Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 14 (1897)
- Issue
- 32 (6.8.1897)
- Date
- 1897-08-06
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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Seite 660 Vr. Vlvch's Mochen »chrtsl. 'Sit. 32 vertriebenen Juden gebildet hatte, die es hier unter dem Schutze der gräflichen Gutsherren zu einigem Wohlstand brachten. Fünf Jahre vor der Zeit unserer Erzählung fiel es dem tollen Grafen ein, eine längere Reise ins Ausland zu machen, und um das dazu nöthige Geld zu haben, setzte er in Form von Darlehen seine Schutzjuden so in Cvntribution, daß sie fast alle zu Bettlern wurden. Nach ungefähr fünf Jahren seiner Abwesenheit zeigte er seinem Gutsverwalter, der ihm die Revenuen immer nach schicken mußte, seine Rückkehr an. Die Juden freuten sich darauf, wie auf die Ankunft des Messias, denn sie hofften, jetzt wieder wenigstens zu einem Theil ihres Geldes zu kommen. Mehrmals hatten sie schon vergebens Vorbereitungen zn seinem feierlichen Empfange getroffen, weil er bald den einen, bald den anderen Tag für seine Ankunft anberanmte, für . heute oder morgen hatte er sich aber gar nicht angemeldet, und sie dankten Gott, daß es sich so gefügt, denn heute Abend tritt der Nennte Ab, der große Trauertag um die Zerstörung Jerusalems ein, welcher die Stimmung zu einer Feierlichkeit nicht aufkommcn lassen könnte. Nach der vor Sonnenuntergang eingenommenen Schlußmahlzeit, die wie seit acht Tagen jede Mahlzeit nur aus Milchspeisen bestand, wallte Jung und Alt in Schlappschuhen oder gar bloßen Socken in die Synagoge zum Anhören des Vortrages der Klagelieder Jeremias' und anderer Trauergesänge, von denen man sich heute besonders viel Rührung versprach, weil ein fahrender Cantor mit seinen Sängern, der seit Wochen schon hier zurückgehalten wurde, um beim Empfange des Grafen unter dem Baldachin mit der Thora in der Hand den Bewillkvnrm- . unngsgruß zu executiren, heute diese Tranergesänge ansfiihren wird. Und in der That flößen heute in der Synagoge Bäche von Thränen. Selbst Jtzekel, der Goldschmied, der ein großer Epikuros war und über „den großen Brand, der in irgend einer großen Stadt vor vielen Jahren, vielleicht noch vor dem Knrutzenrummel (so pflegte er sich über die Zerstörung Jerusalems auszudrücken) stattfand, keine Trauer empfand, weinte, als der Cantor das „Schomron läßt ihre Stimme hören: Ich büße meine Sünde, in ein fremdes Land sind mir meine Kinder weggeführt, und Oboliwah jammert: Meine Paläste sind verbrannt, und Zion spricht: Gott hat mich verlassen" in ergreifender Weise vortrng. In demselben Augenblicke aber, als der Cantor seine Hände zur heiligen Lade emporhob und das: „Wie lange wird denn das Weinen in Zion und der Jammer in Jerusalem dauern? Erbarme dich Zion's und erbaue Jerusalem", in schmerzlicher Ergriffenheit recitirte, wurde auf dem Thurm des Schlosses die Fahne aufgehißt, zum Zeichen, caß der Graf angekvmmen ist, der in einer seiner Launen diesmal überraschend eintreffen wollte. Die Juden erfuhren dieses Ereigniß erst, als sie die Synagoge verließen, zugleich aber die Nachricht, daß der Graf vor Zorn über sie wüthe, die ihnen der Verwalter. der auch unter der Tyrannei des Grafen zu leiden hatte und als Schicksalsgenosse den Inden gut war, heimlich zukvmmen ließ. Böse Ahnungen beschlichen sie. Der Graf in seinem Zorn war die zweite Potenz der Rücksichtslosigkeit und Unmenschlichkeit. Daß er ihnen ihr Geld nicht zurückzahlen würde, war ihr erster Gedanke, der aber bald einem schrecklicheren Platz machte. Der Graf führte auf seinem Gute die Justiz aus und Fünfundzwanzig aufgezählt zu bekommen, war noch die gelindeste Strafe. Wie, wenn er alle Bal-Batim, in erster Linie vielleicht sogar den Rabbiner, den Rosch-Hakahvl und die Tubim dieser diffamirenden Strafe untcrzög". Und auch dieser Gedanke wich einem noch fürchterlicheren. Keiner konnte diese Nacht schlafen. Um Mitternacht setzte sich Jeder wieder auf den harten Boden, in der einen Hand das Stümpfchen einer Unschlittkerze und in der anderen das Tiken Chazot und durch die ganze Gaffe hörte mau weinen und mit von Schluchzen halb erstickten Stimmen die Klagelieder: „Gedenke o Gott, was uns zu Theil geworden, schau herab und sieh unsere Schmach rc. rc." Und darauf in wilden Ausbrüchen den den Himmel anklagenden Schmerzensschrei: „Wie lange, o Gott, werden die Gottlosen sich