Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 14 (1897)
- Issue
- 29 (16.7.1897)
- Date
- 1897-07-16
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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Nr. 29 Vr. VLoch's Woqrnptzrifi Seite 600 Der jüdische Dichter Samuel Usque, der ebenfalls vom Inquisitions-Tribunale verurtheilr wurde, schilderte die Inquisition in folgender Weise: „Aus Rom wurde ein wildes Ungethüm bezogen von einer so wunderlichen Gestalt und einem so entsetzlichen Anblicke, daß von seinem Rufe allein ganz Europa zitterte. Sein Leib war von rauhem Eisen mit tödtlichem Gifte geknetet, mit einer harten Schale von Stahlschuppen bedeckt. Tausend schwere giftgefüllte Flügel erhoben es von dem Boden. Sein Wesen gleicht dem fürchterlichen Löwen und der Schlange der afrikanischen Wüste. Sein Gebiß übertrifft das der riesigsten Elephanten. Sein pfeifender Ton tödtet schneller als der giftigste Basilisk. Aus seinen Augen und seinem Munde entströmen stets Flammen und Feuerschlünde. Es nährt sich von menschlichen Leibern. Es übertrifft den Adler an Schnelligkeit des Fluges. Wohin es kommt, verbreitet es mit seinen schwarzen Schatten düsteres Dunkel. Wie hell auch die Sonne scheint, so hinterläßt seine Spur eine egyptische Finsterniß. Wohin es seinen Flug nimmt, jede grüne Matte, die es betritt, jeder blühende Baum, auf den es seinen Fuß setzt, verdorrt, entfärbt sich und stirbt ab. Mit seinem zerstörenden Munde entwurzelt es Alles bis auf den Grund. Und mit seinem Gifthauche verwandelt es den Umkreis jener Bewegung zu einer Wüste, gleich der syrischen, wo keine Pflanze gedeiht und kein Grashalm aufkommt." (Gr. Geschichte. 8. Seite 348). Aus dieser wahrheitsgetreuen Schilderung der Inquisition, die das Königspaar Ferdinand und Jsabella I486 angeblich zur Ehre Gottes, thatsächlich aber, um das Judenthum vernichten und die jüdischen Besitzthümer confisciren zu können, in Spanien eingeführt hatte, erhellt zur Genüge, daß diese von der Geschichte als ein scheußliches Ungethüm bezeichnete Institution heillosen Schaden angerichtet und den Stamm Juda in seinen Grundfesten gewaltig erschüttert hatte. Der gefährlichste Feind der Juden Spaniens war der damalige Groß-Jnquisitor Torquemada, der Beichtvater des Königspaares. Dieser blutgierige Tyrann hatte es sich zur Lebensaufgabe gemacht, den Stamm Juda zu entwurzeln. Seine ruchlosen Pläne wurden nach dem Falle Granada's, dem letzten Bollwerke der Muselmänner, thatsächlich verwirklicht. Am 2. Jänner 1492 hielten Ferdinand und Jsabella in Granada ihren Einzug auf die feierlichste Weise. Und die erste edle (?) That, die sie aus Dankbarkeit vollzogen, war die Vertreibung der Juden aus Spanien, aus jenem Lande, in welchem sie jahrhundertelang gelebt, das sie mit der ganzen Gluth ihres Herzens geliebt und für dessen Erhaltung sie stets die größten Opfer bereitwilligst gebracht. Das verhängnißvolle Actenstück, in welchem sämmtlichen Juden des Reiches aufgetragen wurde, innerhalb vier Monaten auszuwandern, wurde am 31. März 1492 erlassen. Nur denjenigen, die sich zur Annahme der Taufe entschlossen hatten, wurde der weitere Aufenthalt im Lande gestattet. Das einzige Verbrechen, das ihnen zum Vorwurfe gemacht wurde, war, daß sie jede Gelegenheit benutzten, um die Neuchristen heimlich zu unterrichten und zur Rückkehr zur angestammten Religion zu verleiten. „Um dieses Uebel vermeiden zu können, so hieß es in dem beregten Actenstücke, wurde auf Anordnung des Königspaares die Inquisition eingeführt und den Juden allerorten ein besonderes Quartier angewiesen, allein alle diese Maßregeln blieben fruchtlos, denn die Juden fuhren dennoch fort, die Neuchristen nach wie vor dem katholischen Glauben abwendig zu machen, daher nichts Anderes übrig blieb, als sie Alle aus dem Lande zu weisen." Als Abravanel dies erfuhr, eilte er sofort zum Könige, bot ihm große Geldsummen an, die die Juden Spaniens ihm bereitlvilligst überreichen würden, bot Alles auf, um das Gemüth des Monarchen sanfter und milder zu stimmen, allein Fernando, der wohl seinerseits geneigt gewesen wäre, das bereits erlassene Edict zurückzuziehen, ließ sich von seinem Beichtvater, dem blutgierigen fanatischen Torquemada, beherrschen und zur Ausführung des einmal gefaßten Beschlusses verleiten. „Als das Volk von diesem verhängnißvollen Edict erfuhr", schreibt Abravanel, da war es sehr betrübt und niedergeschlagen, überall herrschte große Trauer. Angst, Furcht, Schrecken, Bangen und Grauen bemächtigten sich ihrer und Einer rief dem Andern zu: „Kommt, stärken wir uns in unserem Glauben und in der Lehre unseres Gottes vor der Stimme der Lästerer und vor dem tobenden Feinde. Läßt man uns leben, so leben wir, und tödtet man uns, so wollen wir sterben, aber nimmer unseren Bund entweihen und unser Herz abwendig machen, sondern