Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 14 (1897)
- Issue
- 32 (6.8.1897)
- Date
- 1897-08-06
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 650 Vr. VLoch's Vochrnfchrtfl Nr. 32 unstreitig importirten, die socialen und sittlichen Verhältnisse dieses Kronlandes verpestenden Gistpflanze des Religions- und Racenhasses, die, seit meinem diesbezüglichen ersten Artikel in Ihrer geehrten Wochenschrift, hier im Lande riesige Dimensionen angenommen hat und bereits in allen „höhern" christlichen Gesellschaftskreisen üppige Blüthen treibt! — Wer nämlich die allmälige Entwicklung des Antisemitismus in Galizien aufmerksam beobachtete, mußte wahrnehmen, daß der Adel daselbst eine lange Zeit sich von dem unwürdigen Treiben der sogenannten Geschästsantisemiten und des Häufleins ehrgeiziger Streber, die mittelst judenseindlicher Agitationen ein Landtags- oder Reichsrathsmandat leichter zu ergattern hofften, vollständig fern hielt. Es hatte den Anschein, als ob die oberen Zehntausend bei uns, treu dem ritterlichen Grundsätze: „la noblesse oblige", eine gewisse Scheu hatten vor der „plebejischen", durch obscure, gewinnsüchtige Individuen hervorgerufenen judenfeindlichen Bewegung; und es mangelte auch nicht an feudalen Polen, die die antisemitische Strömung als ein die galizischen Landesinteressen schädigendes Unwesen erklärten und offen verdammten, was auch der bekannte polnische Schriftsteller und gewesene Chefredacteur des conservativen Krakauer „Czas", Herr Stanislaw Kozmian, im November vorigen Jahres in einem im Petersburger „Kraj" veröffentlichten Artikel — den ich in Ihrem geschätzten Blatte vom 27. November 1896 zu besprechen die Ehre hatte — unumwunden zum Ausdrucke brachte. Die eigentliche Ursache der ablehnenden Haltung der galizischen Feudalen gegenüber dem hierländischen antisemitischen „Janhagel" lag in dem Unfftande, daß dieselben in Folge ihrer dominirenden Stellung im Lande und im Reichsrathe, insbesondere ihres stäteu Gebahrens als sogenannte Regierungspartei, es als „opportun" fanden, jede die öffentliche Ordnung und Ruhe in Galizien gefährdende, judenfeindliche Agitation zu perhorresciren! Seit den letzten Reichsrathswahlen ist im bisherigen Verhalten unserer polnischen Staatsmänner eine bemerkenswerthe Aenderung eingetreten. Die ftüheren, gewissermaßen als „räudig" betrachteten und verachteten antisemitischen „Rowdies" wurden plötzlich sozusagen als „salonfähig" erklärt, um sie als Werkzeuge zu politischen Zwecken zu benützen. Unsere Clerical-Feudalen sahen. sich nämlich plötzlich von einer großen Gefahr bedroht. Das durch die wachsende socialdemokratische Bewegung im galizischen Landvolke am Politischen Horizonte heraufziehende, für die hierländische „Schlachta" unheilschwangere Gewitter erforderte dringend einen „Blitzableiter", und hiezu werden, nach altherkömmlicher Weise, die armen Juden gebraucht! Um nämlich das Landvolk den Socialdemokraten abwendig zu machen, werden Letztere bei jeder Gelegenheit und in allen clericalen polnischen Zeitungen (der Krakauer «Czas«, der früher gegen die antisemitische Hetze war, erklärte nach der hier stattgehabten Reichsrathswahl des Socialistenführers Daszynski, daß der Antisemitismus das wirksamste Antidot gegen den Socialismus sei) als im Bunde mit den Juden, und diese wieder als Ausbeuter und Blutsauger der bäuerlichen Bevölkerung dargestellt! In neuester Zeit sucht man sogar dieses geradezu frevelhafte Ziel durch verhetzende Tendenzstücke auf den polnischen Bühnen, wie beispielsweise durch das berüchtigte, in dem Krakauer Sommertheater aufgeführte Mach- und Schandwerk: „Die Volks-Verführer", zu erreichen! — Aus diesem Grunde haben auch unsere clerical-feudaleu, herrschsüchtigen Hochtories ihre bislang in der leidigen „Judenfrage" aus Opportunität beobachtete Reserve aufgegeben und sind nun — im Wahne, daß sie dadurch den Socialismus bekämpfen werden — ganz offen, ohne „Feigenblatt", nach Kräften bestrebt, den Antisemitismus in Galizien zu fördern. So werden nun die Juden hierzulande, wie dies bereits unzählige Male in ihrer langen Leidensgeschichte der Fall war, wieder als Sündeubock zur Beschwörung der seitens der agitirenden Socialisten den galizischen Feudalen drohenden Gefahr geopfert! Dieser Umschlag im Verhalten der Letztgenannten gegenüber der antisemitischen Hetze macht sich für die Juden in der drückendsten Weise fühlbar. Zahlreichen jüdischen Gutspächtern wurde gekündigt; adelige Gutseigenthümer wollen jetzt ihre Feldfrüchte keinem Juden verkaufen; jüdische