Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 14 (1897)
- Issue
- 30 (23.7.1897)
- Date
- 1897-07-23
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Seite 616 Dr Vloltz's WortzrnfchrM Nr. 30 dieses Neulings in den Kreis der großen jüdischen Vereinigungen Oesterreich-Ungarns war. Als Präsident des erwähnten Rabbiner-Verbandes sehe ich mich veranlaßt, die Verantwortung für die oben erwähnten Auslassungen des Herrn Rabbiner W o l f f s o h n in Lomnitz abzulehnen. Ich habe dazu ein gutes Recht, weil ich diese Fassung der ersten Publication über die neue Vereinigung nicht gebilligt habe. Meine Intentionen — und die sind die der Mehrzahl der Vereinsmitglieder — waren anders als sie der erwähnte Artikel auszuführen für gut fand. Als im verwichenen Winter die Lehrer für mosaische Religion an österreichischen Gymnasien in Brünn zusammentraten, fand sich auch eine große Zahl mährisch-schlesischer Rabbiner ein. Den Aufruf zur Generalversammlung der Religionslehrer hatte ich mitunterzeichnet. Infolge dessen erging von vielen Seiten die Aufforderung an mich, diese Gelegenheit zur Gründung eines Mährisch-Schlesischen Rabbinerverbandes zu benützen. Ich that dies in der Weise, daß ich meine Amtsgenossen zu einer Besprechung zusammenrief, die sofort ein Comitä wählte. Ich setzte damals ausdrücklich auseinander, daß mich in allererster Linie rein geistige Motive leiten, wenn ich für die Gründung eines Verbandes eintrete. Das programmgemäße Znsammentreten, wenn auch vielfach verschiedener, doch im Ganzen ähnlich gesinnter Rabbiner, die alle die Pflege der jüdischen Wissenschaft und Literatur und der Religion zum Berufe und zur Pflicht haben, sagte ich mir, muß, wenn es ohne Prätention und in der bei gebildeten und und religiösen Männern selbstverständlichen, ernsten und bescheidenen Form geschieht, von Segen sein. Vor Allem handelte es sich mir und wohl den meisten oder allen Collegen um die Schaffung eines Vereinigungspunktes für religiöse und gelehrte Interessen. Die Beispiele solcher Bereinigungen liegen reichlich vor. Auch Rabbinervereine könnten als Muster angeführt werden. Materielle Interessen waren es nicht, welche uns zusammenführten. Das ist wohl nicht erst nöthig zu betonen; es muß aber doch hervorgehoben werden, nachdem in dieser Richtung leicht Mißverständnisse durch die Ausführungen des Herrn Wolfsf o h n hervorgerufen worden sein könnten. Die Zustände in den Gemeinden Mährens und Schlesiens sind, dank der Ehrenhaftigkeit ihrer Vorstände und Tüchtigkeit der Rabbiner, gute und im Vergleiche mit anderen Ländern beneidenswerthe. Die Seelsorger leben mit ihren Gemeinden im Frieden und Eintracht und sind bestrebt, neben ihrer Gottesgelahrtheit die Erziehung der jüdischen Jugend auf das Beste zu leiten. Und — auch dies muß gesagt werden, so sehr es mir widerstrebt — auch die materiellen Verhältnisse der nieisten Rabbiner sind befriedigende, wenn der nöthige Grad von Idealität auf beiden Seiten — bei der Gemeinde und beim Rabbiner — vorhanden ist. Unter solchen Umständen darf man also nicht von den nothleidenden Rabbinern und Rabbinerswitwen reden. Das sind allerdings beklagenswerthe Ansnahmen, die selten genug fein werden. Andererseits aber wäre es ungerecht, wenn man es den Rabbinern verübeln wollte, daß sie sich vereinigen wollen. Es ist vollkommen ungerechtfertigt, in dieser Vereinigung eine Spitze gegen die Cultusvo.rstände zu sehen. Im Gegentheil; wir haben ja die Cultusvorsteher zur Generalversammlung geladen, damit sie sehen, daß dort in Brünn keine „Kaplanokratie" geplant wird, sondern daß man da ganz unschuldige Dinge verhandelt. Daß man Mißstände in Gemeinden nebenher auch besprach, welcher ehrliche Mann wird das für ungut finden? Kurz, der der Rabbinerverband hat den Zweck, ein geistiges Band um die Rabbiner Mährens und Schlesiens zu schlingen und sie einander näher zu bringen, damit sie gegenseitig einander fördern und stützen. Wenn es uns gelingt, werden wir uns einen Fond gründen, der den Witwen und Waisen mährischer Rabbiner zugute kommen soll, damit die Gemeinden, welche ja ohnedies in solch' traurigen Fällen und Lagen stets hilfsbereit sind, eine Mithilfe haben. Und sie werden auch dies nicht dahin mißdeuten, als wollten wir ihnen sagen: Ihr thut nichts für uns. Weit entfernt davon, soll der Verband ein Sammelpunkt um das Wohl der Gemeinden ernstlich besorgter Rabbiner werden, in deren Kreise sich die Cultusvorsteher ebenso heimisch fühlen sollen, wie Jene. HÄung des