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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1897-08-06 · 32 (6.8.1897) · page 7

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
14 (1897)
Issue
32 (6.8.1897)
Date
1897-08-06
Page
– (sequence 7)
Language
German
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>J<c. 32 Vr Vioch » rpochrnptzrtfl Seite 655 das Erzeugniß wirklich angenehm, wie wir uns überzeugten, als uns nach echt russischer Sitte Brod und Salz gereicht wurde, nebst einem Gläschen ganz ausgezeichneten Kümnlelbranntweins. Dies geschah, nachdem das Mädchen, unsere Führerin, der anwesenden, noch nicht alten, aber schon stark verrunzelten, Spuren großer Leiden ausweisenden Frau, bei der nur das Haar noch ganz braun war, weil sie eben einen rituellen künstlichen Scheitel trug, gesagt hatte, was wir wollen. Das Mädchen und die Frau redeten in einer Sprache, die ich trotz meiner mannigfachen linguistischen Erfahrung nicht zu deuten wußte, obwohl dieselbe Deutsch vorstellte. Darauf sprach die Bäckerin zu mir auf „hochdeutsch", was ich vollkommen verstand. Ich kam bei dem Interview insoferne nicht auf meine Rechnung, als die Frau mir nur das zu sagen wußte, daß es Ihnen, Gott sei gedankt, hier in Paris ganz ausgezeichnet gehe. Ich freute mich, dies zu vernehmen : Paris sei das Paradies! Früher war die Familie in London, wo sie beinahe verhungerte. Seit sie aber nach Paris übersiedelte, habe sich ihr Los sogleich zum Besten gewendet. Der Wintertag, an dem sie anlangten, war nicht nur warm und sonnig, sondern hatte ihnen sogleich auch reiche Ernten geboten, indem gerade Faschingsonntag war. An drei Tagen und drei Nächten durften sie in dieser menschenfreundlichen Stadt aus Grund der allgemeinen Freiheiten mit Confetti handeln, in welcher Waare sie ihre letzten Groschen anlegten und es nicht bereuten, weil sie ein kleines Capital dabei so rasch verdienten. Der Vater, die Mutter, der Sohn, die Tochter und auch die kleineren Kinder halfen bei dem wahnsinnig raschen Verkauf, den ein bereits der Sprache kundiger Landsmann leitete, der ihnen diesen Rath ertheilt hatte. Selbst der alte Großvater stand dabei auf dem lärmenden, toll gewordenen Boulevard, von dessen Treiben er nichts verstand und nur soviel sah, daß für werthlose Papierkörnchen schweres Silber eingeheimst wurde und manches Goldstück ebenfalls gewechselt werden mußte. So stand der Greis da, bebenden Mundes, sein langer Weißbart ebenfalls mit Confetti übersäet, da auch auf ihn die vvrbeiziehendeu lustigen Weiber geworfen hatten. Und so sollen zahlreiche jüdische Familien von einer einzigen tollen Fastnachtsstimmnng mehr erreicht haben als sämmtliche philantropische Denkschriften und diplomatische Vorstellungen je erzielen konnten. Der Baron Hirsch gab den Juden Ackerland in Argentinien; aber was sagt man zu Paris, das ohne Aufwand von Beamten, ja ohne daß es davon wußte, in kurzen Zaubernächten zahlreiche der aus Rußland vertriebenen Familien in bessere Verhältnisse setzte, als sie je gekannt; Hierselbst, im Mittelpunkte der Civilisation und der — antisemitischen Bewegung. Was hat bei dieser Familie nur die kurze Confettifreiheit blos geschaffen! Der alte Großvater sah noch ein freudiges Wunder, ehe ihm die Augen zufallen; die Mutter gründete ein Bäckergeschäft mit fremder Specialität; die Tochter ernährt sich selbstständig als Bouquetiöre und geht bereits daran, einen Kiosk zu miethen; die kleinen Kinder vollends besuchen die ausgezeichnete Pariser Communalschule. Die Enkel werden ganz gewiß in automobilen Equipagen spazieren fahren. In dieser Ueberzeugung nahmen wir wieder Abschied. Ehe wir aber gingen, begehrten wir auch den Großvater zu sehen. Der alte Jude saß in der Stube drin, eine kronenartige, mit Perlen garnirte Quastenhaube auf dem Haupte, die große Pfeife wie ein Scepter in der Hand. Er rührte sich nicht bei unserem Eintritte, konnte vielleicht auch nicht aufstehen, da er bereits neunzig Jahre zählte und in seinem langen Leben bisher nur Mühsal erduldete. Seine Tochter mußte laut zu ihm schreien in jenem Kauderwelsch, damit er wisse, daß fremde Herren, die sich für das Wohlergehen der Familie interesfiren, ihm die Hand zu reichen wünschen. Darauf legte er die Pfeife weg, stand auf und bereitete mit einem Gebete segnend die zitternden Händen gegen uns aus. Selbst mein Freund, ein lebenslustiger Pariser, wurde erschüttert. Eine Unterhaltung konnten wir mit dem Alten nicht führen, sondern ihm nur unsere Wünsche verdolmetschen lassen, da er außer russisch und jenem in Wahrheit schaudervollen Jargon keine andere Sprache verstand; außer natürlich