Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 14 (1897)
- Issue
- 33 (13.8.1897)
- Date
- 1897-08-13
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Nr. 33 Dr. Vloch's MochrnPtzrM Langsam, nach dem Empfinden von uns kurzlebigen Menschen, schreitet dieser Proceß vorwärts, denn er hat vor Jahrhunderten, er hat bereits in einem der glänzendsten Augenblicke der Geschichte Spaniens begonnen, als mit Granada das letzte Bollwerk der Mauern fiel, als Columbus die neue Welt sür Spanien entdeckte, als Spanien eine zweite Monarchie wurde. Die Lebens- und Entwicklungsperioden großer Staatswesen erstrecken sich nicht wie die der menschlichen Einzelwesen ans Jahrzehnte, sondern aus Jahrhunderte und die Acte welthistorischer Tragödien erstrecken sich auf lange Zeiträume. * * Aspamia nennen die Rabbinen die Länder jenseits der Pyrenäen, Aspamia begegnet uns oft im Talmud und gutschmeckende Fische aus Aspamia, bekanntlich bei den Römern nicht ungern gesehen, waren den alten Mischnalehrern wohl bekannt'). Ebenso sprechen für eine frühe Ansiedlung mehrere Münzen, die man vor Jahren in Taragona aufgefunden -). Im Leviticus rabba c. 29 spricht ein bekannter Tanaite aus der ersten Hälfte des zweiten Jahrhunderts von den Exulanten in Gallia und Aspamia — ähnlich Seder olamsutta und Targum zu Obadia B. 203 4. Dagegen wird unter dem Lande „tarsehisLh", nach welchem sich, wie die biblischen Berichterstatter erzählen, zur Zeit der chaldäischen Invasion die besiegten Hebräer geflüchtet hätten fl, gewiß ebenso wenig Spanien zu verstehen sein, wie unter dem alttestamentlichen Sepharad wiewohl die spanischen Juden niit letztern Namen ihre Heimat zu bezeichnen pflegten. Zu der eigenthümlichen Behauptung der Juden in einzelnen Gegenden der Halbinsel, der Paulinische Hebräerbrief wäre an sie gerichtet gewesen, mag wohl jene Stelle im Briefe an die judenchristliche Gemeinde zu Rom Anlaß gegeben haben, wo Paulus von einer Missionsreise nach Spanien spricht (Röm. 15, 24—28), was nach einer anderen Seite allerdings beachtenswerth, da auch.der Heidenapostel gewöhnlich sür seine Missionsthütigkeit solche Orte zu wählen pflegte, an denen die Juden nicht mehr Fremdlinge waren. Von dem Reichthum des Bodens angelockt, haben Griechen, Karthager, Römer schon frühzeitig die iberische Halbinsel, „wo die Blumen Indiens duften und die Früchte vom Heziaz reifen" aufgesucht, dort Colonien gegründet; den sprachverwandten Phöniciern mögen sich die Juden angeschlossen haben. ') Sabbat!) II. Ab. Sara 59 a. -) Nach .v>elffcricf) sind sie im Besitze des Ton Buenaventuras Hermandez in Taragona. 3) Tie Bürgschaft der Echtheit tragen jene Stellen in sich selbst, und es ist nur eigcnthümlich und auffallend, daß der geistreiche Geschichtsschreiber Professor Tr. Graetz, (Geschichte der Juden V. 440», wiewohl auch ihm keine gegentheilige Behauptung bekannt ist, doch nicht umhin kann, der Stelle in Leviticus rabba mit Mißtrauen zu begegnen „da streng genommen für die Lesart R. Mayer Niemand bürgen kann". Tie geforderte Bürgschaft liegt in folgenden Taten, die ihm allerdings nicht bekannt sein konnten, a) Bon dem Leviticus Rabba befindet fick) auch in der Münchner Hof-Staats-Bibliothek die ed. prine. einerseits, andererseits auch eine alte Handschrift und beide zeigen in dieser Beziehung keine Abweichnng. b) Jenen Bericht treffen wir auch bei anderen altrabbinischen Schriftstellern, wie Tanchuma wajeze und Jalcut §§ 121, 312 mit derselben Lesart, c) In der von Buber nach verschtedenen Manufcripten der Bibliotheken Paris, Oxford, Parma und Eairo zum ersten Mal herausgegebenen Pesikta di rabba Cahana (Lhk 1868) § 23 findet man diese Agada, ohne daß in einer der 4 Handschriften der Naute R. Mayer mit einem anderen vertanscht wäre. Eine solche Uebereinstimmung mehrerer von einander unabhängiger Autoren kann nicht ein bloßes Spiel des Zufalles sein. Wenn aber der Verfasser des Artikels „Juden"' bei Ersch und Gruber die Stelle Jebamot 155 b heranzieht, so zeigt das von einem großen Mangel an Kritik. Tort wird nämlich berichtet: Ter Exilarch R. Isaak zog von Eordoba nach Aspamia und starb. Ter Text ist offenbar corrumpirt, denn die Exilarchen waren in Babylon und von Eordoba reist man auch nicht nach Spanien. Statt Aspamia soll hier heißen Apamia — Apamea in Syrien oder Chaldäa, statt Cordoba — Cartara oder Caratha, bekanntlich eine Stadt in in Mesopotamien Vgl. Rapaport: Erech. Millin 156 ff. Neubauer Gdographie du Talmud p. 304, 417 ff. Paris 1868. 