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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1897-07-23 · 30 (23.7.1897) · page 1

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
14 (1897)
Issue
30 (23.7.1897)
Date
1897-07-23
Page
– (sequence 1)
Language
German
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ßr. 80. Dr. Bloch’s Jahrgang XIV. Centralorgan für die gefammten Interessen des Iudenthums. «- A. K. Postspsrkawen-Amt Clearingverkehr Nr. 610.976. Lrdarlion und Administration: Wien > Ankere V«gs».krn8r»tzr 1>- Tolophon - Nr. 6535. Wien. 23. Juli 1897. Erscheint jeden Freitag. -- Brief-Adresse: Wien, I., Hauptpostamt — Fach. Telegramm-Adresse: Blocht Wochenschrift Wien. m= SEjngaurrta stir Srstrrrevh: Halbjährig 4 fl. --- S Stv. Einzelexemplare H kr. lür’a Armland halbjährig » fl. — 10 Stt. ganzjährig 10 „ ao „ Anzeigen: Die 4mal gespaltene Petitzeile IS kr. Inhalt. Leitartikel: Der Lehrertag und die Jndenhehe. — Tie Sonnenfels-Statue auf der Elisabethbrücke. — Tie Juden ^in der Türkei. — Ein sonderbarer Streiter für Zion. — Jüdische und antijüdische Missionen vor römischen Kaisern. — Vom Jahrmarkt des Lebens: Zur Tragik des Renegateuthnms. „Veriudnng". Arische Sprachkenntniß. Vascoda Gama und seine jüdischen Genossen. Eine Zahnradbahn auf dem Berge Sinai. Verband der Rabbiner Mährens und Schlesiens. Erklärung des Kaddischgebetes. Das Ghetto von Smyrna. — Die jüdische National-Ackerbauschule der Vereinigten Staaten. — Erwerbsteuererklärung. — Eorre spondenzen: Wien, Brünn, Prag, Gross-Enzersdorf, Zborow, RoLnau, Krakau, Skole, Neu-Sandec, Berlin, Halle, Memel. London, Paris, Oran, Algier, Philadelphia, Tanger. — Vermischtes: Wien, RoLnau, Klagenfurt, Proßnitz, Bielitz, Prag, Olmiitz, Stanistan, Beraun, Gnrahumora, Kolomea. — Feuilleton: Ter seidene Tales. — Die bessere Welt. — Briefkasten. — Inserate. Der Lehrertag und die Judrnhetze. Diejenigen, welche die Lehre verkünden, daß im Essen und Trinken alle Lebensweisheit bestünde, daß die Magenfrage die ausschließlich treibende Kraft der Weltgeschichte sei und daß die Nächstenliebe bei sich selber anfange, haben nach Jahren berauschender Triumphe nunmehr die erste empfindliche Niederlage erlitten. Auch ein großer Theil der Lehrerschaft Wiens und Niederösterreichs hatte sich jenen Aposteln des brutalsten Egoisms und Materialismus zugewendet. Der berüchtigte „dumnie Kerl von Wien" durfte sich stolz damit brüsten, daß Hunderte von Lehrern in seine Reihen getreten seien, durfte mit der „Intelligenz" prahlen, welche für den Antisemitismus gewonnen sei. Zum Theile war es die Verbitterung über die Sünden, welche die liberale Partei an dem Liberalismus begangen, zum Theile war es die Schwäche der Menschennatur, die uns den Erfolg anbeten macht, was die Lehrer veranlaßte, als Deutschnationale und Christlich-Sociale den Heerbann eines Lueger zu verstärken, sich vor dem Jesuitensöldling G e ß m a n n zu beugen und sich jenen Gregorig gefallen zu lassen, der das Wort von den „Bildungsprotzen" erfand. Die großen Wahlsiege der antisemitischen Partei wurden zum guten Theile mit Hilfe der Lehrerstimmen erfochten. Ausgelöscht aus ihren Herzen schienen jene herrlichen Erinnerungen an die Frühlingszeit des österreichischen Berfassungslebens, wo Wien die Aufhebung des Concordates mit einer spontanen Illumination feierte und den Schöpfern des Reichsvolksschulgesetzes aus dankbarem Herzen zujubelte; verdorrt und verwüstet schien die herrliche Saat, die bei große Menschenfreund Friedrich D i t t e s in die