Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 14 (1897)
- Issue
- 29 (16.7.1897)
- Date
- 1897-07-16
- Page
- – (sequence 19)
- Language
- German
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Nr. 29 Dr. SLoch's Wochrnfchrist Tag um Tag machte Israel derr Weg von seinem Städtchen über die Heide znm Heim Arons und immer lieber und leichter wurde ihm dieser Weg. Durch all' seine Träume itub Gedanken klang eine stille, schüchterne Mädchenstimme, eine Stimme, durch welche das Glück klang, und ein blonder, wirrer Mädchcnkops verscheuchte alle Bilder, die Heine's Buch der Lieder ihm vorgezaubert. Zarte, feingeäderte Mädchenhände griffen nach den seinen und sührten ihn durch die stille, einsame Steppe, durch blaue Dünste unb hohe Gräser, während hoch über seinem Haupte die Störche zogen und seine weiße Wölkchen. Er erwachte oft aus diesen Bildern und hörte, wie sein Herz pochte und schlug, er fühlte, wie heiß seine sonst blaßen Wangen waren — und da begann er zu beten mit derselben Innigkeit, wie er in seiner frühesten Jugend zu beten pflegte, er, der seinen alten Glauben von sich fast schon ganz abfallen gesehen. Fast zaghaft kam er dann zu Aron und da sah er die, von der er geträumt und während der wärmsten Disputationen hörte er zuweilen ein leises Anslachen, blitzten ihm zwei große träumerische Augen entgegen, daß es ihn heiß überlies. Er hatte dann oft Gelegenheit, mit Lea zu sprechen; sie bewältigte seine Schüchternheit und nach und nach wurde er mittheilsam und warm. Es war der Widerschein ihres Glückes, der sich auch über sein Gesicht ergoß und ihn erwärmte. Der Sommer neigte sich seinem Ende zu, es wurde noch stiller iu dem eiusameu Dorfe und in der Natur, klarer und kühler wurde die Luft und dunkler alle Farben der Vegetation und der Gegen stände, aber noch immer schlich sich Lea fort aus dem Elternhause, dem Pfarrhofe zu, wo ihrer Glücksstunden warteten. Wladomir's Bild war fast fertig und Lea erfüllte dies mit Freude und Furcht — nun müßte ja dann Alles aus sein und die „bessere Welt" wird dann die Thürc hinter ihr znschlagen. Wie sagte doch die alte Großmutter? „Der Sonnenstrahl wird noch in Deiner Erinnerung sein . . So dachte sie, als sie eines Vorabends von Wladomir nach Hause ging. Plötzlich hörte sie da ihren Namen rufen, leise und zaghaft. „Fräulein Lea?" Sie nickte zerstreut. „Fräulein Lea", wiederholte Israel, der hinter seinem Rücken etwas verborgen hielt, „werden Sie mir nicht zürnen? Sie sagten mir gestern, daß Sie die Blumen so sehr lieben — und nun bringe ich ihnen einige, aber lachen Sie nicht über mich — nein?" Israel hatte es irgendwo gelesen, daß man Derjenigen, die man lieb hat, Blumen bringt, daß diese der beste Ausdruck der stillen Gefühle sind, die sich aus Licht noch nicht wagen. Er dachte nach, welche Blume es wohl sein mag, deren Name die innigste Poesie in sich birgt und deren Duft der herrlichste sei, und stundenlang saß er vor einer alten zerlesenen Botanik und grübelte und forschte, bis er dann in Verzweiflung kam, weil er erst recht rathlos war. In seiner einsamen, schmuck- und poesielosen Studierstube hatten nie Rosen gestanden und nie hatte er darauf geachtet zur Zeit, wo deren Duft das Städtchen erfüllte — wie sollte er es jetzt wissen? Aber dann fiel ihm die Lotosblume ein, die sein geliebter Heine so herrlich besungen hatte, die Lotosblume, die — „blüht und glüht und leuchtet Und starret stumm in die Höh'; Sie duftet und weinet und zittert Vor Liebe und Liebesweh." Ach ja, die mußte die rechte Blunie sein — blühte sie nicht auch draußen auf der großen Steppe, die jetzt der zarten Blumen und Farben voll war? Und er ging hin und suchte und suchte zwischen all' den hohen Gräsern — aber wohl waren viele Blumen, aber sie glichen so ganz nicht derjenigen, die Heine besungen. Das Sonnenlicht wurde matter, Schatten und Dünste stiegen auf, so daß seine Kleider feucht wurden und noch hatte er nicht das gefunden, wonach er suchte. Endlich gab er es auf — wie sollte auch auf dieser armseligen Erde seiner Heimat der Lotos und die Lilie blühen . . . hier gab es nur trockenes schwarzes Brod, Kummer Kampf und Entbehrung; jene Blume mußte wohl in einem herrlicheren Lande ihre Pracht entfalten, dort wo die Menschen groß sind, das Leben verklärt und schön — dort „an den Fluren des Ganges ..." Und er begann über sich selbst zu lachen. „Israel, Israel, wie haben dich zwei dunkle