, welche der kleine Uhlane stramm erwiderte. Frau Pollak widerfuhr die hohe Ehre, auch von der Erzherzogin Gisela einer Ansprache gewürdigt zu werden. Mit Blitzesschnelle verbreitete sich unter den jüdischen Curgästen dieser neuerliche Beweis, daß dem Monarchen alle seine Unterthanen gleichwerthig sind und daß Oesterreichs Kaiser jeden seiner Staatsbürger ohne Unterschied der Nationalität und C o nf e s s i o n mit gleich väterlicher Liebe und Huld umfaßt, ein avis aux lecteur, welches die gegenwärtig am Ruder befindlichen Machthaber Wiens sich zur Richtschnur nehmen mögen. Kraka». Vorige Woche ist hier Adani A s tt y k, der bedeutendste polnische Dichter der Jetztzeit gestorben. Der Verblichene trat in Wort und Schrift für die Gleichberechtigung der Juden ein, von denen er mit der größten Achtung sprach. Erhob stets die Bedeutung der Juden für die Cnltur hervor und verdammte entschieden den Antisemitismus. Asnyk erfreute sich auch wegen seines humanen Wirkens allgemeiner Verehrung. An dem Leichenbegängnisse, das Freitag stattsand, nahmen sämmUiche Kreise der Bevölkerung theil. Der hiesige Cultusvorstand entsendete zum Leichenbegängnisse eine Deputation, bestehend aus dem Präsidenten der Cultusgemeinde, Gemeinderath Dr. Leon H o r o v i tz, dem Vice-Präsidenten der Cultusgemeinde Gemeinderath und Handelskammerrath Hirsch-Landau und dem Cultusvorsteher Dr. Isidor I n r o w i c z. Ueber Aufforderung des Präsidiums der Cultusgemeinde waren während des Leichenbegängnisses die Geschäfte der Juden in den Straßen, welche der Zug paffirte, geschlossen. Rostock, 27. Juli. Heute Nachmittag erfolgte die Beerdigung des am 24. d. M. verstorbenen Kaufmannes M eyer Gimpel. Durch rastlose unermüdliche Thätigkeit hat derselbe sich aus kleinen Anfängen zu einer hochgeachteten Lebensstellung emporgebracht. Gimpel hat letztwillig in seinem Testament große Summen milden Werken zugewiesen. So ist der hiesigen jüdischen Gemeinde eine ansehnliche Summe zur Errichtung eines Gotteshauses hiuterlaffen worden und ebenso eine größere Summe dem israelitischen Oberrath zur Anstellung eines Wanderlehrers für die kleinen mecklenburgischen Gemeinden. Ferner ist eine erhebliche Summe der Stadt Rostock für Bedürftige ohne Unterschied der Religion zugewandt. Der Heimgegangene wurde als ehemaliger Krieger mit militärischen Ehren zu seiner letzten Ruhestätte auf dem israelitischen Kirchhofe bestattet. An der Spitze des Leichenzuges schritt ein Musikcorps, Trauermärsche blasend, dann kam die zur Leichenparade commandirte Abtheilung Soldaten. Dem Leichenwagen voran schritt ein Gefreiter, die Ehrenzeichen des Verewigten auf einem Sammtkissen tragend. In dem Leichengefolge war der Rath durch mehrere seiner Mitglieder vertreten. Auf dem Friedhose hielt der Cultusbeamte der hiesigen israelitischen Gemeinde, Herr Sawitz, die Grabrede. Dann gaben die Soldaten die drei Ehrensalven ab. München, 1. August. Für die baierischen Eisenbahnen sind sogenannte Arbeiterfahrkarten eingeführt mit sehr geringen Tarifsätzen, für Arbeiter beabsichtigt, welche die ganze Woche auswärts arbeiten, also mit Beginn derselben zum Arbeitsorte, am Wochenschluß zum Heimatsorte fahren. Die Karten lauten natürlich auf Montag und Samstag. Der Sohn des jüdischen Handelsmannes R. in U., der als Spengler bei einem Meister in N. arbeitete, wollte nun die am Montag gelöste Karte zur Rückfahrt benützen, da er als frommer Jsraelite am Sabbath weder arbeitet noch fährt, wurde jedoch vom königl. Bahnamte zurückgewiesen und ihm bedeutet, die Karte berechtige nur zur Fahrt am Samstag. Der Vater des Knaben wandte sich beschwerdeführend an das königl. Oberbahnamt Bamberg, wurde jedoch auch hier ab