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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1897-07-23 · 30 (23.7.1897) · page 18

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
14 (1897)
Issue
30 (23.7.1897)
Date
1897-07-23
Page
– (sequence 18)
Language
German
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Seite 626 Vr. VUZth's MoüxensttzcM Nr 30 oder Technik eiutreten, Arzt, Advocat oder Ingenieur oder wenn Du willst, gar keinen diplomirten Beruf haben und nur Geschäftsmann werden, und zwar vorderhand mein Compagnon und später mein Nachfolger. Wie Dn siehst, ist mein Geschäft rentabel und mit Ehren verbunden, und bei Deiner Bildung wirst Du es in diesem Geschäfte noch weiter bringen, als ich. dem die dazu nöthige Sprachen- und Geschichtskenntniß abgeht. Wähle also, Junge, Du hast plein pouvöir in der Wahl dessen, was Dir zu Deinem Glücke verheißender ist." „Ich habe bereits gewählt, aber nichts von allen diesen Berufen, lieber Onkel", so nannte der junge Mann seinen Wohlthäter, „ich werde Maler." „Maler?" zwang sich Herr Goldschmied zum Lachen. „Bist Du wahnsinnig? Ein Jude und Maler!" „Warum denn nicht?" „Weil sie diese Kunst der Kirche dienstbar gemacht und im Vorhinein den Juden davon ausgeschlossen haben. Auch heutzutage kann der größte Künstler nur durch Heiligenbilder berühmt werden. Wie vernachlässigt muß aber Derjenige erst bleiben, von dem man weiß, daß er solche Bilder nicht malen darf, weil er Jude ist! Alle Vorurtheile gegen die Juden werden sich auf ihn concentriren. Man wird ihm jeden Idealismus absprechen, ihm nichts weiter als Speculationsgeist zuerkennen, ja noch mehr, sie werden seine Originalität und Schöpfungskraft leugnen und alle seine Werke für Copien und Imitationen halten, nur abgesehen auf Betrug und Corrumpirung des Kunstsinnes, dieses angeblichen Vorzuges der arischen Race. Kann unter solchen Verhültnisien ein Jude Maler werden wollen, um sein Lebelang den Stachel gegen seine zartesten Empfindungen im Herzen zu tragen, wenn er nicht seine heiligsten, die religiösen Gefühle verleugnet und die Taufe nimmt? Deinen thörichten Einfall, Maler zu werden, ziehe ich also gar nicht in weitere Erwägung; ich gebe Dir aber acht Tage Zeit, Dir irgend einen anderen Beruf zu wählen. Veckereiao, Junge!" Gerade der Widerspruch seines „Onkels" hat den jungen Mann in seiner Berufswahl bestärkt. Er wollte durchaus Maler werden, und es war wirklich der Drang des Genies, das durch den steten Anblick von Kunstwerken in dem Geschäfte seines Onkels in ihm großgezogen worden ist. Er hatte nach dieser Unterredung mit dem Onkel jedes ändere Studium ganz vernachlässigt und nichts weiter gethan, als gezeichnet und gemalt, worin er bereits Tüchtiges leistete. Genau am achten Tage ließ ihn der „Onkel" wieder in sein Arbeitszimmer rufen. „Du hast also gewählt?" „Ja!" „Und was?" „Ich werde Maler!" „Und ich sage Dir, Du wirst es nicht werden", donnerte Abraham Goldschmied, daß der junge Mann an Leib und Seele zitterte, denn er hatte bis jetzt den „Onkel" nie anders gesehen, als in seiner erkünstelten milden Stimmung und ahnte gar nicht, daß in seinem natürlichen Gehaben die zügellose Wuth des Meuschenhaffers bei einer neuen Enttäuschung in solch erschreckender Heftigkeit hcrvorbrechen könne. „Ich habe an Dir eine Schlange an meinem.Busen großgezogen. Du willst mich ruiniren. Wenn die Welt erfährt, daß ich einen Maler im Hause habe, wird sie kein Vertrauen mehr zu mir haben in Bezug aus die Echtheit der Bilder meines Lagers und ich habe darin fabelhafte Summen investirt. Wenn Du bei Deiner Narrheit beharrst, gehe wohin Du willst, nur mir aus den Augen; Du gehörst nicht mehr zu mir." Und damit stieß er den jungen Mann zur Thür hinaus, daß dieser vor Schrecken ob der furchtbaren Wuth des Alten laut aufschrie und zu Boden fiel. Der Stolz in ihm siegte. Er erhob sich und begab sich beruhigt auf sein Zimmer, das er im Abenddnnkel verließ, ohne mehr dahin zurückzukehren. Als Abraham Goldschmied am nächsten Tage von dem Verschwinden des jungen Mannes hörte, eilte er auf dessen Zimmer, in der Erwartung, daß der Verschwundene an ihn etwas Schriftliches zurückgelassen habe. Aber er fand nichts Derartiges. Dagegen fielen ihm sofort Uhr und Kette des jungen Mannes in die Augen und nach weiterer