Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 14 (1897)
- Issue
- 29 (16.7.1897)
- Date
- 1897-07-16
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Nr. 29 Vr. Vwrtz » Wochrnpyrtfl Seite 597 seines Lebens verweilt wurde, so nur, weil wir vielleicht in den Erfahrungen jener dreißig Jahre den Schlüssel zum Charakter des Kunstschaffens Antokolski's finden, das sich so vielfach in der Sphäre geistigen Martyriums bewegt. Hat er doch auch das Standbild Iwan des Schrecklichen sozusagen als das eines „Marterers und Märtyrers" aufgefaßt. Und neben dem geistigen Martyrium aller Art hat ihn stets auch die Todesidee angezogen, wie wir ja von ihm eine Reihe tiefempfundener Grabmonumente und Ornamente besitzen: das Hochrelief-Medaillon zur Erinnerung an seinen eigenen frühverstorbenen Knaben, das prächtige Denkmal der Fürstin Obolenski zu Rom, das Porträt des todtkranken jungen Baron Günsburg, das Grabdenkmal für die Tochter des Kunstmäcens Tereschtschenko in Kiew und andere. Mitunter treffen auch beide Factoren zusammen, zum Beispiel beim „sterbenden Sokrates" und bei „Spinoza's letzte Augenblicke". Er selbst gesteht auch in seiner ersterwähnten Biographie ein, daß die Poesie des Todes allezeit für ihn etwas sehr Reizvolles gehabt habe. Jedoch nicht allein das geistige Ringen und Kämpfen des Menschen zieht ihn an. Ebenso tief weiß der Künstler sich auch in machtvollen Thatendrang gewaltiger historischer Eroberer und Reformatoren zu versenken und sie nicht minder machtvoll und gewaltig herauszugestalten. Ich verweise hier nur auf die, gleich den beiden vorgenannten Bildwerken, auch in Berlin bekannten Standbilder „Peter des Großen" und „Jermak Timofejewr", des kühnen Unterwerfers Sibiriens. Auch der marmorne „Mephistopheles" der Eremitage, den Antokolski später noch bei Thiebaut in Paris in dunkler Bronce gießen ließ, ist dem Berliner bekannt, ebenso wie das Hochreliefmedaillon „Der Todesseufzer Christi", der „Christus, einen Seesturm bezwingend" (für einen Leuchtthurm), der Chronist „Nestor", an einem Tische schreibend, die blinde, junge „Christliche Märtyrerin" in den Katakomben, mit dein Ausdruck stiller Verzückung in dem abgehärmten Antlitz der rührend keuschen Figur, u. A. Wie bei diesem letztgenannten Werk, wo das Mädchen auf einer Bank sitzt und Tauben zu ihren Füßen, auf ihrem Schooß und auf der Bank, selbst ihr Wesen treiben, so treffen wir auch bei vielen anderen allerlei Staffage. Aber diese ist nie von allegorischer oder symbolischer Bedeutung. So sehr speculativ der Künstler ist, so wenig neigt er andererseits der Allegoristerei zu. Jenes Beiwerk ist stets realistischen Gepräges, ein Stuhl, ein Tisch, allerlei Gerüthschaften. Antokolski steht im Banne der Idee. Er ordnet dieser die Form vollkommen unter, wie es Manchem vielleicht scheinen möchte, bisweilen auf Kosten des Schönheitsbegriffes, was ihm bekanntlich den Vorwurf eines craffen Realismus und gar Naturalisnms zugezogen hat. Mir ist es immer unerfindlich geblieben, wieso denn dieser Vorwurf ihn sollte treffen können, ihn, dem es ja vor Allem immer auf die Herausgestaltung potenzirten geistigen Ausdrucks, eben der Idee, ankommt. Daß somit seine Motive an und für sich nicht realistischen und nun erst recht nicht naturalistischen Geistes sein können, das versteht sich von selbst. Aber auch in der Ausfiihrung — wo finden wir denn bei ihm die protokollarische, photographirende Manier so vieler der modernsten italienischen, belgischen, französischen Bildner? Ungemein keusch, maßvoll, einfach ist fast Alles, und in anatomischer und stofflicher Realistik zeigt der Künstler, im Vergleich zum Beispiel zum „Iwan" und „Mephistopheles", bei seinen Arbeiten aus den letzten fünf bis acht Jahren — die zahlreichen Porträtbüsten natürlich ausgenommen — gar ein Minder. Ja, dem Wahrheitssinn wird gar mancher Leib, bei der christlichen Märtyrerin zum Beispiel, auch beim Spinoza, geradezu befremdend mager, „körperlos" erscheinen, namentlich in der Seitenansicht. Umsomehr bannt Einen der Ausdruck in der Haltung des Körpers und vor Allem im Antlitz. Der Ausdruck von Hohn und Spott und Haß und Verachtung zum Beispiel in den mit so eigenartiger Technik behandelten Augen des Mephisto wirken förmlich fascinirend. Charakteristisch für Antokolski ist es übrigens, daß er in dieser Figur nicht den „gefallenen Engel", sondern ganz und gar die Goethe'sche „Spottgeburt aus Dreck und Feuer" zum Ausdruck gebracht hat .... Welch' ein Contrast zwischen ihr und der christlichen Märtyrerin! Solcher Contraste lassen sich bei diesem Künstler viele zusammenstellen. Er „. . . schreitet in dem engen Bretterhaus Den ganzen Kreis der Schöpfung aus Und wandelt mit bedächt'ger Schnelle Vom Hinnnel durch die