Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 14 (1897)
- Issue
- 33 (13.8.1897)
- Date
- 1897-08-13
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 668 Vr. Vloch's WochenlchrM Nr. 33 Praktisch blieb der Hirtenbrief ja ein todter Buchstabe — wahrscheinlich genau so wie die Mahnungen des heiligen Cyprian. — Der Episcopat hat eben in unserer sich demokratisirenden Zeit die Herrschaft über den niederen Clerus bis zu einem gewissen Grade eingebüßt, auch wo es sich nicht um Antisemitismus handelt: Beweis der italienische Jrredentismus der niederen Geistlichkeit im Trentino, die Christlich-Socialen in Belgien (Abbe Daens) rc. Der zweijährige Blutzeuge. Eine reizende Geschichte hat diese Woche einen Wiener Strafrichter beschäftigt. Gin zweijähriges Kind, das verwahrlost und unbeaufsichtigt in der Gaffe spielte, war von einem Wagen überfahren worden und der staatsanwaltschaftlichc Fnnctionär hatte die Anklage gegen die pflichtvergessene Mutter erhoben, die es versäumte, ihrem Kinde die nothwendige Fürsorge angedeihen zu lassen. Solche Vorkommnisse zählen in der Großstadt zu den Alltäglichkeiten. Ter Pauperismus trägt Schuld daran, die wirthschaftlichen Bcrbältnisse sagen der Mutterliebe Schach. Und der humane Strafrichter, der oft, nur allzu oft der harten Stimme des Gesetzes Gehör schenken muß, empfindet vorahnende Angst vor Verhandlungen dieser Art, in denen er dem Zuge seines Herzens, das gerne freisprechen möchte, nicht Folge leisten darf. Aber diesmal trat eine behäbige, wohlgekleidete Frau vor den Mann des Rechtes und, als dieser die Frage stellte, warum sie, die ja nicht wie andere ärmere Schwestern in irgend einem entlegenen Bezirk auf irgend einem Bau bei Sonncngluth und Regenfall die schweren Kübel zutragen müsse, ihr Kind vernachlässigt habe, da antnwrtete die würdige Tame kurz und gemessen und beinahe vorwurfsvoll : „Ich habe Wichtigeres zu thun gehabt." Und d'rauf der Mchter: „Was gibt cs Wichtigeres, als das eigene Kind vor Verderben und Tod zu bewahren?" Ta gab diese elastische Mutter die lapidare Antwort: „Ich mußte nach Mariahilf, mir ein Luegerbild kaufen!" Nicht drastischer kann das hirnverbrannte Götzenthum, das die christlich-sociale Bewegung in unserer Stadt gezeitigt hat, gekennzeichnet werden! Hier haben wir ein sprechendes Beispiel für die schönen ruhmreichen Erfolge, welche die Lucger'sche Propaganda aufzuweisen hat. Tic Hetzer von Wien begnügten sich nicht damit, den kleinen Mann aus Geschäft und Werkstättc in das qualmige Bierlocal, in die dunstige Kneipe zu locken. Auch die Frau wurde vom Herde uud von der Kinderwiege gerissen, um in jenen christlichen Frauenversammlungen, in denen das Unchristlichste und Unweiblichste gelehrt wurde, sich für den Chor der Luegcr-Mänaden, der Schneider-Bacchantinnen ausbilden zu lassen. Tie christlich-sociale Bewegung schreitet von Erfolg zu Erfolg. Tic Schultern ihrer Führer brechen zusammen unter der Last der Ehrenstellen und Mandate. Sie haben nicht Finger genug, zusammenzuraffen, nicht Taschen genug, um einzustecken. Jede große Bewegung heischt Opfer, jede Errungenschaft menschlichen Genius hat Blutzeugen gefordert. Ein solcher Blutzeuge der antisemitischen Siege ist der kleine zweijährige Knabe, der sein junges Leben unter den Rädern eines Wagens einbüßte, weil seine Mutter ein Luegerbild einkaufen mußte. Ein vollkommener Ehrenmann. Der polnische Abgeordnete S z a j e r, welcher bekanntlich durch die energische Vertheidigung seiner Jmmunitätsrechte seitens der Socialdemokraten aus der Untersuchungshaft befreit wurde, veröffentlicht im „Deutschen Volksblatt" folgende Erklärung : „Gegenüber böswilligen Ausstreuungen, daß ich ein Verbündeter der galizischen Socialdemokraten wäre, sehe ich mich veranlaßt, zu erklären, daß ich ein überzeugungstreuer Antisemit und Anhänger des christsocialen Programms bin, als solcher seit Anbeginn meiner politischen Thätigkeit d i e Socialdemokratie als eine durchwegs verjudete Partei bekämpft und diese meine Gesinnung in entschiedener Weise in zahlreichen Volksversammlungen, so in Rzeszow, Neu-Sandec, Jaroslau, Gorlice und letzthin auch auf dem polnischen Parteitag, vertreten habe, worüber auch Berichte in polnischen Blättern vorliegen. Es ist übrigens selbstverständlich, daß ich als Pole, der sein Volk und Land liebt, diese internationale Partei, die der christlichen Religion, dem