Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 14 (1897)
- Issue
- 32 (6.8.1897)
- Date
- 1897-08-06
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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Seite €58 Vr. Vlvch » Wochenschrift Nr 32 Maurer-, Schreiner-, Droschkenkutscher-Synagoge. Auch die Entstehungsgeschichte dieser Bethäuser legt oft Zeugniß von der Opferwilligkeit jüdischer Arbeiter ab. So hat auch unlängst ein Schneider Salomon I o n st eine große Summe für den Bau einer Synagoge mit 400 Sitzplätzen gespendet und den Wunsch geäußert, daß die Synagoge ein Art Wappen in Form einer Scheere tragen möge. Bei der feierlichen Grundsteinlegung sprach auch Seine Ehrwürden Rabbiner Dr. Niemirower, indem er die Bedeutung des Arbeiterstandes in Israel hervorhob, und bei dieser Gelegenheit, wie bei anderen, ermuthigte er zum Bau eines allgemeinen st ä d t i s ch e n Gotteshauses, dem modernen Zeitgei st entsprechend. Ein großer Tempel ist auch nothwendig, trotz des Neuschotz-Tempels, denn Einheit ist die Lösung des Judenthums und ein einheitliches zeitgemäßes Bethaus ihr Symbol. Einheitlichkeit gerade fehlt jedoch unserer Gemeinde, was sich bei der Organisation der Schulen geltend macht. Es bestehen hier fünf jüdische Knaben- und eine Mädchenschule, die sehr viel leisten würden, wenn sie von einer Schulbehörde geleitet würden. Jndeß sind sie bei ihren vielen Mängeln auch gegenwärtig Motoren der Culturentwicklung der hiesigen Judenheit. Hebräisch wird in den unter der Ehrendirection des Herrn Dr. Lippe stehenden Junima-Schnlen mehr als überall gelernt. Manche Kinder sind im Stande, hebräische Reden fließend zu halten; in den von H. Waisen grün, Dr. M argul i e s und Dr. Herzenbrrg geleiteten Culturaschulen lernen die Kinder ausgezeichnet rumänisch, was auch seitens der christlichen Behörde anerkannt wird. Im Waisenhaus unter dem Directorat Dux und in der Mädchenschule unter dem Präsidium Daniel sprechen die Juden ein vorzügliches Deutsch, was in Rumänien viel sagen will. Für die Bekleidung armer Schulkinder sorgt ein ans Anregung des Rabbiners Dr. Niem ir o w e r gegründeter Verein, der der Wohlthätigkeit sehr dient und auch einen Holz- und Mazzes-Verein wie einen Colonisationsverein gegründet hat. All diese Institutionen wie das unter der Leitung der Herren Daniel, Handelskammermitglied I. Leibowitz, M. Schnürer, Reischer und Wassermann stehende und heilsam wirkende Hospital werden von denselben paar Hunderten der Cultur zugänglichen Männern gehalten, während sich die große Masse des Volkes leider nicht betheiligt. Nur das Heimatshaus für sieche Arbeiter und der Procurar-Unterstützungsverein erfreuen sich der allgemeinen Betheiligung, somit werden alle Pflichten und darum auch alle Rechte einer beschränkten Gruppe überlassen. Gegen diese unheilvolle Gestaltung der Gemeinde kämpft mit großer Energie die Lew Leritb-Gesellschast, an deren Spitze der wackere Kämpfer Goldenthal steht. Besser wird es jedoch werden, wenn die Jerichomauern, die unsere Altfränkischen oder wie man sie hier nennt, „OhLbacknilles" vor dem Eindringen des modernen Zeitgeistes schützen werden, die aber auch unsere Aufgeklärten, oder wie man sie hier nennt, „Deutsche" vor dem Geist der jüdischen Wissenschaft bewahren. Diese chinesischen Mauern müssen, je mehr sich die Kenntniß des Judenthums verbreitet und die Erkenntniß desselben vertieft, sinken. Die Vertiefung des jüdischen Gedankens in ftommen Kreisen bewirkt die neue homiletische Art, die Predigt—Drusche welche Dr. Niemirower hier eingeführt und in den konservativsten Synagogen hält. Eine nach den Regeln der Homiletik und Oratorik aufgebaute gottesdienstliche Rede in Hochdeutsch oder wie das Volk es bezeichnet, „tiefdeutsch", die eine Dornenlese unverständlicher Midrasch- und Talmudstellen und eine Blumenlese geistsprühender Erklärungen enthält, die auch den unersättlichen Appetit nach Talmuddelicatessen, der auf die Quantität ebenso wie auf die Qualität Gewicht legt, — Genüge leistet, — das ist eine Predigt- Drusche, die gewöhnlich zwei Stunden in Anspruch nimmt. Für die Fortgeschrittenen, bei welchen sich das Druschebedürfniß weniger zeigt, sind die ebenfalls von Dr. Niemirower gehaltenen Predigten bestimmt. Allen Kreisen der Bevölkerung will die jüdisch-literarische Gesellschaft „Ohole Sehern", die sich in den letzten Wochen gebildet, Belehrung bieten. Sie gibt sich als eine Tochteranstalt der einst von Dr. Lippe gegründeten Lesehalle, deren Name „Ohole Sehern" sie auch angenommen. Sie hat eine Lesehalle wieder eröffnet, eine Bibliothek angelegt, hält Vorträge ab und hat gewissermaßeu einen Lehrstuhl für Dr. Niemirower creirt, der fast wöchentlich in dieser Anstalt lehrt. Er hat bereits über „Die Erhaltung Israels im historischen Kampfe des Daseins", „Israels Ethik und die Wissenschaft^, „Der Arzt und das