Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 14 (1897)
- Issue
- 30 (23.7.1897)
- Date
- 1897-07-23
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3020846-3021169-3021199--06948-3031253- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- İzmir 1× ep/1047963
OCR text
:Wv. 30 Vr. Vwch's Machrnschrifr. Hunde und irrten arm und elend herum, überall von jenem nackten, erbärmlichen Egoismus zurückgewiesen, der da fürchtet, sein Stückchen Brod mit einem Nebenmenschen theilen zu müssen. Mohammed und dessen Nachfolger öffneten nicht nur die Türkei den armen verfolgten und verzweifelten Juden aus Spanien gastfreundlich das weite Reich, sondern forderten sie geradezu zur Einwanderung auf. Mohammed berief den Großrabbiner von Constantinopel, Moses K a p s a l i, in den Divan und gab ihm sogar den SSortritt vor dem griechischen Patriarchen Gennadios und ernannte seinen Leibarzt den Juden H e k i m Jakob zum Finanzverwalter. Bajesid II.. der edle Nachfolger Mohammed's, gab strengen Befehl, keinen flüchtigen Israeliten von der türkischen Grenze abzuweisen, sondern gastfreundlich aufzunehmen, und bedrohte Jeden, der die Flüchtigen schädigen sollte, mit schweren Strafen. Und so kamen sie denn nach dem Osmanenreiche, die culturell so hochentwickelten spanischen Juden und siedelten sich in Constantinopel und Salonich, in Brussa, Amasia, Tokat, Smyrna und anderen Ortschaften an. Wohl waren sie aller Mittel entblößt, aber die in der Türkei von früher her angesiedelten Glaubensgenossen verschafften ihnen mit der hilfreichen Unterstützung der Regierung bald die nothwendige Existenz. In kurzer Zeit gelangten die Spaniolen zu Reichthum und Ansehen und verliehen vermöge ihrer höheren Cultur den eingeborenen Juden ihren Charakter, so daß es nach einem Menschenalter bereits in der Türkei n u r spaniolische Juden gab, in die alle anderen aufgegangen waren. Während die osmanischen Gastherren null wie früher den rauhen Geschäften des Krieges nachgingen, besorgten die Juden stillemsig die bürgerliche Thätigkeit und Beide befanden sich dabei wohl. Es begann eine B l ü t h e z e i t für die Juden, die in Constantinopel allein 44 Synagogen zählten. Konnte ein Geschichtsschreiber mit Recht von der Hauptstadt des byzantinischen Kaiserreiches sagen: „Von Constantinopel ging sowie die Knechtung der Geister, so auch die Entwürdigung der Juden aus. Die Gleichberechtigung mit den übrigen Staatsbürgern, die sie bis dahin im römischen Reiche vollgiltig genossen, haben ihnen die christlichen Sultane des byzantinischen Reiches genommen", so hatte Samuel Us que Recht, wenn er sagte: „Die große Türkei, ein weites und ausgedehntes Meer, welches unser Herr mit dem Stabe der Barmherzigkeit öffnete, damit die Hochfluth Deines gegenwärtigen Mißgeschickes sich darin verliere und untergehe". Bezeichnend übrigens für den damaligen glücklichen Zustand der Juden in der Türkei, wobei allerdings nicht geleugnet werden soll, daß einzelne Janitscharenaufstände schließlich in Verfolgungen auch der Juden endeten, ist ein Sendschreiben, das Jelinek in der Nationalbibliothek in Paris aufgefunden hat und ein gewisser Jsak Zarfotti um 1480 an die Juden in Schwaben, Rheinlanden, Steiermark, Mähren und Ungarn richtet und worin es heißt, daß zwei Juden, die vor dem Elend und den Verfolgungen in Deutschland sich geflüchtet und den glückseligen Zustand ihrer Glaubensgenossen in der Türkei gesehen, ihn aufgefordert hätten, in einem Sendschreiben alle Juden zur Auswanderung nach der Türkei zu ermuthigen. So standen also im Anfänge der türkischen Herrschaft die Verhältnisse. Osmanische Herren, jüdische Bürger und daneben nur tolerirt die christlichen Eingeborenen. Doch änderte sich diese Sachlage bald zu Ungunsten der Juden und nicht zuletzt der Türkei selbst. Bald hatten sich die Griechen und Armenier aus ihrer todesähnlichen Erstarrung erholt und trachteten so viel als möglich ihre frühere, wenn schon nicht politische, so doch sociale Stellung wieder zu gewinnen. Sie lernten die türkische Sprache, nahmen die Sitten und Gebräuche der Eroberer an, führten die türkische Sprache selbst in ihren Gottesdienst ein und schmiegten sich, wenn sie auch im Herzen Feinde der Türkei blieben, dem türkischen Bolkscharakter vollständig an, während der Jude trotz seiner treuen Dankbarkeit und dankbaren Treue seine nationale Eigenart wahrte. Und so geschah es, daß nach und nach der Türke die Griechen und Armenier vorzog und der Jude, obschon ihn der Türke weder bedrückte noch von dem