Nationalismus und dem privaten Eigenthum feindlich gegenübersteht und speciell den Baicernstand zu Grunde gerichtet haben will, in keiner Weise unterstützen kann, sondern sie als Bauer unbedingt bekämpfen muß. Ich glaube, durch diese Erklärung meinen politischen Standpunkt klargestellt zu haben, so daß alle Mißdeutungen beseitigt erscheinen. Wien, 4. August 1807. T h o m a s z S z a j e r, Reichrathsabgeordneter." Die überraschende „Gesinnungstüchtigkeit" des Abgeordneten S z a j e r im antisemitischen Sinne erklärt sich sehr einfach durch die Thatsache, daß er vor Kurzem vom Kreisgerichte R z e sz o w wegen Majestätsbeleidigung zu acht Monaten schweren Kerkers verurtheilt wurde, daß er, um sein Reichsrathsmandat zu retten, ein Gnadengesuch eingebracht hat und hiebei der Protection des Herrn Lueger und dessen hochstehender Freunde nicht entbehren zu können glaubt. Ein christlich-socialer Vereinsobmann. Die Mitglieder des Krankeuuuterstützungs- und Leicheuvereiues „zum heiligen Rudolf" haben mit ihren Vereinsleitern ein eigenes Pech. Vor Jahresfrist wurde der damalige Vereinsleiter, der antisemitische Agitator, Stefan Haupt, wegen Bettuges und Caittionsschwindel, begangen an den Vereinsmitgliedern, dem Landesgerichte eingeliefert. Heute liegen nun gegen seinen Nachfolger, den in Währing, Gymnasiumstraße Nr. 24 wohnhaften Uhrmacher Franz H i e f, sowohl bei der Staatsanwaltschaft, als auch bei der Polizeidirection Anzeigen vor, welche ihn beschuldigen, daß er seine Stellung mißbraucht und die Vereinsmitglieder in empfindlicher Weise materiell geschädigt habe. So wird behauptet, daß er sich in mehreren Fällen von Parteien die Ausfolgung größerer Krankengelder-Beträge bestätigen ließ, als er thatsächlich auszahlte. Manche Mitglieder sollen nicht einmal während ihrer ganzen Krankheit das Krankengeld, sondern nur für eine viel kürzere Zeit erhalten haben. Das „Leichengeld" wurde Vielen nach fünf Monaten noch nicht ausbezahlt. Durch diese Gebahruug soll der Verein fast tausend Mitglieder verloren haben. Die Zwistigkeiten im Verein sollen auf Reibungen polittscher Natur zurückzuführen sein. Ein großer Theil der Mitglieder — Christlich-Sociale — wollte eine Fusionirung mit der „Zukunft" herbeiführen, was die liberal und socialdemokratisch gesinnten Mitglieder mit aller Kraft zu Hintertreiben sich Mühe gaben. Die Anzeizen gegen H i e f laufen schon seit mehr als vier Monaten, und es ist nur der Energie des gegenwärtigen Vorstandes Herrn Carl Weigl, welcher wegen seiner streng fortschrittlichen und humanen Gesinnung von H i e f und seinen Gesinnungsgenossen aufs Heftigste angefeindet wird, zu danken, wenn dem Gebühren des H i e f vorläufig ein Ziel gesetzt ist. H i e f hat in unerhörtester Weise die Vereinsmitglieder geschädigt, indem er seit Monaten vielen derselben Gelder vorenthielt, Wöchnerinnen das Krankengeld nicht auszahlte, obwohl die Mitgliederbeiträge von ihm eincassirt wurden. Unter der Leitung H i e f's sind die Schulden des Vereines auf mehr als siebenhundert Gulden angewachsen und wurde über die Einnahmen keine Rechenschaft gelegt. Der Vorstand, Herr Weigl, welcher eine Katastrophe vorausfah, gab infolge dessen bei der Polizei zu Protokoll, daß nach seiner Ansicht der Verein bankerott sei. Sämmtliche Bücher hinterliegen bei der Staatsanwaltschaft. . Ein Mann wahrhaftiger Gerechtigkeit. Das war thatsächlich der vor wenigen Jahren verstorbene pensionirte Budapester Oberstaatsanwalt Alexander K o z m a, mit welchem einer der freisinnigsten und edelsten Mäni er Ungarns ins Grab gesunken ist. Weiteren Kreisen wurde sein Name gelegentlich des Tisza-Eszlarer Processes bekannt. K o z m a hatte seinen Substituten Dr. Seiffert mit den staatsanwaltschaftlichen Functionen in diesem Proteste betraut, der im Sinne uud im Aufträge seines Chefs handelte, als er nicht nur auf Freispruch plaidirte, sondern im Laufe der ganzen Verhandlung vollauf die Pflicht der richterlichen Beamten erfüllte, von amtswegen auch die für die Unschuld eines Angeklagten sprechenden Momente hervorzuheben. Eines Tages kam Oberstaatsanwalt K o z m a selbst nach Nyiregyhaza, um sich vom Stande der Angelegenheit persönlich zu überzeugen. Am Tage seiner Ankunft veranstaltete der Gerichtspräsident eine kleine Soiree. Kaum war Kozma erschienen, als eine Anzahl von Damen ihn umringten und ihn mit Fragen bestürmten, ob es denn