Judenthum" „die Errungenschaften des Judenthums in diesem Jahrhundert", „Was heißt national", „Jabucismus und Zionismus", „Das Gesetz der Entwicklung" und unsere Geschichtswissenschaft „Das Gewissen" gehalten. Dr. Lippe sprach über „Moderne Denker und unsere Weisen", „Pantheismus und Judenthum", „Zionismus". Dem Ohole Schein gehören die berühmtesten Männer unserer Gemeinde an: Der hebräische Dichter G u t m a n n, Waisenhaus - Director Dux, die hebräischen Schriftsteller Weisselberg, Weiß mann Mathes, Michel Z u r t e n (Pseudonym Mitah), die Journalisten I i n e s c u, M a r c u s, Dr. N a ch t, S ch o r r, Dr. M a r g u l i e s, Carl M a r g u l i e s, G o l d n e r rc. Die Schilderung des hiesigen Culturzustandes ist mit dem Gegebenen nicht erschöpft und hoffe ich, bei nächster Gelegenheit darauf zurückzukommen. Die Inden in Persien. Die englischen Zeitungen veröffentlichten zu Ende Juni verschiedene Nachrichten über Anfälle, denen die Israeliten von Teheran von Seiten der muhamedanischen Bevölkerung zum Opfer gefallen. Es war von Abschlachtungen und Plünderungen die Rede. Die Thatsachen, die zu diesen Gerüchten die Veranlassung gaben, scheinen nicht bestritten zu werden, denn das Central-Comits hat in der That folgende Briefe aus Teheran selbst über diese schmerzliche Angelegenheit erhalten: Teheran, 17. Mai 1897. Ich beeile mich, Sie über die entsetzliche Lage unserer Glaubensgenossen in der Hauptstadt in Kenntniß zu setzen, die noch durch Aufreizung eines fanatischen Priesters, Namens Seyed Rihan Allah, verschlimmert worden ist. Dieser Seyed Rihan Allah benutzt die Schwäche der Regierung, um den Haß des Pöbels gegen die Juden anfzustacheln und sie wie ihre unglücklichen Brüder von Hamadan der beschimpfenden Rouelle ausznsetzen, desgleichen sie zu zwingen, sich anders als die Perser zu kleiden. Hiervon müssen wir Sie benachrichtigen, damit die civilisirtc Welt wisse, daß während der Regierung des verstorbenen Schah die Inden fast immer eine tolerante Behandlung genossen, die demselben alle Ehre macht. In allen Städten Persiens hatte man versucht, die Israeliten zu mißhandeln außer in Teheran, und die Gemeinde der Hauptstadt wurde von den entfernteren Gemeinden, wo das Wohlwollen des Schah sich nicht fühlbar machen konnte, ein wenig beneidet. Unglücklicherweise änderte - sich ---dies-- alles gestern Sonntag den 16. Mai 1897. Ettva 10 Mollahs (Schiitische Priester) belagerten das jüdische Viertel auf Befehl ihres Oberen Seyed Rihan Allah, und wehe dem, der nicht das Abzeichen trug oder der die Haare nach Art der Perser geschnitten hatte. Man schleppte ihn vor Seyed, wo ein Henker bereit war, ihm die Ecken des Kopfhaares abzuschneiden, während andere ihm einen Stofflappcn auf die Kleider nähten oder klebten. Natürlich war diese barbarische That von Stößen und Mißhandlungen begleitet, die ein Herz von Stein erweicht hätten. Mehrere der Juden mußten zum Islam übergehen, um den Qualen, die das schmachvolle Abzeichen verursacht, zu entgehen. An und für sich ist es zwar keine große Strafe, einen rothen Stofflappen auf den Kleidern zu tragen, aber die Folgen sind verhängnisvoll. Bis jetzt verdankten mehrere der besten Israeliten der Gemeinde ihre gute Behandlung von Seiten der muselmanischen Bevölkerung dem Umstande, daß sie ebenso wie diese gekleidet gingen und infolgedessen vom niederen Volk nicht erkannt werden konnten; nur die Geschäftsleute, die mit ihnen zu thnn hatten, kannten sie. Anderseits schreibt ein Correspondent aus Bagdad der Alliance Folgendes über dieselbe Angelegenheit. In Persien ist Folgendes dauernd zu beobachten. Sobald ein Priester sich als ftommer Mann Hervorthun will, predigt er den Krieg gegen die Juden. Dies ist soeben in Teheran geschehen. Seyed Rihan Allah, gestern noch von Niemandem gekannt, hat sich durch seinen Fanatismus auf einen Schlag volksthümlich gemacht. Er beklagte sich, daß die Juden von Teheran sich durch kein äußeres Abzeichen von ihren muselmanischen Mitbürgern unterscheiden und veranlaßte einen Erlaß, eine Fetwa, nach welcher unsere Glaubensbrüder in der Hauptstadt ein Abzeichen auf der Brust tragen und sich die Haare schneiden müssen zum Unterschied von den Mohammedanern, deren Hals von.reichem Haarwuchs bedeckt ist. Die Juden protestirten gegen diesen Erlaß und beklagten sich beim Herrscher. Aber was vermochte die Schwäche des Monarchen gegen den kühnen Fanatismus der Mohllas? Diese blieben unerbittlich. Und auf alle Vorstellungen des Schah und seiner Minister antworteten sie, daß dies nichts die Civilbehörden anginge und nur Religionssache sei. Von den Behörden verlassen, ließen sich jedoch die Juden diese Demüthigung nicht gefallen und erregten durch ihren Widerstand den höchsten Zorn ihrer Feinde. Rihan Allah befahl seinen Anhängern, den Erlaß mit Gewalt auszuführen. Am 14. Jgar umringte eine Schaar