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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1897-08-06 · 32 (6.8.1897) · page 15

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
14 (1897)
Issue
32 (6.8.1897)
Date
1897-08-06
Page
– (sequence 15)
Language
German
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'Jtv. 32 Vr. Bwch's MmtzenschrM. Seile 663 „Ja, ja, und bald werden wir auch in die bessere Welt kommen, Lea, ja?" „In der besseren Welt sind wir ja schon, Geliebter. Du bist ein armer Narr.. Alle sind wir Narren und sehnen uns und haben Hoffnungen und wollen das Bessere. Wandern thun wir rastlos und merken es nicht, daß wir in der besseren Welt schon waren, denn im Leben eines jeden Menschen gibt's ein Jahr, eine Woche, einen Tag, wo er in der besseren Welt weilt. Aber schau, die meisten merken's nicht und erwachen an einem grauen Tage und in einer anderen Welt, aber es ist zn spät. Glaubst Du's nicht, daß wir jetzt in der besseren Welt sind?" „In der besten, Lea." „Nicht wahr — nnd weißt Du, kennst Du den „Erlkönig"? Das ist ein schönes Gedicht und so ist es mir zu Muthe. Du hältst mich, Liebster, wie der Vater sein Kind und Erlkönigs Töchter winken — aber sie sollen mich nicht haben, nein! Nicht wahr, Israel sie werden mich nicht haben?" Er trug sie wieder an ihr Lager, wo ein sanfter Schlummer über sie kam. Und au all den Tagen, wo die Sonne schien, saß sie auf seinem Schoß am Fenster. Wie ein Strom kamen ihre Worte und wie ein Strom ergoß sich die Liebe und Güte ihres Herzens. Er mußte ihr vorlesen, am liebsten den „Erlkönig". „Weißt Du, ein Dichter, das muß doch ein grauenhaft schöner Mensch sein. So einen möcht' ich mal sehen — was muß der für Augen haben, daß er alles so sieht? Der ist immer in der besseren Welt, der Glückliche. Und ist es nicht grausam und entsetzlich, daß auch seine Augen sich mal schließen, Israel?" Und ein anderes Mal: „Du wirst sehen, wie ich Dir das Leben erst schön machen werde, Israel. - Das muß jede Frau können! Eine reine, helle Stube mußt Du haben, viel Sonne wird in ihr sein und Stille, denn die Stille ist so schön. Und wenn Du müde von der Arbeit kommen wirst, da sollst Du einen Kuß haben, alle Tage einen andern. Und Du wirst nicht zurückdenken an das Vergangene und an den Andern. . . . Das war nur der Dornenweg zu Dir. Und Deinetwegen möchte ich ihn noch einmal machen, mit nackten Füßen, daß sie wund werden..." „Schau, mir fällt was ein. Blumen will ich, die Blumen, die draußen wachsen auf der Steppe. Die mußt Du für mich sammeln — g'rad' so wie Du es im vergangenen Sommer für mich gethan — ja? Nun, so geh', geh'" Und Israel ging. Unterwegs begegnete er seinem Vater. Er maß ihn mit fast feindseligen Blicken. „Ich bin auf dem Weg zu Dir, Israel." „Um den Fluch zu wiederholen? Höre: Ich bin sehr, sehr glücklich!" „Glücklich bist Du? Und trotzig! Und ich wollt' Dich zurückführen zur Frömmigkeit und zur Tschiwe*), daß Dein Weib gesund wird." „Stör' mich nicht, hörst Du? Ich sag' Dir: Frömmer bin ich nie gewesen wie jetzt und mein Weib ist ein Gott!" „O, mein Fluch, mein Fluch", stöhnte der Alte, „mein Kind ist verrückt." Israel ging weiter und suchte Blumen. Es waren weiße, duftende Nelken, die er sammelte. Er that es mit anderen Gefühlen, als damals; er war jetzt männlicher und stärker geworden; stolz durch die Liebe seines Weibes und stolz durch männliche Schmerzen. In allen Farben des verlöschenden Tages brannte die Steppe, als er sich anschickte, nach Hause zu gehen. Hoch hielt er das Sträußchen weißer Nelken in der Hand — aber sein Weib war todt.