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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1897-08-13 · 33 (13.8.1897) · page 8

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
14 (1897)
Issue
33 (13.8.1897)
Date
1897-08-13
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Seite 672 Dr. Vloch's Wochenzchrifi. Me Ursache und die Entstehung des Prorestes leckert-Mhow. Von Carl Paasch (Zürich 1897). Die Broschüre, welche ungefähr zu der Zeit erschien, in welcher der Proceß Tausch verhandelt wurde, ist, wie Alles, was Paasch geschrieben hat, nur mit Vorsicht zu lesen. Paasch ist geisteskrank, darum ist aber noch nicht Alles falsch, was er schreibt. Wenn Jemand, wie er, an Verfolgungswahn leidet, muß man Unrichtigkeit von vornherein vermuthen, wo er von Verfolgungen spricht, die er oder Freunde von ihm erlitten haben sollen. Spricht er aber von einer Förderung, die er erfahren hat, so darf man nach der Natur seines Leidens eher annehmen, daß er in diesem Fall die Wahrheit berichtet. Ebenso darf man diejenigen Angaben für voraussichtlich richtig halten, welche, in sich nicht unwahrscheinlich, schon von anderer Seite gelegentlich gemacht sind. In letzterer Beziehung ist die Broschüre reichhaltig; man liest Vieles, was man schon vorher gewußt hat, was Einem inzwischen aber aus dem Gedächtuiß entschwunden war. Die Broschüre enthält viele Angaben über die Förderung, welche Paasch und Genossen von den Behörden erfahren haben. — So schreibt er: „Aber eins steht fest, daß der verstorbene Polizeipräsident (v. Richthofen) ganz genau unterrichtet war von der Rolle, die Herr Dr. Schumann spielte, und es ist auch außer Frage, daß andere hohe Polizeibeamte davon wußten. Das ergibt sich aus der einfachen Thatsache, daß es unmöglich war, Herrn Dr. Schumann zu stürzen, weil ihn Herr v. Richthofen deckte. Das habe ich immer gewußt, durfte es aber nicht laut sagen. — (Seite 68.) Wie hätte auch Herr Dr. Schumann Urlaub bekommen können zu seinen! vielfachen Reisen nach Xanten, Cleve u. s. w., ohne daß höhere Vorgesetzte davon wußten?" Auch Böckel hat bekanntlich bei Gelegenheit mitgetheilt, daß er bei Herrn v. Richthofen freundliches Wohlwollen gefunden. Ebenso schreibt Paasch (Seite 4), daß „die politische Polizei und die Berliner Polizeibehörde selbst in meinen langen Kämpfen mir eine große Gewogenheit documentirt haben und gefällig gewesen sind." Ebenso läßt er sich Seite 56/57 aus, wo er noch angibt, daß „er Monate lang beschäftigt war, um im Aufträge des Gerichts als Sachverständiger (!) Thatsachen und Beweisstücke Über die Alliance israelite universelle für den Ahlwardtproceß zu beschaffen." Auffällig stark erscheinen nach dem Buch von Paasch die internationalen Beziehungen der Antisemiten. Danneil hält sich November 1891 in Athen auf, August 1892 beruft sich Paasch in einem Streit mit Strack auf den hier gänzlich unbekannten griechischen Minister der geistlichen Angelegenheiten Theokatis als Gutachter (Seite 65). Paasch tritt mit dem Oberbürgermeister Delyannis *) in Corfu in telegraphischen Verkehr (Seite 63). Schumann war bekanntlich schon vorher (zur Zeit der Ermordung der Rubina Sarda oder kurz nachher) iit Corfu gewesen. Normann-Schumann besorgte auch die Verbindung mit der clericalen italienischen Presse (Osservaix>re cattolica. Verona fedele (Seiten 42 und 63.) Richtig scheint, was Paasch darüber mittheilt, daß die Vergehungen Hammerstein's schon seit 1892 bei Parteileitern mehr oder weniger bekannt gewesen seien. Er gibt an (Seite 34), Liebermann damals entsprechende Mittheilungen gemacht zu haben, beruft sich auf die 1892 erschienenen Briefe berühmter Zeitgenossen an Freiherrn von H. (Seite 30/31) und erzählt dann (Seite 72): „Man hörte von ihm (Oberwinder) recht eigenthümliche Dinge aus der Stöckerei, namentlich, daß der theure Gottesmann und seine Helfer ganz genau, ja sehr genau über den Lebenswandel, die Schulden und viel schwerere „Vergehungen" des Beichtkindes Freiherr von Hammerstein Bescheid wußten." Dank seiner Kenntnisse der Verhältnisse hatte Herr Stöcker vor anderen Gläubigern Hammerstein's einen Vorsprung und so gelang es ihm, von diesem den unterschlagenen Stöckerfond wieder *) Die Angabe von Paasch: Oberbürgermeister, jetzigen Ministervräsidenten ist wohl irrthümlich? Es