Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 14 (1897)
- Issue
- 31 (30.7.1897)
- Date
- 1897-07-30
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 31 Vr. Vloch's Wochenfttzrtfl Seite 635 schwiegen, als die Rohlinge aller Orten über den Talmud herfielen, ohne von seinem Inhalt mehr zu wissen als etwa ein guter, alter Dajan von der Imitativ Christi zu wissen pflegte. Damals hat Stein jene Erklärung veröffentlicht, in welcher alle deutschen Universitätsprofefforen der Philosophie von jüdischer Abkunft citirt wurden — leider kann man sie an den Fingern herzählen, ohne alle Finger zu benützen — und bei jedem von Ihnen constatiri wurde, daß sie ehemalige Talmudjünger waren. Der Talmud bildet seine Leute, das wollte Stein beweisen, zur Philosophie, nicht zum Gelderwerb. Nun ist ein umfangreiches Buch aus der Feder unseres berühmten Glaubensgenossen erschienen, welches die wichtigste Frage unserer Zeit, die sociale Frage, mit allen Hilfsmitteln der modernen Philosophie behandelt. Mau kann in unserer überbürdeten Zeit dem Geschäftsmanne, dem Advocaten, dem Seelsorger und selbst dem Gelehrten eines anderen Faches die Lectüre von 777 Seiten großen Formates nicht gut zumnthen, selbst wenn es sich um die Philosophie der socialen Frage handelt. Andererseits ist es in unserer traurigen und sorgenvollen Zeit ein Trost und eine Ermnthigung für jeden ideal gesinnten Juden, die geistigen Leistungen unserer Stammesgenossen auf der ganzen Erde doch wenigstens so weit zu kennen, um sie dem Frevler, der an dem Adel des Stammes Juda zu zweifeln wagt, in die Zähne schlagen zu können. So werden, hoffen wir, auch unsere Leser die kleine Mühe nicht scheuen, den anregenden Ausführungen Professor Stein's zu folgen, die wir in den nächsten Wochen ihrem wichtigsten Gedankengehalte nach vorführen wollen, natürlich nicht ohne bei aller Hochachtung vor dem angesehenen Philosophen von dem Rechte freier Kritik Gebrauch zu machen. Wir hoffen, daß recht viele von unseren Lesern sich dadurch anregeu lassen werden, die Sommerferien zu der wahrhaft genußreichen Lectüre dieses Buches zu verwenden mib so an unserer Kritik freie Gegenkritik zu üben. Doch vor der eingehenden Analyse des inhaltsreichen Werkes sei es gestattet, einen Ueberblick über die bisherigen Leistungen dieses rastlos arbeitenden Gelehrten zu bieten. Als Schriftsteller hat sich Ludwig Stein schon im Alter von 21 Jahren mit einer Publication über die Jalascha's (1880) eingestellt. In das Jahrzehnt 1880—1890 fallen seine in Fachkreisen besonders geschätzten philosophischen Abhandlungen über die Philosophie der Stoa (Psychologie 1886, Erkenntnißtheorie 1888), seine eleganten literarischen Porträts, bei welchen jüdische Köpfe auf den Darsteller besondere Anziehungskraft ausgeübt zu haben scheinen i Anerbach 188:;, Laster 1884, Leibnitz und Spinoza 1888, 1890, der Humanist Gaza 1889), viele Beiträge zur Geschichte der Philosophie und die Begründung seines „Archivs für Geschichte der Philosophie". Bon seinen zahlreichen seitherigen Publicationen nennen wir nur die recht zeitgemäße Warnung vor „Nietzsche's Weltanschauung und ihren Gefahren" (1893), seine Schriften zur Borgeschichte des Socialismns und das kurze aber inhaltsreiche, auch in die Literatur des ewigen Friedens geistreich einführende Schriftchen über „das Ideal des ewigen Friedens und die sociale Frage" (1896). Neben dem „Archiv" redigirt Stein noch 2 gelehrte Zeitschriften. Seit 1890 pflegte der Berner Uuiversitätsprofeffor an der Universität und am Polytechnikum von Zürich seine vielbesuchten Sommervorlesnngen über die Philosophie der socialen Frage zu halten. Sein Publicum recrutirte sich aus allen Facultäten und Berufskreisen. Das Bedürfniß des Vortrages drängte ihn daher zu populärer Ausdrucksweise, natürlich im Sinne einer vornehmen Popularität, d. h. einer Diction. welche zwar keine sachliche Specialkenntniß, doch immerhin eine hohe allgemeine Bildung voraussetzt. Den Inhalt dieser Vorlesungen hat nun Ludwiz Stein zu dem vorliegenden Bande ausgestaltet, schon durch seine äußerliche Eintheilung in 41 Vorlesungen die Zeichen seiner Eutstehungsweise an sich