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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1897-08-06 · 32 (6.8.1897) · page 4

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
14 (1897)
Issue
32 (6.8.1897)
Date
1897-08-06
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 683 Dr. Vloch's Wochenschrift Nr. 32 „Aus Budapest wird uns gemeldet: Die Borstehung des vierten Bezirkes (Innere Stadt) brachte kürzlich in Erfahrung, daß in einem der elegantesten Hotels dieses Bezirkes, im Hotel „I ä g e r h o r n", die Weinservirflaschen nicht das richtige Maß haben. Eine sofort vorgenommene Hausdurchsuchung bestätigte den Thatbestand und tvurden über 500 Flaschen mit Beschlag belegt. Gegen den Eigenthümer des Hotels, den Juden Kammer, wurde das weitere Verfahren eingeleitet." Das wäre lehr schön, nur einen Haken hat die Sache. Herr Kammer ist ebensowenig ein Jude, wie die Wiener Antisemitenführer waschechte Arier. Aus Budapest wird uns von befreundeter Seite geschrieben, daß der besagte Herr Kammer in jeder Hinsicht den Vorzug beanspruchen kann, Herrn V e r g a n i als gleichwerthiger Genosse an die Seite gestellt zu werden. Schönerer und Lueger, geschweige derm die Porzers, die Geßmanns und die Löws wären froh, wenn sie so echte unverfälschte Arier, so absolut nicht semitischer Abstammung wie jener Kammer wären, der einer alten Budapestcr Familie entstammt. Christlich sociale Ehrenmänner. Ueberall dieselbe Geschichte; überall sind es die Gauner und Strolche, die Gavotters, die Nichts mehr zu verlieren und Alles zu gewinnen haben, welche ihrer verkrachten Existenz durch die antisemitische Agitation aufhelfen wollen. Die Bemühungen der Ritter Stampiglius, auch in Mähren den Judenhaß anzufachen, sind lange Zeit erfolglos geblieben, weil es dieser Zierde der Menschheit an einem gefügigen Werkzeuge gebrach. Nun hat er ein solches gefunden, einen Mann, der noch dem Taschendieb Mittermayer eine Kopflänge vorgibt. Es ist dies der Brünner Parfümeriehändler G r o h l i ch, welcher eben daran geht, in der mährischen Landeshauptstadt einen „christlichen Frauenbund für die Markgrafschaft Mähren" zu gründen. Durch welche Schliche und Künste dieser Ehrenmann die Führung in dieser „heiligen Sache" Andern aus der Hand Md an sich gerissen hat, wollen wir ein andermal erzählen. Für heute begnügen wir uns mit einer Charakteristik der Persönlichkeit G r o h l i ch's. Der Brünner socialdemokratische „BolksfreMd" veröffentlicht folgende Conduiteliste des staatsmamnsche» Parfümeriehändlers: 1. Kreisgericht Olmütz: Verbrechen des D i e b st a h l s: drei Monate schweren Kerkers, ein Fasttag wöchentlich. 2. Landesgericht Brünn: Verbrechen des Betruges: vier Monate schweren Kerkers, ein Fasttag vierzehntägig. 3. Bezirksgericht Brünn: Beschimpfung und Mißhandlung: 10 fl. Geldstrafe. 4. Bezirksgericht Trubau : Unbefugter Handel mit Arzneimitteln: 14 Tage Arrest. 5. Bezirksgericht Olmütz: Delikt unbekannt: 14 Tage Arrest, 2 Fasttage. 6. Bezirksgericht Brünn: Mißhandlung eines Lehrbuben: 30 fl. Geldstrafe. — So sieht der Apostel der christlich-socialen Heilslehre für Mähren aus! Ein zweiter christlich-socialer Ehrenmann ist dieser Tage hinter Schloß und Riegel gesetzt worden. Der Redacteur des antisemitischen „Floridsdorfer Wochenblatt", Volkmar, wurde am 1. d. M. wegen Veruntreuung von 135 fl. zum Nachtheile des von chm redigirten Blattes verhaftet und dem Kreisgerichte Korneuburg eingeliefert. Blutaberglaube. Aus Mödling wird berichtet: Eine merkwürdige Affaire, in deren Mittelpunkt ein elfjähriges Kind steht, beschäftigt gegenwärtig das hiesige Bezirksgericht. In der Mannaghettagasse in Mödling bewohnt seit mehreren Jahren der Adjunct im Rechtsbureau der Bodencredit- Anstalt, Herr Dr. Johann Ludwig L e i t g e b, mit seiner Familie zum Sommeraufenthalte eine Billa. Das anstoßende Haus hat ein Grieche, Herr Phokion Psaliades, mit seiner Gattin, einer gebürtigen Ungarin, und seiner elfjährigen Nichte Marie Karika inne. Doch fand zwischen den beiden Familien ein Verkehr nicht statt und wurde von Frau Psaliades offenbar vermieden. Bor Kurzem mußte Frau Psaliades, deren Gatte zur Zeit auch nicht in Mödling weilte, in einer dringenden Familien-Angelegenheit nach Ungarn verreisen. Sie ließ ihre Nichte ganz allein im Hause zurück, gab ihr einiges Geld und trug ihr strenge auf, keinen Fremden einzulassen. Als die Frau nach einigen Tagen wieder nach Mödling zurückkehrte, fand sie ihr Haus verschlossen und von dem Kinde keine Spur. Sie hielt nun Umschau nach der Kleinen und fand sie im Nachbarhause bei Frau Leitgeb. Erregt führte sie das Kind' nach Hause und wollte es dafür züchtigen, daß es die Wohnung verlassen hatte und in