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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1897-07-23 · 30 (23.7.1897) · page 15

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
14 (1897)
Issue
30 (23.7.1897)
Date
1897-07-23
Page
– (sequence 15)
Language
German
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Nr. 30 Vr. Vloch's Wochrnschrifr. Seite 633 Stande sein dürften, sowie Männer mit sehr zahlreicher Familie. Man hört von den Unglücklichen nur die eine Frage und Klage: „Wo sollen wir hin und wie uns in einer so kurzen Frist eine neue Heimat gründen?" Gewiß wäre es für die Betreffenden viel besser gewesen, wenn ihnen von vornherein ihre Niederlassung am hiesigen Orte überhaupt nicht gestattet worden wäre. Nachdem nun diese Leute hier gastfreundlich aufgenommen und so viele Jahre hindurch geduldet wurden, sich hier eingelebt und eingebürgert, sogar mit inländischen Personell ehelich verbunden haben, sollen dieselben nun mit einem Male sich ein neues Heim suchen, während sie durch ihren vieljährigen Aufenthalt auf diesseitigem Boden wohl längst ihre Heimatsberechtigung im Auslande verloren haben dürften. Kaum wissen wir, welches eigentlich die Ursache dieser verhängnißvvllen Maßregel für die Bedauernswerthen gewesen sein mochte. So viel uns bekannt, sind die Gemaßregelten übrigens fleißige und ruhige Leute, die sich und ihre Angehörigen auf redliche Weise zu ernähren bestrebt waren und auch der Armenpflege keineswegs zur Last gefallen sind. Vielmehr hätten dieselberr nicht unerhebliche Abgaben und Steuern gezahlt, sowie nicht minder auch der hiesigen Bürgerschaft beträchtliche Einnahmen und Einkünfte zugeführt, durch Deckung ihres Bedarfes an Lebens- und Nahrungsmitteln, Wohnungen re. Ohne Zweifel dürfte darum diese Maßregel auch für unsere Stadt von großem Schaden fein, insofern, als die Grundstücke noch mehr entwerthet, das Geschäft erheblich gestört und der hiesige Ort eine Anzahl Steuerzahler verlieren würde. So sehr wir von rein gesetzlichem Standpunkte diese Maßregel an sich billigen müssen, so möchten wir gleichwohl nur wünschen, daß diese Angelegenheit endlich eine günstige Wendung nehmen möge." Wie inan uns hierzu mittheilt, sind bisher 23 Familien, insgesammt 106 Personen, ausgewiesen worden. London, 25. Juni. (Kostbare Bibel n.) Am 26. Juni kamen in London mit der berühmten Ashburnham Bibliothek kostbare Bibeln zur Versteigerung. Den höchsten Preis, der je für ein Buch gezahlt wurde, erzielte die historische Mazarin-Bibel von Gutenberg, auf Pergament gedruckt, wobei der Erfinder der Buchdruckerkunst zum ersten Mal Bleibuchstaben zur Anwendung brachte. Die Bibel wurde mit 20.000 Mark ausgeboten, das nächste Angebot war 40.000 Mark, auib schließlich erstand unser Landsmann, der Antiquar-König Q u a r i t ch, das Buch für 80.000 Mark. Er war auch Käufer der äußerst seltenen, mit Holzblöcken hergestellten Biblia pauperura, die er für 21.000 Mark erstand, dann der ersten datirten lateinischen Bibel für 30.000 Mark. Die erste in englischer Sprache gedruckte Bibel (Coverdale, 1535) wurde für 16.400 Mark losgeschlagen. Wie der Preis der alten Bücher steigt, zeigt sich an der Biblia pauperum, die vor fünfzig Jahren um 735 Mark zugeschlageu wurde; bei der nächsten Versteigerung in den Sechziger-Jahren erzielte sie 5140 und jetzt 21.000 Mark. London. Der Zionismus steht immer noch im Vordergründe der öffentlichen Discussion. Herr Josef Prag und Herr Dr. Hirsch ergreifen Beide das Wort, der Eine im »Jewish Chronicle», der Andere in „Palästina", um gleichzeitig sich gegen die Pläne von Dr. Herzl zu erklären und andererseits zu betonen, daß sie nach wie vor ans dem jüdisch-nationalen Standpunkte beharren. Gerade von diesem Standpunkte aus lehnen sie es ab, die Pläne zu unterstützen, welche auf die sofortige Gründung eines jüdischen Staates hinauslaufen. Paris. Kürzlich wurden die Statuten eines neu gegründeten legitimistischen Vereines veröffentlicht. In denselben fand sich ein Paragraph, dahin lautend, daß Mitglieder dieses Vereines nur Franzosen sein könnten, Juden dagegen ausgeschlossen sind. Es ist nur e r f r e u l i ch, daß die ganze legitimistische Partei überhaupt nicht mehr ernst genommen wird, es daher auch keine Bedeutung hat, wenn dieselbe die Juden ausschließt. Vor zwei Jahren eröffnete die »Libre Parole « einen Wettbewerb von Schriften über praktische Mittel, „die Judenherrschast in Frankreich" zu brechen, wobei die Juden vom Standpunkte der Race, nicht vom religiösen Gesichtspunkte zu benrtheilen sind. Charakteristischer Weise sind nicht weniger als 150 Manuscripte eingelaufen, von denen jetzt die