Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 14 (1897)
- Issue
- 32 (6.8.1897)
- Date
- 1897-08-06
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Sette 654 Vr. Vlvch's WoltzenlchrM Nr. 33 oder private Beamte, Angestellte, Diener, Arbeiter, Gehilfen, Lehrlinge und Dienstboten statutenmäßig zur Aufgabe machen; wtd zwar Mch daM, wenn sie von Nichtmitgliedern Beiträge erhalten. Dieselbe Begünstigung i st vom Finanzminister auf gleichartige Vereinigungen, deren Mitglieder ganz oder znni Th eile anderen Berufskreisen (wie insbesondere dem Stande der Kleingewerbetreibenden und d e r b ä u c r l i ch c n G r u n d b e s i tz c r) a n gehör e n, dann a u s z u d c h n c n, wenn dies zur Beförderung öffentlicher, woblthätiger o d er gemeinnütziger Zwecke wünsch e n swerth erscheint u n d d i c f ü r d i c einzelnen Theil nehmer sichergestelltcn Beträge das st andesgemäß n o t h w e n d i g e A u s m a ß nicht überschreiten. Das Gesetz muß in Folge seiner umfassenden Grundregel der Steuerpflicht in § 82 zwei Gruppen von Unternehmungen unterscheiden, nämlich die „Erwerbsunternehmungen'" und die „gemeinnützigen Unternehmungen und Vereinigungen der Selbsthilfe." Zu den letzteren gehören die Erwerbs- und Wirthschaftsgenossenschaften (Productivgenossenschaften, Vorschuß- und Creditvereine, Consum-, Rohstoff- und Magazinsvereine, Bau-, Wohnungs- und Werksgenossenschaften u. dgl. mehr), ferner die a) Sparcassen; b) wechselseitigen Versicherungsanstalten; c) die im Grunde besonderer Landesgesetze aus den Contributions- und Steuerfonden entstandenen Vorschußcassen; d) die Gemeindevorschußcassen. Als wir diese Bestimmung des Gesetzes lasen, konnten wir uns einer wehmüthigen Reflexion nicht enthalten. Menthalben sieht man die politischen Gemeindeil den sogenannten Municipalsocialismus treiben, dem Gemeindeleben neues Interesse und den Gemeindefinanzen neues Leben zuführen, indem sie gemeinnützige Erwerbsunternehmungen, etwa die Tramway,- die Gaserzeugung und dergleichen in die Hand nehmen. V o » s o großartigen U n t e r n e h m u u g e n j ü d ischer Cultusgemein den kann natürlich nicht gut die Rede sein. Aber könnten dieselben nicht etwa auf dieGründung jüdischer Spar- und Vorschußvereine, der Rohstöff-und Magazins-Genossenschaften für jüdische Handwerker belehrend und fördernd ein wirken? Warum erfährt man diesbezüglich so wenig Neues? Was der Unterschied zwischen Erwerbs- und gemeinnützigen Unternehmungen für Folgen nach sich zieht und in welchen wichtigsten Punkten sich die neue Besteuerung dieser rechnungspflichtigen Unternehmungen von der alten — im Allgemeinen sehr vortheilhaft — unterscheidet, soll nächstens Gegenstand unserer Betrachtungen sein. Russisch e Juden in Paris. Der Boulevard Montmartre entspricht vollkommen seinem Namen. Er gehört zwar durchaus nicht zum Quartier Montmartre, sondern ist der glänzendste und belebteste der großen Boulevards. Allein hier wird in aller Wirklichkeit die Menschheit gekreuzigt. Im Besonderen die Judenschaft! Auf dem Boulevard Montmartre befindet sich die Localität der »Libre Parole«, wie eine blutrothe, große, über den ganzen Balcon eines Hauses sich hinziehende, bei Nacht flammende Firmatafel anzeigt. In dem Salon mit weißen Tapeten dort oben erblickt man allnächtlich den großen schwarzen Schatten von Eduard Drumont's Kopf, des Mannes, der den Antisemitismus in Frankreich eingebürgert, ja geschaffen hat. Jede Nacht muß Drumont im Schweiße seines Angesichts ein neues Verbrechen der Juden ersinnen; er wird natürlichtäglich ärmer an Geist. Zu den Erfolgen Drumont's hat wesentlich Marquis Mords beigetragen, der vor Jahresfrist auf so schreckliche Weise endete. Der Marquis befand sich in großer Geldverlegenheit, aber Drumont wollte ihm mit keinem Sou beistehen. Darum schwor Mords die Judenverfolgung und den falschen Freund ab und zog in die Wüste Sahara, wo er unter den Streichen von vierzig schwarzen Räuber seine Seele aushauchte. In Paris sieht man überall, wo sich dies machen läßt, zumal an geheimen Orten, Stampiglien aufgedruckt: »Mort aux juifs!