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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1897-07-23 · 30 (23.7.1897) · page 19

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
14 (1897)
Issue
30 (23.7.1897)
Date
1897-07-23
Page
– (sequence 19)
Language
German
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Nr. 30 Seite 627 Vr. Bloch » Vochrnkchrlfl» „Nein, mein Junge; Du hast mit diesem letzten Bilde ein Genre gewählt, in welchem man Dir die Originalität nicht wird absprechen können, weil es bis jetzt noch brach gelegen. Bleib' dabei. Hol' Dir Deine Stoffe ans nufere r Bibel, aus unserer Geschichte. Aller Liebreiz, aller Zauber, alle himmlische Ergebung, die sie in die Madonnenbilder legen, kann auch in die' Frauengestalteu, z. B. Rachel's oder Hanna's, wie Du es in diesem Bilde gethau hast^gelegt werden. Und Du kannst Dir die Anerkennung erzwingen, weil Du wirst warte» können, denn mein Haus und mein Vermögen gehören Dir." Die bessere Welt. Novelle von Hermann Menkes. (Fortsetzung.) Ani anderen Tage machte die Großmutter Lea Vorwürfe, daß sie in's Gerede der Leute komme. „Ich Hab' Worte über Dich gehört, Lea! Reiß' ihn ans Deinem Herzen — siehst Du denn nicht, daß das Unglück über Dich kommt?" „Es ist gekommen!" „Ist es? Und Du bist rein geblieben? O dann hat der Allmächtige mein Gebet erhört!" „Solche Gebete hast Du, Großmutter? Dann seid auch Ihr gottlos!" „Du lästerst, Lea." „Man lästert nicht, wenn man an keinen Gott mehr glaubt." „Glaubst Du an keinen Gott, Kind? Glaubst Du an keinen Gott? Nun wird es in mir ganz finster. Und ichwerd' es in allen Gassen schreien: Ich habe keine Kinder mehr, denn sie glauben an keinen Gott! Ich habe meine Kinder verloren — bevor mall mich begraben. So sag' es noch einmal, daß Du nicht an Gott glaubst. Lea siehst Du denn nicht, daß Du stirbst? . „Jo." „Und Du rettest Dich nicht und streckst Deine Hände nach dem Allerbarmer aus? Kind, Kind — denke an Deine arme Mutter, die Schani empfinden wird im Kewer." „Ich habe meine Hände nach ihm ausgestreckt und gefleht um seine Gnade, er aber hat sich von mir abgewandt und deswegen habe ich keinen Gott mehr . „Lea? Komm', bete!" „Später — jetzt kann ich nicht." „So gehe und laß' mich mit meinem Kmnmer allein." Und Lea ging. „Nun, ich sehe, daß mir der liebe Gott den Tod schickt", sagte die Greisin zu sich selbst, als sie allein znrückblieb. „Wenn Du willst, es geschehe Dein Wille — aber nein, ich will jetzt nicht sterben, jetzt nicht . . denn ich bin noch zu was da auf der Welt. Lieber Gott, laß' mich noch leben! Wer ist dort — wer?" „Ich, ich, Saraleben, ich bin da, ich Chaje die Hausiererin. Goldene Tag auf Euch!" „Was willst Du, Chaje?" Es war ein früh gealtertes Weib, das vollbepackt mit allerlei Waaren eingetreten war. „Was ich will? Ein langes Leben will ich Euch wünschen und ein glückliches Alter, und ich will Euren Segen, denn Ihr seid eine koschere Znije (Heilige) lind Gott schenk' Euch noch viele Tage in Gesundheit und Parnosse (Lebensunterhalt) ans allen Wegen. Was ich will? Kauft etwas bei der unglücklichen Witwe, was hat acht Kinder zu Hause und einen verwitweten Sohn, einen Zadik (Heiligen). Ich muß mich plagen von Haus zu Haus und von Dorf zu Dorf. Ich Hab aber kein Parnosse, kein Stückel Brod kann ich in Ruh' essen und meine Kinder sterben vor Hunger — kaust, kauft mir etwas ab, Saraleben. Schönen Barchent habe ich, herrlich, und Kleiderzeug und Baumwolle und Nadeln und Cichorie und Zucker und Schnupftabak — ein Genuß!" „Sttll, Chaje — ich kann Dir nichts abkaufen." „Nichts? Sagen Sie es nicht. Nichts? Ich habe aber noch etwas unter meinen Waaren. Das werden Sie vielleicht kaufen — aber ich sag's nicht — nein!" „Was ist's.,, „Ach, Mameleben, Gott schenk' Ihnen noch ein langes Alter! Und Sie sollen's nicht brauchen-Tachrichim *) Hab, ich, schöne Waare und billig!" *) Todtengew ander. ' „Die will ich