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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1897-07-23 · 30 (23.7.1897) · page 4

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
14 (1897)
Issue
30 (23.7.1897)
Date
1897-07-23
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 612 Vr. Vkntz's Wochrnzchrist. Nr. 30 Ein sonderbarer Streiter für Zion. Es ist kaum glaublich, in welche Gluth sich die Streiter für und gegen den Zionismus hineingeredet haben. Wer nicht sonst wüßte, wie die Sache steht, müßte aus den Artikeln der Z'onisten den Eindruck gewinnen, die Großmächte und die Türkei haben in einer officiellen Erklärung Palästina den Juden angeboten, aber nun kommt der „niederträchtige" Maybaum (so titulirt ihn der Philosoph und Rabbiner Rülf wegen seiner Stellung zum Zionismus) und setzt alle Kräfte in Bewegung, daß wir es ablehnen. Rülf redet in einem in der „Welt" veröffentlichten Artikel reclamenhast von seinen „fünf wackern Söhnen" wie denn überhaupt Reclame seine starke Seite ist; so hat er jüngst in einem dem seligen Dr. Bamberger gewidmeten Artikel es fertig bekommen, sich herauszustreichen und Bamberger herabzusetzen; hat schon irgend ein Botschafter diese fünf wackern Söhne Revue passiren lassen, um aus ihnen den künftigen König von Jerusalem zu wählen? Das ist doch das erste Argument, das wir zu berücksichtigen bitten, daß wir nämlich vorläufig um des Kaisers Bart streiten, daß Palästina weder herrenloses Land, noch etwa uns zum Kaufe angeboten wird. Dr. Maybaum wird sich zureden lassen, wenn nur erst das Anerbieten da wäre. Es gibt doch noch verständige Männer unter den Zionisten; diese sollten doch nur auf das Erreichbare lossteuern und sich die Frage vorlegen, ob, nachdem nun einmal die Weltgeschichte und die Entwicklung der Religion diesen Verlauf genommen hat, die Christenheit einen jüdisch-nationalen Staat in Palästina sich gefallen lasten wird, ob die türkische Diplomatie beit fanatischen Mohammedanern dieser Länder diese Erhöhung Judas bieten darf. Wer gegen den Zionistencongreß ist, der will nur edlen, wohlwollenden Männern, die durch die Sorge um die Brüder zu phantastischen Plänen verlockt werden, einen Mißerfolg ersparen, durch den sie lächerlich werden könnten. Der Zionistencongreß ist keine Gefahr für die Judenheit, sondern nur für die, welche ihn zusammenberufen und die den böswilligen Zuschauern im Herbste einen sehr deplacirten unfreiwilligen Carnevalsscherz gewähren würden. Was sollte uns der Congreß schaden? Daß gegenüber der großen Judennoth einige Feuerköpfe auf einen Plan kommen, der sich nicht verwirklichen läßt, kann uns nur bei denen schaden, bei welchem wir ohnedies nichts zu verlieren haben. Die Antisemiten haben ja schon Judencongresse erfunden mit den tollsten Beschlüssen, um die Gemüther gegen uns aufzuregen; so würden sie zweifellos die Zusammenkunft Herzl's und feiner Getreuen mißbrauchen; aber die Besonnenen werden nicht die Gesammtjudenheit für die Reden dieser Hitzköpfe verantwortlich machen, die uns noch immer ungleich lieber sind als die satten Mammonisten, die von der Roth der Genossen in ihrem Behagen nicht gestört werden. Niemand dachte im Ernste daran, daß die Zionisten sich in München versammeln wollen, weil sie an die dortige jüdische Gemeinde sich lehnen können; München hat im Sommer einen großen Fremdenverkehr; die Hotels sind überfüllt; Jeder, der nach den Bergen wandert, von ihnen heimkehrt, macht Rast in München, das durch die Gunst der bayerischen Könige zu einer Kunststadt ersten Ranges emporgeblüht ist; dieser Umstand ließ den Ort Gunst finden in den Augen Herzl's, daß er dorthin seine Getreuen berief. Es war absolut unnöthig, daß darob Vorstand und Rabbiner Münchens sich ereiferten. Wozu — so ftagen wir Herrn Rülf — diese giftigen Worte, wenn auf beiden Seiten der redlichste Wille waltet und nur Jrrthümer aber keine bösen Absichten bekämpft werden. Will Maybaum die armen Juden dem Hunger preisgeben? Hat er etwas gegen die Colonisation? Aber Herr Rülf ist von jeher auf das Tam-tamschlagen eingerichtet, Andere glauben, daß große Worte noch keine großen Thaten sind, daß gerade durch ruhiges stilles Schaffen die Colonisation in Palästina am sichersten gefördert wird und fürchten, daß durch die laute Agitation auch das Bestehende gefährdet wird. Ueberdies Rülf glaubt, daß Zionismus und deutsche Vaterlandsliebe sich gut vertragen und plaudert aus, daß nur „der Gott, der sein Inneres kennt, weiß, daß er Gut und Blut für das Vaterland hingeben würde." Rülf stammt aus Hessen, wo im Jahre 1848, als Rülf noch ein Knabe war, ein Schusterjunge das Programm entwickelte, er sei für die Republik und den Großherzog. So vereinigt Rülf Zionismus und Deutschland und wird, da er ein Philosoph ist, schon seine These beweisen. Für uns schlichte Sterbliche ist jedes