« Tod den Juden! Bedenklicher aber noch lauten andere Druckstempel: „Drumont selber Jude gewesen!" Das ist nämlich eine hartnäckig sich aufrecht erhaltende Behauptung, die Drumont oft in rasende Wuth versetzt . . . Boulevard Montmartre also. Dort saß ich aus der Terrasse eines Cafes, welches dem in großen Transparentgläsern ausgeführten Redactionsschilde der »Libre Parole« gerade gegenüber sich befindet; sonst hätte ich an Eduard Drumont wahrhaftig nicht gedacht! Während ich in dem Cafs mit einem Bekannten plauderte, trat ein Blumenmädchen heran und bot uns frische Rosen an. „Sie sind eine Südländerin", sagte ich dem schönen schwarzen Kinde, das in der That eine Provenyalin zu sein schien. Mein Freund aber rief lachend dazwischen: „Reden Sie sie nur deutsch an, sie wird Ihnen sehr gut antworten können." Dem Blumenmädchen ergoß sich eine rothe Fluth über das Gesicht. Es war die Wahrheit. Das Mädchen selbst war eine Rose: eine Rose von Hebron! . . . Wir kauften ihr von ihrer Waare ab und ich trug großes Verlangen, Näheres über ihre Verhältnisse zu hören. Mir kamen dabei die ergreifenden Worte aus dem „Rabbi von Bacharach" in den Sinn, demgemäß sie mir antworten würde: „Edler Herr, wenn Ihr mein Ritter sein wollt, so müßt Ihr gegen ganze Völker kämpfen, und in diesem Kampfe gibt es wenig Dank und noch weniger Ehre zu gewinnen. Und wenn Ihr gar meine Farben tragen wollt, so müßt Ihr gelbe Ringe auf Euren Mantel nähen oder eine blaugestreifte Schärpe umbinden, denn dieses sind meine Farben, die Farben meines Hauses, des Hauses, welches Israel heißt und sehr elend ist und auf den Gassen verspottet wird von den Söhnen des Glücks . . Aber nicht also sprach die Jungfer, welche heiter und wohlgemuth sich von uns eine Erfrischung zahlen ließ und unser Anerbieten, sie in einem Wagen nach Hause zu bringen, freudigst an nahm. Sie erzählte uns, daß sie weit aus Rußland, aus Odessa stamme und mit ihren Eltern und Großeltern von dort mit den Uebrigen vertrieben wurde. Diese Familie wollte ich nun um jeden Preis sehen. Mein Freund war ebenfalls dabei. Wir ließen also richtig einen Wagen kommen, in welchem die hübsche Blumenverkäuferin zur Fährt über die Boulevards zwischen uns Platz nahm. Sie hatte keinen Hut, wir wurden dadurch aber erst recht „chic". Keineswegs bot es den Anblick einer ernsten Expedition, um die es sich im Grunde genommen doch handelte. Ich wollte das in Unterdrückung schmachtende, gehetzte arme Judenthum sehen und war zuvörderst erstaunt über die Adresse, die das Ludenmädchen angab: »Rue Saint-Antoine, Passage Saint-Pierre, dicht neben der Kirche!" Der heilige Antonius Bezirksvorsteher, der heilige Petrus Hausmeister der bedrängten Kinder Israels; da kann es doch nicht arg um sie bestellt sein. In der That bekam ich keine eigentlichen Schreckbilder zu sehen, was aber wohl weder mir noch dem Leser leid zu sein braucht. Nur ziemlich schmutzig und übelriechend erwies sich das Passage Laint-Pierre benannte Gebäude in seinen drei Höfen; ein Complex, den ich wohl mit einem Schlage zu charakterisiren vermag bei Hervorhebung seiner auffallenden Aehnlichkeit mit dem Baron Orczy'schen Haüse. Nur noch viel weniger Luft ist in diesen Höfen der alten Pariser Vorstadt Saint-Antoine, deren Mauern seit Jahrhunderten in den Himmel aufragen. Obwohl ferner überall in den Breschen ähnlichen, in die kahlen Mauern gebrochenen Fenstern bis hinauf zum sechsten Stockwerk und den Dachlucken viele, viele bunte Lappen von Wäsche zum Trocknen hingen, sah das doch nicht im Entferntesten lustig aus und verpesteten überdies den Athem. Eine Jauche floß als ein veritabler Sturzbach durch den Hof, hervorgebracht übrigens in einer christlichen Druckerei, welche unter dem Schwibbogen der mittleren Hofverbindung etablirt ist. Des Weiteren waltet ein sichtlich ebenfalls sehr prosperirender Schweineschlächter in dem Hause. Bon jüdischen Gewerbsleuten nichts zu entdecken. Wir werden zu einer Backstube geführt, deren Fenster die ingeniöse Aufschrift trägt: »Spdcialite de pains viennois«. Dort traten wir ein. Der alte Zang, der, ehe er Herausgeber und Chefredacteur der nun ebenfalls in Gott entschlafenen Wiener „Presse" wurde, hier in Paris die Kaisersemmeln einführte, würde sich im Grabe umdrehen über solche Profanation. Ich selber stand jedoch auf dem Punkte, Antisemit zu werden, als ich in dem Laden, in welchen uns das Blumenmädchen führte, statt der draußen angekündigten graziösen Wiener Brode nur allerlei formlose Klumpen sah, wie sie in Nischni- Nowgorod üblich sein dürften. Doch schmeckte