hebräisch, indem er uns als ein veritabler Schriftgelehrter gepriesen wurde, der jedoch schon seit Jahren wegen seiner geschwächten Augen, die keine Brille mehr zu schärfen vermag und die stets voll Thränen stehen, obwohl das schwere russische Leid bereits vergangen, nicht mehr zu lesen vermag. Mit achtzig Jahren noch hat dieser Patriarch unter Kosakenescorte durch die Steppe gehen müssen; dann hat er viele Nächte in überfüllten Elsenbahnwaggons und kahlen Warteräumen verbracht und per Zlvischelldeck die Meere befahren, überall zu seinem Herrn betend, der ihn nun in Paris, in diesem freniden Milieu, im Schatten der Sanct-Peterskirche, friedlich sterben lassen wird. Täglich noch geht der hinfällige Greis Morgens und Abends, geleitet von beu jüngsten der Knaben, in eine Synagoge. Er ist sich selten bewußt, in welcher Stadt er sich befinde. Als man voik der Anwesenheit des Czaren sprach, wurde er von Furcht befallen. Er hat indessen nie mit dem Czaren, sondern nur mit den Popen zn thun gehabt, deren eigentliches Werk die ganze Judenaustreibung doch nur war. Diese Meinung herrscht unter den Leuten selbst. Auch der Alte rief dazwischen: „Pope! Pope!" Es fehlen mir die richtigen Töne, das Bild der russischen Judenfamilie in Paris so künstlerisch herauszuarbeiten, als der Stoff es verdiente. Es gibt Hunderte solcher Familien in der Vorstadt Saint-Antoine, dem erkalteten Revolutionsherd, und jede derselben mag interessant sein und auch Ergreifenderes zu erzählen haben als Diejenige, zu der der Zufall mich fiihrte. Im Grunde genommen holte ich mir blos ein Stück Satyre von den Leuten auf Eduard Drumont und seine „Libre Parole". Im Passage Saint-Pierre nämlich und der ganzen Umgebung zählt diese jüdische Familie nur Freunde und eifrige Kundschaften für den Bäckerladen unter dem dortigen zahlreichen patriotischen Christenvolke, das daher nicht daran denkt, es mit einer jüdischen Bäckerei zu thun zu haben, wohl aber mit einer russischen! Josef S i k l 0. (N. P. I.) Entgegnung. In Nr. 30 der „Oesterreichischen Wochenschrift" befindet sich ein, mit Dr. Rippner (Glogau) unterschriebener Artikel, der sich in den heftigsten Angriffen und unwahren, gegen meine Persou gerichteten Beschuldigungen ergeht. Ich vermag allen diesen Beschuldigungen nur die Thatsache einer langjährigen und erfolgreichen Wirksamkeit im Dienste meines Glaubens und meiner Volksgenossen, im Dienste der Armen und Bedrängten, im Dienste der Wissenschaft und der Volksbildung gegenüberzustellen. Hievon soll nicht weiter die Rede fein, sonst könnten meine Worte auch wieder als „Reclame" aufgefaßt und der Mißdeutung übelwollender Menschen verfallen. Allein Rippner sagt auch von mir, ich hätte den treuen, edlen Freund, den ich wie einen Bruder geliebt, dem ich mich, obschon ich der ältere Genosse war, in allen Stücken gern unterordnete, verrathen und herabgesetzt; ich finde gar keinen Ausdruck, um solch eine den Thatsachen widersprechende Behauptung gebührend zurückzuweisen, erkläre mich aber bereit, vor einem jeden Gerichtshöfe, welcher es auch sein möge, den Beweis zu führen, daß ich das Gegentheil von diesem gesagt und gethan habe. Rippner sagt wörtlich von mir, „so hat er jüngst in einem dem seligen Tr. Bamberger gewidmeten Artikel es fertig bekommen, sich herauszustreichen und Bamberger herabzusetzen". Das ist eine Unwahrheit!! Memel, Ende Juli 1897. Dr. R ü l f. Correspondenzen. Wien. (F e r i e n h e i m.) Für die Colonien des Vereines sind demselben folgende Naturalspenden zugekommen: Ferdinand Haje t, diverse Pinsel und Bürsten; Ignaz Fröhlich Nachfolger, 240 Meter Köperband, 3 Schachteln Merkgarn, 1 Stück Llustoßbörtel, */» Dutzend Schuhbandeln, 27, Meter Strumpfbänder; Fräulein Sofie Heit, 2 Stück Köperband; Max P e r l m u t t e r, 1 Clichö füc_ den Jahresbericht; Wiener Tramway-Gesellschaft, 350 Stück Fahrkarten; S t e y r e r m ü h l, Papierfabriks- und Verlags- Gesellschaft, Herstellung einer Auflage von 1200 Exemplaren des Jahresberichtes unter dem Selbstkostenpreis; Leopold A b e l e s und Söhne, 1 Stück Bettleinen; I. M e l l i tz e r, Firma Kleinlerchner und Comp., 66 Strohhüte; Frau Ignaz Beck, 2Kinder- Eisenbetten; Paul M e n d l, 29 Dutzend Bleistifte, 2 Gros Federhalter, 1 Schachtel Federn, 60 Hefte; Julius Ripp er, l*/a Liter Rum, 7* Kilogramm Thee; Fräulein Anna Klei n, Bücher; Fräulein Else S ch i f f l e r, Bücher und Spiele; H. N. O p p e n h e i m's Witwe, 2 Dutzend Kamme, 2 Dutzend Zahnbürsten, 2 Dutzend Frottirhandschuhe; Ruff u. Comp., 3 Dtzd. Zahnbürsten, 1 Dutzend Frisirkämme, 27. Dutzend Staubkämme:

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