patriotische Prahlen widerlich. Der Staat verlangt von jedem Bürger Steuer an Gut und Blut, er fragt uns gar nicht, ob wir wollen, und Herr Rülf und seine „fünf wackeren Söhne" müßten diese Steuer leisten, auch wenn sie weniger, patriotisch empfänden. So sollte von Rechtswegen diese politische Inquisition, ob Einer vaterländische Gefühle hat oder nicht, unterbleiben; wenn wir unsere Schuldigkeit thun, so soll der Staat die seine thun. Seine Pflicht gegen den Staat erfüllen wird Herr Rülf, er und seine fünf wackeren Söhne, und das ist genug; aber deutsch-patriotisches Fühlen, wie wir es durch Predigt und Unterricht pflegen sollen, galt von jeher als mit dem Zionismus nicht vereinbar; Herr Rülf macht nur Kunststücke, wenn er die Liebe zu Zion, die wir Alle im Herzen hegen, mit dem Zionismus als einem politischen Princip verwechselt. Was sollen wir gar zu dem Tone sagen, den Rülf gegen seine Collegen anschlägt; wenn wir gerade heraus reden sollen, wir haben nur den Neid herausgehört auf die Männer, die ein besser dotirtes Amt bekleiden als der gescheidte Rülf. Was soll die Redensart, daß die Herren ein dem Ministergehalt gleiches Einkommen haben; sie nehmen doch Herrn Rülf nichts weg. Wie kann Herr Rülf verlangen, daß man Respect vor ihm und seinem Amte hat, wenn er den Mann, der an der Spitze des deutschen Rabbinerverbandes steht, mit Schmutz bewirft. Jedermann muß sich Kritik gefallen lassen; auch wir hätten die Erklärung Maybaum's und Bogelstein's anders, weniger burschikos gewünscht; aber ist es nicht fast Wahnsinn, wenn ein Rabbiner, ein Greis, schreibt: „Die Rabbiner sind unser Unglück, jene leitenden Jrreleiter, die Antisemitismus treiben, schlimmer als der schlimmste Antisemit". Er wirft ihnen geradezu „Niedertracht" vor und bezeichnet das noch in der Manier der Leute, die gerne den Mund voll nehmen, als den gelindesten Ausdruck. Wie kann, um eine Kleinigkeit herauszugreifen, Rülf mit solchen Gesinnungen Gastfreundschaft von Vogelstein und Maybaum annehmen. Wie sehr sticht doch die Kritik Herzl's und Nordau's, die ihrem Gegner wahrlich nichts schenken, gegen dies öde Schimpfen ab. Dabei versteht der Philosoph Rülf die einfachsten Begriffe nicht. Wir sind vor Allem Juden, weil wir an den einen Gott glauben, weil uns die Moral des Judenthums wunderbar in die Seele greift, weil wir die Hoffnungen der Propheten theilen, weil wir in der Satzung Israels die Spuren göttlicher Weisheit sehen, und wir sind Deutsche, weil wir deutsch reden, weil wir auf deutschem Boden geboren, in deutscher Bildung erzogen sind; was geht es uns an, daß manche hochnäsige und niedrig gesinnte Leute dies nicht gelten lassen. Es steht doch gar nicht fest, daß Rülf trotz seines nationaljüdischen Fanatismus von den Juden abstammt, die in Palästina einst einen Staat gebildet haben; ein so vorsichtiger Forscher wie Mommsen, betrachtet als ein Problem, daß viele jüdische Gemeinden weithin im dänischen Reiche geblüht haben zur Zeit, als der jüdische Staat noch bestand, und löst dies Problem durch die Annahme, daß sehr viele Heiden, angezogen durch die Hoheit der jüdischen Glaubenslehre, einzig auf Grund dieser Lehre sich dem Judenthum angeschlossen haben. Also nach Mommsen war es kein nationales, sondern ein religiöses Princip, dem die meisten jüdischen Gemeinden der Diaspora ihren Ursprung verdanken, und bis auf Weiteres müßten wir annehmen, daß Rülf selbst, der Zionist, von einem blonden Germanen abstammt, der nur die Religion Judas geliebt hat und deswegen sich einer jüdischen Gemeinde angeschlossen hat. Der Gegensatz zwischen denen, die das nationale Moment ausschließlich betont haben, und denen, die vorwiegend religiös gesinnt gewesen, ist in Israel uralt. Jeremias der Prophet rieth, mit Nebukadnezar sich zu vertragen, und erfuhr von den enragirten Nationalisten der damaligen Zeit noch größer« Unglimpf als die deutschen Rabbiner von Herrn Rülf. Rabbi Johanan b. Sakai war auch so ein schlechter Mensch, dem es ausschließlich auf die Erhaltung der Religion Israels ankam, der er eine propagandistische Kraft zuschrieb, die Welt zu gewinnen, und es wäre ihm böse ergangen, wenn er in die Hand der Zeloten gefallen wäre. Herr Rülf kann seine Pfeile oder vielmehr seine Keule auch gegen diese jedenfalls, nicht verächtlichen Charaktere der jüdischen Geschichte richten nicht nur gegen die Rabbiner, die „leitenden Jrreleiter" der Gegenwart. Herr Rülf zählt sich, wie es scheint, nicht zu den Rabbinern; denn er ist es nur im Nebenberuf; in seinem Hauptberuf als Redacteur eines in jener halbrussischen Gegend erscheinenden Tageblattes hat er sich jene kräftige Polemik, jene Wutkibegeisterung angewöhnt, die mehr russisch als deutsch ist. Warum will sich Rülf zum Harlekin der Zionisten ausbilden? Dr. Rippner (Glogau).

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