Handlungen in den Städten werden „boycottirt" und den Juden in den Dörfern wird durch die Gründung antisemitischer „Handelsverbände", und christlicher Krämereien (»Kölka rolnicza«) jeder Nahrungszweig entzogen. Wenn der eingangs genannte freisinnige und gelehrte Graf Lader Branicki, der als großer polnischer Patriot im Interesse dieses Kronlandes Toleranz gegenüber den Juden predigte, jetzt seine galizischen Standesgenossen als Förderer der hierländischen Judenhetze sehen sollte, er würde dieses kopflose Vorgehen unserer blanblütigen Antisemiten zweifellos und mit Recht verdammen, weil sie zu egoistischen Zwecken das ohnehin jammervolle Elend des „Gros" der hierländischen jüdischen Bevölkerung und dadurch naturgemäß die allgemeine notorische Notblage Galiziens, von der die fortwährende Bauernauswandernng nach Amerika einen unleugbaren Beweis liefert, in wahrhaft verbrecherischer Weise vergrößern! So wächst die Hydra des Antisemitismus in Galizien täglich ins Ungeheure; das Schicksal der unglücklichen Juden daselbst gestaltet sich immer düsterer und kläglicher, und das Traurige dabei ist, daß von keiner Seite ans der Mitte der hierländischen Judenheit auch nur irgend ein Versuch zur kleinsten Abhilfe des grausigen Jammers gemacht wird. Denn während unsere „angesehenen" Glaubensgenossen in Galizien, namentlich die jüdischen Landtags- und Reichstagsabgeordneten (Letztere mit Recht die „Hausjuden", die »Moszeko« des Polenclubs genannt) gegenüber dem gräßlichen Elend der armen jüdischen Bevölkerung Galiziens eine „heroische" Gleichgiltigkeit bekunden, hat sich andererseits ein großer Theil der jüdischen Jugend, die bei ihrem idealen Denken und Fühlen sonst stets die aneifernde Initiative zu edlen Werken und Handlungen ergreift, sich jetzt leider der unleugbar poesievollen „zionistischen" Schwärmerei ergeben und in ihrem beseligenden „Träumen" von einem jüdischen „Zukunftsstaate" an das wirkliche, schreckensvvlle Elend ihrer verfolgten, am Hungertuche nagenden Glaubensbrüder zu denkcn aufgehört. Doch davon in unserem nächsten Artikel. Arthur Eibenschütz. Der heilige Cyprian und unsere Christlich-Svrialen. Bei der engeren^ Reichsrathswahl in der Leopoldstadt, die am 27.Märzd.I. stattfand, ging Herr Josef Haas/ ein enragirter christlich-socialer Parteigänger, auf den liberalen Agitator Franz S ch w e ch l e r mit den Worten los: „Im Namen des Gesetzes erkläre ich Sie für verhaftet." Schwechler widersetzte sich, worauf Haas durch den Sicherheitswachmann Rudolf Horn u n g Schwechler arretiren ließ. Es entstand nun ein ungeheuerer Auflauf und circa 200 Personen folgten dem Wachmann zum Kommissariat. Nach der Aussage einer großen Reihe antisemitisch gesinnter Zeugen sollen nun viele Personen die Befreiung des Schwechler versucht haben und unter diesen soll insbesondere der Gasinstallateur Josef F r i e d b e r g e r' mit einem Regenschirm wiederholt auf den Wachmann zugeschlagen haben. Auf Grund dieses Sachverhaltes erhob die Staatsanwaltschaft durch den Staatsanwalt-Substituten Dr. Adam u wider Fried berger die Anklage wegen Verbrechens der öffentlichen Gewaltthätigkeit, worüber die Verhandlung unter denk Vorsitze des Landesgerichtsrathes Freiherrn v. B e n z stattfand. Als Vertreter des Friedberger fungirte Dr. Victor R o s e u f e l d. Sämmtliche vernommenen, der christlich-socialen Partei angehörigen Zeugen bestätigten den Inhalt der Anklage. Dr. R o s e n f e l d fragt nnn den Zeugen Josef Haas, wieso er dazu komme, sich als Amtsperson zu geriren und den Schwechler im Namen des Gesetzes für verhaftet zu erklären. Darauf antwortete Haas mit großem Pathos: „M i r h a t's der Pater D i t t r i ch g e s ch a f f t u n d d a w i r d's w o h l w a h r s e i n." Der Gerichtshof sprach den Angeklagten in Uebereinstimmung mit der Vertheidigung frei, indem der Vorsitzende in seiner Begründung ausdrücklich erklärte, daß die A u s s a g e n s ä m m t l i ch e r Zeugen hoch st unzuverlässig seien. Die Getreuen des Pater D i t t r i ch haben also nach der Anschauung des Gerichtshofes keinen besonderen Respect vor der Heiligkeit des Eides! Das ist also das Resultat der langjährigen politischen Arbeit der jungen Geistlichkeit. Eine Verwilderung der Sitten, eine Zerstörung der elementarsten religiösen Grundbegriffe. Die Kirche wird es zu ihrenl Schaden noch erfahren, daß es unklug war, die Geistlichen zur Jagd auf die politischen Gegner zu dressiren. Der deutsche Kaiser hat sich bereits einmal veranlaßt gefühlt, vor den „Politischen Pastoren" zu warnen und auch die