Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 14 (1897)
- Issue
- 33 (13.8.1897)
- Date
- 1897-08-13
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/3020846-3021169-3021202--07005-3031313- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Bx. 33. Dr. Bloch's xiv. Centralorgsn für die gesammten Interessen des Iudenthums K. ft. Postsparksssen-Amt Elraringverkrhr Nr. 810.976. SeLseNon und Adminiprstton: l Wien ■ I., Sitte« augarfetMcaße 1«-! Telephon - Nr. 6535. m , -- —^- Wien. 13. August 1897. Erscheint jeden Freitag. ->» h - Brief-Adresse: Wien, I., Hauptpostamt — Teleyrauim-Adresse: Bloches Wochenschrift Wien. « Sexugsprris für Srsterretcü: . Halbjährig 4 fl. S Kr. Einzelexemplare 22 kr. Jür’a Ausland: ■ halbjährig S fl. — lo Kr. ganzjährig 10 „ äo „ j Anzeig en: Die 4mal gespaltene!' Pelitzeile 13 kr. Inhalt. Leitartikel: Die gemeuchelte Nächstenliebe. -- Ernst von Verganew. — Vom Jahrmarkt des Lebens: <'>oetl)iv Sonnenfels und die Juden. Der zweijährige Blutzeuge. Ein vollkommener Ehrenmann. Ein christlich-socialer Vereinsobmauu. Ein Mann wahrhaftiger Gerechtigkeit. Ein katholisches Kol-Nidre. Die Nächstenliebe im Alten irnd im Neuen Testament. Die Wege des Welthandels. Die Juden und der Ackerbau. Antisemitische Inserate. Ein Seikenstück zum Tisza-Eszlarer Proceß? — Die Ursache und die Entstehung des Proccsses Leckert-Li'chow. - Vom iudenreinen Spanien. - tlkohling's verbotenes Buch. — Die Besteuerung der ActiengejeUschaften, (sZenossenschafteil, Sparkassen, Gemeinden :e. - E o r r e s p o n d e n z e n : Wien, Baden, Rossitz, Brünn, Ischl, Krakau, Rostock, München, Straßbnrg, Warschau, London, Paris. 'Algier, Sosia. V e rmischtest Wien, Budapest, Brünn, Saaz, Kolin, Prag. Brandeis, Jranzensbad, Berlin, Leipzig, Memel, Parma, Brüssel, London, Jerusalem, Johannesburg. — Feuilleton: Vaters Geige. — Briefkasten. — Inserate. Die gemeuchelte Nächstenliebe. „Liebe Deinem Nächsten wie dich selbst!" Zwei Jahrtausende hat dieses Wort als der Inbegriff des christlichen Glallbens gegolten. Es ist viel gesündigt worden gegen diese Lehre, es sind Ströme Blutes geflossen und Huuderttauseude sind gefoltert itnb verbrannt worden. Die That verleugnete oft das Wort, aber das Wort selbst und sein erhabener Sinn blieben unverändert. Vor fünf Jahren aber erhob sich ein christlicher Priester und interpretirte die Lehre von der christlichen Nächstenliebe im Geiste der Brutalität. „Die Nächstenliebe" sagte er, „fängt zunächst bei sich selber an". Der Mob jubelte und die christlich-socialen Häuptlinge machten sich zu Aposteln des neuen Evangeliums. In einer großen Versammlung erklärte Dr. Lueger — der Mann mit der Dornenkrone — daß man zuerst sich selbst, daun seine Familie, dann seine eigenen Volksgenossen, dann die anderen Völker arischen Stammes lieben müsse; dann käme nichts und wieder nichts und dann erst kämen die Juden. Man hatte eine neue Religion gegründet, die Religion der Selbstsucht — und sie fand Millionen Bekenner. „Mir san mir und Lueger is unser Prophet." Seit sechs Tagen prangt der Name dieses Propheten an allen Straßenecken Wiens unter einem Aufrufe, der — man höre und staune! — die Nächstenliebe anruft! Und zwar nicht jene im Sinne des Pater Schnabl, die bei dem eigenen Ich anfängt, sondern die wahre und wirkliche Nächstenliebe, die den Bedrängten und Bedrückten hilfreich beistehen will. Der Bürgernieister von Wien wendet sich an die Bewohner der Reichshauptstadt um milde Gaben für die Ueberschwemmten. Es ist dem Apostel der brutalen Jch-Sucht nicht leicht geworden, die Rolle des barmherzigen Samaritaners zu spielen. Aus dem schwunglosen, trockenen, ledernen Styl erkennt man, wie sehr Herr Lueger seiner eigentlichen Natur hat Zwang anthun müssen. Er ist sich offenbar bewußt, daß er seine Stimme für eine verlorene Sache erhebt. Wer soll denn diesem Appell an die MildthätigkeitGotge leisten? Jene Massen etwa, die der Pater Schnabllschen Auslegung von der christlichen 'Nächstenliebe zugejubelt haben? Oder vielleicht gar die Inden, von denen ein anderer katholischer Priester einmal sagte: sie seien wohl Geschöpfe Gottes wie die Thiere, die Pflanzen, die Gesteine, aber keine Menschen? Daß die Juden ihre Hilfsgelder zu Herrn Lueger und seinen antisemitischen Bezirksvorstehern tragen werden, damit der judenfresserische Pöbel damit gefüttert werde, das hat wohl der edle Herr Bürgermeister selbst nicht geglaubt. Er hätte sonst sein „Central-Hilfscomitv" nicht ausschließlich I aus den blutrünstigsten Parteigängern der antisemitischen Partei zusammensetzen dürfen. Die Arier aber halten sich an die Lehre, daß die Nächstenliebe bei sich selber anfange. Wir haben in diesen Tagen der furchtbarsten Wassernoth vergebens nach der werkthütigen Barmherzigkeit der arischen Großen Ausschau gehalten. Wo sind denn bis jetzt die L i e ch t e n st e i n, die Schwarzenberg, die Lobk o w i tz, die S ch ö n b o r n, die F a l k e n h a y n , die T r a u t t m a n s d o r f f, die L a r i s ch, die W i n d i s chg r ä tz, und wie sie sonst Alle heißen, geblieben? In hochherziger Weise haben unser geliebter Monarch und unsere edelsinnige Kaiserin das Zeichen zur Hilfeleistung gegeben; Aber die stolzen Paladine des Reiches, die Fürsten und Grafen — kurz alle die Edlen, die nicht nur arisches, sondern sogar blaues Blut in ihren Adern haben, sie haben sich bisher nicht finden lassen. Auch sie huldigen längst der Umkehrung des Satzes, daß Geben seliger denn Nehmen sei. Bis Mittwoch Nachmittags waren beim Bürgermeister ungefähr 7000 fl. eingelaufen, wovon jedoch 5000 fl. von der Ersten österreichischen Sparkasse stammen Bleiben also 2000 fl., und diese 2090 fl. enthalten Alles, was im Ablauf von fünf Tagen das gesammte christliche Volk von Wien, obwohl sein abgöttisch verehrter Führer es selbst aufgefordert hatte, für die Ueberschwemmten zusammengebracht hat. Unter diesen 2000 fl. zählen aber auch mit die Beitrüge des Bürgermeisters und seiner beiden Collegen, sämmtlicher christlich-socialen Würdenträger, darunter so gewichtvoller Herren, wie des vielfachen Hausbesitzers und Zeitungseigenthümers Vergant und des Fürsten Liechtenstein, weiter