Wettbewerbe ausschloß, zurückgedrängt wurde. Wenn irgendwo, so beweist die türkische Geschichte die volle Haltlosigkeit der modernen antisemitischen Dogmen. Sette 611 Zu dieser gehört ja in erster Reihe, daß die Jude n, die angeblich alle Semiten sein sollen, Schädlinge sind, die den arischen Garten überwuchern und ausgerottet werden müßten, weil sie das Wachsthum der arischen Blüthen erstickten, durch ihre Gewissenlosigkeit, Schlauheit und Raffinirtheit die Arier, unter denen sie leben, umschließen, ausbeuten, am Wachsthume hindern. Nun Spanien zeigt ja deutlich, wohin ein Land kommt, das seine jüdischen Bürger mit Verletzung jedes menschlichen und göttlichen Rechtes vertreibt; der Orient aber beweist uns. daß die Theorie von den semitischen Schädlingen den Ariern gegenüber ganz unhaltbar ist, denn Armenier und Griechen sind Arier, aber wo Armenier und Griechen leben, kann der Jude nicht aufkommen, und selbst in Constantinopel, wo e r das Wohlwollen der Herrscher in reichstem Maße besaß und erstere unter dem berechtigten Mißtrauen und der offenen Feindschaft der herrschenden Nation zu leiden hatten, mußte der Jude Schritt um Schritt zurückweichen, da der arische Grieche und Armenier dem semitischen Juden weit über ist. An den Fingern kann man selbst heute noch die w o h lhabenden Spaniolen in der Türkei aufzählen, reiche in unserem Sülne gibt es außer C a m o n d o gar keinen. Auch im Staatsdienste dürfte es schwer werden, ein halbes Dutzend Juden in hohen Stellungen zu finden,- während Armenier und Griechen sich in solchen massenhaft finden. Und die ganze große Menge der Spaniolen, das ist ein s o a r m e s, s o v e r k ü m m e rt e s, leiblich und geistig so d e p r e s s i r t e s Volk, daß einem das Herz wehe thut, wenn man durch ihre armseligen Quartiere im „Kassim-Pascha" und „Hasköi" wandert. Durchgehends Blechschmiede — es ist sonderbar, daß sie in Constantinopel geradezu dieses Handwerk mit Vorliebe ergreifen — Glaser, Lastträger, Schuhputzer und Hausirer, s e h r selten Geldwechsler — dies siud fast ausschließlich Armenier und Griechen — sehr selten Aerzte und niemals Gastwirthe oder Schänkenbesitzer, mühen sie sich vom frühesten Morgen bis spät Abends ab und sind froh, eine Bagatelle zu verdienen, die einem christlichen Bürger kaum für Tabak und den gewohnten Mastixschnaps genügte. Zerlumpt, elend, schmutzig, arbeitet der Spaniole sür wenige Pfennige, klimmt im Herbste mit Todesverachtung die steilsten Gesimse auf und ab, um die Fensterscheiben der Häuser zu putzen — es ist dies ein besonderer Erwerbszweig der Juden, da k e i n Dienstbote in Constantinopel sich herbeiläßt, Fensterscheiben zu putzen . . . und all dies um einen Hungerlohn, aber Bettler gibt es unter ihnen keine. In Constantinopel ist die Bettlerplage eine fürchterliche. Verschämte und unverschämte Bettler sind geradezu eine Landplage. Aber unter den Bettlern findet man Angehörige aller Nationen auch deutsche Juden, aber Eingeborene. Spaniolen, niemals; ich erinnere mich, trotzdem ich 11 Jahre in Constantinopel lebte, nicht, je einem solchen begegnet zu sein. Der Spaniole arbeitet, er bietet, wenn er sonst gar nichts hat, Zündhölzchen feil, von denen er sich um ein paar Groschen einen Borrath zusammenbringen kann; ist er ganz erwerbsunfähig, so verpflegt ihn die Familie trotz ihrer eigenen Armuth, im äußersten Falle die Gemeinde, aber er bettelt niemals, was allen fremden Touristen wohlthuend auffällt .... ^o fiel der Jude von Stufe zu Stufe, bald war er überall verdrängt und hatte, wie in Europa so auch im Oriente unter dem Spotte und der Verachtung nicht der Türken, aber der Christen zu leiden, die allgemach für bürgerliche Erwerbszweige für die Türken allein in Frage kamen. Da brach der Aufstand der Griechen 1821 aus und die Türken begannen in ihrem felsenfesten Vertrauen auf die Treue der Griechen wankend zu werden. Armenier vor! hieß es und tatsächlich verstanden es die Armenier die Situation auszunützen, bis die vor einigen Jahren ausgebrochenen armenischen Wirren die Griechen wieder hinaufbrachten. Der jetzige Krieg hat auch dem Vertrauen in diese ein Ende bereitet und der Türke greift, die Lehren Mohammed des Eroberers beherzigend, zu jenem Volksstamme zurück,' das keine politischen Aspirationen und wie die Türken keine Freunde in der Welt hat, die es aufrichtig mit ihm meinen. Und wird die Türkei aus den Geschehnissen dieses Jahrhunderts die Lehre richtig ziehen, dann werden, wie zu Mohammeds Zeiten Türken u n d Juden dabei wohl fahren.