Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 14 (1897)
- Issue
- 30 (23.7.1897)
- Date
- 1897-07-23
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 610 Vr. Klortz » Wochrntchrtst. Nr. 30 die einseitige und gewiß überflüssige Mahnung zurief, die Jugend im deutschen Geiste zu erziehen, erhob sich der wackere Präsident des Lehrertages, um dem gedankenarmen Phrasendrescher zu entgegnen: Es möge nicht vergessen werden, daß deutsch sein auch frei sein heiße. Das ist in anderer Form die Bekräftigung der von uns stets vertretenen Anschauung, daß die Nationalität immer nur ein Cultur mittel ist, daß aber der Zweck aller menschlichen Cultur das höchst erreichbare Maß individueller Freiheit sein müsse. Oder, um es mit den oft citirten Worten Fischhof's zu sagen: Der Nationalismus schließt den Liberalismus aus! In voller Reinheit aber gelangte der erfreuliche Geist, der den Lehrertag erfüllte, in der Gedenkrede zum Ausdruck, mit welcher der Obmann des Landes-Lehrervereines, Herr Jordan, das Andenken Friedrich D i t t e s' feierte. „Sein Programm", sagte der Redner, „beruhte auf demokratischen Grundsätzen: Gleichheit aller Menschen!" Und dann weiter unter demonstrativeni Beifall: „Dittes wollte nur jene Religion in die Herzen der Kinder gepflanzt haben, welche die Liebe predigt, Haß und Unduldsamkeit aber gegen Andersgläubige nicht kennt!" Und er schloß unter stürmischer, minutenlanger Zustimmung mit der Mahnung, „die Lehrerschaft möge allezeit getreu bleiben den Grundsätzen der Menschlichkeit, Wahrheit und Gerechtigkeit!" Mit Begeisterung kam die mehrhundertköpfige Versammlung der Aufforderung des Vorsitzenden nach, mit der Ehrung für den Dahingeschiedenen auch zu geloben, daß die deutsch - österreichische Lehrerschaft sich Eins fühle und fühlen werde mit Dittes für und für. Der Name Dittes ist ein Programm, es ist das Programm Adolf Fisch ho f's, der nicht nur uns Juden Oesterreichs, sondern allen freisinnigen Oesterreichern für alle Zeit die Wege gewiesen, die sie zu wandeln haben. Indem der deutsch-österreichische Lehrerbund sich zu Friedrich Dittes bekennt, bekennt er sich als unversöhnlicher Gegner des Racen- und Glaubenshasses, als unerbittlicher Feind jenes heuchlerischen Antisemitismus, dessen letzter Zielpunkt nicht die sociale Befreiung der Völker, sondern ihre Knechtung und Entrechtung ist. Die Sonnenfels-Statue auf der Elisabethbrücke. Wien, 20 Juli 1897. Ein Geschäftsgang führte mich gestern aus der Innern Stadt über die Elisabethbrücke, der wegen der Stadtbahn die Demolirung bevorsteht. Hart vor mir gingen zwei Herren und bei der Statue Sonnensels' angelangt, hörte ich, wie der Eine zum Andern höhnisch lachend bemerkte: „Der Jud' wird bald verschwinden!" Nicht „von D a", denn dieses Geschick steht ja auch den anderen sieben Statuen dieser Brücke, auch dem Antipoden Sonnenfels', dem Bischof Kolonitsch, bevor, sondern einfach „verschwinden". Es kam mir ein Stich in's Herz, denn alle die Schmähungen, die seit dem Bestehen dieser Brücke über die Ehrung des Andenkens Sonnensels'durch eines ihrer Standbilder die clericalen Blätter füllten, tauchten plötzlich in meiner Erinnerung auf, und wie im Traume sich die nach Raum und Zeit verschiedensten Ereignisse mit einander verschmelzen, sah ich in Einem das Verschwinden der Bilder früherer liberaler Vorstände aus der Gemeindestube eines der jetzt mit Wien vereinigten Vororte, seit die Antisemiten darin hausen, indeß beschlich mich eine düstere Ahnung, die ich nicht mehr los werden kann, daß die neuen Herren von Wien die Statue Sonnenfels' auf dieselbe Weise verschwinden machen werden. Es heißt zwar, der Gemeinderath wolle den Statuen auf der Elisabethbrücke einen anderen Standplatz anweisen und die Wieden wünsche diese Statuen dem Bezirke zu erhalten, aber wie leicht kann ein „Zufall" beim Transporte — gerade die Statue Sonnenfels' zertrümmern! Daß man mit dieser Statue nichts Gutes vor hat, beweist der Umstand, daß man wieder anfängt, das Andenken Sonnenfels' zu verunglimpfen. In einem Feuilleton von Dienstag den 20. d. M, wagt es ein Müller-Gutenbrunn, der präsumtive Director des antiseulitischen Jubiläumtheaters, die Lichtgestalt des großen Reformators des Geschmackes der Theresianischen und Josephinischen Zeit anzuschwärzen. Er bespricht