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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1897-08-13 · 33 (13.8.1897) · page 6

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
14 (1897)
Issue
33 (13.8.1897)
Date
1897-08-13
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Sette 670 Vr. Vlortz's Wochrnschrtst. Nr. 33 Herbst Kraft gesammelt hat, bringt man es in die Brauereien und Zuckerfabriken, wo man es mit den Ueberresten der Fabrication weiter mästet. Im Frühjahr werden die Heerden wieder auf die Felder geschickt. Diese Heerden liefern das schöne Schlachtfleisch an die Städte des Südens, Ostens und Polens. Die Butter- und Käsefabrication ist seit vielen Jahren völlig in den Händen der Juden. Die Grundbesitzer verkaufen ihnen Alles, was die Milchkühe liefern; es wird in die Depots und Eiskeller der Flecken gebracht, wo Butter und Käse fabricirt wird. Zuerst hatten die deutschen Colonisten die Butter selbst fabricirt. Aber der Verkauf war schwer, und die Kunden waren daran gewöhnt, mit den Juden zu thun zu haben. Die Colonisten haben darauf mit den Juden über den Verkauf der Milch verhandelt und so ist die Butterkabrication eine Art Privilegium der Inden geworden. Zytomir ist der Mittelpunkt des Handels und hat in der letzten Zeit sich bedeutend ausgedehnt. Ebenso ist es mit der Geflügelzucht und dem Geflügelhandel. Das Geflügel wird auf eine besondere Art gestopft und genährt, und wenn es recht fleischig ist, bringen es die Bauern in die Depots, wo die Juden große Mengen für die Märkte der großen Städte sammeln. Ebenso werden Millionen von Thieren in die Depots gebracht, um in gleicher Weise verschickt zu werden. In vielen Dörfern bildet diese Industrie die Haupteinnahme der Bauern." Der „Odeski Listock" (vom 29. Mai (10. Juni) berichtet: Die Anstellung der Juden für die ländliche Arbeit hat dieses Jahr einen ungewöhnlichen Aufschwung genommen. In Beffarabien, Podolien und anderen Gegenden des Territoriums ziehen die Grundbesitzer jüdische Arbeiter direct vor, weil ihre Arbeit in vielen Beziehungen die bessere ist. In der Provinz von Cherson haben die größten Grundbesitzer (Grafen Jgnatiew, Duponier, Kouris, Ezitzki rc.) ganze Züge von jüdischen Landarbeitern gebildet. Leider verbietet die Polizei immer noch, auf dem Felde oder in den Dürfen zu übernachten, so daß sie Morgens und Abends große Strecken zurücklegen müssen, um zur Arbeit und nach Hause zu gelangen. * * Zur Zeit, da in Oesterreich noch die Jehudim verpflichtet warm, den Lichtzoll zu zahlen, ereignete sich folgender Vorfall : Es war Freitag Abends und die Soldaten waren bereits von ihrem Oberst ausgeschickt, um im Judenghetto, bei jedem jüdischen Hausvater, welcher aus Anlaß der Heiligung des Sabbaths Lichte anzüudet oder anzünden wollte, den üblichen Zoll zu erheben. Nun klopften zwei von diesen militärischen Lichtzollerhebern an die Thür eines armen Juden, der bereits zur Andacht in der Synagoge war, um das Geld zu fordern. Die arme jüdische Frau weinte und bat, da sie außer den wenigen Habseligkeiten kein Geld besaß, dieses Mal Gnade vor Recht ergehen zu lassen, aber vergebens. Die beiden Soldaten schritten zur Pfändung. Der Eine nahm die Gemara, welche gerade auf dem Tische lag, in Beschlag, während der Andere ein Bett fortnahm. Bald nachdem die beiden Soldaten sich entfernt hatten, kam der Mann von der Andacht heim und traf seine Frau bitter weinend vor Schande, daß ihr dieses passirt fei, an. Der Mann aber tröstete seine Frau mit der Begründung aus dem Talmud, denn es stehe geschrieben: „Wegen der Ruhe sei die Nacht zum Lernen, deshalb muß er den Talmud haben. Ferner aber heißt es, daß die Nacht zur Ruhe nach des Tages Lasten wäre, deshalb müsse er das Kissen haben." Diese Vertheidigung gebrauchte er auch beim Obersten, welchen er um Herausgabe der Sachen bat. Dieser aber erwiderte ihm: „Ist die Nacht zum Lernen, dann braucht man kein Kissen zum Schlafen. Ist aber die Nacht zur Ruhe, dann braucht man keine Gemara zum Lernen." Da sich nun der Jude weder für das Eine, noch das Andere entscheiden wollte, blieben die Sachen verfallen. Antisemitische Inserate. Im „Christlichen Extrabla r i" vom 13. Juni d. I. entdeckt die Neunkirchncr „Gleichheit" im Jnfcratentheil folgende Annonce: Wünschen Sie eine gute Heirat von 1000 bi« 1,000.000 fl. und mebr zu machen, so wenden Sic sich