Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 14 (1897)
- Issue
- 33 (13.8.1897)
- Date
- 1897-08-13
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 666 Vr. Vloch's Wochenfchrtfl Nr. 33 die Beiträge der Geistlichkeit Wiens, angefangen von dem Erzbischof, dein Nutznießer eines fürstlichen Vermögens, und dem reichen Schottenstift, und aufgehört bei den reichen Stadtpfarrern. Die Christlich-Socialen haben die Nächstenliebe gemeuchelt und sie ernten nun den verdienten Lohn. Mit arischen Geldern hat man bei solchen Anlässen nie sonderlich Staat machen können, es waren immer nur die reichen und die wohlhabenden Juden, die für öffentliche Zwecke reichlich beisteuerten. Nun, da diese sich nicht zur Folie eines Lueger herabwürdigen wollen, versagt der Hilssapparat des antisemitischen Centralcomites gänzlich und die Gattin des Stampiglienritters muß den Wiener Bürgermeister herausreißen, indem sie die „christlichen Frauen Wiens und Niederösterreichs" um alte Kleider, abgelegte Stiefel und Futter für Hausthiere anbettelt. Und wir Juden? Das goldene jüdische Herz soll sich auch diesmal nicht verleugnen, Jeder gebe, was in seinen Kräften steht! Aber wenden wir unser Scherstein vor Allem den von der Katastrophe heimgesuchten jüdischen Glaubensgenossen zu, übergeben wir unsere Spenden dem Armeu-Iustitute der Wiener israelitischen Cultnsgemeinde, der wir mit vollem Vertrauen die Vertheilung der eingelaufenen Beiträge zuweisen dürfen. Keine falsche Sentimentalität! Keinen übel angehauchten Kosmopolitismus! Seien wir nicht arischer als die Arier selbst! Unsere antisemitische^Gemeinderathsmajorität verstand sich nur schwer dazu, die Ferien zu unterbrechen, um eine entsprechende Summe als Gabe der Stadt Wien zu votiren. In den Stunden der höchsten Noth saß Dr. Lueger ruhig in seiner Villa zu Baden. Während der Kaiser auf gefahrvollem Wege nach Wien eilte, der Statthalter seinen Urlaub unterbrach, blieb der Wiener Bürgermeister kühl bis an's Herz hinan gegenüber der Bedrängniß seiner Mitbürger. Und diesem Manne sollten wir Juden zu einem billige« Triumphe verhelfen, solchen Händen sollten wir unsere Liebesgaben anvertrauen? Niemals! Mag die Nächstenliebe, wie sie die Antisemiten verstehen, nunmehr zeigen, was sie vermag — wir Juden werden für unsere eigenen Armen sorgen! * * Wir erhalten folgende Zuschrift: Geehrter Herr Redacteur! In Uebereinstimmung mit dem Eingesendet des Herrn E. I. in der letzten Nummer Ihres geschätzten Blattes habe ich bereits vor einigen Tagen die löbliche israelitische Cultusrepräsentanz aufmerksam gemacht, die Sammlungen für die Ueberfchwemmten, aus denselben Gründen des Herrn Einsenders, in die Hand zu nehmen und die Juden aufzufordern, ihre Spenden entweder der niederösterreichischen Statthalterei zur Verl Heilung ohne Unterschied der Confession zu widmen, oder der Gemeinde für die Glaubensgenossen allein. Mit Ersterem würde dargethan werden, daß die Israeliten sich von Unterstützungen nicht ausschließen, aber unter keiner Bedingung gewillt sind, die Werke Lueger's zu dessen eigenen Verherrlichung zu fördern, dessen Regiment uns zur Genüge bekannt ist, um uns von ihm unter welcher Form immer locken zu lasten. Ich weiß nur nicht, ob die löbliche Repräsentanz den Muth haben wird, in der Frage offen aufzutreten, und bitte daher diese Mittheilungen zu veröffentlichen, um denselben einen bessern Nachdruck zu verleihen. Ich glaube, daß der Sache ein Dienst erwiesen ist, wenn die Sammlungen der Commune aus dem Grunde des Ausschlusses ter Judeu ein geringes Resultat ergeben, hingegen jedoch bei der Statthalterei und der Cultusgemeinde größere Beträge eingehen würden. Genehmigen Sie die Versicherung der besonderen Werthschätzung, womit ich zeichne Hochachtungsvoll und ergebenst Jg. Zucker, k. k. Commercialrath. Ernst von Verganew. Ein Ehrenmann in Unterhosen. Man erlebt schließlich seine Wunder! Ernst Berg an i has