antisemitische Buchhandlung die eine preisgekrönte Schrift eines gewissen A. Tilloy veröffentlicht. Der Verfasser wirft überall die Juden und die Freimaurer zusammen und von seiner Urtheilsfähigkeit kann folgendes Beispiel einen Beweis geben. Bekanntlich ist das Bureau der Alliance Israelite Universelle in der Rue de Trevise, und Monsieur Tilloy theilt nun die Schauermär mit, daß die Alliance die Hotels dritten Ranges dieser Straße gemiethet habe, um hier die nach Paris kommenden angesehenen auswärtigen Juden unauffällig einzuquartieren, welche zu den geheimen Conferenzen der Allianz eingeladen werden. Naturgemäß überschätzt der Herr auch die Zahl der Juden ganz gewaltig, gibt er sie doch auf 18 Millionen an, während sie bekanntlich höchstens die Hälfte zählen. Wenn schon der Verfasser der preisgekrönten Schrift eine derartige Unwissenheit und Vorliebe nir Märchen zeigt, so kann man daraus schließen, wie es um die Verfasser der anderen 149 Schriften bestellt sein muß. Oran. Das Benehmen der Polizei bei den hiesigen Indenhetzen hat bekanntlich sehr viel zu wünschen übrig gelassen, und von verschiedenen Seiten sind die Behörden gedrängt worden, gegen die Polizisten, welche ihre Schuldigkeit nicht gethan haben, einznschreiten. Schließlich hat auch der Chef der Polizei die Entlafsung eines Agenten verfügt; aber, seltsam genug, diese Strafe hat gerade den einzigen jüdischen Angestellten der Oraner Polizei getroffen. Die Sache hat Aufsehen gemacht und am 3. Juli hat der Staatsanwalt Villeneuve vor dem Gerichtshof Gelegenheit genommen, fein Erstaunen über eine derartige Justiz auszndrücken und das Verfahren des Polizeichefs auf's Schärfste 51t verurtheilen. Freilich genießt unsere Stadt das traurige Vorrecht, daß an der Spitze der Sicherheitsbehörde der Vicepräsident der antisemitischen Liga, der berüchtigte Pephan, steht. Von diesem Manne kann ecne Ungerechtigkeit gegen seine jüdischen Untergebenen nicht sehr Wunder nehmen; dem muthigen Staatsanwalt gebührt der Dank, daß er das ungerechte Verfahren seines Vorgesetzten gebührend gekennzeichnet hat. llebrigeus dauern die Verurtheilungen wegen jener Exceffe immer noch fort; so wurden am 30. Juni wieder zwei Leute, der eine zu einem, der andere zn drei Monaten Gefängniß verurtheilt. Algier, Nach der letzten Zählung von 1896 hat Algier 53.116 Juden aus 4,364.126 Einwohner. Die jüdische Bevölkerung hat sich vergrößert von 32.774 im Jahre 1886 auf 47.459 im Jahre 1891 und jetzt abermals um circa 6000. Dieser Zuwachs beruht nicht auf der natürlichen Vermehrung, sondern ans der starken Einwanderung aus Marokko. Philadelphia. Eine rührende Scene spielte sich am 30. Juni auf dem hiesigen Bahnhof ab. 60 Personen. Männer, Frauen und Kinder, verließen unsere Stadt unter der Führung des Herrn Ephraim Deinard, um nach Salinas-Valley in Süd- Kalifornieu zu gehen, wo eine größere Ackerbancolonie von Juden angelegt werden soll. Die Gruppe besteht aus 5 Familien, 15 einzelne Personen und 10 Familienhäupter, welche ihre Angehörigen in Philadelphia zurückgelaffen haben. Der Abschied dieser Pionniere bot ein sehr rührendes Bild, denn eine große Anzahl von Verwandten und Freunden begleitete sie zur Bahn und während des kurzen Aufenthalts vor Abgang des Zuges benutzte Herr Deinard die Zeit zu einer kleinen Ansprache, in der er die Colonisten ermnthigte und die Zurückbleibenden zu trösten bemüht war. Sobald diese Pionniere einen Erfolg zn verzeichnen haben werden, soll ihnen eine größere Anzahl anderer jüdischer Familien folgen. Die ersten Kosten der Reise und der Ansiedlung werden von den Colonisten selbst getragen, die zu diesem Zweck ihre ganzen bescheidenen Besitzthümer zu Geld machen mußten. Tanger (Marokko), im Juni. In dem Mellah (Judenviertel) von Fez. wo anr vergangenen Sukkothfest bekanntlich ein furchtbarer Brand gewüthet, merkt man heute nichts mehr von den Verheerungen, die das Feuer daselbst angerichtet, denn die Schutthaufen wurden entfernt und nun werden neue Häuser dort erbaut. An wohlthätigeu Spenden sind damals, soviel man hört, etwa 30.000 Francs eingelaufen, die zumeist aus Europa kamen. Bon nun an wird man in Fez, ebenso auch in den anderen jüdischen Gemeinden Marokkos beim Aufbau der Snkkoth vorsichtiger sein, und dieselben nicht mehr enge aneinander errichten, sondern für genügenden Raum zwischen denselben sorgen. Freilich wäre es sehr gut, wenn das Judenviertel von Fez über eine ordentliche Feuerspritze mit den noch anderen uöthigeu Löschrequisiten dazu verfügen würde; aber hierzulande herrschen noch immer primitive Zustände, und bricht irgendwo ein Brand

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