Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1897-07-30 · 31 (30.7.1897) · page 17

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
14 (1897)
Issue
31 (30.7.1897)
Date
1897-07-30
Page
– (sequence 17)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3020846-3021169-3021200--06983-3031289
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. Bl Vr. Vlortz's Mochrnptzryr Seite 645 Es war dies nicht das ■ erste in der Gasse. Ein älteres Producten-Handlungshaus besaß ein solches schon seit langer Zeit, und als Regina's Mntter, seit ihr Mann wenigstens ebensoviel Wolle und Rindshäute wie sein Concurrent im Magazine hatte, als ebenbürtig diese Familie besuchte nnb sah, daß zwei Kinder an dem einem Flügel spielten, spottete sie über den Geiz dieser Familie und hätte, falls sie mit mehreren Kindern gesegnet gewesen wäre, gewiß jedem ein Clavier gekauft. Aber Regina war einzig, dafür aber mußte ihr Justrumeut zweirual so viel kosten, als das der anderen Familie. Man hatte es ja Gott sei Dank dazu! Reginas Bater hatte von Natur aus starke Nerven, so daß es ihn gar nicht genirte, wenn seine Tochter tagelang das Clavier bearbeitete, und wenn er auch nervös gewesen wäre, er hätte es doch ertragen, denn er liebte sein einziges Kind zu sehr, als daß er ihm hätte Etwas verwehren können. Einmal versuchte er das. Als Regina nämlich das erste Mal am Sabbath, just während des „Schnlganges" sich producirte; allein er gab nach, als sie ihm seine Bildungsnusähigkeit vorwars. Er hatte ein zu gutes Herz. So vertrieb sich Regina abwechselnd mit Lectüre und Clavierspielen die Zeit. Gegen die Gasse hatte sie nur Ekel und Abscheu. Endlich bekam sie diese Empfindung auch gegen ihren Bater. Dieser zeigte sich jetzt als ein harter Mann, der in seiner barbarischen Rohheit so weit ging, seine Tochter zu zwingen, den sehr tüchtigen und verständigen Sohn der oberwähnten Familie gleichen Geschäftes zu heiraten. Regina hatte zwar gegen die Person des für sie Auserwählten nichts einzuweudeu, aber sie wußte aus den unzähligen Romanen, die sie verschlang, daß die Väter in solchen Fällen allemal Unrecht haben. Das genügte ihr. Ihr Vater dagegen las niemals Romane. In seiner traurigen Unwissenheit glaubte er daher, daß die Väter meistens erfahrener seien, als die Töchter,- was freilich sehr lächerlich war. Aber die Gewalt siegte, und so wurde sie in einem Anfalle von momentaner Geistesschwäche die Gattin eines Ungeheuers, das so ungebildet war, daß es nicht einmal die Haare in der Mitte abgetheilt trug; sie die Gattin eines Menschen, der' es wagte, sie zu lieben, obwohl er sein väterliches Prodnctengeschäft in einer Weise weiter betrieb, daß er sich am Hellen Tage nicht schämte, zu arbeiten und zu schaffen, um sie mit allem Comfort zu umgeben. Es war entsetzlich! Sie, die ein Männerideal im Herzen trug, in stillen Stunden ans Marlitt'schen und anderen Moderomanen — achtzig Kreuzer per Monat Leihgebühr aus der ersten Leihbibliothek der Stadt — gebildet, ein Männerideal, bestehend aus einem dunklen Bollbart, blassem Angesichte und schmachtenden Augen und schlanker Gestalt, sie, sie eine Productenhändlersgattin! Weinet, Zions gefühlvolle Töchter, die ihr, wie sie, in einem Pensionat erzogen seid, ihr werdet ihren Schmerz begreifen! — Vergebens versuchte sie mit der ganzen Hoheit ihrer romantischen Leihbibliotheksgefühle diesen Schmerz zu unterdrücken. Denn da kam erst die ganze Rohheit „seines" Charakters zu Tage, als sich ergab, daß er nicht blos unter dem pädagogischen Einflüsse des väterlichen Unterrichtes, der sich aus die Unterscheidung zwischen Ein- und Zweischur erstreckte, ausgewachsen war, sondern mehr gelernt hatte, als sich ihre höhere Töchterweisheit träumen ließ und sein gründliches Wissen ihre Oberflächlichkeit oft beschämte. Wie ungalant ließ er sie seine geistige Ueberlegenheit fühlen! Er belehrte sie und berichtigte ihre Jrrthümer im Tone des Mentors. Eine solche Gemüthslosigkeit war ihr noch bei keinem Manne vorgekommen unter allen den deutschen Männern, die sie in ihren Büchern kennen lernte und von denen sie mit ihren Freundinnen im Pensionate phantasirte, wenn sie in Reih' und Glied züchtig die Straße passirten. O, diese jüdischen Männer! So schleppte sie qualvoll ihr glückliches Dasein