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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1897-07-30 · 31 (30.7.1897) · page 19

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
14 (1897)
Issue
31 (30.7.1897)
Date
1897-07-30
Page
– (sequence 19)
Language
German
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Nr. 31 Vr. Vlorh's WochrnschrifL Seite 647 schaffen? O mein Kind, Dn hast eine grausame Forderung an mich gestellt, weißt Du das?" „Und Israel, der ist noch jung und voll starker Hoffnung — will er Dir nicht mithelfeu?" „Mir, Lea?" „Und ... mir" „Dir! Dir? Meinst Du es redlich, Kind — und ohne Zwang?" „Ja." „Dann hat die alte Mutter recht gehabt -- noch hat Gott uns nicht verlassen." „Und doch bin ich so gottverlassen!" dachte Lea traurig. * * * Als der Winter sich neigte und draußen die Eisschollen krachtön, während es überall tropfte und sickerte, da kam ein Brieflein ins Dorf. Von weit her war es gekommen, von einer ihnen mystischen Ferne; auf einem großen Bogen Papier standen wenige, unzusammenhängende Worte, aber für die armen, verzweifelten Einwohner bedeutete es eine verheißende Botschaft, daß sie ihre traurigen Blicke erhoben und träumten, denn die armen Worte hatten ihnen eine Illusion gebracht. Der Sohn der Witwe Knpcowa war vor zwei Jahren in die Fremde gegangen und blieb seit jener Zeit verschollen. Und nun schrieb er aus dem ganz fernen Land, das er Brasilien nannte, an seine Mutter und schickte ihr Geld, daß sie hinkvmme. Eine bessere Welt sei dort, die Erve bekomme man geschenkt und eine Hütte, herrlich gedeihe dort alle Frucht und Ochsen gebe es dort, Ochsen! Die kann man einfangen nach freiem Willen. Freilich, man stirbt dort zuweilen — aber nicht vor Hunger, man bedenke! Arbeit gibt's dort viel — aber sattessen kann man sich, sattessen. Und Steuern kennt man dort nicht . . . Von Hütte zu Hütte wunderte dieser Brief und weit über das Dorf hinaus. Und den ganzen Tag und bis in die späte Nacht sprachen sie von nichts anderem als von denk fernen Land. Sie träumten davon . . . von unermeßlichen, sonnenbe' schienenen Feldern, schwer an Frucht, öon der fetten Erde, von großen rauschenden Wäldern . . und vom Herd, wo das Fleisch täglich brodle, duftig und voll Saft. Und sie seufzen — wie sollten sie hinkommen? Manche meinten, das sei alles Lüge und Sünde. Gegen das Schicksal ist nichts zu machen . . und gesetzt, es würde uns dort besser ergehen — ja, aber dann werden unsere Seelen ewig in der Hölle weilen . . ohne Rettung. Andere schrieen: Hin wollt ihr gehen? Das ist furchtbar weit . . über Meere müsse man gehen, wo die Walfische sind, und inan stirbt, bevor man noch hinkommt. Das ist so weit, weit — weiter als nach der Türkei, fast weiter als nach Amerika. „Es ist noch weiter," sagte der Dorfschullehrer. „Hört ihrs? Und Kirchen gibt's dort keine — und wilde Thiere, Löwen sogar — he?" „Ja aber hier können wir doch nicht mehr leben." Sie sprachen hin und sprachen her, ohne sich darüber klar werden zu können, wie sie nach dem fernen Land gelangen könnterk. Das wußte Niemand. Und sie vergaßen fast daran. Bis es eines Tages — es war inzwischen fast schon Frühling geworden — hieß, ein fremder, feiner Herr sei ins Dorf gekommen, der wolle die Leute nach Brasilien führen. Wer ihn sprechen will -- im Wirthshaus finde man ihn. — — An jenem Tag war es, als Aron Löwenthal, gebeugt vor Sorgen, durch die Heide ging und ihm das hohe Lied nicht mehr Trost spenden wollte. Es hatte sich nichts geändert seit der einsanien Nacht, da er geweint in tiefer Verzweiflung und sein blasses trauriges Kind zu ihm gekommen war, ihn zu trösten. Oder doch, es hatte sich sehr Vieles geändert: sie hatten ihn geächtet, seine Glaubensgenossen; sie wollten mit dem Gottesleugner nichts zu thun haben, er war „charpas Israel", eine Schande für Israel — und Aron Löwenthal wurde brotlos. Er suchte da und suchte dort und imnrer verzweifelter kanl er nach Hause. „Ich tauge zu nichts mehr in dieser Welt", klagte er; ich darf nicht sterben und kann nicht leben." „Was sagst Du Aronleb", tröstete ihn seine Mutter, „willst Du Gottes Wege kennen? Er wird für Dich eiustehen und sich an Deinen