freuen rc. rc." Alles erwartete den Morgen, um wieder im gemeinsamen Gebete die Abänderung des bevorstehenden Unglückes zu erbitten. Die Synagoge füllte sich wieder und in dem Synagogenhof versammelten sich trotz der frühen Stunde die Frauen, Mädchen und Kinder, die Männer im Jammern überbietend. Gelehnt an den Arm des Scham es stieg der greise Rabbiner die paar Stufen zur heiligen Lade hinauf, von wo aus er sich zu der Gemeinde wendete und sie mit zitternder Stimme apostrophirte: „Durch unsere Sünden verdienen wir es, daß wir uns gegenwärtig in so schrecklicher Angst befinden. Gott ist gerecht und alle seine Thaten sind gerecht. Unseren Handlungen gemäß läßt er uns zukommen. Wir baten so lange, der Graf möge kommen, und er ließ ihn kommen als Strafe unseres thörichten Verlangens". Das Schluchzen der Gemeinde zeigte, daß sie ihn verstanden hat. Dann fuhr er fort, die Gemeinde zur Standhaftigkeit im Glauben, möge kommen, was da wolle, zu ermahnen. Als Beispiele des Kidusch-Haschem an Rabbi Akiba, Rabbi Jehudah Sohn Baba's, Rabbi Chananja Sohn Theradjons, Rabbi Elieser Sohn Schamua's und die anderen der zehn Märtyrer erinnernd, deren heute noch in den Kinot gedacht werden wird. Er schloß mit der Versicherung, daß das Kahal noch heute alles Mögliche thuu werde, um den Grafen zu besänftigen, aber Gott voran, und man möge jetzt andächtig beten, denn die Zeit dazu ist schon da. Er stieg die Stufen hinab. Seine Worte hatten ihre Wirkung gethan. Die Versammelten beruhigten sich. Mit der gottergebenen Resignation, Alles zu ertragen, war der Schrecken vor dem Kommenden dahin. „Der Herr der Welt, welcher regierte", fing der Schames vorzubeten an und Alle beteten still und inbrünstig nach. Das Mvrgengebet ging vor sich, wie gewöhnlich, als stünde gar nichts bevor. Bei den Kinos wurde geweint, tote an jedem anderen Tischabeab. Der altersschwache Rabbiner machte alle physischen Anstrengungen, um das Gebetstück „Cedern Libanons" so laut; als möglich vorzntragen, und der Cantor wendete alle seine : Stimmmittel und seine ganze Kunst bei den „Zioniden" an. j Aus der Synagoge gmg Alles auf den Friedhof, um die - Gräber der theueren Tvdten gu besuchen, wie es am nennten! Ab von jeher Sitte ist. I Nur das Kahal, der Vorsteher mit den Tubim machten sich auf den schweren Weg in das gräfliche Schloß. * * Der Graf saß in einen Schlafrock gehüllt am Frühstückstische mit einem Officier, den er als seinen Gast aus der Fremde mitgebracht. Der Officier schien seinen Gastgeber mit pikanten Anecdoten aus seiner militärischen Laufbahn zu unterhalten, denn der Graf schüttelte sich vor Lachen. Jul Vorzimmer, dessen Flügelthüren offen waren, stand der Verwalter und erwartete die Befehle des Grafen,, der auch darin seine Tyrannei zeigte, daß er seinem Untergebenen die Qual des Wartens wie möglich verlängerte. Der gute Mann hielt die gute Laune Seiner gräflichen Gnaden für den günstigsten Moment, ihn für die Juden umzustimmen und faßte Muth, hervorzutreten und zu melden, daß der Judenvorstand im Schlosse sei und uuterthänigst in» die Gnade bitte, vorgelassen zu werden. „Der Judenvorstand?" schrie der Graf. „Wo war er denn gestern, als sein Schutzherr nach fünfjähriger Abwesenheit heimkehrte?" „Die Juden hatten gestern einen großen Trauergottesdienst zum Andenken an die Zerstörung ihres Tempels in Jerusalem", sagte demüthig der Verwalter. „Schon gut. Das entschuldigt sie nicht. Es ist beschlossene Sache, sie müssen weg von meinem Gute, und noch heute, nicht über Nacht dulde ich sie mehr; gehen sie nicht willig, so werden sie eben getrieben werden. Ich meine, Du allein mit einer tüchtigen Ochsenpeitsche jagst ihrer hundert; nicht wahr, Herr Rittmeister?" wandte er sich an den Officier. „Gewiß, gewiß, diese Schufte von Inden verdienen keine Schonung. Schade, daß man auf sie nicht Jagd machen kann, wie auf die Bestien des Waldes. So eine Judenjagd wäre eine rechte Hetze." „Und wer sagt Ihnen, Herr Rittmeister, daß man's nicht kann oder nicht darf. Wenn es mir beliebt, schieß ich sie auch todt." „Aber auf die Jüdinnen möcht' ich doch eine andere Jagd machen," sagte der Officier lachend und der Graf lachte mit. , „Was für Antwort soll ich also dem Judenvorstand bringen?" fragte der Verwalter zitternd vor Furcht. „Nicht' ihm meinen Gruß aus", witzelte der Graf, „und da jeder Christ seinen Nächsten wie sich selbst lieben muß, so