wandeln im Namen Gottes unseres Herrn." (Abravanel ibid.) „Das gemeinsame Unglück uno gleicher Schmerz erzeugten bei den spanischen Juden in der letzten Zeit vor ihrer Auswanderung ein Gefühl innigster Brüderlichkeit und eine gehobene Stimmung, welche, wenn sie hätte dauern können, günstige Folgen hätte tragen müssen. Die Reichen unter ihnen, obwohl ihr Vermögen zusammengeschmolzen war, theilten doch brüderlich mit den Armen, ließen es ihnen an nichts fehlen, damit sie nicht in die Klauen der Seelenhäscher geriethen und sorgten für die Kosten ihrer Auswanderung. Der greise Rabbiner Isaak Oboab, der Freund Abravanels, reiste im Voraus mit dreißig angesehenen Juden nach Portugal, um mit dem Könige Joao II. wegen Uebersiedluug oder Durchreise der spanischen Auswanderer durch dessen Land Unterhandlungen anznknüpfen; es gelang ihnen auch, nüt ihm einen verhältnißmäßig günstigen Vertrag abzuschließen. Freilich ließ sichder Schmerz der Trennung von der schwärmerisch geliebten Heimat nicht überwinden. Je näher der Tag der Scheidung heranrückte, desto mehr durchwühlte er das Herz der Unglücklichen. Die Gräber der Vorfahren, das war ihnen dasTheuerste, davon konnten sie sich am Schwerstentrennen, und der Gedanke daran erfüllte sie niit tiefer Trauer. Die Gemeinde der Stadt Vittoria schenkte, um die Entweihung der Grabstätten zu verhüten, der Commune den jüdischen Friedhof mit dem dazu gehörigen Acker für ewige Zeilen unter der Bedingung, daß er niemals abgebrochen, noch bepflügt werden sollte. Es wurde eine Urkunde über diese Schenkung ausgestellt, welche der jüdische Richter (Rabbiner) Mose Balid, der Vorsteher (Rogidor) und Procurador Samuel Benjamin Chacon mit noch Anderen und der Bürgermeister der Stadt (Procurador) Unterzeichneten. Der Letztere mußte die übernommene Unverletzlichkeit des jüdischen Friedhofes beschwören. (Kaiser Geschichte der Juden in Navara.) Die Juden von Segovia brachten drei Tage vor ihrer Auswanderung auf den Gräbern ihrer Vorfahren, vermischten ihre Thränen mit deren Staube und rührten durch ihre herzzerreißenden Klagen die Gemüther der Katholiken. (Colmen oares hisioria de Segovia c. 25.) Die Leichensteine rießen sie aus, nahmen sie mit als theure Reliquien oder schenkten sie den zurückgebliebenen Marannen. (Gr. Geschichte ibid. 358). Ueberall wurden alle möglichen Vorkehrungen zur Auswanderung getroffen. Viele mußten, da die Zeit drängte, ihre theuersten und werthvollsten Habseligkeiten fast verschenken. Der Pfarrer von Palacios sah, wie man ein Haus für-einen Esel und einen Weinberg für einige Ellen Leinwand hingab. Der Tag der Auswanderung, der 2. August, fiel auf den 9. Ab, der zu wiederholtenmalen für Israel so verhängnisvoll geworden. Nur die Wenigsten nahmen zur Kirche ihre Zuflucht. Unter den Exulanten befand sich auch Abravanel. Er schreibt: Und so zogen wir aus, unfähig zum Widerstande, 300.000 Fußgänger, jung und alt, mit Frauen und Kindern, an Einem Tage aus allen Reichen des Königs. Wohin der Geist sie zu gehen trieb, gingen sie und ihr König zog ihnen voran; Gott war an ihrer Spitze. Dieser rief aus: „Gott gehöre ich an!" und Jener widmete dem Herrn seine Kraft. Einige gingen nach Portugal und Navarra, aber bitteres Leid, schweres, finsteres Unglück traf sie überall. Raubgier Hungersnoth und Pest waren die erbittertsten Feinde, die sich gegen sie verschworen hatten. Einige begaben sich auf's Meer, und suchten in den Wogen einen Pfad, um hier dem Uebel zu entrinnen und sich sicherere Sitze zu suchen; aber auch hier folgte ihnen das traurige Geschick. Viele wurden als Sclaven verkauft, Biele verschlang das Meer, Viele gingen durch Brand unter, welcher in den Schiffen auf den Meereswogen entstand." Einen Tag nach der Auswanderung, nämlich am 3. August, schiffte sich Columbus ein, um eine neue Welt zu entdecken. Viele der heimatslos gewordenen Juden schlossen sich bereitwilligst dem Entdecker der neuen Welt an und machten somit die erste Reise nach Amerika mit. Abravanel, der sich mit seiner Familie zu Schiffe begab, nahm seine Zuflucht nach Neapel, wo er freundliche Aufnahme gefunden. Hier vollendete er seinen bereits in Castilien begonnenen Commentar der' Bücher der Könige. Der leutselige König Ferdinand von Neapel, obschon er von dem habsüchtigen spanischen Königspaare den Auftrag erhielt, die reichen spanischen Juden, die sich nach Neapel geflüchtet, zum Tode zu verurtheilen und ihre mitgenommenen Schätze dem spanischen Staatsschatz auszuliefern, behandelte die Emigranten recht liebevoll und zog den reichbegabten und in Staatsangelegenheiten wohl erfahrenen Abravanel.an seinen Hof, wo er wieder recht glückliche Tage verlebte. Nach dem Tode Ferdinands wurde Abravanel auch von dem Sohne desselben, Alphonso II., zum Staatsbeamten ernannt. Und als dieser nach seiner Resignation