Welt zur Hölle." I. Norden. Die alijüdischr Spruchdichtung. Die Auffindung eines Theiles des verloren geglaubten hebräischen Originales des Buches Sirarh lenkt die Blicke der Forscher mit erneuertem Eifer auf die altjüdische Spruchdichtung. Wir sagen mit Bedacht altjüdische und nicht althebräische Spruchdichtung, denn erstens ist ja das Sirach-Buch selbst schon theilweise der neueren jüdischen Literatur zuzuschreiben, da es einmal in den Kanon der biblischen Schriften nicht ausgenommen wurde, und zweitens ist mit dem Sirachbnche das Ende der jüdischen Spruchdichtung durchaus nicht gegeben, vielmehr blüht diese noch ungefähr taufend Jahre weiter fort, auf diese Weise eine Literatur erzeugend, die beiweitem zu den schönsten Erzeugnissen gehört, deren sich der jüdische Geist rühmen darf. Kein Zweig des alttestamentlichen Schriftthums treibt solch' schöne Nachblüthen. wie die Spruchdichtung. Die in der heiligen Schrift so sehr entwickelte Geschichtsschreibung findet bei den Juden auf lange Zeit keine Nachahmung. Tie Prophetie ist in der persischen Zeit auf ewige Zeiten ausgeftorben, und die Poene der Psalmen steht über jede Art anderer Poesie so erhaben da, daß durch jeden Versuch der Nachahmung nur deren Einzigartigkeit sich heraüsstellt. Nur die Spruchdichtung ist es. die auch in der Folgezeit mit Glück angebaut wird; von den Sprüchen Salomo's an, über die apokryphischen Bücher S i r a ch und die Weisheit Salomo's hinaus, schmückt sich das jüdische Volk auch noch im talmndischen Zeitalter mit den schönsten Perlen oes Gedankenschmuckes. bis endlich in den „Sprüchen der Väter" und wieder nach Jahrhunderten in den beiden Tractaten über die „Lebenssitte" (Derech erez) die Perlen kunstvoll sich aneinanderreihen und eine geschlossene Kette edler Lebensregeln bilden. In der ganzen Entwicklung der jüdischen Spruchdichtung nimmt das Buch Sirach ungefähr die Mitte ein. Sich streng an ältere Muster haltend, ist das Buch sowohl an Inhalt als auch an Sprache ein werthvolles Denkmal der althebräischen Literatur; aber einzelne Wendungen, einzelne Eigenheiten des Stiles, wie auch der geschichtliche Hintergrund stellen das Buch an die Spitze neuhebräischer Literatur, deren Träger und Autoren nicht wenig von ihm beeinflußt wurden. Häufige Anführungen im Talmud und Midrasch zeugen von der "Werthschätznng, in welcher Sirach bei den Lehrern des Talmud und Midrasch gestanden; aber neben den namentlichen Anführungen aus Sirach ftnben sich im Munde der Autoritäten des Talmud und Midrasch epigrammatische oder gnomenmäßige Aussprüche in großer Anzahl, die aus der ergiebigen Weisheitsquelle des Sirachiden geflossen und sich als unbewußte Rennniscenzen kundgeben. Nebenher ergießt sich im Talmud und Midrasch auch ein selbstständiger Strom der Spruchweisheit, als deren Träger besonders R. Akiba, R. Meir, Bar Kappara und Jsi ben Jehuda genannt werden. Alle diese Aussprüche, beseelt von der Heiligkeit der monotheistischen Idee, getragen von dem sittlichen Ernste des Judenthums und durchdrungen von der reinsten Menschenliebe, haben den alleinigen Zweck, den Menschen eine Anleitung ad bene et recte vivendi — wie der Lateiner sagen würde — zu geben. Die jüdische Spruchdichtung ist durchaus praktischer Natur, Weisheit (chokhma) nicht in philosophischem, sondern in geschäftlichem Sinne ist das Endziel, das durch diese Lehren erreicht werden soll. Nur sind dem Juden Religion und Gottesfurcht das oberste Gebot der Klugheit, Menschenliebe und anständiges Betragen in der Gesellschaft wesentliche Momente der Religion, und darum wird die jüdische Spruchdichtnng nicht milde, die in chrem Sinne praktischen Gebote der Gottesfurcht, der Menschenliebe und der guten Sitte stets von Neuem eindringlich zu fordern. Darin eben unterscheidet sich die Mische Sprnchdichtung sowohl von der Gnomendichtung anderer orientalischer Völker als auch von gepriesener und so fleißig gelesener Gnomendichtung der Griechen und Römer; die „Dicta der sieben griechischen Weisen", die Stichen des T h e o g n i s, die weisen Lehren des P u b l i u s S y r u s und die Aussprüche C a t o 's können irr Form und Sprache gefälliger sein, aber wahre Lebensweisheit, echte Frvmmigkeit, reine Sittlichkeit werden doch nur in den Erzeugnissen der jüdischen Spruchdichtung gefunden werden können. Die Auffindung des einen Theiles des hebräischen Originals des Sirach-Buches bildet die größte literarische Sensation dieses Jahres. Bisher kannte mair dieses Buch nur ails der griechischen Uebebersetzung und anderen älteren Uebersetzungen; das hebräische Original, obzwar fragmentarisch im Talmud und Midrasch erhalten, schien verloren zu sein. Eine verdienstvolle englische Dame, Mrs. Lewis, brachte aus dem Osten ein ver-