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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1897-07-30 · 31 (30.7.1897) · page 18

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
14 (1897)
Issue
31 (30.7.1897)
Date
1897-07-30
Page
– (sequence 18)
Language
German
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Sette 646 Vr. VUnh's Moltzenkrtzrifl Nr. 31 Eine halbe Stunde später drängte sich der Marlitt'sche Vollbart durch die aus dem Theater strömende Menge, hatte er doch in derselben „ihr" Antlitz entdeckt, der er Das zärtliche Billetcheu verdankte, das ihn hieher geführt. Eben wollte er durch eine geschickte Wendung sich an ihre Seite bringen, da sah er, daß sie plötzlich todtenbleich wurde. „Regina!" rief zugleich eine bekannte Stimme dicht hinter seinem Rücken. Voll Schreck drehte er sich blitzschnell um — es war der „gute Kerl" vom Kaffeehause und der Gatte, wie er ahnte. Einen Augenblick starrte der Held die Gruppe an, dann verschwand er in der Menge. Draußen vor dem Foyer war sein erster Gedanke, die zwei Zehner- und eine Fünfernote in die Gosse zu werfen, sein zweiter jedoch, daß er einer Stärkung bedürftig sei. Und Kleingeld hatte er nicht. Regina fuhr mit ihrem Mann nach Hause, ohne daß Beide auf dem Wege ein Wort miteinander wechselten.' Kann! waren sie in ihrem Zimmer, warf sie sich ihm zu Füßen, umfaßte seine Knie und bekannte schluchzend, daß sie auf dem Wege zur Sünde war, von der nur der Zufall sie gerettet. Er hatte nicht den geringsten Verdacht gegen sie gehegt. Das Selbstbekenntniß überraschte und erschreckte ihn zugleich. Aber die Reue war so aufrichtig und vom Herzen kommend, daß er erkannte, sie sei nun geheilt. Regina wurde nun die sittige Hausfrau ihres Gatten und haßte alle Romane und deren Helden. Lange litt sie sreilich noch an Ueberproduction von Gefühlen, aber sie suchte dafür einen Ausweg im wohlthätigen Wirken innerhalb der Gasse und es gelang ihr, viel Noth und Elend zu mildern und sich allgemeine Verehrung zu erwerben. Der Marlitt'sche Vollbart sah sie nie wieder. Einige Male kam ihm der Gedanke, den Mann über sie auszuforschen, dann aber erhoben die Gespenster der verflossenen zwei Zehner- und einer Fünfernote, die er nie zurückzahlte, drohend ihr Haupt und sein guter Genius beschützte ihn, daß er dieses Geld niemals zurückzahlen wollte und konnte, denn dann würde er den guten Kerl von Juden auch zu fühlen bekommen haben. Die bessere Welt. Novelle von Hermann Menkes. (Fortsetzung.) Und kurze Zeit darauf, als Lea eines Tages aufstand, da lag ein feiner weißer Reif draußen ausgebreitet, hart und erstarrt wurde die Erde, daß sie leise tönte, wenn man sie beschritt. Es kamen die Hauche des Novembers, die die Scheiben trübten, jene energielosen Tage, wo die Thütigkeit allen Halt verliert, wo man früh schon bei der Lampe sitzt und die Sorge ihre Schauspiele aufführt. Aber allmälig kamen die zarten Boten vom Himmel, kleine hinfällige Schneesterne, dre sich nicht auf die Erde trauen und aufleuchten und sterben; sie kamen zuerst leise und zögernd , aber dann immer stärker uub in dichtern Massen. Und die Winde erhoben sich und trieben sie zu Haufen und Hügeln. Der Schneesturm wollte gar nicht aufhören, es schien als wollte er das einsame Dorf begraben, das äußerlich gar kein armes Dorf mehr war, sondern ein phantastischer Hügel mitten in der großen Ebene. Versunkenen Palästen glichen die Hütten, über welche der blaue Rauch zog und die die Krähen umkreisten. Aus seinen Verstecken wagte sich der Wolf und heulte mit in den sturmvollen Nächten. „Damit sind wir gesegnet", klagten die Bauern daheim in ihren Stuben „mit Schnee und mit Wölfen — und bald wird auch der dritte unheimliche Gast kommen — der Hunger. Väterchen im Himmel! Es war eine große Mißernte gewesen und die Löhne waren gesunken, und was der Bauer von seinen zwei bis drei Joch Erde heimbrachte, das mußte er zum größten Theil wieder für die Wintersaat hergeben. Zur Nahrung blieb nur die Kartoffel — und so kam er früh genug, der unheimliche Gast, der Hunger, welchen der galizische Bauer in seinem Fatalismus so still und geduldig erträgt. „Der Hunger ist auch von Gott", sagten