Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 14 (1897)
- Issue
- 30 (23.7.1897)
- Date
- 1897-07-23
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Sette 614 Nr. 30 Vr. Vwch's WochrnptzrM Stäupung von achtunddreißig jüdischen Rathsherren, dienten nur dazu, es in den Augen der judenfeindlichen Menge zu sanctioniren. Wie dieser Mann, der noch von Tiberins' Zeiten her den Ruf eines verdienstlichen Beamten genoß, dazu kommen mochte, soweit über die Grenzen der Convennienz hinauszugehen, das kann man nur muthmaßen. Caligula war ihm einst hold: vielleicht konnte er die kaiserliche Gnade wieder finden, wenn er gegen die renitenten jüdischen Verweigerer des Kaisergotteultus mit blutiger Strenge einschritt. Eine Vorstellung an den Kaiser, die durch seine Hände gehen mußte, unterschlug er, konnte aber weder dadurch, noch durch Entsendung einer dreigliedrigen Deputation alexandrinischer Antisemiten an das kaiserliche Hoflager verhindern, daß auch die Judenschaft der Stadt ein Gleiches that, indem sie ihren hochangesehenen Mitbürger Philo mit zwei Genossen damit betraute, ihre Sache vor dem Cäsar zu führen. In zwei Schriftchen hat der große Schriftgelehrte, den auch die christliche Kirche unter ihre Väter zählt, über die Umtriebe, denen schließlich Flaccus zum Opfer fiel, und über die Audienz, die er selbst vor Caligula führte, Bericht erstattet. In dem Pamphlet „Gegen Flaccus" lernen wir die Cumpane kennen und würdigen, deren Ohrenbläsereien den unglücklichen Statthalter immer tiefer auf der schiefen Ebene einer kurzsichtigen Parteipolitik bringen; und wer ist das Haupt dieser gewissenlosen Clique factiöser Demagogen, wer das Prototyp des agitatorischen Ränkeschmieds, der ganz im Geiste des „Pack schlägt sich, Pack verträgt sich", den obersten Beamten der Provinz in seiner Gewalt hat, heute sein Helfershelfer gegen die Juden, morgen sein Verräther vor dem Kaiser: kein anderer als Jsidoros, der „Unruhestifter, der Rabulist, der Wühler, der Pöbelheld, der im politischen Chaos sich wohl fühlt, ein Hasser des Friedens und der Ruhe, ein Meister der Kunst, Rummel und Krawall aus dem Nichts zu schaffen und aus dem kleinen einen großen Lärm zu machen." In den Clubs führt er das große Wort, sein Wink ruft die Getreuen zusammen, was er anordnet, geschieht. Und so ist er denn auch gegenwärtig, als die Doppelgesandtschaft den Kaiser in den Gärten des Mäcenas aufsucht, wo er eben den Baumeistern Ordres ertheilt. Die jüdische Deputation, erzählt Philo, neigte sich in tiefer Beklommenheit zur Erde. Caligula aber rief in höhnischem Ton: „Ihr also seid die gottverlassenen Leute, die mir, dem überall als Gott Verehrten, die Göttlichkeit absprechen wollen?" Die Gegenpartei frohlockt und Jsidoros nützt den Moment aus: „Dein Haß, o Herr, gegen diese Leute und ihre Auftraggeber wird noch wachsen, wenn Du erfährst, wie arg sie es mit Dir meinen. Alle Welt bringt Opfer für Dein Heil dar, nur diese da haben sich unterfangen, dies nicht zu thun. Und wenn ich sage „diese da", so verstehe ich darunter die Juden insgesammt." Die Inden betheueru, das sei Verleumdung, dreimal hätten sie bei bestimmten Anlässen Hekatomben für ihn geopfert. „Mag sein, ihr habt geopfert, aber einem andern für mich, nicht mir." Während er so spricht, ninimt er die Baulichkeiten in Augenschein, besichtigt die Männer- und Frauengemächer, die Erdgeschosse und die Oberstöcke, bemängelt bald dies, bald das, und die beiden Abordnungen imnier hinterdrein, treppauf, treppab, Pis endlich der Kaiser, zum großen Gaudium der Uebrigen die wichtige Frage aufwirft, warum sie kein Schweinefleisch essen. „Wir erwiderten: „Die Gebräuche sind eben verschieden, auch den Egyptern ist es verboten", und einer meinte, viele genießen ja auch kein Hammelfleisch. Da lachte der Kaiser: „Sie haben Recht, es schmeckt nicht gut." Hierauf eine lange Verlegenheitspause, dann in spöttischem Ton die Frage nach ihrer Staatsverfassung; aber ohne die eingehendere Beantwortung abzuwarten, rennt er von einem Haus ins andere, ordnet hier Glasfenster, dort Bilderschmuck an, merkt endlich, daß die Armen schon ganz erschöpft sind, und meint mitleidig: „Menschen, die mich nicht für einen Gott halten, verdienen eher bedauert als bestraft zu werden." Die Gesandtschaft ist entlassen, die Hoffnungen auf Widerruf der Volks- und tempelfeindlichen Maßnahmen zerrinnen bald in nichts. Und Lampon? Nennt ihn auch Philo ebensowenig als Theilnehmer der gegnerischen Deputation als er ihres Hauptes, des berüchtigten Grammatikers und Charlatans Apion, gedenkt, so widmet er doch dem Jnseparable des Jsidoros eine Charakteristik, der zufolge dies Individuum, seines Zeichens Conceptbeamter am Tribunal in Alexandria, alle Ursache hatte, das Licht zu scheuen. Wenn wir Philo glauben dürfen, verstand sich der Mann in Ausübung seines Amtes ganz trefflich auf das corriger la fortune auf Kosten der Parteien: Fälschungen der Acten durch Zusätze und Unterlassungen trugen neben ihm den Spitznamen des „Federhenkers" auch rundliche Sporteln ein. Aber dürfen wir Philo glauben? Bor nicht langer Zeit erst ist die Zuverlässigkeit dieses Zeugen, dessen Geschichtsdarstellung überall darauf berechnet ist, erbauliche oder psychologischinteressante Schilderungen zu geben," von sachkundiger Seite angezweifelt worden.