religiösen und wissenschaftlichen Lebens ist das Hauptziel der Bereinigung und bei der nöthigen Würde und dem vorhandenen Eifer und Ernste wird es auch erreicht werden. Dann werden auch die bis jetzt leider und unbegreiflicherweise nicht angemeldeten Collegen es wohl als Ehrensache betrachteu, dem Verbände beizutreten, denn anders wäre es unkollegiale Fahnenflucht. Dann wird auch der Herr Landesrabbiner sich endlich entschließen, sein ablehnendes Verhalten zu ändern, zumal er einsehen wird, daß wir nur Gutes, Edles und Jüdisches beabsichtigen. Rabbiner Dr. Feuchtwan g, Vorsitzender des Verbandes der Rabbiner Mährens und Schlesiens. Erklärung des Kaddifchgebets. Wir theilen aus der erhebenden Betrachtung, die der greise Rabbiner L i e b m a n Adler bei der im Sinai-Tempel zu Chicago abgehaltenen Gedächtnißfeier zu Ehren des seligen Rabbiner Dr. Hirsch zum Schluß gehalten, die sinnige Deutung des Kaddifchgebets hier mit. „?ch nenne das Kaddisch die Blume der Synagogenandacht : 1. Wegen seiner mustergiltigen Kürze. 2. Wegen seiner Reinheit von jedem Egoismus, indem darin kein Lamentiren ist um Brod, Kleid, Gesundheit, Leben, noch weniger von Ehre und Reichthum. 3. Um was im Kaddisch gebeten wird, ist das Gebet aller guten Menschen: Jissgadal u. s. w. Möchte Gottes Größe und Heiligkeit immer mehr wachsen in der Erkenntniß der Menschheit und immer weitere Kreise gewinnen. — Wejamlich malchussei. Uebersetzen wir es mit dem bekannten: „Zukomme uns Dein Reich." Gottesreich heißt nichts Anderes, als das Reich der Tugend, der Weisheit, der Wahrheit, der Gerechtigkeit, der Nächstenliebe. — Bechajeichaun so lange die Tage und das Leben noch euer sind, fördert das Reich Gottes, und was dem Einzelnen zu schwer ist zu fördern, das werde von Gemeinden und Vereinen, vom ganzen Hause Israel vollbracht. (Uwechaje d’chol Bess Jissroel.) Endlich bietet das Kaddisch ein durchgreifendes Trostwort für alles unverschuldete Leiden: nmina k-ü «t&jö Die Welt und ihre Ordnung hat Gott nach Seinem Willen geschaffen, nicht nach unserm. Und so leben und sterben wir, wird uns das Dasein schwer und leicht, zum Genuß oder Verdruß, stets nach Seinem weisen Rathschluß." Weihen wir, schloß der Redner, diese Blume der Andacht dem Andenken des Mannes, dessen ganzes Leben ein Kaddisch war, ein ernstes, opferreiches Streben, das Reich Gottes nach seiner Auffassung zu verbreiten mit Mund, Feder und Beispiel. Der Israelit hat für seine bedeutenden Lehrer die Bezeichnung „Vater". Als Gelehrter, als edler Mensch, als ein ganzer Mann, als seiner Ueberzeugung treuer Israelit darf er auch Solchen als Beispiel vorleuchten, die älter sind, als er war, die ihn, wenn auch ihre jüdisch-religiösen Wege nicht seine Wege waren, als Lehrer ehren und Vater nennen. Umsomehr aber diese Gemeinde, in welcher der Geist des Vaters in seinem Sohne als Lehrer fortwirkt und zu der väterlichen reichen Geisteserbschaft noch reiche Schätze zufügt, einer lernfreudigen, dankbaren Gemeinde zur Belehrung und Erbauung. Und so mögen wir Alle wie trauernde Kmder um den Heimgegangenen Vater in das Kaddischgebet einstimmen. Das Ghetto von Smyrna. Von den steilen Höhen des Türkenviertels steigt man auf wahren Kletterpfaden und auf einem aller Beschreibung spottenden Pflaster, wo Gebirgsschuhe gute Dienste leisten würden, hinab zum Ghetto von S m y r n a, dessen Bewohnerzahl auf 20.000 Seelen geschätzt wird. Dieselben sind zumeist spanischer Herkunft und sprechen die Sprache in einem mit Italienisch vermischten Patois. Ihre politische, noch mehr aber ihre materielle Lage hat sich in dem letzten Jahrzehnt wesentlich gebessert. Früher nur Kleinhandel und das sogenannte „Serafs" iGeldwechseln) betreibend, haben sie sich jetzt auch auf's Engros-Geschäft verlegt und arbeiten selbst in der Export-Branche und, wie allerwärts, mit Erfolg. Den Bazar kennen sie wie ihre Tasche und wissen in seinen labyrinthischen Gängen und Winkeln jede Waare aufzutreiben und an den Mann zu bringen. Als Rajahs der Pforte unterthänig. haben sie mit ihren christlichen Mitbürgern derselben Kategorie gleiche Rechte und Pflichten, und sie werden nicht mehr, wie es früher allerdings geschah, als Parias behandelt. Von der Regierung werden sie energisch geschützt. Auch will man bemerken, daß an der Börse von Galata ihr Einfluß und Gewicht dem seither exclusiven Privilegium der Armenier für Anlehensoperationen empfindliche Concurrenz zu bereiten anfange. Die Alliance israelite“ hat sich dort in einem