seine Gerichtssaal-Schcu überwunden, Ernst Vergani hat seine Mühldorfer Vergangenheit vor die Geschwornen gebracht. Der Mann mit der eisernen Stirne hat auch dem ehernen Antlitz der Themis Trotz bieten wollen. Seine Kühnheit wuchs mit seinen Erfolgen. Er hatte dem Sprichwörter „Eine eiserne Stirne ist mehr Werth als ein Meierhof", eine neue Variante gegeben. Ihm ivar die eiserne Stirne mehr Werth als der Treuninghof. Aber die Atmosphäre des Schwurgerichtssaalcs ist lange nicht so behaglich als jene von Mühldorf und das erbarmungslose Licht der Gerechtigkeit erleuchtet die finstersten Köpfe dieses berühmt gewordenen Ortes und die dunkelsten Partien in der Amtsführung des ehemaligen Bürgermeisters und derzeitigen Ehrenbürgers von Mühldorf. * , * ¥ Das Bild, das wir an dieser Stelle von Ernst Vergani so oft entworfen, hat sich vor den Geschwornen nicht im Mindesten verschoben. Er hat sich — eine alte, liebe Gewohnheit von ihm — in vollstem Neglige gezeigt; auch moralisch wandelt er vor uns in Hemd und Unterhosen, als roher Gewaltmensch, als kniffiger Jntrignant, als schlauer Ausbeuter wechselnder Situationen, als scrnpelloser Prestidigitatcnr, der die Begriffe von Mein und Tein mit seltener Geschicklichkeit verwechselt. O, er hat seine Mühldorfer gekannt, der Herr von Vergani! Für diese liebe Einfalt vom Lande war er wirklich eine zaubcrgewaltige Erscheinung, und Alles, Alles ließ man ihm durchgehen, was er that und unterschl— pardon! unterließ. Tie bekannten Obligationen verschwanden, die Umlagegclder verschwanden, Haupt- und Eassabnch verschwanden, Umlagebüchel verschwanden, Belege und Quittungen verschwanden — „A lles, Alle s i st v e r s ch w n n d e n!" rief Vergani selbst mit richtiger Selbst- Persiflage aus. Noch einmal erhob er die eiserne Stirne mit herausforderndem Trotze. Aber er senkte sie sofort, als ihm der Vertheidiger znrief, daß er ja Zeit genug hatte, Alles verschwinden zu lassen, und als der Präsident, eine der vornehmsten Gestalten unseres Nichterstandes, ihm trocken erklärte, daß ja unter solchen Umständen die Vorwürfe der Angeklagten vollkommen berechtigt seien. -i- * Die Lebendigen haben gegen Vergani gezeugt, aber auch die Todten waren nicht für i h n. Er hat das' Andenken des verstorbenen Gcmeindesecretärs, seines Freundes Bartl nicht geschont, er hat zeigen wollen, wo — Bartl den Mo st, oder vielmehr das Moos holte, das aus der Mühldorfer Gemeindesparcasse verschwunden ist. Aber auch die Besudelung des Todten mißlang. Eine arme Witwe, die Bindermeistersgattin T r n k a, sagte ihm in's Gesicht, daß er ihr unter der Androhung, sic über die Treppe hinabzuwerfen, um 3 ft. 80 kr. mehr abgenommen hat, als sie schuldig war. * * * Auch als O b m a nn d e s Mühldorfer L o s v e r e i n s verfolgte Vergani sein seltsames Schicksal. Es verschwanden auch die Lose dieses Vereins für eine Weile und von dem Darlehen, das darauf getvährt wurde, verschwanden auch 1000 fl. zeitweilig. Das Los-Factum hat Ernst Vergani im bengalischen Lichte gezeigt. Um seine „Jncorrcctheit" zu bemänteln,' schellte er vor einer Correctur des Generalversammlungs-Protokolles nicht zurück, die ihm sciil guter Freund, der Oberlehrer, besorgte. Dieser Oberlehrer ist ein Typus. Er hat sich selbst wunderbar charakterisirt, als er eine nachträglich als unwahr erwiesene Zeugenaussage in einem Briefe folgendermaßen entschuldigte: „W a s m e i n e A n s s a g e betrifft, h a t t e i ch d i e Wahl, e n t w e d e r e i n d u m m e r o d e r schlechter Kerl zu sein. Ich zog das Letztere v o r." Das ist eine aus der Schule Vergani geschöpfte Lebensweisheit. So sehen die Freunde des Mühldorfer Ehrenbürgers aus. Seine Entlastungszeugen sind Prachtkerle, lebendige Illustrationen der „Mühldorfer Moral". Vor Allem sein Du-Freund, der vergessen hat, daß er zufällig ein Jahr Zuchthaus verbüßt hat, und „tausend Eide" schwören will, daß er unschuldig dazllgekominen!