Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 14 (1897)
- Issue
- 29 (16.7.1897)
- Date
- 1897-07-16
- Page
- – (sequence 20)
- Language
- German
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Seite 608 Nr. 29 Vr Vloch's Wochenschrift „Sind Künstler keine Menschen? Und haben die keine Leidenschaft und keine Treue und Reue — haben die nicht all' das, was so schön ist am Menschen?" Sie haben das, aber anders und in einer oft so unglückseligen Mischung. Kränken Sie mich nicht — wenn Sie wüßten — Ich vergeh' dich nicht Lea, nimmer, denn weißt du — Künstler vergessen nie die glücklichen Stunden, die Sie genoffen. Aber jetzt laß' mich, Lea. Laß' mich und mach' mir alles nicht noch schwerer. Ich bin jetzt leeres, abgedroschenes Stroh, und weißt Du, immer geht's mir so, wenn ich ein Werk vollende, darum laß' mich gehen." Er begleitete sie eine kleine Strecke noch; sie sprachen kein Wort, nur oben in den Zweigen der Bäume gurrte eine Wildtaube. Ein langer Händedruck, wobei sie fühlte, wie eine starre Kälte durch ihren ganzen Körper ging. Dann ging er — mit schweren langsamen Schritten zuerst und dann immer rascher. Sie schleppte sich fort — noch immer thränenlos, aber so schwer und unsicher. „So muß es meiner armen blinden Großmutter sein, wenn sie hingeht mit ihren müden Füßen und kein Licht sieht," dachte sie. „Ich bin doch in diesen Minuten sehr alt geworden und war doch erst ein Kind — ein Kind! Sie lachte. „Nun wird mich mein armer Vater wieder haben, nun ist die Thüre hinter mir zngeklappt — Hab' ich einen Sonnenstrahl nur mitgenommen aus der „besseren Welt?" Es ist gar zu nebelig jetzt." — — — Dieser schmerzlichen Erinnerung voll saß sie in der Schul', sie ivollte fasten und beten jetzt zu ihren Gott — jetzt mußte er ja der liebe, liebe Herrgott zu ihr sein, jetzt erst recht. Jetzt müßte er ja zu ihr kommen und sich ihren Thränengebot neigen mit all' seiner alten Güte, um ihr junges Herz zu erwärmen, das so fror und sterben wollte , Bei ihm, beim Gott Zebaot, beim Herrlichen, Starken, und Gütigen, an den die weise Großmutter so glaubte, mußte ja die „bessere Welt" sein und von dieser murrte er ihr ja noch einen Strahl senden, einen ganz kleinen Strahl noch, ihr, dem armen Kinde, wenn er anders der alte liebe Herrgott noch ist? . ." Das dachte sie, während sie unter all' den Weibern saß; es waren Frauen mit Gesichtern ewigen Kummers, arme Geschöpfe, zerknittert und herabgekommen vorn Gebären, von Entbehrungen und stets wachen Sorgen, und es waren Frauen mit alten und gealterten, stiunpfen und nichtssagenden Gesichtern; junge Mädchen, die nichts erhoffen und doch glücklich sind — und alle waren sie befangen von der Nacht des Aberglaubens und ohne Sehnsucht nach Licht. Sie fasteten und weinten, weinten bei Worten, die sie nicht verstanden — während in der Männerfchul' das Gebet erbrauste. Sie waren nun, als ob sie alle eine einzige Seele hätten, sie, die sich sonst gegenseitig haßten, verleumdeten, umheuchelten und sich ' die armseligen Bissen vom Munde riffen. Und die Stimmen der Männer, die so dastanden in ihren weißen Sterbemänteln und Gebetbüchern, müde, kraftlos und in erzitternder Angst, klangen zusammen zu einer einzigen. Denn sie beteten jetzt das »Jnssaneh taukef«, jenes furchtbare Gebet, in dem eine finstere und gewaltige Dichterphantasie alle Schrecken und Angst des Todes gemalt: „Am Jom kipur wird es von dem Gott, dem Herrn besiegelt, wer sterben soll durch Feuer und durch Pest. ." Und es klang das Weinen von Männern, die nur einmal im Jahre weinen und sonst auch nicht an den Sterbebetten ihrer Weiber und Kinder . . . „Du betest ja gar nicht, Kind", wandte sich die Großmutter vorwurfsvoll an Lea. „Ich' habe noch nie so gebetet, Großmutterl, noch nie so!" Sie schaute durch das kleine Fensterchen der Weiberschul' in die Männerabtheilung — dort saß ihr Vater, aber seine Lippen bewegten sich nicht im &ebet. „Er muß auch so innerlich weinen wie ich", dachte sie — „und da findet man keine Worte". Und dort, in dem entgegengesetzten Winkel saß auch Israel an der Seite seines Vaters — wie verschieden die beiden waren! Der Alte mit den großen, finsteren Geberden der Ekstase und dabei doch das ganze Gesicht versteinert wie ein uraltes Dogma — der Sohn voll Milde und Innigkeit, umwoben von einer neuen Jugend, die Augen glückselig auf Lea gerichtet, die er von fern bemerkte. Plötzlich wich sie etwas zurück — denn Wladomir war in diesem Moment in die „Schul" gekommen, um die