vertrauensvoll an ein christliches Haus unter: „Strengste Tiscretion Nr. 150" an die Expedition. Dastlbfl größte Auswabl von jeden Stand und Kategorie. Coulantestc Ausführung übertragener Aufträge. Bei Anfrage Retourinarke. Ein Seilenstück zum Tiszs-Eszlarer Proretz Mödling, 1. August. Eilt elfjähriges Mädchen, die in Mödling wohnende Marie Karika, hatte sich heute vor dem Einzelrichter des hiesigen Bezirksgerichtes, Adjuncten Dr. R e s ch, wegen falscher Aussage, beziehungsweise Verbrechens der Verleumdung zu verantworten. Das Substrat der Anklage ist folgendes: Die in der Managhettagasse in Mödling wohnhafte Private Agnes Psalidas mußte am 16. Juni in dringenden Familienangelegenheiten nach Ungarn verreisen. Sie ließ ihre Nichte Marie Karika allein in dem abgesonderten Häuschen, welches sie bewohnte, zurück, gab ihr einiges Geld und schärfte ihr ein, ja keinen Fremden in die Wohnung einzulassen. Als die Frau nach drei Tagen zurückkehrte, fand sie zu ihrem Erstaunen die Wohnung verschlossen, die Nichte war nirgends zu sehen. Frau Psalidas hielt nun Umschau und fand alsbald ihre Nichte im Nachbarhause der Frau L e i t g e b, Gattin des Dr. I. L. Leitgeb, Beamten der Bodencreditanstalt. Als sie ihre Nichte wegen des eigenmächtigen Verlassens züchtigen wollte, erzählte die Kleine, Frau L e i t g e b habe sie mit Gewalt in ihre Wohnung gesperrt und habe sie dort fürchterlich mißhandelt. Das Mädchen fügte ihrer Erzählung bei: D i e Juden haben mich gewiß ermorden wollen. Frau Psalidas erstattete nun gegen Frau Leitgeb die gerichtliche Anzeige, die zur Folge hatte, daß im Aufträge des Wiener Landesgerichtes gegen Frau Leitgeb eine Untersuchung w e g e n Einschränkung der persönlichen Freiheit eingeleitet wurde, welche ergab, daß Frau Leitgeb das Kind aus, Mitleid in ihre Wohnung genommen und sorgsam gepflegt habe. Die Staatsanwaltschaft stellte die Untersuchung ein und leitete den Act an das Bezirksgericht Mödling, woselbst sich heute Maria Karika wegen der eingangs erwähnten Anklage zu verantworten hatte. Die Angeklagte, welche nur ungarisch spricht, ist ein schlecht genährtes und in der Entwicklung zurückgebliebenes Kind mit blassen, fahlen Wangen und strohblondem Zöpfchen. Heute trägt sie ein nettes geblümtes Kleidchen und darüber eine blankgebügelte Rosaschürze. Am rechten Auge ist das Kiud leidend; die Lider sind zusammengezogen, so daß das Mädchen einer Einäugigen gleicht. Trotzdem besitzt dieses Kind eine seltene, ja, wie der Dolmetsch Dr. Moriz Kalman im Laufe der Verhandlung sagte, unheimliche Intelligenz. Sie spricht, so unglaublich es klingt, beinahe druckreif, in fließender Rede; sie spricht sehr deutlich und decidirt. Kein Vorhalt bringt sie in Verlegenheit, aber freilich passen die Antworten nicht immer zu der Frage. Die Angeklagte wird von Dr. Daniel B a ch r a ch vertheidigt und, wie gesagt, mit Hilfe des Dolmetsches Dr. Moriz K a l m a n in ungarischer Sprache vernommen. Marie Karika ist in Koszuth im Preßburger Comitate als Tochter eines armen Feldarbeiters geboren und hat im elterlichen Hause eine sehr vernachlässigte Erziehung genossen. In Mödling wohnt sie seit sechs Monaten, ohne auch hier die Schule zu besuchen. Die Kleine bleibt auch heute dabei, daß Frau Leitgeb, die, nebenbei bemerkt, eine gute C h r i st i n ist, sie in das Haus gelockt habe, um sie zu ermorden. Auf Aufforderung des Richters gibt sie mit größter Ausführlichkeit und ohne zu stocken, Folgendes an: „Als die Tante weg war, ging ich einmal aus", so erzählte sie in sprudelndem Ungarisch. „Ich ging aus, um Semmeln zu kaufen. Es war 11 Uhr Vormittags. Da kamen die Leute (das Kind sagt abwechselnd „die Juden" und „die Leute"), das Dienstmädchen und die Frau selbst kamen und verlangten den Schlüssel. Ich habe mich geweigert, den Schlüssel herzugeben, flüchtete mich schnell in die halbgeöffnete Thür und hatte noch Zeit, den Schlüssel einmal umzudrehen. Am zweiten Tage sind die Leute wieder gekommen und haben mich aufgefordert, mitzugehen. Ich habe nicht mitgehen wollen, da haben sie mit der Schulter die Thür zurückgedrängt, eine Frau und ein Mädchen haben mich an den Füßen und Händen gepackt und gleich in ihre Wohnung getragen. Vertheidiger Dr. B a ch r a ch fragt die Angeklagte, ob sie das erste Mal mit den Leuten gesprochen habe?

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