trägt. Auch an der etwas „unphilosophischen Lebhaftigkeit des Ausdrucks", wegen deren sich der Autor ganz unnöthig Scrupel macht, verräth sich noch der rhetorische Ursprung dieses Bandes Socialphilosophie. Um heute nur eine ungefähre Vorstellung von Zielen und Wegen des Autors zu geben, sei es gestattet, die beiden großen Gewissensfragen, die jeder Schriftsteller an sich stellen sollte, thunlichst mit den eigenen Worten Stein's zu beantworten. Diese beiden Fragen lauten: Was will der Alaun, der uns die Lectüre eines umfangreichen Buches zumuthet, erreichen? und: Wie will er dies erreichen? Also zunächst: Was will Ludwig Stein mit seinem groß angelegten Werke? Es gilt hier vor Allem, so sagt er im Vorworte, „die socialen Tendenzen unseres Zeitalters auszuspüren und solchergestalt unserer suchenden, selbstzweiflerischeu, an sich irre gewordenen Zeit ihre stillen, unausgesprochenen Gedanken von den Lippen zu lesen. Wer die Zeichen der Zeit zu deuten versteht, der weiß, daß der Kampf um einen neuen Lebensinhalt entbrannt ist; es handelt sich um ein Ringen nach einer socialen W e l t a n s ch a u u n g". Sehr hübsch formulirt, Herr Professor! Scheinen ein vortrefflicher Redner zu sein und sollten uns in Wien auch mal so was von Ihrer Beredtsamkeit zum Besten geben! Aber unter uns gesagt, sind denn die „socialen Tendenzen unserer Zeit" wirklich gar so unausgesprochene, gar so stille Gedanken derselben? Vielleicht in der Philosophie! Da ist es überhaupt sehr still; unsere zeitgenössische Philosophie ist ein bischen in Gedanken stehen geblieben. Und infofe. ne ist es ja sehr hübsch, daß Herr Professor die seit F. A. Lange» Tod auf dem socialen Gebiete nicht sehr fruchtbare Philosophie etwas ernster zur Geltung bringen. Also eine sociale Weltanschauung aus philosophischem Lager! Viel versprochen Herr Professor! W i e will nun Stein dieses Ziel erreichen? Zunächst indem er an die sociale Frage mit der Leidenschaftslosigkeit und Unparteilichkeit des Philosophen herantritt. „Das Heikle und Verfängliche des Gegenstandes dränge ich durch die Erklärung zurück, daß ich keiner der politischen Parteien angehöre, vielmehr das Vorrecht für mich in An spruch nehme, über allen Parteien zu stehen. Und doch gebe ich mich keiner Täuschung darüber hin, daß ungeachtet dieser an Deutlichkeit kaum zu überbietenden Erklärung die Gegner des Socialismus mich als Socialisten, und die Socialiften mich als Gegner des Socialismns verschreien werden". Ja wohl, Herr Professor! Können darauf Gift nehmen! Das „Deutsche Volksblatt" wird Ihnen billig welches verschaffen Otto Effertz. der originelle Verfasser des nationalökonomischen Werkes über „Arbeit und Boden" erzählt anläßlich seiner eigenen Betheuerung, daß er in der socialen Frage von einer Unparteilichkeit sei, bie ihm kein Mensch glauben wolle, daß in Island die Leute ihn alles Ernstes zu fragen pflegten, was wohl die Leute in Berlin über die zwischen Island und Dänemark schwebenden Streitigkeiten denken. Daß man in so wichtigen Fragen etwa gar keine Partei nehmen könnte, hielten die braven Isländer für ausgeschlossen. Er mußte ihnen also zu ihrer Beruhigung sagen; die Einen seien in Berlin für die Isländer, die Anderen für die Dänen. Stein hebt mit Nachdruck hervor, daß die sociale Frage aus der Socivlogie beruhe, und daß in dieser noch alles ungewiß sei. Bei der Keckheit, mit welcher jeder Lasse heutzutage über die schwierigsten Probleme der Socivlogie abzusprechen pflegt, beispielsweise über die Geschichte des Eigenthums oder der Ehe, wird es vielleicht willkommen sein, die Aeußernng eines vielbelesenen Fachmannes kennen zu lernen. „Die Popularität ist das Schaufenster einer Wissenschaft, in welchem die besten, sorgfältig allsgefeilten Erzeugnisse einem schaulustigen Publicum ausgestellt werden. Einen solchen Luxus können sich jedoch nur fertige, anerkannte, in sich geschlossene Wissenschaften gestatten, die für die Solidität des Dargeboteneu einstehen können. Das vermögen wir indeß nicht. Unsere Gedcmkenwelt ist erst im Entstehen begriffen. Die Rohprodncte liegen vielfach noch roh und ungeordnet umher und harren der künstlichen Verarbeitung".