Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 14 (1897)
- Issue
- 32 (6.8.1897)
- Date
- 1897-08-06
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
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Seite 662 Vr. VUnh » VoMrnkltzrM Nr. 32 „0, mein Vater . . . könnte ich weinen mit Blut, um Euch zu zeigen, wie lieb ich Euch Hab' und wie ich Euer Kind weiter bin . . und wie ich Euch nie vergessen werde und nie an Gott!" „Schweig! Nu, wenn Du noch unser Kind bist, so zeig's. Gearbeitet haben wir für Dich und uns gequält und zersorgt bei Tag und Nacht — und umsonst ist das gewesen. Umsonst! — und Du gehst weg und wir werden hier einsam sterben ohne Kaddisch*). Unser Sohn bist Du noch, ein Gelächter bei mein Leben — unser Sohn? Nun, so bleib' da und laß von Aron's Tochter, die mit einem Goj sich Herumgetrieben hat, was weiß ich." „Vater?! Ja, ja — ich bin nicht Dein Kind — nein, nicht Dein Kind." „Hörst Du's, Riste, auf Deine alten Tag'? Hörst Du's? Nimm ein Messer und zerschneid' Deine Kleider. Srul? jemach, schemoch wesichroch **)!" Und ein altes Messer ergreifend, schnitt der Alte die Klappen seines Rockes durch. Als es dunkel wurde, schlich sich Israel in die Stube der Mutter, die mit abgewandtem Gesicht im Bette lag und weinte. „Mutterl? Willst auch Du mich nicht mehr hören und verstoßen? Und ich Hab' Dich so lieb — und werd' mich sehnen nach Dir und Dich segnen, süße, süße Mutter!" Sie erhob sich. Da sah er ihre Hinfälligkeit und ihre tiefe Trauer, und er begann zu schluchzen. Sie legte ihre schwachen, müden Hände um ihn und küßte ihn. „O, mein Einziger, was Hab' ich erlebt, was Hab' ich erlebt ..." „Eine Freude wird noch über Dich kommen, Mutter, eine große Freude. Ich will nur mein Glück erkämpfen . . und treu werden und gut. Schau, bei Euch könnte ich nicht mehr bleiben und Euer armes Brot essen. Ich könnte es nicht mehr. Du weißt nicht, was ich litt. Meine Seele war wie ein Licht, das trüb in einer einsamen, menschenverlassenen Stube hinschmilzt und sich umsonst verzehrt — konnte ich so sterben, Mutter?" „Und der Fluch, und der furchtbare Fluch Deines Vaters, Israel? Wird er Dich nicht erdrücken in der fremden Welt?" „Er wird mich einst segnen — Du wirst sehen, er wird mich einst segnen, Mutter?" „Und Du wirst glücklich sein? Du wirst mich nicht betrügen, wenn Du mir schreiben wirst, daß Du glücklich bist?" „Ich schwör' es Dir!" „Und Du wirst wieder zu mir kommen, wenn Du unglücklich sein wirst? Und hör' . . . Du wirst dort noch fromm sein und die heilige Thora lernen und beten? Und Deiner Mutter wirst Du Briefe schreiben, jüdische Briefe, damit die Leut' es sehen, mein Kind ist kein Goj?" „Alles, Alles." „So sei gesegnet, sei gesegnet." Aber als er dann wegging mit schweren zögernden Schritten, da ächzte das arme Weib lange. Sie sah weite, unermeßliche Entfernungen und unzählige versinkende Tage vor sich .. Und als dann ihr Kind fort war, da schluchzte sie auf: „Recht hast Du, recht, mein Mann, ich Hab' kein Kind mehr, kein Kind.." Ohne Freudigkeit, ja fast traurig und still war Lea's Hochzeitstag verlaufen. Nur wenige Gäste waren erschienen und diese saßen schweigsam und mit heimlichem Neid und Bewunderung. Sie war schön gewesen, die Braut, anders und höher als sie. Noch blasser war ihr Gesicht, das unter dem weißen Schleier hervorschien und ein Schein lag darauf, wie das müde Spiel herbstlicher Lichter. Es glich den schönen Todten, die jäh in ihrer Jugend sterben, auf deren Lippen noch der Traum eines letzten Lächelns liegt. Und goldig leuchteten die Locken ihres jungen, müden Hauptes. Sie hatte mit ihnen allen getanzt, mit den Mädchen und mit den jungen Leuten, die sich an sie herangewagt hatten, mit lässigen Schritten und mit der Grazie der Schönheit. Einer nach dem andern waren an sie herangetteten und gaben ihr das weiße Tüchlein und führten sie im Kreise herum — und dann kam ihr Vater und that dasselbe und sie mußte die Thränen verschlucken. Schmul hatte seine Geige ergriffen und goß seine arme Seele, eine Seele voll Kummer und alter Schmerzen in die Töne. Er saß mit geschloffenen Augen da und spielte Me¬ *) Todtengebet der Kinder für ihre Eltern. **) Möge Dein Name und