Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 14 (1897)
- Issue
- 31 (30.7.1897)
- Date
- 1897-07-30
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 31 Vr Vloch's Wochenschrift Seite 6S1 Juden Tag um Tag; das sind jedenfalls keine schlechten Leute, die, obschon sie selbst im sicheren Hafen weilen, von dieser Noth gerührt werden, sich zu ihren Brüdern gesellen und auf Abhilfe des Uebels sinnen. Die reinen Beweggründe ihres Thuns werden wir selbst dann nicht außer Acht lassen dürfen, wenn wir dies Thun verurtheilen. Ist nun der Congreß eine so gefährliche Sache? Ein streng objectives Urtheil werden wir sicherlich bei solchen Männern suchen, die als Rabbiner zu dem Vorstand des Rabbinerverbandes in offenem Gegensätze stehen, die dem Verband sich nicht angeschlossen haben. Referent suchte sich zu orientiren, wie man in diesen extremsten Kreisen der deutschen Judenheit über den Congreß denkt und kann nur feststellen, daß er auch dort für eine Gefahr angesehen wird, daß auch dort der Glaube vorherrscht, unsere Feinde werden ihn gegen uns ausnützen. Dem gegenüber sagen Herzl und Nordau : unseren Feinden werden wir es nie recht machen, ehrliche deutsche Männer werden nicht die ganze deutsche Jndenschaft zur Verantwortung ziehen für Berathungen, die nur von einem kleinen Theile deutscher Juden gepflogen werden und an denen zum größten Theil ausländische Inden theilnehmen. Es ist zu verstehen, daß Männer in öffentlicher Stellung besonders die Vorsteher des eben gegründeten Rabbinerverbandes nicht unthätig bleiben wollten gegenüber einer solchen Frage, und den Congreß für eine Gefahr erklärten. Weniger verständlich war das Vorgehen der Müchener Localbehörden, denen es gelungen ist, den Congreß aus München wegzugrauleu. Ist Gotha eine Socialistenstadt, weil die Socialisten dort tagen? Niemand wäre auf den Gedanken gekommen, die Münchener Juden allefammt oder nur in ihrer Mehrzahl für Zionisten zu halten, weil Herzl und Nordau dort Reden halten, vorausgesetzt, daß die Gemeinde sich nicht officiell betheiligte. Wer allzu geflissentlich Beziehungen ableugnet, die Niemand mit triftigen Gründen ihm zutrauen darf, der mag sich vor sehen, daß er nicht allzu ängstlich gescholten wird. Herr Herzl wendet sich in einem längeren Aufsatz gegen die Erklärung der Rabbiner; er wird Keinem einreden, daß diese Erklärung, die von streng conservativen und extremradicalen Führern des deutschen Judenthums gemeinsam abgefaßt ist, bedeutungslos ist; es ist eine kindliche Freude, wenn er die Herren „Pro testrab bi ne r" nennt und damit einen Hanpttrnmpf auszufpielen glaubt. Im Wesentlichen stehen hinter dieser Erklärung die deutschen Rabbiner überhaupt. Herr Rülf-Memel ist nur eine Ausnahme, ein ens sui generis. Herr Herzl findet, daß die Erklärung nach Außen hin gewendet ist, daß die Unterzeichner um „die Gunst der Feinde winseln". Das wird keiner der Herren leugnen, daß die Erklärung vor Allem ihre Wirkung haben soll in nichtjüdischen Kreisen, damit die Berufer des Congresses nicht als die eigentlichen Interpreten des jüdischen Willens, des jüdischen Geistes angesehen werden; es ist kein Zeichen eines guten Geschmacks, in diesen schlichten Worten ein Winseln um die Gunst der Feinde zu sehen. Allerdings ist es fraglich, ob alle Punkte der Erklärung allgemeine Billigung finden werden. Besonders der erste Satz „die Bestrebungen sogenannter Zionisten, in Palästina einen jüdisch-nationalen Staat zu gründen, widersprechen den messianischen Verheißungen des Judenthums, wie sie in der heiligen Schrift und den spätern Religionsquellen enthalten sind", dieser Satz, der die Zionisten gleichsam aus dem Judenthum ausschließt, geht viel zu weit. Gesetzt, der jüdisch-nationale Staat würde gegründet, bestände und blühte unter der Souveränetät der Pforte, so hat dies mit der Messiasidee, sei es nun der Orthodoxen, sei es der Aufgeklärten, absolut nichts zu thun, allenfalls könnte er, wie jede humane That, als eine Vorbereitung des Messianismus gelten. Wir meinen, der jüdisch-nationale Staat in Palästina wird nicht gegründet werden, kann nicht gegründet werden, und wir beklagen es, daß so viele wackere Männer eine Reise nach Utopien unternehmen, von der sie nur an Kraft und Willen gebrochen zurückkehren werden, aber daß dieser Staat nicht gegründet werden darf, ist uns neu; er würde zweifellos der Colonisation Palästinas einen stärkern Rückhalt geben, als die gegenwärtige Verwaltung der Türkei. Aber da dieser Staat nur im Reich der Träume existirt, da er, wie wir in dieser Zeitschrift schon vor längerer Zeit auseinandergesetzt haben, selbst wenn er für