4) Aehnliches berichten Josephns und Strabo auf das Zeugniß des Megasthenes, Espana c 17. Aldrete, del origen y principio de la lingua Castillana p. 305 bis 318. Rom 1606. lieber die verschiedenen jüdischen Sagen vergl. Franciska Martinez, memoria sobra la primera venida de los Judeos en Espana in den memorias de la real academia de la hist. VII. 241. Madrid 1799 und Abravanel II. Reg. Ende und Zacharias 17, e. 7. Seite 673 Bedeutender wurde die Einwanderung, als nach einem zweihundertjährigen Kampfe die Römer endlich die ganze Halbinsel als Provinz ihrem gewaltigen Weltreiche emverleibten und die fremden Kaufleute vor den barbarischen Bölkerstämmen, welche nach Strabo sich kaum von Thieren unterscheiden ließen, nicht mehr zurückzu schrecken brauchten. Römische Sprache, Sitte und Bildung verbreiteten sich allmälig nach allen Theilen der Halbinsel; die Beticer und Andalusier kämpften in der Literatur, ja selbst in der Eleganz des lateinischen Stiles nicht ohne Erfolg mit den Bewohnern der Hauptstadt. Nie ist Spanien so bevölkert gewesen — es soll 40,000.000 Einwohner gezählt haben, Tarracona allein eine halbe Million — nie hatten Industrie, Handel und Verkehr auf einer so hohen Stufe in Spanien gestanden, nie im ganzen Lande ein so großer Wohlstand und Reichthnm geherrscht, als in den ersten Jahrhunderten der römischen Herrschaft. Tie kostbaren und bewundernswerthen Ueberreste einer vergangenen Zeit, einer im Sturme der Jahrhunderte gänzlich wieder vernichteten Cultnr finden sich noch in zerstreuten Gegenden, in Thoren, Agnäducten. Tempeln. Amphitheatern, Bädern, Statuen und Münzen jener Zeit und geben Zeugniß von der hohen Vollendung, welche damals die Kunst erreicht hatte, dem außerordentlichen Reichthnme der damaligen Bewohner des Landes. In Folge der traurigen Vorgänge in Judäa, nach der Niederwerfung der letzten Ausstände, hat die ffidische Bevölkerung auf der Halbinsel ungemein zugenommen und nicht uninteressant ist es, wenn wir hören, daß Tarracona, die Heimat Trajau's, Hadrian's, Marc Aurel's einmal auch die Judenstadt hieß und bei Saragossa, dessen Namen schon genügt, um jedes echte spanische Herz stolzer schlagen zu lassen, gab es eine Veste ßuta al Jahud.5) Auch die allmälige Ausbreitung des Christenthums war für die Zustände der Juden anfänglich von keinem Nachtheil. Die Landbewohner zumal sahen mit besonderer Pietät auf die Nachkommen der Erzväter und Propheten, das Volk, dem Jesus entsprossen, und nicht selten ließen sie ihre Feldfrüchte wie vom Cleriker so vom Juden einsegnen.1 *» Weniger harmlos hat der hohe Clerus dieses einträchtige Zusammenleben angesehen und eine Kirchenversammlung von Elvira suchte dagegen einznschreiten (320). Allein mit der Eroberung der Halbinsel durch die Westgothen war der wilde 'Arianismus zur Herrschaft gelangt, dessen Bekenner nicht mit der gehässigen Gesinnung gegen Andersgläubige aufzutreten gewohnt warenvon welcher die erwähnte hohe Kirchenversammlung, Me unter 'Anderen! auch jeden gemüthlichen Umgang mit den Juden bei Strafe der Excommunication verboten, bereits deutlich wahrnehmbare Spuren gezeigt hatte. Einer vollkommenen Religionsfreiheit erfreuten sich die Juden, sie genossen politische und bürgerliche Gleichberechtigung, wurden zu öffentlichen Aemtern und Würden zugelassen, und zeichneten sich nicht blos durch Gewandtheit und Kenntnisse, sondern auch durch kriegerischen Muth und Tapferkeit') aus. Besonders beliebt waren sie als Richter!,i und für derartige Stellen schienen sie um so geeigneter, da man ihnen mehr Un- ') Bergt. Gayangos, history ot the mahometan dynasties in Spain I., 267 f. 347 f. Gone. Illibr. c. 49. 50. ap. Aguirre, eolleetio conciliorum Hisp. 279 »los Judios siempre aborrecidos en Espana« : konnte nur Einer sagen, der bei den Jesuiten in die Schule ging und über die Geschichte seines Vaterlandes.ebenso unklar und verwirrt dachte, als über manches Andere. ') „Lästere nicht eine Lebre, die nicht die Teine ist", sagte der Arianer Agila zu einem katholischen Berufsgenoffen. „Wir unsererseits, obwohl wir nicht glauben, was Ihr glaubt, lästern es doch nicht, denn also geht ein Spruch bei der Unfern, es sei nicht sträflich, wenn man zwischen Altären der Heiden und einer Kirche Gottes durchgehe, Beiden feine Ehrfurcht zu bezeigen". Bergt. Helfferich, der westgoth. Arianismus. Berlin 1860 p. 49. Dahn, die Könige der Germanen Würzb. 1871. VI., p. 375, der auch über die angeblichen Verfolgungen der Katholiken unter arianiicher Herrschaft einiges Licht verbreitet. HM '» Rach caesarii arelatensis bei Tahn a. a. O. p. 42>>. ■') In besonderem Ansehen standen jüd. Gemeinden im goth. Gallien. Bon einer auf Minorca, wo der lector Theodor, ein Jude, alle städtische Aemter inne hatte, ein anderer Jude Eäcilian auch unter Christen als vir honestus allgemein galt, ein dritter, der Jude Lecwrius Vater der Arthemisia, rector provinciae und Comes war, berichten epist. Severini episc. majoric., an bereit Echtheit mit Graen und Kupferling zu zweifeln kein erheblicher Grund da ist. Vergl. Dahn VI. p. 420.