Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 14 (1897)
- Issue
- 33 (13.8.1897)
- Date
- 1897-08-13
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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Seite 674 Wr. VLortz's WochrnptzrM Nr. 33 Parteilichkeit und Neutralität zutraute, als den feindlich sich gegenüberstehenden Romanen und Gothen.') Im Allgemeinen waren die Juden in ihren Streitigkeiten untereinander und mit anderen Bewohnern dem öffentlichen Gerichte zuständig, doch sollten sie nach einer ausdrücklichen Bestimmung am Sabbath und Feiertagen von fiscalischen Anordnungen und Processen verschont bleiben: di sabbati nullum Judaeorum aut pro fiscali utilitate aut pro quolibet negotio volumus conveniri, quia religionis eorum dies non debet actione aliqua peturbari — eine Anordnung, welche an Humanität und Toleranz selbst die sogenannten paritätischen Staaten der modernen Zeiten hinter sich zurückläßt.') So lebten Juden in den beiden Hälften der pyrenäischen Halbinsel, in der christlichen und in der maurischen, in zahlreichen und zum Theil großen Gemeinden. Wir brauchen nicht auf die geistige und materielle Entfaltung einzugehen, welche diese spanischen Juden in den folgenden Jahrhunderten bethätigten, besonders nachdem von Babylonien her die Wissenschaft des Judenthums sich nach diesem fernen Westlande übertragen hatte, und wie sowohl bei den maurischen wie bei den christlichen Herrschern einige von ihnen zu den höchsten Staatsämtern gelangten. Unterdeß gingen aber die blutigen Kämpfe zwischen den Christen und Mauren vor sich, und die Ersteren, besonders von religiösem Fanatismus beseelt, warfen die Mauren nieder, bis zuletzt Granada, die Hauptstadt Jener, und mit ihr das maurische Reich vor den Schwertern der Spanier fiel. Hiemit war aber auch für die Juden ein Wendepunkt erreicht. Die beiden Herrscher Ferdinand der Katholische und Jsabella wollten die unterworfenen Bewohner des Reiches vermittelst der Kirche unificiren. Im November 1491 wurde der Christenheit die freudige Botschaft verkündet, daß die letzte Maurenburg gefallen! Ueberall an allen Thürmen und Kuppeln weht das Banner des Kreuzes, keine Moschee gab es mehr auf der ganzen Halbinsel. Nun sollten auch die Synagogen fortgeschafft werden — riefen die frommen und heiligen Religionswächter?) und ein Edict vom 31. März 1492 verordnet, daß die Juden binnen 4 Monaten die sämmtlichen Gebietstheile Castiliens, Aragoniens, Siciliens und Sardiniens bei Todesstrafe zu verlassen hätten. Die Juden schädigen den katholischen Glauben, versicherten die Frommen. Tie Acarranen werden durch sie in ihrer Ketzerei bestärkt. Mehr wußten selbst die Motive des Erlasses nicht vorznbringen. „Der ganze Handel, die Industrie des Landes war in ihren Händen; sie pflegten die Wissenschaft mit Auszeichnung, die Literatur mit Erfolg, sie wareir die vorzüglichsten Hilfsquellen und zum Theil die Ehre des Staates und dennoch wurden sie verjagt? Warum?" So fragt ein Sohn des heutigen Spaniens. * I * * 4 *) Das Vaterland, das sie verstieß, sie haben es unsäglich geliebt, so innig, so schwärmerisch und mit solcher Gluth, daß Jahrhunderte lang ihre Nachkommen, in der Fremde weilend, sich der vaterländischen Sprache, der vaterländischen Sitte nicht entäußern wollten. Die Sprache und Literatur des Heimatlandes pflegten sie fortwährend, trotz der jammervollen Exilsleiden, denen sie preisgegeben waren. Den spanischen Boden dursten sie nicht betreten, der spanischen Muse sind sie immer treu geblieben und die spanische Bibel-Uebersetzung aus dem Jahre 1553, von welcher der strenge Lessing sagt: daß jeder Theolog sich Kenntniß des Spanischen aneignen müßte, wenn auch nur um jene merkwürdige Bibelversion kennen zu lernen, der jede andere in vielen Beziehungen nachsteht, ist auf italienischem Boden ent- ') Tabu V. p. 181 gegen Helffcrich, bas Westgothenrcchr p. 41. -) Tic Tauer der den Juden so günstigen arian. Herrschaft bezeichnet Fauricl in seinem werthvollen Werke Hist, de 1a Gaule meridionale I. 10. Paris 1836 als une question qui souffre des difficultes. Tic Angaben der verschiedenen Schriftsteller weichen voneinander bedeutend ab. Fleury, hist, ecclesiastique VII.,586 sagt: environ 180 ans; M’ Crie Hist, of the reformation in Spain Edingburgh 18z9, p. 7.: Arianism was the prevailing and established creed of the countr}- for nearly two centuries =■<. Antequera dagegen meint: La secta Ariana pues segun lasepocas fijadas pennanesio en Espana 125. anos: Hist, de la legislacion Espanola p. 37. Madrid 1849. I »En Espana los Reyes D. Fernando y D. Isabel luego que se vieron desembarazados de la guerra de los Moros acordäron de echar de todo su reyno ä los judios.