gewiesen. Nun wurde ein Gesuch an die Generaldirection eingereichtn ud in demselben betont, daß es sicher nicht im Sinne der hohen Behörde liege, sämmtliche Bekenner einer Confession von vornherein von der Wohlthat der Einrichtung der Arbeiterfahrkarten auszuschließen. Die königliche Generald i r e c t i o n hat nun i m S i n n e d e s G e s u ch st e l l e r s entschieden und das königl. B a h n a m t N. äuge w i e s e n, den Spenglerlehrling R., wenn sonst nichts vorliege, u n b e a n st ä n d e t am Freitag ans seine Karte hin, zur Fahrt znzul assen. Interessant wäre es nun, zu erfahren, in welcher Weise in anderen Gegenden des Reiches derartige Bestimmungen interpretirt und gehandhabt werden. Jedenfalls haben wir alle Ursache, dankbar anzuerkennen, daß die oberste Centrale des bairischen Verkehrswesen einer engherzigen, pedantischen Auffassung entgegentritt und die Interessen der jüdischen Arbeiterschaft, denen anderer Glaubensbekenntnisse gleich hochhält und beachtet. Slraftburg, 2. August. Die „Straßburger Post" schreibt: Der Fall Dreyfus wird wieder einmal aus der Vergessenheit, in die er nachgerade zu versinken beginnt, in das volle Licht des Tages gestellt. Herr Henri Strauß, der ehemalige Präsident der französischen Liga gegen den Antisemitismus und der Director der r Alliance nationalein Paris, hat im Verlage von Josef Singer in Straßburg gleichzeitig in deutscher und französischer Sprache eine Broschüre erscheinen lassen („Une infamie judiciaire“ heißt der Titel der französischen, „Ein infames Urtheil" derber deutschen Ausgabe), in welcher er das gesammte Material, welches sich allmählich angehäuft hat, noch einmal zusammenträgt und den Nachweis führt, daß der Capitaine Dreyfus einerseits das Verbrechen, dessen man ihn beschuldigt, gar nicht begangen haben kann, andererseits vom Kriegsgericht auch thatsächlich auf Grund falscher Angaben verurtheilt worden ist. Wir haben uns mit dem seltsamen Falle, der die eigenthümlichsten Berichte des „Neuen Pitaval" noch übertrifft, im Laufe der Jahre so oft und fo ausführlich beschäftigt, daß wir nicht nöthig haben, an dieser Stelle noch einmal auf den Proceß zurückzukommen. Wir können nur sagen, daß die Veröffentlichung des Herrn Strauß uns in dem Glauben an die Schuldlosigkeit des verurtheilten Dreyfus, dem wir vom Anfang an Allsdruck gegeben haben, nur noch bestärkt hat. Herr Henri Strauß hat den Capitaine Dreyfus und dessen Familie persönlich gekannt; Herr- Henri Strauß ist Franzose und hat seit Jahren in Frankreich und Algerien durch Schrift und Wort gegen den Antisemitismus gekämpft. Das alles inuß man bedenken, um seine Schrift richtig zu würdigen. Dieselbe enthält viele neue Angaben und viele Aeußerungeu der Stimmung, welche auch in Deutschland Beachtung verdienen. Von diesen kleinen Zügen wollen wir verschiedene verzeichnen, welche recht interessante Streiflichter auf mancherlei französische Verhältnisse n. s. w. werfen. Wir lesen u. A. was folgt: Die Presse ist eine Macht in Frankreich und die Eriminalrichtcr glauben, daß diese Presse das Echo der öffentlichen Meinung ist, während sich das Puplicum ebenfalls von der Presse beeinflussen läßt. Der Eapitän Dreyfnß war ein größerer Antisemit als der nichtsnutzige Drumont, und doch hat gerade die antisemitische Presse am meisten zu der Verurtheilung des Capitäns beigetragen, und später hat dieselbe Presse verlangt, daß man aus Rücksicht für ihn Ausnahmemaßregeln treffen solle. Ich glaube, daß der Eorrespondent der „Frankfurter Zeitung", Herr Goldmann, übertreibt, wenn er von der schlechten Behandlung spricht, die dem Eapitän auf Ile de Diable zuthcil geworden ist; und dennoch ist das alles möglich, denn das fran-