- Eine Stunde später klopfte Israel an die Thüre seiner Mutter. Sie stürzte ihm entgegen: „Kind, mein liebes Kind, kommst Du zu mir?" „Ja, Mutter, denn mein Weib ist todt, mein Weib ist todt." Es war ein Schrei des Schmerzes und es war fast ein Schrei des Jubels, den Israels Mutter ausstieß, Sie haderte mit dem Himmel und segnete ihn zugleich. * * * Die sieben Tage der Todtentrauer waren vergangen, die Tage, wo Aron und seine Mutter auf niedrigen Bänken, die kaum über die Diele ragten, saßen. Lenke waren gekommen mit traurigen Gesichtern, weinten die obligaten Thränen und sagten ihnen die obligaten Trostesworte. Die Lampe, die all' diese Zeit im Fenster brannte, war ausgeloschen, die Thränen machten einer Stille und Trostlosigkeit Platz und die Bilder der letzten Tage erwachten mit einer unheimlichen Lebhaftigkeit in den Seelen der Verwaisten. Nach einer schlaflosen Nacht voll wüster Gedanken war der Morgen heiter und licht angebrochen. Da weckte die alte Sarah ihren Sohn: „Steh' auf, Aron, hilf mir in die.Kleider. Die besten sollst Du nehmen — hörst Du — das schwarze Kleid aus Seide und mein gesticktes Tuch, denn ich habe einen Weg zu machen, Aron." Er schaute sie mit teilnahmslosen Augen an. „Wohin, Mutter?" „In das Bethaus will ich und Abrechnung mit ihrem Gott will die alte Sarah halten." „Du willst Deine Festgewänder, wo mein Rock durchschnitten ist?" „Wie soll ich sie nicht nehmen? Ich Hab' Dir doch gesagt, daß ich mit meinem Gott reden will. Da werde ich doch nicht hingehen in abgetragenen Kleidern und mit gebeugtem Haupt." „Gott hat mit uns schon gesprochen, Mutter. Für uns ist er nicht mehr zu Hause. Gräber haben keine Antwort mehr." „Glaubst Du, ich will hingehen nnd weinen und ihn anklagen, weil er den einzigen grünen Zweig gerissen hat vom morschen Stamm? Nein, ein frommes jüdisches Weib weint nicht und hadert nicht. Danken will ich ihm." „Danken? Sind wir die Sclaven Gottes oder seine Kinder?" „Seine Weisheit ist unermeßlich, Sohn — und darum will ich ihn noch eines fragen: Warum hat er den morschen Stamm so lange noch leben, den einzigen grünen Zweig überdauern lassen. Das soll er mir sagen, hörst Du? Das muß er mir sagen. Und wenn ich die Antwort Hab', da will ich still werden und warten." „Und dazu willst Du in die Synagoge. Höre Mutter: Die Antwort wirst Du nie bekommen — denn wer weiß die Wahrheit? Wer kann sie wissen?" „Er ist die Wahrheit und er ist die Gerechtigkeit und er ist die Güte; darum soll er mir Antwort geben." „Wie willst Du sie erzwingen?" „Die alte, blinde, müde Sarah Löwenthal wird sich in der Synagoge hinstellen und das Kadischgebet sagen für ihren einzigen Enkel, und da will ich sehen wie der liebe Herrgott das Gebet wohl aufnehmen wird. Das will ich sehen!" „Kadisch willst Du sagen, Mutter? Hast Du vergessen, daß Du ein Weib bist und daß Du also den Kadisch nicht sagen darfst?" „Ich darf es nicht, Aron, ich darf es nicht? Hat es Gott gesagt, daß ich es nicht darf? Siebzig Jahre Hab' ich gelebt in Unschuld und Frömmigkeit; die Schmerzen sind zu mir gekommen und ich Hab nicht geweint; mit der Noch und der Armuth bin ich die siebzig Jahre gegangen und ich Hab' ihn gelobt wegen seiner Güte und nun soll die alte Sarah nicht Kadisch sagen dürfen, da sie ihren Enkel überlebt? Wenn ich das nicht darf, so will ich hingehen und mit ihm hadern. Führ' mich hin, Aron! Und so sah man die alte Sarah sieben Tage nach dem Tode ihres Enkels an der Seite ihres Sohnes in Feiertagsgewändern in die Synagoge des nahegelegenen Städtchens eintreten. Sie saß in der Weiberschul' und sie betete nicht. Und Aron saß in der Männerschul' und betete nicht. Und die Andern schauten verwundert und murrten und winkten einander zu. Aber als die Hauptgebete zu Ende waren, da öffnete sich die Thür und sie sahen wie eine alte Frau hereinkam, mit so sicheren Schritten, als ob sie nicht blind wäre. Sie sahen wie sie vor einem Gebetpult stehen blieb und das Haupt emporhob und ihre Sttmme, die ohne Zittern und deutlich klang. Sie hörten den Kadisch aus dem Munde einer alten Frau. Sie waren entsetzt und wollten aufschreien — aber da war sie schon zu Ende und ihr Sohn hatte ihre Hand ergriffen und führte sie weg. Sarah sprach kein Wort mehr und suchte früh ihr Lager auf. Als Arou sie am anderen Tag wecken wollte, da sah er, daß seine Mutter todt war und er bemerkte einen Zug auf ihrem friedlichen Gesicht, als ob ihr die Antwort geworden, die sie ersehnt. *) Reue.

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