Mädchenaugen doch so thöricht gemacht, da stehst du nun und treibst allerlei Unsinn und ver¬ Seite 807 gaßest ganz daran, wie wenig sich das alles für einen armseligen Talmudjuden schickt, vergaßest wie ernst und bitter dein Leben ist, so grau und einsam und daß die Blumen und die Liebe nicht für dich da sind, sonderu die Arbeit und der Schimpf, die Sorgen und der Tod? Was wird dein Vater nur dazu sagen, dein Vater, der zu dieser Stunde im Bethause weilt und seine Allgell, die in Sorgen oft gewacht, zum Himmel in heißem Gebet richtet, während auf seiner geschwärzten, gerunzelten, Stirne es wie Angst liegt? Aber er mochte lachen und sich Schelte ertheilen wie er auch wollte, er konnte die jiiligen heißen Gefühle und Wünsche, die jäh über ihn gekommen waren, nicht mehr verscheuchen. Er lächelte glücklich vor sich hin und er pflückte die Blumen so wie sie da wuchsen und standen, den Ginsfer und die Königskerze und all' das Zeug, bis er einen großen mächtigen Strauß hatte. Den wollte er in ihre Stube stelleir, iu Leas Stube, wo die Sonne ewig zu weilen schien und wo ihre Stimme klang, ihre stille, heilige, süße Stimme — — — Und wie et so hin ging — die Dämmerung sank leise und traurig herab über die Welt — da stand er plötzlich ihr gegenüber und sein armes Herz begann gar heftig zu pochen. „Nein, ich lache nicht über Sie, sagte Lea traurig, ich danke Ihnen herzlichst. Blliulen sind nie häßlich — und wir armen Judenkinder haben keine Rosengärten — o es gibt ihrer so schöne, ich kenne sie voll Bildern und Dichtungen — wir müssen bescheiden fear und un§ freuen über freundschaftliche Gefühle, denn auch diese werden uns so selten zutheil. Wir haben ja keine Zeit dazu." Sie war vor ihrem Hause angelangt und reichte ihm die Hand zum Abschiede illid dann, schon halb im Vorhause wandte sie sich nach ihm um und er sah, wie freundlich ihre Augen ihn angeblickt. Er war so glücklich als er zil seiner Mutter zurückkehrte, daß er ihr wie in alter Zeit Geschichten ans dem Leben der jüdischen Weisen erzählte und ihr aus einem alten jüdischen Buche vorlas. Sie legte ihre liebevollen müden Mutterhände ans seine Schultern. „O meiir Srul, gesegnet sei der Oberste, der dich mir gab!" * * Es waren einige Wochen vergangen, der Sommer war hingegangen mit müden Schritten und der Herbst breitete leise seine bleichen Sterbehände aus über die Natur, um ihren Tod zil segnen. Die „Jumim uauruim," die Tage der Furcht und der Bllße, waren angebrochen bei den Juden. Man feierte beit Jom- Kipur. den Bersöhnnngstag. Mit ihreni Vater und ihrer Großmutter wanderte sie in das nahe Städtchen, um in die Schul'zu fonmtett, wo Alles, was jüdischen Glaubens in der Umgebung war, sich versammelt hatte. Aron trug, wie alle Juden an diesem Fasttage den weißen Sterbekittel über der langen schwarzen Bekesche, die Großmutter ihr altes, schon verblichenes Feiertagsgewand und auch Lea hatte sich feiertäglich geputzt. Ihr großes Gebetbuch an sich gedrückt, ging sie mit müden Schritten durch den stilleu Herbstmorgen. Und sie sagte sich, daß das Märchen sich nun abgesponnen hatte — ihr eigenes und das der Natur. Denn er, Wladomir, hatte das Bild — vor dem sie mit Entzücken und er müde und hoffnungslos gestanden — beendet und nun sagte er ihr kühl und ohne jede Klage, daß er nun fort müße, daß der Traum des Sonnners zu Ende sei. Er dankte ihr und das hatte sie tief verwundet, daß sie stumm dastand und ihre Lippen zerbiß. Sie weinte immer leicht, aber jetzt konnte sie es nicht — zu herb und jäh war der Schmerz gewesen. Sie konnte ihm nur die Worte sagen: „Sie danken mir? Und ich bin Ihre Schuldnerin, so groß, ich kann's nicht sagen. Wie kann man Glück belohnen? Sie danken mir? Ich möchte schreien und weinen über dies Wort! Pfui warum, haben Sie das nur gesagt, Wladomir? Ich hab's ja gewußt daß Sie, daß alles gehen wird, gehen, wie der Sommer und die Blumen, wie mein ganzes, kurzes Glück. Aber ich Hab' mir gedacht, es wird wie im Traume geschehen, grad' so, wie man eines Tages im Herbst erwacht und den Schnee und den feuchten Wind und die Schatten findet nach schönen Tagen. Aber nun danken Sie mir, wie für einen Alltagsdienst, wie für eine Speise und entlassen mich in Zufriedeuheit. Freilich, ich bin ja nur ein Judenmädel und alles war Gnade genug für mich." „Es ist nicht das, Lea. Sie verstehen mich zu wenig. Sie armes Kind, Sie wissen nicht, was ein Künstlertemperament ist."