Eigenart des Festbildes auf sich wirken zu lassen. Er stand da, groß, stark und schön inmitten all' dieser armseligen Gestalten, die die Weltgeschichte geknickt hatte und die noch vegetirten durch ihren Glauben. Auch er bemerkte Lea, die den Kopf an die Kante des Fensterrahmens und das anfgeschlagene Gebetbuch an's Herz, das schier stille stehen wollte, gedrückt, dastand. Er winkte ihr zu und schickte sich dann wieder zum Gehen an. Sie erwiderte seinen Gruß mit großen, thränenleeren Augen, sie grüßte ihn, wie man das Glück grüßt, das in die Nacht und das Dunkel geht, ohne je wiederzukehren, wie eine geschiedene Seele, die zu Gott emporsteigt, das Leben noch grüßt tief unten, das sie soeben verlassen. In der Schul' brannten unzählige Wachslichter für das Heil der theueren Todten -- aber vor Lea's Augen war kein Licht mehr. Betäubt sank sie in ihren Stuhl, und das junge Haupt an ihr Gebetbuch drückend, schluchzte sie tonlos. Noch andere weinten in ihrem Gebet, aber mit ihren Thränen war Lea allein. Die Augenblicksscene war in der Schul' bemerkt worden, man tuschelte und zischte dann, und im Gotteshause, wo sie den JomJdpur feierten, erhob die Verleumdung ihr Haupt. Aber noch ein anderer hatte dies bemerkt und jäh Alles verstanden. Auch er drückte sein Haupt an sein Gebetbuch -- er hatte plötzlich sein junges Glück verloren. „Srul ist Dir, behüt' der Oberste, schlecht geworden?" fragte ihn sein Vater. Da erhob Israel sein Gesicht, das blaß und starr war und verständnißlos blickte er seinen Vater an — — — - (Fortsetzung folgt.) Briefkasten. Dr. M. Prag—Teplitz. Daß Schönerer von dem Besitzer der Restauration P u s ch n e r am Prager Weuzelsplatze mit Ovationen empfangen wurde und daß der Wirth ihm zu Ehren decorirte, zeigt allerdings den innigen Zusammenhang zwischen dernationalen und antisemitischen Propaganda. Hieraus die entsprechenden Eonsequenzen zu ziehen, müssen wir unseren Glaubensgenossen in Böbmen und Mähren selbst überlassen. Georg F—r, Wien. Nicht Rohling's „Talmudjude" sondern dessen jüngstes Buch der „Zukunstsstaat" wurde in Rom auf den Index gestellt. Die römische Curie erkennt ziemlich spät die Gefährlichkeit dieses notorischen Fälschers. W . . . B r Wien. V e r g a n i behauptet, daß Bismarck sich durch seine Beziehungen zu V l e i ch r ö d e r bereicherte, und bemerkte dazu: „Wenn geistige Riesen wie der Fürst Bismarck von den Juden umstrickt worden sind, so hat man für das Volk der Zwerge Schutzwehren umso nöthiger, soll es nicht zu Grunde gehen." Wir wissen nicht, ob sich V e r g a n t zu den Riesen oder Zwergen rechnet, aber dem Fürsten B i sma r ck ist er in einem Punkte jedenfalls über. Er hat sich von den jüdischen Banken und Versicherungsgesellschaften so sehr umstricken lassen, daß er seine sänuntlichen Schulden bezahlen und überdies zwei Häuser nebst einer Druckerei erwerben konnte. Und das nennt V er g a n i „zu Grunde gehen!" Germanicus. Sie verlangen von uns eine Erklärung des folgenden „kerndeutschen" Satzes aus einem Feuilleton der „Ostd. Rundschau:" „Der Widerspruch, den sich M. Ferdinand, als einzige Möglichkeit einer zielbewußten Resultande des gesunden Fortschrittes im Parallelogramnr polarer Kräfte, in der Form egoistischer und selbstbesonnener Opposition wünscht, dürfte ihm sicherlich zutheil werden." „ Sie entschuldigen, aber das ist auch uns zu deutsch. Wenden Sie sich direct an den Sprachreiniger K. H. W o l f. K. in Wien: Sie theilen mit, daß die Inden der Leopoldstadt nicht aufhören, das Kaffeehaus neben denr Carltheater, dessen Inhaber die arische Geschäftsmoral so trefflich zu prakticiren weiß, durch zahlreichen Besuch kräftigst zu unterstützen! Wir haben darüber unser Urtheil bereits gesprochen. Krakau. Ein Handelsagent, der mehrere Häuser vertritt und nur gegen Stellung von Cautionen für das Delkredere seinen Umsatz durch Ereditirung erweitern kann, hat diese Caution als Betriebskapital zu fatiren; ob die betreffenden Werthpapiere oder Bargelder sein Eigenthum oder von Anderen für ihn erlegt sind, ist ebenfalls auzugeben. Die Begründung dieser Entscheidung, sowie die Steuerverhältnisse der Agenten überhaupt legen wir in der nächsten Nummer dar. Abonnenten, welchespeci.elleFragen besprochen zu sehen wünschen, mögen d i e s e l b e n f r e u n d l i ch st e i n s e n d e n. Die Beantwortung erfolgt immer in dernächsten Numm er. keraurgeber u. verautw. Redocteur; Dr Josef 8. Bloch. — Druck v. L. Beck 4t Sohn, Wien, VIII., Lerche nselderstr. 46.