kaufen, Chaje." „Weh geschrien — sagen Sie das nicht! Es ist aber schöne Waare." „Sind sie gut? Bedenke Chaje, du wirst eine Todte betrügen „Ich schwöre Ihnen — —" „Gut — was verlangst Du?" „Nur sechs Gulden — Ihnen geb' ich's so." „Gut, nimm Deine Elle — denn ich muß an meinen Tod denken, Chaje; ich fühle das Leben reißt sich von mir." — „Gott ist mit Euch Saraleben — was sagt Ihr? Eins, zwei, drei!" Während die alte Großmutter sich ihr Todtengewand kaufte, irrte Lea draußen herum. Obgleich man schon spät in den Herbst hineingekommen war, war der Tag noch warm und licht. Mariensädeu wanden sich um Sträucher und Zäune, aus welchen eine Spatzenschaar sich niedergelassen hatte; Saatkrähen irrten flach über die Felder, wo Mädchen und Frauen die Kartoffeln sammelten; rothgliihend und überreif hingen die Vogelbeeren von den Zweigen und einsame Feuer brannten aus den Weidestellen, wo die Hirtenjungen sich Märchen erzählten. Dem Erdboden der Wälder entsprossen dicht aneinander rothe Schwämme und an den Stämmen grünte das Moos. Still und fast unbeweglich lag der blaue Dunst über den fernen, dunklen Hütten; in den Pfützen schwammen Wildenten und bohrten sich dann fest in den Schlamm. Wieder stand Lea vor dem Psarrhause. Der Nußbaum war entblättert. Ihr war es, als ob alles Glück von hier gegangen wäre. Sie war nicht traurig, aber sie wollte es sein, denn keine Empfindung war in ihr; ihre Seele glich einem Friedhose und ihre Erinnerungen waren zu Leichensteinen erstarrt — denn sie wußte, daß sie einem öden Leben entgegenging und daß ihre Jngend sich an nichts mehr wird klammern können. Er hatte ihr gedankt — nun begriff sie es, wie Recht er hatte. Sie hatte, ihm Alles gegeben, was an ihr an Leidenschaft und Zärtlichkeit war — alle ihre Illusionen waren ausgeschöpft — und nun sehnte sie sich nicht mehr nach der bessern Welt, denn für sie gab es keine mehr. Ihm war sie nur ein Modell gewesen, wie die vielen Anderen, die er draußen in der Stadt auslas. Sie stand da und schichtete die rothen und gelben Blätter zu Hausen aus. Plötzlich kam Wladomir's kleine Nichte durch den entlaubten Garten, erblickte Lea, lies aus sie zu und ergriff ihre Hand. „Tante Lea? Hast kalte Hände!" „Wo ist Onkelchen, Aninka?" „Weg!" Und mit dem kleinen zarten Finger in die Ferne deutend, verzog sie das Mündchen und begann zu schluchzen. Dann lies sie wieder dem Hause zu. Durch das Fenster seiner Stube blickte für einen Moment das Gesicht des Popen; er winkte Lea zu und schloß dann rasch die Fensterflügel. Er mußte die Sonntagspredigt einstndiren, in welcher er wieder einmal von der Liebe sprechen wollte, von der erhabenen Menschenliebe, die jetzt aus der Welt zu gehen drohe und die man zurückrusen müsse — aber für das arme Kind da draußen hatte er kein Wort. Und so ging Lea wieder nach Hause und sie bemerkte es nicht, daß Israel dicht hinter ihr ging. „Fräulein Lea?" Sie erhob ihr Gesicht zu ihm und er erkannte, wie heftig sie litt Und in diesem Momente söhnte er sich im Stillen mit ihr aus. Er verehrte sie ihrer Schmerzen wegen so, daß er ihr dankbar flir seine eigenen Schmerzen war. Und in dieser großen Verehrung legte er furchtsam seine Hand auf ihre Schulter und glättete sie. „Leiden Sie sehr, Lea?" „Nein. Bedauern Sie mich vielleicht?" „Darf ich denn das? Und Sie sind doch noch immer glücklicher als ich — Sie haben Erinnerungen. Waren Sie sehr glücklich, Lea?" Es war fast wie Weinen in seiner Stimme. „Sie waren wohl sehr, sehr glücklich —" „Ich wollte, ich wäre es nicht gewesen." „Sagen Sie das nicht. Sie sind in der dumpfen Stube ebenso wie ich gesessen, in der dumpfen, armen jüdischen Stube bei verschlossenen Läden und Jemand hat Ihnen einen Sonnenstrahl hineingeschickt und Ihnen gesagt, daß er Sie lieb hat und nun, da er weggegangen ist und die Dämmerung ist gekommen — verzweifeln Sie jetzt?"

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