einen Aufsatz über die Theatercensur von Dr. Glossy in dem Jahrbuch der Grillparzer- Gesellschaft, denn Herr Müller hält sich für die maßgebendste Persönlichkeit, wenn vom Theater gesprochen wird, und haut dabei drei Columnen lang auf Sonnensels los, um auf ihn das Odium der gegenwärtigen Theatercensur zu wälzen. „Das Hauptstreben Sonnensels' sei die Kneblung der Volksbühne gewesen." „Sitte, Anstand, Geschmack, Bildung, waren seine S ch l a g w o r t e, mit welchen er Josef gewann ." „Seine Eitelkeit und Unduldsamkeit, seine Ueberhebung waren zu groß, um nicht alle Welt zu empören" und dergleichen mehr. Selbstverständlich, daß es dem Director des entstehenden antisemitischen Theaters, wo der „Wurstel" wieder seine Auferstehung feiern und znm Gaudium des Wiener Volkes der Jude allabendlich todtgeschlageu werden soll, wozu sicher kein wirklicher dramatischer Schriftsteller den Text liefern wird, lieber wäre, wenn noch auf der Bühne der Hanswurst, den Sonnensels verbannte, sein Unwesen treiben und extemporirerr dürfte. Unfaßlich ist es jedoch, wie ein Allnller- Gutenbrunn, der die lächerliche Eitelkeit besaß, am Anfänge seiner „schriftstellerischen" Carriöre sich Müller von Gutenbrunn zu nennen, bis die Polizei ihm diese Selbstadelung verbot, und der nur wegen seiner maßlosen Ueberhebung von RaimundTheater cassirt wurde, einem Andern Eitelkeit und Ueberhebung vorwerfen kann, zumal einer historischen Größe wie Sonnensels. Nicht anders, Herr Müller- Gutenbrunn ist vom antisemitischen Stadtregime dazu bestellt worden, auf das Verschwinden der Statue Sonnensels' die Welt vorzubereiten. Mit der Verfolgung Sonnensels', dieses aus Ueberzeugung getauften Rabbinersohnes, nach mehr als einem Jahrhundert nach seinem Tode, ist aber wieder der Beweis erhärtet, daß die Taufe, durch die so mancher Jude seinem Schicksale zu entgehen glaubt, ihnr nichts nützt, er möge auch der Ausbund aller Tugenden sein und sich die höchsten Verdienste um sein Vaterland erwerben. Der Antisemit ist eine Hyäne, er wühlt noch die Gräber der Inden auf und sucht sie selbst auf den christlichen Friedhöfen im Schatten der Kreuze, die sich über ihren Hügeln erheben. Wenn das das Los eines Sonnensels ist, was haben erst Täuflinge. vom.. Schlage eines Dr... All ax A n t o n L ö w zu erwarten? Die Juden in der Türkei. Als Mohammed II., der nicht nur ein genialer Feldherr, sondern auch ein hochgebildeter Staatsmann war, der die lateinische und griechische Sprache vollständig beherrschte, dem altersschwachen byzantinischen Reiche ein wohlverdientes Ende bereitete, da erkannte er, daß, um das neue Reich zu erhalten, es eines verläßlichen B ü r g e r st a n d e s bedürfe. Der Osmane, insbesonders der Osmane jener Zeit, war znm Bürger nicht geschaffen; er war der geborene Soldat, vereinigte wie noch heute alle militärischen Tugenden in sich, für die stille, enlsige, bürgerliche Thätigkeit war er aber damals nicht geeignet. Zn den eingeborenen Armeniern und Griechen und sonstigen Christen, die einen Bürgerstand hätten bilden können, hatte Mohammed zu wenig Zutrauen. Er wußte, daß diesen der Türke immer der ungläubige Eindringling sein werde und in kritischen Zeiten deren Sympathien stets dem christlichen Ellropa zngewendet sein würden, wenn sie auch, der Noth gehorchend, noch so sehr ihre Treue betheuerten. Dagegen erkannte der neue Herrscher von Byzanz mit dem ihm eigenen Scharfblicke, daß der Jude, der auf Gottes weiter Erde keinen Menschen zum Freunde habe, zu ewiger Dankbarkeit sich verpflichtet sehen müßte, wenn der Eroberer ihn als All e n s ch e n behandelte, und andererseits durch seine bürgerlichen Tugenden die entsprechende Ergänzung zu den militärischen Vorzügen des Muselmanen bilden würde, ohne je gefährlich werden zu können. Und so lenkte sich des Monarchen Blick auf das unglückliche jüdische Volk, über das gerade zu jener Zeit wieder eine schreckliche Leidensperiode hereingebrochen war. In Spanien hatte eine Verfolgung begonnen, so grausam und so nichtswürdig, wie nie vorher und nie nachher, und Hunderttausende fleißiger Bürger, geschickte Handwerker und berühmte Gelehrte in allen Künsten wohl erfahrene Männer wurden von Haus und Hof, von der Scholle, die ihnen durch Jahrhunderte theuer und heilig geworden waren, verjagt wie räudige