Gemüther Tausender von österreichischen Jugendbildnern gepflanzt und die in der Lehre von der Gleichheit aller Menschen gipfelte. Die Mehrzahl der Wiener Lehrer hatte zum Antisemitismus geschworen und gläubig folgten sie den Volksbetrügern, die aus dem Zufälle der Geburt, aus der Treue zum angestammten Glauben ein Verbrechen machten und die blutige Verfolgung der Juden predigten. Was haben wir in den letzten Jahren von dieser Gesellschaft erlebt, die im Dienste der schwärzesten Reaction Volksbildung und Wissen als das größte aller Uebel schmähte! Die Universität wurde ein „Manscholeum" genannt, Lueger, der Abgott des Volkes, erklärte öffentlich, die Recepte jedes Kräutelweibes den ' Erfahrungen der medicinischen Wissenschaft vorzuzieheu, und während die geistigen Zierden unseres Vaterlandes systematisch verunglimpft wurden, begann im öffentlichen Leben die Herrschaft der „Barriörestöcke". Langsam dämmerte unseren Lehrern die Ahnung auf, wohin diese schändliche, fluchwürdige, bildungsseindliche und freiheitsmörderische Bewegung treibe. Den Juden schlug man und die Aufklärung meinte man. Der Psaidler vom Neubau und der Heurigenschäuker von Hernals waren zu dumm, um es zu begreifen, daß es um ihre eigene Haut, um die bürgerliche Zukunft ihrer Kinder ginge. Aber die Lehrer fingen an, es zu verstehen, daß sie selber überflüssig würden, wenn die Barrierestock-Theorie zuni gellenden Gesetz im Staate würde. Die Errichtung katholischer Seminare, die Begünstigung der Jesuitenschulen, der wiederauslebende Processionszwang, die Herabsetzung der Schulpflicht, die im Geheimen geübte geistliche Censur der Lehrbücher, der wachsende Einfluß des Clericalismus auf die Schule — das Alles stellte ihnen die Gefahr vor Augen, daß sie auf dem geraden Wege seien, von der schwer erkämpften Höhe eines geachteten Standes wieder zu gedemüthigten Ministranten der geistlichen Herren hinabzusinken, aus freien Erziehern wieder knechtische Diener zu werden. Hier, auf dem empfindlichen Gebiete der Schule, zeigte sich zuerst der innere Zusammenhang zwischen der Judenhetze und der clericalen Reaction. Nicht die sociale Erlösung ist das Ziel, sondern die Wiederaufrichtung der kirchlichen Gewalt über die Geister, die Umnachtung und Verdummung des Volkes. Es war kein Zufall, daß in dem Augenblicke der entscheidenden Siege der antisemitischen Partei in Wien der Ebenhoch'sche Schulantrag das Licht der Welt erblickte. Der „dumme Kerl von Wien" hatte sich reis gezeigt, noch dümmer zu werden, die Juden, deren Wissens- und Freiheitsdrang man fürchtete, waren zurückgedrängt und eingeschüchtert, in den Lehrern hatte man die Selbstsucht geweckt und das Bewußtsein für die Erhabenheit ihrer Culturmission eingeschläfert — die reactionäre Saat schien reis zuM Schnitte. Der deutsch-österreichische Lehrertag in Wiener-Neustadt aber beweist, daß die antisemitische Laienarmee des Clericalismus zu früh gejubelt hat, und uns erfüllt er mit dem tröstenden Glauben, daß es diesen politischen Brunnenvergiftern noch nicht gelungen ist. in unserer Lehrerschaft die Begeisterung für die idealen Aufgaben ihres Berufes zu ertödten. Auf diesem Lehrertage ist es unter donnerndem Beifall ausgesprochen worden, daß Sprache, Abstammung, Nationalität und Glauben nicht entscheidend sein dürfen für die Beurtheilung des Werthes des Menschen und seiner Stellung in der bürgerlichen Gesellschaft. Schon als der deutschnational-antisemitische Abgeordnete K i e n m a n n den versammelten Lehrern

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