sie still und ergeben vor sich hin, während sie in der Schenke wässerigen Schnaps tranken. Erst als ihnen ihr mageres, armseliges Vieh vor Hunger wegcrepirte, bemächtigte sich ihrer die Verzweiflung. Was thun? Durch Eis und Schnee gingen sie meilenweit in die Stadt, um Arbeit zu suchen — aber sie brachten nichts mit als Fuselgeruch. Alles war wieder vertrunken. Immer stiller und todtenhafter wurde es im Dorf, nicht mehr fiel der Schnee, aber die Fröste waren gekommen, immer stärker und stärker. Wohl schien die Sonne, aber „ihr Licht wärmt grade wie die Liebe einer Stiefmutter", sagten sie. Auch in Arons Heim war es stiller und stiller geworden, wohl ging er noch auf verwehten Wegen von Dorf zu Dorf, um Mädchen und Knaben Unterricht im Hebräischen, Deutschen und Rechnen zu ertheilen, er schrieb die Briefe der Bräutigame und Bräute im pathetischen Styl, verfaßte Klagen und Verträge, aber dann wurde auch dies dürftige Einkommen immer kärglicher. Er war bei seinen Brotgebern immer mehr in den Geruch eines Freigeistes gekommen, weil er von der bessern Zukunft der Armen und Mühevollen gesprochen. „Arm und reich sein — wie heißt? Ist das nicht von Gott? Steht es nicht geschrieben in der heiligen Thora, daß die Armen nie aussterben werden, selbst wenn kommen wird der Muschiach? *) Glauben Sie effscher **) nicht an die Thora, Reb Aron? sagte Schulim Hutmacher, der Viehhändler, und schaute geringschätzig auf Aron." „Ich glaube!" „Ni is gitt — wer reich is, der hat's verdient bei Gott und wer arm is, der hat's auch nicht anders verdient — ha?" „Das ist nicht wahr, Reb Schulim." „Was heißt nicht wahr? Ihr seid ein Appikaures" ***) schämt Euch — mit meinen Kindern sollt Ihr nicht mehr lernen!" Immer mißmuthiger und trauriger kam Aron nach Hanse — und wenn dann sein Blick auf das blasse, freudlose Gesicht seines Kindes fiel, das bei der Lampe saß und nähte und nähte mit einer Traurigkeit, als ob's Todtengewänder wären, da bemächtigte sich seiner die Verzweiflung. Er klagte seiner alten Mutter sein tiefes Leid. „Gott wird helfen, Aron leb, er wird helfen — hast Du kein Bittuch eu? ff) Er speist alles Gevögel und das kleinste Würmchen — und Dich soll er verlassen?" „Nein Mutter, auf bloße Hoffnungen kann ich nicht mehr bauen. Mein Kind stirbt mir bei gesundem Leib und ich soll dasitzen mit lahmen Händen und warten, bis der Tod in meine Stube kommt?" „Willst Du Gott rathen, wie er Dir helfen soll? Willst Du ihm in den Weg treten? Sieh, er läßt mich leben — glaubst Du, er schenkt mir Jahre ganz umsonst, der liebe Gott? Meinst Du nicht, daß er will, daß ich noch Freuden an meinen Kindern erlebe?" Aber Arons Herz wurde nicht erleichtert von diesen Reden intb in einer der Nächte, wo er nicht schlafen konnte, schluchzte er bitterlich in die Kissen hinein, so daß Lea es hörte. Sie stand auf, zündete ein Licht an und ging zu ihrem Vater. Er mußte sich gewaltsam beherrschen, als er sein zitterndes Kind vor sich sah, das ihn mitleidig anschaute. „Vater, liebster Vater? Du weinst, warum weinst Du nur? Willst Du es mir denn nicht sagen, hast mich nicht mehr lieb? Du hast Recht — Du sorgst Dich meinetwegen ab und ich stehe da und lasse Dich sich.abhärmen und mach' Dir noch Kummer." „Es ist meine Pflicht, liebes Kind — übrigens habe ich gar nicht geweint." „Es ist Deine Pflicht — und was ist meine? Habe ich keine Pflichten mehr, kann ich nichts thun, Dir nichts helfen — und ich taug zu gar nichts mehr? Zu nichts — und ich bin nur ein leerer Halm, eine Last auf Deinem armen Rücken? Und ich kann nichts thun?" „Wir können nichts thun in unserem Unglück, süßes Kind." „Nichts? Und die bessere Welt? Glaubst Du nicht mehr an die bessere Welt, Vater? Kommen wir nie mehr hin?" „Wir nicht — wie soll denn Aron Löwenthal, der Lehrer mit seinem armen'Kind in die bessere Welt kommen?" „Durch unsern Willen Vater — meinst Du es nicht?" „Durch unsern Willen, durch unsern Willen! Wo ist er, unser Wille — wo sollen wir arme, gebeugte Juden no ch einen Willen hernehmen, einen Willen, uim uns eine bessere Welt zu *) Messias. **) Vielleicht. ***) Gottesleugner, t) Hoffnung.

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