dürften, was wir allerdings nicht bestimmt behaupten wollen, zwei verschiedene Delyannis sein. Nr. 33 herauszukriegen. Herr Stöcker behauptete später, in dem Glauben gewesen zu sein, daß der verstorbene Geheime Kauzleirath Gütlein diesen Fond unterschlaget: habe. Er ließ sich aber von dem zahlungsunfähigen Hammerstein das angeblich von Gütlein unterschlagene Geld zahlen, womit seine Kenntniß des wahren Sachverhalts evident bewiesen ist. Auch hier sprechen also die anderweitig bekannt gewordenen Thatsachen dafür, daß die bezüglichen Angaben von Paasch richtig sind. Amüsante Miscellen sind es, daß Paasch den Segen des Vaticans erhielt (Seite 67) und daß angeblich Alexander III. von Rußland seine Schriften mit vielem Interesse las, daß Jskraut sich angeblich „als Agenten Stöcker's und als einen Hund bezeichnet, der sich sein Brod mit der Schnauze verdient, daß Bülow ihm erklärte, er sei eigentlich Antisemit, könne aber als Musiker ohne die Juden nicht fertig werden. (Seite 21/30). Von größerem Interesse ist wieder eine Bemerkung über den nach Xanten geschickten Criminalcommissarius Wvlff: „Natürlich wollten die Juden, daß man den wahren Mörder nicht entdecke. und daß man einen ihnen gefälligen Criminalcommissarius nach Xanten schicke. Die Polizei that den Juden den Gefallen nicht und sandte den Criminaleommissarius Wolfs." Auf gut dentsch: Wolff wurde seiner antisemitischen Gesinnung wegen für geeignet gehalten, nach Xanten gesendet zu werden. Interessant ist eine (Seite 78) aus Böckel's „Reichsherold" abgedruckte Notiz über Beziehungen Ahlwardt's zum Grafeil Waldersee — deren sich beiläufig auch Normann-Schumann angeblich erfreute. Verleumdungen gegen einen Minister, der an- . geblich zwei Millionen bei der Schloßfreiheitslotterie verdient haben soll (Seite 84) und Klatsch über eine angeblich geplante Regentschaft der Kaiserin Friedrich, die Paasch übrigens als Verleumdungen citirt (Seiten 26, 29 und 46), zeigen die bekannte Mache. Wie Paasch mittheilt, habe Liebermann von Sonnenberg ihn Ende 1891 aufgefordert, (? Die Red.) „in ausländischen Zeitungen durch Herrn Dr. Schumann die Nachricht zu verbreiten, daß man in Hofkreisen mit dem Gedanken umginge, Sr. Majestät dem Kaiser die Kaiserin Friedrich als Mitregentin beizugeben. Das, meinte er, sei ein herrlicher Spaß, und dem Kaiser würden die Augen aufgehen über das Treiben der Judenclique am Hofe. Die Kaiserin Friedrich sei den Inden ganz ergeben rc., ihr Einfluß müsse ä tout prix gebrochen werden. Ich hielt Liebermann für eine derartig komische politische Persönlichkeit, daß ich der Sache keine Bedeutung beilegte und einfach erwiderte, daß derartige Scherze nicht allein verbrecherisch, sondern auch gefährlich seien. Heute, wo ich die Verhältnisse überschauen kann und wo wir den berühmten Scheiterhaufenbrief Stöcker's kennen, graut mir bei dem Gedanken an die infame Jntrigue, die beabsichtigt war; auch bin ich für mich überzeugt, daß der „geniale" Gedanke nicht Liebermann's armem Gehirn entsprungen, sondern daß er lediglich das Werkzeug Anderer war." — Alles in Allem enthält' die Broschüre von Paasch somit nichts Neues. Sie frischt aber die Erinnerung an manche Geschehnisse der jüngsten Zeit auf — an jene Epoche, in welcher streitbare Männer auszogen, das Judenthum zu vernichten und — den Traditionen des preußischen Beamtenstandes schwere Wunden beibrachten. Vom judenreinen Spanien. Die blutige That von Santa Agueda, die Ermordung des Ministerpräsidenten C a n o v a s d e l C a sti l l o, ist die jüngste Episode in der erschütternden historischen Tragödie des Untergehens eines großen, mächtigen, ruhmbeladenen Reiches, in dessen Grenzen die Sonne nie unterging, dessen politische Stellung in Europa während eines längeren Zeitraumes eine überragende war, dessen Heere durch Tapferkeit und Führung überall gefürchtet waren, dessen Schriftthum und Kunst einen hohen Glanz über die Nation verbreiteten und das die märchenhaften Schätze der neuen Welt sein Eigen nannte. Das spanische Weltreich ist nicht durch unglückliche Kriege niedergerungen worden, sondern es verfällt durch den Geist der Intoleranz und geht zu Grunde an dem finstern Aberglauben des Volkes und an den furchtbaren Sünden seiner Regierungen.

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