*) Das Protokoll Berlin-Gizeh ist eher dazu angethan, das Vertrauen zu den Berichten des gelehrten Alexandriners zu festigen. Wir konnten ihm entnehmen, daß die beiden nun sattsam gewürdigten Spießgesellen unter dem neuen Regime noch oder abermals in Rom sind, um ihrenr Delatorenberuf mit der Anklage wider Agrippa die Krone aufzusetzen. Welcher Art diese Anklage gewesen sein mag, davon kann die Rolle, die wir Jsidoros und Consorten am Nil und am Tiber spielen gesehen haben, eine ungefähre Vorstellung bieten. Nunmehr, da der Richter für ihren Gegner Partei nimmt, dürfte sie beide die Nemesis ereilt haben.**) Wien. S. M e k l e r. Vom Jahrmarkt des Lebens. Zur Tragik ded Renegatenthums. Auch die letzte Wohlthat ist dem armen Dr. Max Anton L ö w versagt — es ist ihm nicht beschieden, sang- und klanglos in beit Orcus der allgemeinen Verachtung hinabzusinken. Das Schlimmste, was ihm passiren konnte, ist wirklich geschehen, es hat sich unter den „christlichen" Antisemiten ein Bertheidiger gefunden, welcher den Widerspruch der Racenantisemiten herausfordert, und so genießt die arische Welt das Gaudium eines lustigen Parteikrieges, dessen Kosten — man verzeihe uns das deplacirte Wort — die „moralische Persönlichkeit" des Dr. Max Anton L ö w bezahlen muß. Im „Vaterland" hat der „Metallarbeiter und Reichsrathsabgeordnete" Adolf Wedral eine Lanze für das ehrliche Christenthum dieses schlecht getauften Inden eingelegt und von ihm behauptet, daß er die Tripel- Allianz (Herr Wedral schreibt „Trippel") Gregorig- S ch n e i d e r - V e r g a n i thurmhoch überrage. Er läßt es freilich unausgesprochen, in welchen Charaktereigenschaften dieses Uebergewicht zum Ausdruck gelangt. Was uns betrifft, so geben wir ohneweiters zu, daß an die Gemeinheit der Gesinnung Dr. Max Anton Löw's Niemand hinanreicht, und das will in Anbetracht des Bergleichsobjectes gewiß viel sagen. Gegen diese Anpreisung der „Ehrlichkeit. Fähigkeit und der Verdienste Dr. Löw's" meldet sich nun abermals Ernst Schneider im „Deutschen Volksblatt" zum Worte. Er schlägt den Bertheidiger und den Clienten, zugleich. Er nennt Diejenigen, die gegenüber dem getauften Inden von Bildung predigen, „erbärmliche, von Inden bestochene Schufte", Betrüger, die bewußt die Geschäfte der Inden besorgen. Er sagt es auch gleich Herrn Wedral direct auf den Kopf zu, daß er sich „vom Juden Löw Geld geben ließ". Nebenbei fällt auch ein Seitenhieb auf die „Freimaurer" des „Vaterland". Gegenüber den „Verdiensten" des Inden Löw rühmt aber Herr Schneider seine eigenen, und man erfährt da recht interessante Dinge. „Wo war denn dieser junge Herr Wedral", schreibt Meister Stampiglius, „als ich vor etwa 20 Jahren schon in Paris eine antisemitische Organisation eingeleitet habe? Wo war denn dieser Herr Wedral, als ich im Jahre 1881 in Triest, Venedig, Rom, Bologna, Florenz, Pisa, *) O. Öoltzmann in Oncken's Allgem. Geschichte I 6, Bd. 2, S. 520. **) Ein Pendant zu dem Protokoll der Verhandlung vor Claudius bildet ein Papyrus des Louvre, den gleichfalls Wilcken und Reinach interpretirt. (Ein Actenstiick zum jüdischen Kriege Trajans, Hermes XXVII. 461 ff.; vgl. XXX, 481 ff., Revue cke« stucke« juives. XXVII, 70 ff.) und mit Londoner Fragmenten, die bereits seit 1839 bekannt waren, combinirt haben. Auch hier hält ein Kaiser — wie Reinach will, nicht Trajan, sondern ein Mitglied der Antouinenfamilie — Gericht wegen mehrfacher Brutalitäten, über welche Deputirte der Alexandrinischen Judenschaft Klage zu führen. Auch hier können die Juden nicht umhin, ihre Widersacher der Lüge zu zeihen. Auch hier spielt ein „Faschingskönig" wie der genannte eine Rolle. Wie man sieht, wiederholen sich gewisse stereotype Züge in diesem Bilde. Bemerkenswerth ist, daß der Kaiser einmal den Ausschreitungen der Menge Verzeihung zu schenken erklärt, aber strenge Amtshandlung gegen die Führer der Unruhen fordert. Im Uebrigen gestattet der Zustand dieser Fragmente kaum in einem der wesentlichen Untersuchungspunkte ein abschließendes Urtheil.