als Opferlamm unromantischer Verhältnisse fort. Sie litt; ihr Leiden bestand aus zurückgetretener Bildung, die sich auf ihre edleren Organe warf. In diesem Zustande konnte es nicht ausbleiben, daß sie eines Tages die furchtbare, aber bekannte Entdeckung machte, daß sie unverstanden durch's Leben gehe, sowie, daß sie an chronischer Unausgefiilltheit des Herzens laborire. Um sich zu betäuben, erbat sie sich von ihrem Tyrannen, der nur Wollsäcke und Psundsohlen im Kopfe und Herzen hatte, daß sie einige Male in der Woche in die mittelst Eisenbahn nur eine halbe Stunde entfernte Stadt fahren dürfe, wo sich eben ein Saisvntheater befand. Die Zuge gingen so, daß sie um sechs Uhr vom Hause hin- und nach Theaterschluß wieder zurückfahren konnte. Ihr Gemüth vertiefte sich nun zusehends. An ihrem entzückten Geiste gingen nacheinander alle die herrlichen Seelengemälde der Sardou, Dumas fils :c. vorüber, welche so poetisch, so herzig und rührend das Leben der Frauen schildern. Ihre Träume umgaukelten die Gestalten der Frou-Frou, der Fernanden und Odetten und all der anderen Heldinnen, deren Lieblingsbeschäftigung in Ehebrüchelchen besteht. Mit einer Lernbegier, wie sie sonst nur arische Frauen besitzen, folgte sie den lieblich verschlungenen Lebenspfaden jener zarten Gestalten und vertiefte sich in die Rüthsel ihrer Charaktere. Eines Abends — es war gerade im ersten Act der herrlichen „Odette" Sardou's, der so klar und verständlich ist, daß auch das jüngste Mädchen ihn begreift, weshalb deutsche Mütter ihre Töchter auch gerne mit dahin nehmen, eines Abends also saß ein junger Mann neben Regina, der ihre jugenolich volle Gestalt mit Blicken verfolgte, wie sie selbst der unverfrorenste Arier sich nur erlaubt — einer Jüdin gegenüber. Dieser junge Mann hatte einen Vollbart — o, einen Bollbart, wie ihn nur eine Marlitt beschreiben, wie ihn nur ein Christ haben kann! Demnach begleitete er Regina nach Schluß des Stückes bis zum Omnibuswagen, der zum Bahnhof fuhr. Als er sich verabschiedet hatte — mit einer Grazie, wie sie sichtlich nur die völlige Ahttungslosigkeit von der Existenz von Knoppern und Reps erzeugen kann, da ahnte Reginas herrliche Seele dunkel, daß sie nicht ganz umsonst den Propheten der Pariser Boulevards gelauscht habe, bereit Offenbarungen dahin lauten: „daß eine Frau, die auf der Höhe ihrer Zeit steht, es ihrer Bildung schuldig ist, bei ehester Gelegenheit ihren Mann zu betrügen." So kam es denn, daß einige Zeit darauf ein üppiger Vollbart vor dem Schalter für postlagernde Briefe — nicht ohne Erfolg stand. * * * Der junge Mann mit dem Marlitt'schen Vollbart war einmal wieder in „gräßlicher Geldverlegenheit", denn er war eigentlich nur ein Advocaturs-Concipient mit 30 fl. Monatsgehalt. „Verdammt", murmelte er in seinem elendlich möblirten Cabinet, „meine reizende Bekanntschaft von jenem Abende her, zu dem ich das Billet geschenkt bekam, erwartet mich heute wieder nach Schluß der Vorstellung. Es ist das erste rechte Rendezvous mit ihr — und ich bin blank. Ich werde ins Kaffeehaus gehen, vielleicht kann ich dort noch Einen aupumpen. Aber wen?" Nach einigem Nachdenken sprang er jubelnd in die Höhe: „Ich Hab' ihn! Wenn mir das Glück für heute Abend günstig ist, wird auch heute der reiche Jud' vom Lande hier sein, dem ich erst vor einigen Tagen die Ehre erwies, eine Partie Billard mit ihm zu spielen. Er soll ein guter Kerl sein, wenn man zu imponiren versteht. Nun, er genieße heute die Ehre, von mir angebohrt zu werden." Damit nahm unser Held Hut und Stock und begab sich in das Kaffeehaus, wo er hoffte, den guten Kerl von Juden zu finden. Er fand ihn und bohrte ihn mit gewohnter Virtuosität an. Der Erfolg blieb nicht aus. Mit zwei Zehner und einer Fünfernote schwer bewaffnet, nahm er von dem Inden Abschied, so rasch es ging. Regina's Mann hielt sich der Geschäfte halber fast die ganze Woche einige Stunden des Tages in der Stadt auf. Er war auch heute dort, verspätete sich aber und konnte jetzt nur mit dem Nachtzuge nach Hause fahren. So saß er denn im Kaffeehause noch gegen neun Uhr Abends. „Ich werde zum Theater hingehen," sagte er zu seinen Freunden, „vielleicht ist meine Frau hier und wir fahren vom Theater aus zum Bahnhof."

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.