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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1897-07-23 · 30 (23.7.1897) · page 9

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
14 (1897)
Issue
30 (23.7.1897)
Date
1897-07-23
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Vir. 30 Vr. Vwch's MochrnptzrM Seite 617 stattlichen Gebäude niedergelassen und sorgt freigebig für Unterricht, Kranken- und Armenpflege. Die Mildthätigkeit der Wiener Rothschilds preist die am Eingang in das von ihnen begründete Spital auf einer in Marmor angebrachten schwungvollen Inschrift. Selbstverständlich sind es bis jetzt nur wenige Aus erwählte, denen es gelungen, sich aus der Masse zum Wohlstand emporzuschwingen. Von einer politischen Emancipation bürgerlichsocialer Stellung des Judenthums in Smyrna kann keine Rede sein. Im Ghetto sieht es noch recht mittelalterlich aus. Die Zwangspflicht, darin zu wohnen, ist zwar aufgehoben, aber die Gewohnheit bleibt fortbestehen. So geht es auch mit der Kleidung. Die Männer, hager und von hoher Statur, tragen Fez, langen Kaftan, im Winter mit Pelz verbränrt, darunter ein blousenartiges Gewand, umgürtet mit breiter Schärpe, weitfaltige Culotte, weiße Strümpfe, offene Schuhe und verwenden viel Sorgfalt auf ihren Haar- und Bartwuchs. Die Frauen tragen kurze Röcke und seidene Pumphosen, die über den Knöchel geknüpft werden, die Verheirateten als Kopfschmuck eine mit Geschmeiden durchwirkte hohe Haube; bei den Unverheirateten hängt das Haar in Zöpfen herab, die Kleider in den buntesten Farben. Von kleinem Format und plastischem Ebenmaß sind die Füße; sie stecken in goldgestickten Pantoffeln und diese wieder in Holzgaloschen zum Schutze gegen den Straßenschmutz. Sie verstehen indeß damit ganz leicht und graziös über die Abgründe und Spitzen des holperigen Pflasters zu balanciren. Beim Ausgehen verschleiern sie sich öfters, doch mehr aus Scheu vor Insulten — religiöse Vorschrift ist es nicht. Die Gesichtszüge sind scharf geschnitten, aber frisch von Farbe und von lebhaftem Ausdruck. Während bei den Türken Alles verschlossen gehalten wird, stehen im Ghetto deu ganzen Tag über die Häuser weit offen, man blickt von der Straße bis in das Innere. Wenn man sie so zu ihren Festlichkeiten versammelt oder auch mit dem Wasserkrug am Brunnen stehen sieht, wird man unwillkürlich an die Esther und Rebekka der biblischen Erzählungen und Bilder erinnert. Eines Besuches werth ist der jüdische Friedhof, der, hoch und frei gelegen, ein wunderbares Panorama über Golf, Gebirge 'und Stadt entrollt, wogegen die türkischen in der Wildheit und Filisterniß ihres Eypreffenhaines verborgen sind. Sein Alter soll bis zur babylonischen Gefangenschaft reichen (?), von wo eine Gemeinde hierher versprengt wurde. Verwittert genug sind viele Grabmale, die in vollkommener Unordnung und von rohestem Aussehen dicht nebeneinander liegen und stehen, von Unkraut und Dornengestrüpp überwachsen. Da und dort erheben sich hohe Steinhaufen, ausgethürmt von frommen Händen als Zeichen, daß darunter ein glaubensstarker, zum Märtyrer gewordener Rabbiner ruht. Alljährlich am 33. Tage des Omer feiern die Juden in Smyrna ein Fest, das fast einen religiösen Charakter trägt, den Todestag des Rabbi Schim'on ben Jochai. Die Feier an sich hat nichts Eigenthümliches, aber einige Einzelheiten sind sehr merkwürdig. Die Straßen, welche sonst zur Abendstunde ziemlich ruhig sind, zeigen sich an diesem Tage sehr belebt. Einige Häuser sind mit Fahnen und Lampions verziert. Gegen 9 Uhr versammelt man sich in einem der zu dieser Festversammlung hergerichteten Häuser. Sobald die erste Tasse Kaffee aufgetragen ist, steht der Synagogendiener auf, geht rund um den Saal und fragt singend: „Wie viel wird geboten für den Trog von Rabbi Schim'on?" Sie werden nicht wissen, was dies für ein Trog ist, und warum er meistbietend versteigert wird? Mir ist Folgendes darüber mitgetheilt worden: Zwischen dem Grabe von Rabbi Schim'on und dem seines Sohnes Rabbi Eleazar befindet sich ein Trog, der eine ziemliche Quantität Oel aufzunehmen vermag, und der Meistbietende darf an jenem Wend im Scheinbilde dieser Riesenlampe die Fackel anstecken. Es scheint, daß nicht nur Dochte in diesem Troge gebrannt werden. Es besteht ein Aberglaube, wonach es Unglück bringend wäre, die ersten Haare eines Kindes in den Wind zu streuen. Man läßt sie unberührt wachsen bis zum 3. oder 4. Jahre. Um diese Zeit werden sie feierlich abgeschnitten und in irgend ein kostbares Stück Zeug gehüllt nach dem gelobten Land gesandt, damit sie in diesem Trog am Abend der „Hochzeit von Rabbi Schim'on" (so heißt das Fest) verbrannt werden. Es heißt, daß auch Schleier von Neuvermählten darin verbrannt werden, und sogar Theile von jenen kostbaren Männergurten, die im Orient so geschätzt werden. Natürlich sieht man in Smyrna nur ein Scheinbild dieses Troges. Eine der Freitags-Abendlampen muß ihn ersetzen. Nach dem Lesen mehrerer Abendgebete gibt es Confituren, Limonaden und allerhand Erfrischungen. Wenn die Leute bei Gelde sind, läßt man Musikanten kommen und bleibt bei Gesang und Tanz sehr lange beisammen. Und was geschieht mit dem Ertrag dieser Versteigerungen'? Derselbe wird zu allerhand Wohlthätigkeitszwecken verwendet; denn im Grunde ist jeder jüdische Smyrniote vom Herzen wohlthätig und gutmüthig, alle Vergnügungen bieten ihm eine Gelegenheit zur Wohlthätigkeit und vielleicht gehe ich nicht zu weit, wenn ich behaupte, daß das Vergnügen oft nur zum Vorwand dient und der wahre Zweck dieser Versammlung die Wohlthätigkeit ist. GZ. DiejüdislheNatwual-Nckerbaulchulr der Vereinigten Staaten. Im Unionsstaat P e n n s y l v a n i e u, nahe dem regen Städtchen D o y l e st o w u, etwa 25 Meilen von Philadelphia entfernt, ist am 23. Juni dieses Jahres die „Jüdische National- Ackerbauschule der Vereinigten Staaten" eröffnet worden, eine Institution, welche ihre Gründung der Initiative eines wackeren, warmherzigen Mannes, des Rabbiners Tr. Josef K r a u s k o p s von Philadelphia, verdankt und zu deren Förderern Männer aller in der großen Republik vertretenen religiösen Bekenntnisse gehören. Bon dem Princip ausgehend, daß man die Nachkommen jener unglücklichen Menschen, welche, ein Opfer barbarischer Zustände, ihrer russischen Heimat beraubt worden, zuerst detn Hausirersack entfremden müsse, um sie zri guten Bürgern der neuen Heimat zu erziehen, wandte sich Rabbiner Krauskopf vor etwa vier Jahren an das Volk der Vereinigten Staaten, zur Gründung einer Schule auffordernd, deren Aufgabe es sein soll, jüdische junge Männer zu tüchtigen, rationellen Landwirthen heranzubilden. Mit starkem Zweifel begegnete man zumeist dem Projecte. Mehr als einmal wurde in der amerikanischen Presse die Ansicht kundgegeben, daß es doch wohl kaum möglich sein werde, durch den Einfluß einer solchen Anstalt die Vorliebe der breiten Schichten des Judenthums für den Handel zu bannen. Aber Rabbi Krauskopf wußte diesen Zweifel an der Hand von Gründen, die sich auf Thatsachen stützten, zu zerstreuen. Er wies hin aus die in Odessa gegründete, segensreich wirkende Ackerbauschule, er zeigte, wie im Innern Rußlands 30.000 arme Juden eine öde, wasserarme Steppe durch ihrer Hände Arbeit in blühende Felder verwandelten, er berief sich schließlich auf den Erfolg jüdischer Kolonien in New-Jersey und Argentinien. In kurzer Zeit brachte der unermüdliche Mann 25.000 Dollars zusammen. Ueberdies gründete er eine S3ei:emiguiig, deren Mitglieder sich zum Zweck der Unterhaltung der erwähnten Anstalt zur Zahlung eines Jahresbeitrages von fünf bis zehn Dollars verpflichteten. Mehr als tausend Mitglieder waren schon nach Verlauf von zwei Jahren für die gute Sache gewonnen und so kann das gute Werk schon jetzt der Oeffentlichkeit übergeben werden. Die Anstalt, für .deren Leitung man einen praktischen Farmer gewonnen, und der schon einem ähnlichen Institut mit Erfolg vorgestanden hat, umfaßt eine aus etwa 60 Hektar bestehende, zum Theil schön bewaldete M u st e r f a r m. Auf ihr befindet sich das 120 Fuß lange, zweistöckige Hauptgebäude mit den Lehrsälen, Lesezimmern, einer trefflich ausgestatteten Bibliothek und den Wohnräumen für Lehrer und Schüler. Was nur zu einer amerikanischen Musterfarm gehört, ist hier zu finden. Die besten Ackerbaumaschinen. Geschenke der Fabrikanten dieser Artikel, stehen den Schülern zur Verfügung. Geräumige, gut ventilirte Stallungen, weite Getreideschuppen, Wasserpumpen erprobter Systeme, Gewächshäuser, eine Molkerei sind vorhanden. Die Studienzeit ist auf vier Jahre festgesetzt. Während der Sommermonate, vom 1. April bis zum 1. October, werden die Zöglinge praktisch unterrichtet. Unter Aufsicht des Superintendenten der Anstalt arbeiten sie in allen Zweigen der Landwirthschaft, jiedmeder auf der Farm zu leistende Dienst wird von ihnen verlangt. Die Winterzeit ist dem theoretischen Studium gewidmet; Chemie, Botanik und Geologie bilden dabei die Hauptfächer. Die Anstalt wird nach dem C 0 0 p e r a t i v-Syst ein geleitet. Sie gewährt dem Schüler nicht nur freien Unterhalt, kleidet und erzieht ihn kostenfrei, sondern der junge Mann erhält

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