eine kurze Zeit verwirklicht würde, nur die Eifersucht der Christen erregen und rasch verschwinden würde, so lassen wir diesen Factor ganz außer der Berechnung und begnügen uns mit dem Erreichbaren, einer möglichst starken jüdischen Bauernansiedluug in Palästina, die freilich Herzl „für thörichter als edel" hält, weil ihr die „völkerrechtlichen Garantien" fehlen. Wir sind bescheidener, wir ängstigen uns auch nicht einmal davor, was hochpolitische Leute uns Voraussagen, daß, wenn das Erbe des „kranken Mannes" getheilt werden wird, Palästina doch an Rußland fallen und die alte russische Misere dort von vorn anfangen wird. Wir sorgen nicht soweit vor, meinen im Uebrigen, daß der kranke Mann, der schon so oft todtgefagt worden ist, noch lange leben wird; sollte er aber einmal wirklich sterben, so werden wohl auch Oesterreich und Deutschland, das jetzt eine große Flotte baut, ihre Hände über das Mittelmeer an die asiatische Küste ausstrecken. Herr Herzl redet geringschätzig von der religiösen Mission des Judenthunls, diese ist uns das Wichtigste, noch sind die Gedanken des Judenthums nicht das Erbe der Menschheit; „wenn es eine jüdische Mission gab, so war es das Christenthum" sagt Herzl, das Christenthum war aber nur ein Act dieser göttlichen Sendung, sie ist damit nicht beendet; wir hoffen, daß Herzl, der doch ein Arbeiter des Geistes ist, sich noch einmal auf den Höhen des jüdischen Geistes mit den Protestrabbinern begegnen wird; vielleicht wird er dann ein so eifriger Missionar der jüdischen Gedanken sein, wie er jetzt für die jüdische Nationalität wirbt, die einstmals das Gefäß der jüdischen Wahrheit gewesen ist. Herr Herzt ist auf die Rabbiner böse; es ist zuzugeben, daß sie mit ihm etwas sanfter hätten verfahren können; aber er durfte um seiner eigenen Ehre willen nicht so ungezogene Scherze sich gestatren, wie wir in Nummer 7 der „Welt" gegen die Protestrabbiner lesen; viele dieser Männer würden gern ihr Behagen opfern, könnten sie damit den gequälten Brüdern helfen. Alle treuen Israeliten, die Zionisten wie die Nichtzionisten, sollten Acht haben, sich gegenseitig zu belehren und anzuregen, statt der bösen Welt das Schauspiel der Entzweiung zu bieten. In einzelnen Punkten hat ja auch Herzl recht, so z. B. wenn er an der Alliance israelite universelle schon den Namen prahlerisch und herausfordernd findet; ein Verein mit der Tendenz, da und dort einige Schulen im Orient zu gründen, sollte keinen Namen führen, hinter dem man mit Recht mehr suchen muß, als je dahinter gesteckt hat. Sehr gut ist der Vorschlag, Esrogim nicht von Korfu, sondern von Palästina zu beziehen. Dagegen werden die Protestrabbiner gar nichts einzuwenden haben; sie werden Alles aufbieten, um die Aufträge an die Juden Palästinas gelangen zu lassen, selbst wenn die Waare etwas schlechter ausfallen sollte als die „Korfuer". Der Congreß wird stattfinden, vielleicht ist es so besser; vielleicht gelingt es auch, günstigere Bedingungen für die Colonisation von der Türkei zu erlangen; die braven fünf jüdischen Aerzte, die von Wien .aus zu den türkischen Truppen nach Thessalien gegangen sind, haben jedenfalls ein gutes, humanes Werk gethan. Mögen nur die Zionisten, wenn sie das Aussichtslose ihrer Pläne erkennen, dann einen Pflock zurückstecken und mit uns Anderen das Erreichbare anstreben. Herr von S u t t n e r, der als Zeuge gegen die Protestrabbiner aufgerufen wird und in der jüngsten Nummer der „Welt" irgend welche hierarchische Neigungen des Vorstandes des deutschen Rabbinerverbandes wittert, verkennt die Tendenzen dieser Männer. Er darf es „getrost lieber glauben, daß edlere Bedenken bei diesen Männern im Spiele sind". Redet er nicht selbst von der Romantik, die die Köpfe der Zionisten gefangen nimmt? Sagt er nicht selbst, „daß ihm der Sultan nicht der vertrauenswürdigste Bürge für die Juden sei". Ans der Angst um die Unseren, aus der treuesten Liebe entstammt die vielleicht etwas zu lebhafte Agitation der Rabbiner gegen die Zionisten. In vielen Theilen Deutschlands und Oesterreichs steht es um die Juden nicht so schlimm, daß wir die Hoffnung aufgeben sollten, uns zu behaupten. Der Zionismus, so muthig er sich geberdet, ist doch ein bedingungsloses Die-Waffen-Strecken gegenüber dem Antisemitismus. Herr v. Suttner redet von dem „arischen" Muth gegen die Kleinen. Es gibt aber eine Menge von Schulen, in denen der jüdische Schüler keinen Hauch des Judenhasses verspürt. Die Zeitungen berichten die Ausnahmefälle, die Ausschreitungen, nicht die Regel, welche das freundschaftliche Zusammenleben der Schüler ist. Herrn v. Suttner ist die Oppo- I i i.! ■’ i SB