Durchsuchung fand er, daß er Alles zurückgelassen, was er dem „Onkel" verdankt und nur einige Leibwäsche und den — Talesbentel, der immer an der Thür hing, mitgenommen hatte. War der Zorn Abraham Goldschmied's schon bei der Nachricht von dem Verschwinden des jungen Mannes verflogen, so hatte dessen religiöses Gefühl wieder die frühere Zuneigung seines Wohlthäters geweckt, der nun schmerzlich vermißte, was ihm früher auf der Welt das Liebste war. Er ließ alle möglichen Nachforschungen ergehen, aber vergebens. Es war keine Spur von dem jungen Mann anfznfinden. Der Kummer nagte an dem Alten und wurde nur beschwichtigt, wenn ihm das Geschäft Aufregung brachte. Und so finden wir ihn fünf Jahre später in seinem Arbeitszimmer, einem Geschäftsagenten gegenüber, der ihm ein neues Bild vorzulegen im Begriffe ist, welches, wie er versichert, svottwohlfeil gekauft werden kann. „Spottwohlfeil, sagen Sie? Also wohl ein rechter Schund, was?" „Gott bewahre, Herr Goldschmied, ein Juwel; aber sehen Sie selbst", und dabei nahm der Agent die letzte Hülle von dem Bilde weg und breitete es vor ihm aus. Herr Goldschmied setzte sein Augenglas auf und brach, den Geschäftsmann in sich ganz vergessend, in ein „Ausgezeichnet!" „Ein Meisterstück!" aus. Als bibelfester Jude wußte er sofort, was das Bild darstellte: die Uebergabe des Knaben Samuel von seiner Mutter Hanna an den Priester Eli im Hanse Gottes zu Silo (nach dem 1. Cap. im 1. B. Sam.). Und je mehr er es mit seinem Kennerauge prüfte, desto größer lvurde seine Bewunderung dafür: „Gott, wie zart, zarter als Cvrreggi und wie natürlich das Fleisch und die Gewandung behandelt ist. Der Maler, wer ist der Maler?" „Ein Geheimniß, Herr Goldschmied. Ich weiß, wer mir das Bild gebracht, wer es gemalt ist mir unbekannt." „Mir können Sie so was nicht weiß machen. Eine Geschäftsfiute. Sagen Sie mir den Preis!" „Tausend Gulden." „Bringen Sie morgen um diese Zeit den Maler her, das Geld wird bereit sein. Dieses Genie muß ich kennen lernen!" Andern Tages, pünktlich zur anberaumten Stunde, wurde dem Alten der Agent und der Maler gemeldet. Der Erstere trat ein, gefolgt von einem jungen Manne in einem schäbigen sammtenen Künstleranzuge, langen lockigen Haaren und einem Vollbarte, der ein blasses, fast asketisches Gesicht einrahmte, dessen Augen durch dunkle Gläser verhüllt waren. ' „Der Maler, Herr Goldschmied", sagte der Agent. Der Kunsthändler, gewöhnt, den Menschen nicht nach seinem Aeußeren zu schätzen, reichte dem so reducirt aussehenden Künstler die Rechte zum Willkommgrnße und fing sofort von dem Bilde zu sprechen an: „Aber sagen Sie mir nur, wie es Ihnen möglich gewesen ist, Ihren Fleischfarben diesen besonderen delikaten Anstrich zu geben? Wie haben Sie Ihre Leinwand präparirt?" „Das Bild ist auf Seide gemalt, Herr Goldschmied." „Seide? Aber was für eine Art von Seide?" . „Kennerl Sie die seidenen jüdischen Gebetmäntel? Denken Sie sich aber den allerfeinsten, den es geben kamr." „Ein seidener Gebetmantel?" wiederholte Abraham Goldschmied und sah den Maler immer scharf und schärfer an. Dieser nahm die dunkle Brille von seinen Augen und blickte fest in die Augen des Alten. Im nächsten Augenblicke zog dieser ihn an seine Brust. „Mein Junge, mein geliebter verlorener Junge!" Ja, er war es wirklich, der Pflegling Abraham Goldschniied's, der trotz seinem „Onkel" nichts Anderes, als Maler werden wollte. Und nun mußte er sich iit seinem schäbigen Künstlergewand e neben dem Alten auf das Sofa setzen und ihm Alles erzählen, was er seit der Flucht aus seinem Hause getrieben. Der Flüchtling hielt sich in einer anderen nahen Großstadt unter einem falschen Nanien auf und widmete sich ganz der Kunst, durch Stundengeben in fremden Sprachen sein Leben fristend. Aber ohne Namen, ohne Connexionen war es schwer, durchzudringen. Und so hatte er denn für dieses letzte Bild, weil ihm das Geld mangelte, einen feinen Canevas zu kaufen, den seidenen Tales benützt, den er zu seiner Bar-Mizwah bekommen und seitdem an jedem Sabbath darin betete. Er hielt diese Verwendung für keine Profanirung, weil er ja ein frommes Bild darauf malte. Und als er mit seiner Erzählung fertig war, sagte er: „Nun, lieber Onkel, glauben Sie noch, daß Jude und Malerunvereinbar seien?"

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