« Mariana, Historia de Espana IV. p. 303. 4) I M. Guardia in der Revue de l’Instruction publique Jahrgang 1858. standen. Wohl eine Erscheinung einzig in ihrer Art. In Holland, Frankreich, England, Italien und Deutschland, in der Türkei, Marokko, fast überall, wohin nur der Fuß jener unbarmherzig Gequälten gelangte, sehen wir während des 16., 17., zum Theil noch während des 18. Jahrhunderts spanische Dichter und Dichterinnen erstehen, Lyriker, Dramatiker, Romanschriftsteller, einzelne von bedeutender Genialität — es sind die Kinder jener spanischen Juden, welche von ihren Wohnsitzen verjagt, von einem Lande zum anderen getrieben und gehetzt, „gespensterhaft leichenblassen Gesichts, tiefgesunkener Augen, nur durch die Bewegung von den Todten unterscheidbar", -') hier der Kälte, dem Hunger und Durst, dort der Wuth des Pöbels preisgegeben waren, aus deren Herzen aber trotz all' dem die heiße, innige Liebe zum Vaterlande nicht schwinden konnte. In demselben Saale des A l c a z a r, wo der tapferere A l m a n s n r mit goldenen Buchstaben die Worte: „Die Könige Cordobas haben den Christen die freie Ausübung ihrer Religion gestattet" als Inschrift in die Wand graben ließ, wurden täglich arme Mauren, die treu am Glauben ihrer Väter hingen, zum Flammentod verurtheilt?) Wohl rühmten sich noch seine stolzen Könige, daß in ihren Reiche — die Sonne nicht untergehe, aber Licht, unter dessen wärmenden Einwirkungen allein jedweder Organismus gesunden und gedeihen kann — das milde wahrhaft göttliche Licht war aus Spanien für imnier verbannt. Die schönen Gefilde des an Flächeninhalt Deutschland überlegenen, herrlichen Hispaniens, über deren wunderbare „hundertfältige" Fruchtbarkeit schon P l i n i u s, S t r a b o, Livius nicht genug staunen konnten, waren ein Jahrhundert nach dem Falle G r a n a d a s. nach der Vertreibung der Juden, so verwildert, so verkommen, daß ihr Ertrag die äußerst schwache Bevölkerung nicht mehr ernähren konnte. „Ich bin", sagt A l o n s o d e H e r e r r a in seinem Buche über spanische Landwirthschaff, das 1598, im Todesjahr des zweiten Philipp, erschienen, „ich bin über weite öde Strecken gezogen, öde, nicht weil die Natur ihre Gaben versagt, sondern weil hier Niemand wohnt, der geerntet hätte. Wo früher 1000 Araber rege Hände hatten, können heute kaum 500 Christen ihr Leben fristen." Und als Philipp II. auf Drängen des Erzbischofs Ribera auch die M o r i s c o s aus dem Lande verzagte, da jubelte zwar das bethörte Volk und begeistert durfte ein Cleriker ausrufen: AI fin salieron estos y quedö la tierra libre de la infamia de este gente7) — aber die aragonischen Hochländer wurden zu nacktem Stein, zu triebloser Erde, die durch arabischen Fleiß bewässerten Fluren E st r e m a d u r a s und der M a n ch a verwandelten sich in immer ausgedehntere Wüsten. Hungersnoth und Armuth nahmen überhand. Große Massen starben vor Mangel und Obdachlosigkeit, ganze Dörfer wareir verödet und in vielen Städten lagen während des XVU. und Anfang des XVIII. Jahrhunderts mehr als 3/4 der Häuser in Trümmer?) Fähige uitb gewissenhafte Staatsbeamte, ja selbst Aerzte mußte man sich vorn Auslande kommen lassen; ein Jahrhundert nach der Vertreibung der Juden und Mauren aus Spanien!! * -jr 2- Das spanische Volk von heute ist noch dasselbe stolze, tapfere, intolerante Volk, das unter Philipp II. die Welt von Ketzerei und Ungläubigkeit befreien wollte. Dort ist die Herrschaft des Priesterthums eine unbestrittene; Mönche regieren, wie zu Zeiten des dritten und vierten Philipp. Der geistliche Einfluß ist der maßgebendste, das spanische Volk ist in seiner großen Mehrheit clerical bis auf die Knochen. ■') Tic Leiden der Auswanderer schildert ein italienischer Historiker mitgctheilt von Wiener. Vcrgl. Emek ha-Bacha deutsche Uebersetzung 199. H Guendias, Spanien und die Spanier, Leipzig und Brüssel 1851 p. 57. 7) Davila, Vida de Felipe III. p. 149, 151 f. Yes digno de poner en consideracion 'el zelo que los Reyes de Espana tuvieron en todo tiempo de sustentar la le Catolica; pues en diferentes expulsiones que han hecho, han sacado de sus Reynos tres millones de Moros, y dos Millones de Judios, enemigos de nuestra Iglesia. s) Tie traurigen Berichte lauten fabelhast, man könnte es nicht glauben, wenn nicht von vielen Zeitgenossen sich fast gleichlautende Schilderungen erhalten hätten. Vergl. Inner a. a. O. p. 100. Campomanes, Apendice a la Educasion Populär vol. I. p. 13, 268. Buckle Geschichte der Civilisation IV. p. 58. Vcrgl. auch Latuente, Historia de Espana p. 519.