ein Haus gegangen sei, mit welchem die Familie Psaliades keinen Verkehr unterhalten hatte. Diese Züchtigung unterblieb aber, da das elfjährige Mädchen zu seiner Entschuldigung der Tante erzählte, daß Frau Leitgeb sie angesprochen und von ihr den Schlüssel zum Psaliades'schen Hause verlangt habe. Sie * (die Kleine) habe sich gegen dieses Verlangen gesträubt und, um , nicht etwa des Schlüssels beraubt zu werden, habe sie denselben , rasch beim Halse in ihr Kleid hinabgleiten lassen, doch Frau Leitgeb sei auf sie losgestürzt, habe sie mit Hilfe einer zweiten Frau in ihr Haus gezerrt, dort geschlagen, zu Boden geworfen und sie durch Fußtritte in den Unterleib mißhandelt. Das elf-! jährige Mädchen behauptete, es habe Todesangst ausgestanden und geglaubt, daß sie die Juden ermorden wollten. Dem Kinde muß also schon früher die Meinung beigebracht worden sein, daß die Mitglieder der Familie Leitgeb Juden seien,, obwohl dies thatsächlich nicht der Fall ist. Frau Psaliades aber erstattete auf Grund dieser Erzählung ihrer Nichte eine gerichtliche Anzeige, und es wurde eine Untersuchung eingeleitet. Frau Leitgeb wurde dadurch in e-ine umso größere Aufregung versetzt, als sie aus Theilnahme das ganz verlassene Kind, das allein in der Villa zurückgelassen worden war, in ihr Hans genommen und sich auch in sorgsamer Weise mit der Linderung eines Augenleidens, an dem die kleine Marie Karika laborirt, beschäftigt hatte. Das Bezirksgericht Mödling leitete auf die Anzeige hin Vorerhebungen in der Richtung ein, ob etwa eine Einschränkung der persönlichen Freiheit vorliege, doch die Staatsanwaltschaft stellte die Untersuchung in der Angelegenheit ein. Frau Leitgeb fühlt sich aber durch die Sache begreiflicherweise so schwer in ihrer Ehre gekränkt, daß sie aus einer gerichtlichen Rechtfertigung Md Genugtuung bestehen muß. Voraussichtlich dürfte schon demnächst die kleine, mit einer so ungesunden Phantasie begabte Marie Karika ärztlich in Bezug auf ihren Geisteszustand untersucht und auch den Quellen ihrer märchenhaften Erfindung nachgeforscht werden. Ein verschwundenes Mädchen. Aus Budapest wird gemeldet: Das verschwundene siebzehnjährige Mädchen heißt Ilona Schönhauser. Der Vater war ehemals Juwelier in Budapest und ist derzeit Agent. Das Ehepar Schönhauser . lebt nicht in gemeinsamen Haushalts sondern Frau Schönhauser lebte von dem sehr geringen Ertrage ihrer Schneiderarbeiten. Als Ilona vor zwei Jahren erkrankte und in einer internen Klinik Aufnahme fand, gewann sie die dort als Pflegerinnen thätigen Nonnen sehr lieb und schenkte deren Ausführungen über das ewige Heil willig Gehör. Mit Rücksicht auf ein organisches Herzleiden könne sie ohnedies nicht hoffen, einen Mann zu finden, sie sollte also Christin und Nonne werden. Das war der Tenor der Gespräche, welche die Pflegerinnen mit der Kranken führten. Endlich ließ sich das unerfahrene junge Mädchen zu dem Gelübde überreden, es werde sich taufen lassen. In aller Heimlichkeit nahm sie Unterricht in den Lehren der christlichen Religion und erklärte dann eines Tages der ebenso überraschten wie entsetzten Mutter, sie sei Christin geworden und wolle nicht mehr mit der jüdischen Mutter leben. Die schrankenlose Liebe des Mutter- Herzens fand sich mit diesem Kummer ab; hatte doch Frau Schönhauser schon genug traurige Tage mitgemacht! Sie gab also blutenden Herzens ihre Einwilligung, daß Ilona, welche sich jetzt Marie nannte, in ein Kloster gebracht werde. Das Mädchen kam erst in das Marienkloster, dann nach Raab. Seit dem 16. Februar, an welchem Tage Ilona in einem mit „Schwester Marie" Unterzeichneten Briefe die Mutter von ihrer Uebersiedlnng nach Wien verständigte, hat Fran Schönhauser nichts mehr von ihrer undankbaren Tochter gehört. Alle Nachforschungen blieben vergeblich, und die kirchlichen Behörden wollten angeblich nichts Anderes wissen, als daß das Mädchen in ein österreichisches Kloster gebracht worden sei. Frau Schönhauser hat sich nun an die Budapester Stadthauptmannschaft um Hilfe gewendet, welche ihr auch zugesagt wurde. Antisemitischer Kirchenschänder. Aus Z b o r o w in Galizien erhalten wir unter dem Datum vom 26. v. M. eine Mittheilung, die sich auf eine daselbst stattgefundene Kirchen-, -schändung bezieht. Vor einigen Tagen wurde in der dortigen römischen Kirche ein frecher Einbruchsdiebstahl verübt. Die am Eingänge der Kirche befindlichen Sammelbüchsen, sowie die bei den Seitenaltären stehenden Opferstöcke wurden erbrochen und ihres Geldinhalts vollständig beraubt. Die Heiligenbilder, welche zum größten Theile in Oelgemälden bestehen, waren bis zur Unkenntlichkeit verstümmelt und mit Läster- und Schmähworten,

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