Dein Andenken ausgelöscht werden. lodien eines Volkes, dessen Altäre man verbrannt, dessen Töchter man geschändet, eines Volkes, das keine Heimat hat . . . und es war ein Lied dunkel und süß, wie tiefe Schmerzen, die Thränen finden. Und draußen war Mondnacht, die Mondnacht der galizischen Ebene, die aus ihrer Armuth zu jäher, blasser Schönheit erwacht. Und der Marschalik (Spaßmacher), ein buckliges, armseliges Männchen, sagte seine Spässe und Witze, die fast traurig aus seinem Munde klangen. Und als sie sie unter die Chuppe (Traubaldachin) geführt, siebenmal um den Bräutigam und als ihr dieser dann den Ring auf den Finger gesetzt und das „tAasoI tauw" (Heil und Glück!) verklungen war, dann gingen sie, Einer nach dem Andern, bis sie allein zurückblieben. Da trank Lea Wein, ein Glas, dann das zweite und dritte und sie wurde lustig, als ob Flammen eines verhaltenen Glückes in ihr aufgeflackert wärell und sie theilte wilde Küsse aus und herzige Worte . . Aber in den Tagen, die darauf folgten, war eine große Müdigkeit über sie gekommen. Diese wurde größer und größer, je stärker die Sehnsucht nach der Ferne in ihr wuchs. Sie wollen endlich Ernst machen mit der Reise, und sie begannen Vorbereitungen zu machen, dann verschoben sie es von denl einen Tag auf den andern. Morgen . . nächste Woche . . nächsten Monat — bis sich das Kind erholen wird! Die bessere Welt wird ja warten, sie wird ja inzwischen nicht aufhören, die bessere Wett zu sein! Aber der Frühling verging und die heiße Sommersonne leuchtete und der Duft der Rosen machte die Lüfte schwer und betäubend und noch immer waren sie in der alten Welt in ihren alten Sorgen und vagen Hoffnungen. Und Lea's Sehnsucht stieg und stieg, ihre Wangen wurden blasser und ihre Augen glühender und sie fragte es bei Tag, wenn sie das stille, langsame Rollen der wegziehenden Wagen und die Abschiedsrufe der Auswandernden hörte und sie fragte es in schlummerloserl, schwülen Nächten, wenn trüb die Lampe brannte: „Wann ziehen wir weg?„ Aber dann wurde sie des Fragens müde. Sie lag mit abgewandtem Gesichte da, schweigend und in einsamen Gedanken. Es war das große Schweigen in ihr, das Leidende so unheimheilich und groß macht. Ihr armes, junges Herz schloß sich wie jene Blumen, wenn die Nacht über sie kommt. Sie wurde kindisch, egoistisch und eigenwillig. Sie hatte für die Zärtlichkeit ihres Gatten und ihres Vaters nur einen Blick ungläubiger Verwunderung und fast Härte. Aber eines Tages kam wieder die Sehnsucht zu ihr und rüttelte sie empor, härter empfand sie die Qual des ewigen Liegens und sie wollte hinaus, um die Sonne zu sehen und den Duft der Felder zu athmen. Sie rief ihren Vater zu sich, daß er sie emporhebe, allein er konnte es nicht, seine Hände zitterten. Da kam Israel zu ihr und hob sie mit starken Händen empor. Sie sträubte sich zuerst. Aber vann legte sie ihr Haupt an seine Schulter, wie Kinder in ihrer Schlaftrunkenheit es thun und ihr reiches schönes Haar fiel über seinen Rücken. Er trug sie in die Nähe des Fensters, wo ein Blumentopf stand, welk und dürr, seit Lea ihn nicht mehr Pflegte. Sie saß auf seinen Knieen mit geneigtem Kopfe und geschlossenen Augen — und er glättete sie zaghaft und sanft wie mit Mutterhänden. Da öffnete sie die Augen und schaute zu ihm empor, und ihr schmerzlicher Blick sänftigte sich und wurde, heiter und selig. In diesem Momente geschah ein Wunder: die Liebe war in ihr todtkrankes Herz gekommen. Und sie küßte ihn mit den heißen Küssen des Erwachens und mit den innigen Küssen des Abschieds. „Israel?" „O Lea, mein Weib!" Es vergingen mehrere Minuten der Sülle und sie fühlten den Duft ihres Lebens und sie fühlten, wie das warme Sonnenlicht über sie kam und sie einhüllte. Wieder wandte sie sich zu ihm mit leuchtenden Augen. „Israel, Du Lieber . . drücke mich an Dich — fest, ganz fest und Deine Arme leg um mich und küsse mich ohne Aufhör . . Als er es gethan, erhob sie ihre zarten Arme, die in der Sonne schimmerten und glättete sein Haar, langsam und zärtlich. „Du hast mich wohl noch sehr lieb, Israel?" Und ich möchte Dich noch lang, unendlich lang lieb haben und gesund möchte ich werden und stark wie die Bauernweiber — werden?" , -- .. ..