Feinden rächen; beim wenn er Dich straft mit der einen Hand, wird er Dich mit der andern segnen". „Vater, süßer, verzweifle nicht — Dein Kind hat Dich so lieb. Warte, unser Tag kommt schon . . und ich will arbeiten . . und ich will warten, Dn weißt gar nicht, wie stark ich jetzt bin!" rief ihm Lea zu. „Kind — sie haben auch hinter mir die Thüre geschlossen. Beide hat man uns ausgestoßen. Unser Bestes haben wir ihnen geben wollen und sie haben es mit Füßen getreten — wie sollen wir uns erheben? „Siehst Du es nicht Vater, wie ich mich emporhebe und ich war doch schon so gebeugt. Weißt Du, was mich wieder stark machte? Die Großmutter hat recht: „Die Liebe ist schon, aber die Pflicht ist besser, denn sie macht stark". „Nicht wahr, so sagst Du, Großmutter? Und darum: Aus, mein Vater, sie sollen uns nicht beugen, die Feinde — und wir rverden von ihnen gehen, weit weg . . . vielleicht kommen nur doch noch in die bessere Welt". Noch kam sein einziger Schüler zu ihm — Israel. Aber auch der war traurig und eine Last schien ans ihm zu liegen. Er war schweigsam und erschöpft von den Kämpfen. Sie hatten nicht den Math mehr, den Lassalle zn lesen . . ihnen, so sagten sie sich, war dieser Prophet noch nicht erstanden. „Uns nicht, uns nicht, dachte Aron an jenem Frühlingstage, während er sich erhob und seine Schritte heimwärts richtete. „Wohin, Neb Aron?" wurde er plötzlich von Schmul angerufen, der mit seiner Geige unter dem Arm und den großen rothen Bart sich streichend des Weges kam. „Kommst Dn von der Hochzeit. Schmal? Hast Du viel verdient?" Ja, einen Gulden ans Schabbes und jetzt gehe ich in die Karezma (Wirthshaus), dort sind sie jetzt alle da und sie trinken sich den Rock vom Leib und ein Herr ist dort da, der heißt Agent, handelt mit Schiffen und ist geboren in Brasilien. Und wenn sie trinken, da ist ein Simche (Fest) und ich verdiene eppes Geld." „Ich gehe mit, Schmul." Und sie gingen. Es war eine niedrige, aber große Stube mit den Farben der Armuth und dem Geruch der Äcmnth. In den Winkeln Spinngewebe voll todter Fliegen, die Wände feucht, der kleine Spiegel getrübt, Bänke und Tische ungehobelt und wacklig, ein großer verrauchter Ofen, und kleine bestaubte Fensterscheiben. Am Schanktische stand der in den galizischen Dörfern obligate Jude und füllte Gläschen mit Schnaps, neben ihm stand ein greinendes, halbnacktes Kind und zupfte ihn bei den zerrissenen langen Rockschößen. Auf einem der Tische saßen zwei stämmige Bauernburschen, die Soldatenmützen aufhatten, und spielten Karten, während sie sich jedesmal anschricen. Und um den langen Tisch inmitten des Zimmers saßen Bauern und Bauernweiber und hörten mit offenem Munde dein Evangelium des „Agenten" zu. Er sei Abgesandter eines großen mächtigen Vereines. Er wollte die Armen retten und beschützen. „Warum sitzt ihr denn da auf dieser armen Erde, die euch wie eine Stiefmutter behandelt? Wolltet ihr elend umkommen? Dort drüben in Argentinien und Brasilien — dort ist's eine bessere Welt, die euch offen steht, mild die Sonne und herrlich der Boden. Den schenkkt man euch — hört ihr's?" „Ja, Väterchen, aber wir sind doch sehr arm ..." „Das ist's ja, warum ihr wegkommen müsset von hier. Verkauft eure Habseligkeiten, kauft euch in Krakau Blllete für die Schiffahrt, und ihr kommt eben dorthin . ." „Es lebe unser Wohltäter'" schrie der Schreiber, dessen Haar pomadisirt war und dessen Augen vor Freude hervor quollen. „Hoch! Hoch!" schrien alle. „Sie sagen, Herr," begann dann Aron schüchtern, „daß es drüben eine bessere Welt gibt, wo man arbeitet und glücklich ist — dürfen auch Inden hin?" „Ja, jeder — aber Sie, was machten Sie dort? „Arbeiten, Herr, arbeiten und Pflügen und säen, wie alle auch!" „Schaut's nur den an," schrie ein kleines, krebsrvthes und halbbetrunkenes Männchen. „He — arbeiten willst Tu? Du? Du hebst ja keinen Strohhalm von der Erde, Tu Qualle. Handeln wirst Dn dort nicht, darauf verlaß' Dich. Und Juden wollen wir dort auch nicht haben, Juden nicht und Polacken nicht und alle Teufel nicht -- verstehst Tn? Denn dort bei meinem Vieh schwör' ich's - wollen w i r die Herren sein. W ir'"

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